Erst entmündigt, dann belästigt

Man gewöhnt sich an gewisse Formen der Entmündigung recht schnell, vor allem dann, wenn sie zu Gunsten der Bequemlichkeit erfolgt. Sie wissen schon, Fertigmenüs, Automatikgetriebe und solche Sachen. An bestimmte Dinge kann und sollte sich der mündige Bürger allerdings gar nicht erst gewöhnen. Nehmen wir diese unselige Einparkhilfe, deren Piepsen direkt proportional mit der Nähe zum Hintermann immer penetranter wird. Ganz ehrlich, ein kleiner Blechschaden kann nicht so teuer kommen, als dass man ihn nicht in Kauf nehmen würde – und dafür Ruhe beim Einparken hat. Einziges Problem dabei: Diese akustische Umweltverschmutzung, die in Autos halbwegs neuer Bauart zu finden ist, lässt sich nicht einmal abschalten.

Womit wir beim Punkt wären, denn manche Dinge, die sich ebenfalls nicht abschalten lassen, haben nicht einmal eine Funktion. Warum etwa wird beim Einschalten eines neuen Handys fünf Sekunden lang das Logo des Herstellers eingeblendet, ehe man endlich den Pin-Code eintippen kann? Ich hab es doch schon gekauft, Werbung ist also überflüssig. Und dass ich meinem Netzbetreiber nur dann treu bleibe, wenn er beim Ausschalten seinen Slogan auf den Bildschirm knallt, ist auch eher unwahrscheinlich.

Sich den Tagesablauf vom Fernsehprogramm vorschreiben zu lassen, ist übrigens auch eine Form der Entmündigung. Also, schauen Sie heute nicht Grey’s Anatomy (21.55, ORF 1), wozu gibt es schließlich Videorecorder. Üben Sie stattdessen lieber Einparken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.04.2007)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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