Ein Rubbellos zur Steuererklärung?

Auf Märkten oder an der Wursttheke ist sie üblich und als Angebot zum Ende der Transaktion auch ganz sinnvoll – die Frage: „Darf es sonst noch etwas sein?“ Weniger sinnvoll, weil erstens ein Schritt zur Entmündigung des Kunden und zweitens unglaublich nervtötend, ist die Frage, die jedem Kunden von McDonald’s seit Jahrzehnten unbarmherzig zu Burger, Pommes und Cola um die Ohren geworfen wird: „Eine Apfeltasche dazu?“ Nun, das obligatorische „Nein, danke“ hat längst den Weg vom Gehirn ins Rückenmark genommen, um dem Schankbediensteten reflexartig kontern zu können. Touché!

Im Marketingsprech wird dieses verkaufsfördernde Verhalten (Traurig, oft funktioniert es wirklich!) „Cross Selling“ genannt. Bei manchen Produkten kann das durchaus sinnvoll sein – also etwa Winterreifen zum Neuwagen oder Unfallversicherung zur Kettensäge. Ein Spezialfall ist der Erwerb einer CD bei einem Konzert, für das man schon Eintritt bezahlt hat. Um dem Vorwurf des doppelten Abkassierens zu entgehen, präsentieren „We make Music“ daher ihren aktuellen Tonträger „In a living room“ im Café Carina (8, Josefstädter Str. 84; 21 Uhr) bei freiem Eintritt.

Allerdings kann „Cross Selling“ in manchen Einrichtungen eher deplaziert wirken. Dann etwa, wenn man im Postamt seine per Einschreiben angekommene Benachrichtigung vom Finanzamt mit der Forderung einer erheblichen Nachzahlung abholt. Und der Postbedienstete beim Herausrücken des Kuverts völlig ironiefrei fragt: „Ein Rubbellos dazu?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.04.2007)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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