Kampf dem Milchschaumterror

Hat die Masse einmal etwas für richtig befunden, entkommt man dem nicht mehr, ob man nun will oder nicht. Dass etwa gegen Mitte des Sommers halb Wien mit diesen unsäglichen bunten Crocs-Sandalen unterwegs sein wird, erfordert kaum mehr prophetische Kenntnisse. Gut, in der Mode bleibt zumindest noch die Flucht in die Nische, doch in anderen Bereichen sterben die Alternativen dahin. Bestes Beispiel ist der Kaffee: Seit selbst in jeder Wohnung eine Espresso-Maschine steht, gilt das mit Druck durch das Kaffeemehl gejagte Heißgetränk als das Maß aller Dinge. Mit der Folge, dass es mittlerweile fast schon eine Unmöglichkeit ist, zum Frühstück einen konventionellen Filterkaffee zu bekommen. Ganz genau, nicht jeder mag das Hochdruckgesöff mit der ach so hippen Crema drauf.

Damit noch nicht genug, mittlerweile wird auf Kaffee immer häufiger und ungefragt Milchschaum gejagt. Auch den mag nicht jeder. Und nur, weil der Massengeschmack die Eiweiß-Fett-Luftblasenmischung für gut erachtet, steht der Gast einem regelrechten Milchschaumterror gegenüber. Muss man der Bestellung jetzt schon explizit „ohne Milchschaum, bitte“ hinzufügen? Informieren Sie sich doch über den aktuellen Stand bei der Führung „Ins Kaffeehaus! Vom Hawelka zum Demel“ (14 Uhr; Treffpunkt Tourismusinformation, Albertinaplatz). Danach bietet sich ein Besuch im Kent (Brunneng. 67, 1160 Wien) an, wo Sie auf einen türkischen Kaffee gehen können – mit Bodensatz, dafür garantiert ohne Milchschaum.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.05.2007)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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