Wo auch Bobos Kinder sein dürfen

Irgendwann kommt bei jedem Menschen der Tag, an dem es gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel ist, sich dem Spieltrieb hinzugeben. Natürlich, schon im Kindesalter erntete man entsetzte Blicke und – je nach pädagogischem Konzept – auch Ohrfeigen, wenn man etwa den Erstkommunionsanzug auf seine Outdoor-Qualität im Gatsch prüfte. Doch immerhin befand man sich damals wenigstens in der guten Gesellschaft Gleichaltriger. Und damit ist es einfach irgendwann vorbei – oder tollen Sie mit Arbeitskollegen noch ab und zu am Spielplatz herum?

Um diesen Konflikt zwischen „ich würde gerne“ und „das tut man nicht“ zu entschärfen, hat die Freizeitindustrie Spielplätze für Erwachsene geschaffen, die jenen der Kindheit ziemlich ähnlich sind. So können berufliche Anzugträger im Vermögensberaterplanschbecken am Donaukanal (www.badeschiff.at) herumpritscheln – statt „Winnie Puh“ klebt eben das Logo einer Bank am Becken. Und nach der Strandbar-Mania der vergangenen Jahre wurde heuer auch der Heumarkt zur überdimensionalen Bobo-Sandkiste (www.sandinthecity.at) umgewandelt, in der man mit Gleichaltrigen die Zehen in den Sand stecken kann.

Und dann gibt es noch den Baggerpark (www.kids-on-stage.at) in Simmering, in dem man mit echten Baumaschinen den Boden umgraben kann. Zugegeben, diese Einrichtung ist eigentlich für Kinder, doch es sind vor allem Väter, die begeistert Erdhaufen ausheben. Fast so wie früher, nur ohne böse Blicke – und Ohrfeigen, je nach pädagogischem Konzept.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.06.2007)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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