Du, ich darf doch du sagen?

Gibt es eigentlich eine Systematik, die die richtige Ansprache für jede Lebenslage definiert? Eine Tabelle, in der jede Konstellation inklusive richtiger Anrede aufgeführt ist? Damit könnte man sich, etwa am Arbeitsplatz, so manche peinliche Situation ersparen, in der um die Personalpronomen einfach herumgeredet wird – dann nämlich, wenn man sich über die korrekte Anrede nicht sicher ist.

Natürlich, den jugendlich-jovialen Kollegen einfach so zu duzen fällt leicht, so wie ehrwürdig-ergraute Mitarbeiter ganz selbstverständlich gesiezt werden. Doch der Fall ist eben nicht immer ganz so einfach. Denn dummerweise gibt es irgendwo zwischen 30 und, sagen wir, 50 Jahren den Bereich, in dem ein „Du“ als zu frech, ein „Sie“ aber als zu steif aufgefasst werden könnte. Und die naheliegende Taktik, die Anrede dem Gegenüber zu überlassen, ist oft zum Scheitern verurteilt – wenn der Gesprächspartner selbst mit allgemeinen Feststellungen jegliche Festlegung auf duzen oder siezen umschifft.

Lösungen? Nun, in der Arbeiterbewegung, beim Kartellverband oder der Feuerwehr anheuern. Oder bei einer Werbeagentur. Dort gehört das Duzen zur Corporate Identity. Oder Sie lösen das Problem einfach durch Übertreibung: „Eure Hoheit“ oder „Ihro Gnaden“ lassen sich schließlich auf beide Arten verstehen. Ihr Gegenüber fühlt sich dann vermutlich entweder geehrt oder verarscht – und irgendwann wird er Sie wohl darauf ansprechen. Und dann sollte endgültig Klarheit herrschen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.09.2007)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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