Unaussprechlich unaussprechlich

Der Begriff „unaussprechlich“ steht in unserem Sprachgebrauch häufig für das Phänomen, dass ein Gefühl so gewaltig ist, dass es gar nicht in Worte gefasst werden kann. Dass die Liebe zu jemandem etwa so groß ist, dass man sie schon als unaussprechlich empfindet, mag schon öfter des nachts auf einer Parkbank ausgesprochen worden sein. Heute läuft das ja eher weniger romantisch per SMS, das Unaussprechliche wird da eben – in Akronyme verpackt – zum Unausschreiblichen („ihdgfl“ oder so). Der Bogen von der metaphorischen hin zur ursprünglichen Bedeutung in der Alltagssprache kann übrigens auch sehr elegant gespannt werden. So wirbt etwa der Wiener Brötchenbeleger mit dem wohl am häufigsten falsch geschriebenen Namen damit, dass seine Produkte (mein Favorit: Speck mit Ei) „unaussprechlich gut“ sind.

Auch im Musik- und Unterhaltungsbereich sind dieser Tage einige unaussprechlich unaussprechliche Künstler zu sehen. Unter anderem ist der US-Jazzmusiker Jamaaladeen Tacuma im Porgy & Bess zu Gast. Und in der Szene Wien ist tuvinischer Kehlkopf- und Obertongesang der Gruppe Huun Huur Tu zu hören. (Falls Sie Tuva nicht sofort auf dem Globus verorten können, die abgeschiedene Republik liegt zwischen Süd-Sibirien und der chinesischen Mongolei.) Stellt sich nur die Frage, wie man das Konzert der britischen Gothic-Metaller Paradise Lost im Planet Music bezeichnet – schließlich hört man das Antonym „aussprechlich“ ja eher unaussprechlich selten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.09.2007)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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