Ja, wo is‘ er denn?

Im Lauf eines Tages gibt man viel von sich, was nicht den geringsten Informationswert besitzt. Damit ist weniger Innenminister Platter gemeint, der konsequent mit Platitüden jegliche inhaltliche Festlegung umschifft, sondern all jene, denen wir im Alltag begegnen. Der Klassiker schlechthin sind etwa jene Zeitgenossen, die in abfahrtshockenähnlicher Position vor einem sabbernden kleinen Hund verharren und voll kindlicher Begeisterung plärren: „Ja, wo is‘ er denn?“ Dass es sich bei diesem Dialog um Einwegkommunikation ohne Rückmeldung – von aufgeregtem Wedeln mit dem Schwanz abgesehen – handelt, ändert nichts an seiner Popularität. Seit Generationen ist er in Gebrauch.

Immerhin, im Gespräch mit Kleinkindern lässt sich bei derartigen Wortmeldungen ein mitfühlender, vielleicht sogar ein pädagogischer Aspekt herausdestillieren. „Ja, wie ist denn das passiert?“, fragt da etwa der Vater, der genau gesehen hat, wie das Kind beim Laufen auf die Knie gefallen ist und nun weinend in seinen Armen hängt. Aber auch im Umgang mit gleichaltrigen Zeitgenossen kennen wir derartige Sätze, die keinen wirklichen Sinn haben. Außer vielleicht den, eine peinliche Stille zu durchbrechen. Ungeschlagener Klassiker ist das von einem Stoßseufzen begleitete: „Ja, so is‘ das!“

Aufmerksamen Lesern ist nicht entgangen, dass all diesen Meldungen ein „Ja“ vorangestellt wird. Ein solches finden wir übrigens auch in unserem Telefonverhalten. Beobachten Sie sich selbst, wenn Sie beim nächsten Telefonat vor das „Grüß Gott“ ein mehr oder weniger euphorisches „Ja“ setzen. Der Dialog danach entspinnt sich hoffentlich zu einem sinnvollen – und nicht zu einem jener Gespräche, denen man in der U-Bahn unfreiwillig beiwohnen muss. Falls doch? Ja, da kann man halt nichts machen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.02.2008)

Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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