Bitte, Zeit, vergeh‘ doch endlich!

Dass Zeit nicht und nicht vergehen will, ist schon an sich schlimm. Noch schlimmer ist allerdings, wenn der bleierne Moment dabei ein leidendes Antlitz trägt. Wenn man beim Zählen der Sekunden auch noch den weinerlichen Schmerz im Hinterkopf verdrängen muss. Wer jemals einem Auftritt der Singer-Songwriterin Marilies Jagsch beiwohnen musste, etwa als Zwischeneinlage bei einer sonst recht spannenden Lesung, kennt das Phänomen vermutlich. Da dehnt sich die Zeit bis zur erflehten Stille scheinbar endlos, wetzt der Hosenboden ungeduldig auf dem Holzsitz herum und weicht die Erleichterung der Enttäuschung nach jeder Pause, wenn das musikalische Wehklagen erneut ansetzt. Geht man nach dem katholischen Gedanken der Buße, müsste sich damit so manche Sünde der Vergangenheit ausbügeln lassen. Stimmt schon, Weltschmerz kann auch eine gewisse Ästhetik haben. Bei Radiohead zum Beispiel leidet man gerne mit. Und körperlicher Pein wird von manchen sogar eine erotische Komponente zugeschrieben. Doch irgendwo hat auch der Masochismus seine Grenzen.

Immerhin, jene Momente der Qual erlebt man sehr bewusst. Und bewusstes Erleben kann man auch als Lebensqualität interpretieren. Ganz umgekehrt ist es, wenn die Zeit nur so vorbeifließt und man sich fragt, wohin sie nur verschwunden ist. Fühlt man sich danach wenigstens besser – Verliebte wissen davon zu berichten -, hat das auch einen Sinn. Brummt danach der Schädel, hat man einige wertvolle Momente an eine Zeitvernichtungsmaschine abgetreten – wer je eine ganze Nacht vor Playstation, X-Box oder dergleichen verbracht hat, weiß, wovon die Rede ist. Im Zweifel, ob Sie jetzt lieber eine Playstation oder das Album von Marilies Jagsch erstehen sollten, gibt es jedenfalls eine klare Empfehlung: Kaufen Sie ein Buch.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.02.2008)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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