Gib jemandem langsames Internet und dann warte

Durch nichts erfährt man mehr über den Charakter eines Menschen als bei quälend langsamem WLAN.

Wenn Sie etwas über den Charakter eines Menschen erfahren wollen, geben Sie ihm eine langsame Internetverbindung. Hätte es zu Zeiten von Konfuzius schon Internet gegeben, hätte man vor diesen weisen Satz auch ein „Konfuzius sagt“ stellen können, so viel Wahrheit steckt darin. Erschwerend können Sie noch eine zusätzliche Aufgabe damit verknüpfen, etwa einen Flug zu buchen. Wenn Sie dann lang genug am Fluss sitzen, sehen Sie irgendwann die Leiche Ihres Feindes vorbeischwimmen, um mit einem weiteren chinesischen Sprichwort fortzufahren. Gut, es muss nicht unbedingt ein Feind sein, und den Tod will man auch niemandem wünschen, aber im übertragenen Sinn kann man mit einer solchen Aufgabenstellung jemanden in den Wahnsinn treiben, ohne dass man sich selbst dabei wahnsinnig anstrengen muss.

Spätestens dann, wenn der Proband schon so ärgerlich ist, dass er am liebsten IN VERSALIEN SPRECHEN würde, sollte der Versuchsaufbau aber beendet werden. Dann hatte man ja schon seinen Spaß beim Beobachten. Wie die Augen sich weiten, die gerade noch lockere Hand sich immer mehr zusammenballt. Und der Mensch am Computer von Minute zu Minute auf der nach unten offenen Frustskala weiter hinabklettert. Viel lässt sich dabei herausfinden. Ob die Person ein Sanguiniker ist, der trotz allem locker bleibt. Ein Phlegmatiker, der irgendwann die Aufgabe zur Seite legt. Ein Melancholiker, der den Kopf traurig auf seine Hände stützt. Oder ein Choleriker, der die Tasten des Rechners am Ende wie ein Schlagzeug bearbeitet. Und abgesehen davon findet man auch etwas über sich selbst heraus: Wer sich am Unglück anderer weidet, wird irgendwann auch eine schlechte Internetverbindung haben. Hätte Konfuzius sicher gesagt – wenn sein WLAN damals nicht auch so verdammt langsam gewesen wäre.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.02.2016)

Schreiben wir das schöne Wetter in die Verfassung

Die Meteorologen sollen mit eisernem Besen den Himmel wieder lückenlos aufklären.

Es ist schon so oft darüber geschrieben worden, dass Menschen gern über das Wetter jammern, dass man das wirklich nicht noch einmal aufwärmen muss (das Thema, nicht das Wetter). Noch dazu, wo es ja eine ganz einfache Möglichkeit gäbe, schlechtes Wetter einfach abzuschaffen. Man müsste es nur in die Verfassung schreiben, vielleicht eingeleitet mit den Worten „Liebes Christkind“. Und schon würde das Wetter an den Grenzen der Republik innehalten, sich der Verwaltungsübertretung besinnen, die es mit einem Grenzübertritt begehen würde, und das mitgebrachte Adriatief ganz einfach über Slowenien abladen, ehe es sich mit sonnigem Lächeln ins Land wagt. Parallel dazu müsste man natürlich noch die Strafen für schlechtes Wetter erhöhen, falls es sich doch einmal überlegen sollte, mit dunklen Wolken und Schneeregen im Gepäck einreisen zu wollen. Die Aussicht auf eine hohe Geldstrafe oder gar ein paar Wochen Dunkelhaft wird jeden eisigen Nordostwind zweimal überlegen lassen, ob er sich drübertraut.

Allerdings wenden Kritiker ein, dass man das schlechte Wetter nicht auf nationaler Ebene lösen wird können. Hier müsse schon dort angesetzt werden, wo das Wetter entsteht. Ein Islandtief also schon abfangen, ehe es sich in Bewegung setzt. Dafür Anreize setzen, dass das Azorenhoch öfter vorbeischaut. Wetter braucht Kontrolle, das könnte auch das Versprechen sein, mit dem sich ein Wahlkampf erfolgreich bestreiten ließe. Es muss endlich einmal gearbeitet werden, müsste man den Meteorologen dann entgegenschmettern, die sich in ihrer Rolle als Verkünder so gut gefallen, aber nie über ihren Schatten springen und tatsächlich eingreifen. Die Menschen haben ein Recht auf schönes Wetter. Mit eisernem Besen sollten all die Wetterfritzen die schwarzen Wolken vom Himmel fegen, bis er lückenlos aufgeklärt ist. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.02.2016)

Bitte halten Sie zum Zahlen einen Sack Münzen bereit

Wenn das Team Kartenzahlung von einem Fahrkartenautomaten schachmatt gesetzt wird.

Liebes Team Bargeld, ein bisschen nostalgisches Festhalten an alten Gewohnheiten ist ja in Ordnung. Etwa daran, an der Kassa im Supermarkt eine Minute lang nach den passenden Cent-Münzen zu kramen – und umgekehrt die Augen zu verdrehen, wenn jemand vor einem mit Karte zahlen will. Auch das Sparschwein daheim, in das alle paar Tage einige hundert Kupfermünzen wandern, ist ein unverzichtbares Kleinod der heimischen Wohnungsarchitektur. Im Oktober kann man sich auch den Sonntagsanzug überziehen und das Porzellantier zum Weltspartag wieder feierlich äußerln führen. Es gilt die freie Wahl, und das ist auch gut so.

Ungut wird es erst, wenn das Team Kartenzahlung schachmatt gesetzt wird. Wenn man etwa an einer Haltestelle in Köln ein Ticket kaufen möchte. Da gibt es zwar einen Schlitz für Kartenzahlung, doch weder Kreditkarte noch EC-Karte (das ist die, bei der Österreicher sagen, sie zahlen mit Bankomat) werden akzeptiert. Nur eine sogenannte Geldkarte – die man als Besucher in Deutschland natürlich nicht hat. Auch gefiel es dem Verkehrsbetrieb, auf einen Schlitz für Geldscheine zu verzichten. Und so müssen die 8,50 Euro für ein Tagesticket eben in Münzen herangekarrt werden. Was zu einem weiteren nostalgischen Verhalten führt – im nächsten Geschäft eine Kleinigkeit kaufen, die man nicht braucht, mit einem großen Schein zahlen und bitten, dass man das Wechselgeld in Münzen bekommt. Mit einem Schokoriegel und einem scheppernden Sack geht es dann wieder zum Automaten, liebes Team Bargeld. „Das ist eben so“, sagt der Kontrolleur in der U-Bahn.

Der Fairness halber – es gibt offenbar eine Möglichkeit, sich per Handy online zu registrieren, um ein Ticket zu kaufen, wie man Tage später feststellt. Aber gestehen Sie bitte auch dem Team Kartenzahlung ein bisschen nostalgisches Festhalten an alten Gewohnheiten zu.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.02.2016)

Mal dir Punkte auf die Zehen und spiel damit Domino

Kann man Langeweile messen? Und wie fad muss einem sein, darüber überhaupt nachzudenken?

Wie fad muss einem sein, kam unlängst als Reaktion auf eine Kolumne. Eine Frage, die einen natürlich beschäftigt. Denn wie genau misst man eigentlich Langeweile? Im Koordinatensystem mit Zeit auf der einen und produktiver Untätigkeit auf der anderen Achse? Lässt sich daraus ein Faditätskoeeffizient berechnen, mit dem man eine klar definierte Auskunft zu der einleitend geäußerten Frage geben kann? („In diesem Fall war mir übrigens 8,73 fad auf der nach oben offenen Schwunglosigkeits-Skala!“) Oder ist Fadesse royale nicht eher in Form einer Möbiusschleife angelegt, in der man seine Gedanken einfach mal ziellos herumstreifen lässt? Nur Vorsicht, da treffen dann Langeweile und Muße aufeinander, die zwar wesensverwandt, jedoch gesellschaftlich doch unterschiedlich konnotiert sind. Außerdem wird die Frage, um welchen Zustand es sich gerade handelt, je nach Innen- oder Außensicht unterschiedlich ausfallen. Aber ja, natürlich gibt es dieses Empfinden von Leere beim Verstreichen der Zeit.

Im Kindesalter mündet das dann in die Aussage „mir ist fad“ (das a sehr lang gedehnt). Das erzwungene oder mangels Ideen zustandekommende Nichtstun, in dem noch dazu die Motivation nicht groß genug ist, aktiv etwas an diesem Zustand zu ändern, wird missmutig in die Welt hinausposaunt. Eine beliebte großelterliche Antwort darauf, um wieder im Kindheitsarchiv zu graben, war dann: „Mal dir Punkte auf die Zehen und spiel damit Domino!“ Damit konnte das Gehirn gelegentlich soweit angeworfen werden („aber das geht ja gar nicht . . .“), dass es das Gefühl der Langeweile wieder in einem Bereich weiter hinten ablegte. Nur leider lässt sich das nicht beliebig oft reproduzieren. Was ja eine Motivation sein kann, sich ähnlich hilfreiche Meldungen zur Vertreibung von Langeweile einfallen zu lassen. Aber zugegeben, da muss einem schon sehr fad sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.02.2016)

Da Hallo ist schon gestorben, liegt neben dem Heast

Der Verblichene steht in einem Regal mit gefüllten Paprika, aber das kennt heute kaum mehr jemand.

Einander mit dem Namen eines Toten zu begrüßen hat schon etwas Unheimliches. Es sei denn, er wäre wieder auferstanden. Was er offenbar auch ist, der Hallo, schließlich begegnet man ihm mehrmals täglich. An der Kassa im Supermarkt, beim Annehmen eines Telefongesprächs oder beim Betreten eines Geschäfts, in dem gerade kein Verkäufer zu sehen ist („Hallo? Ist da jemand?“). Dabei haben wir doch seinerzeit gelernt: „Da Hallo ist schon gestorben.“ So hieß es damals zumindest, meist aus den Mündern der Großelterngeneration, verbunden mit dem Hinweis, dass der Verblichene auf dem Friedhof neben dem Heast zur Ruhe gebettet wurde. Und auch dem He gehe es schon ganz schlecht.

Nun, vom größten Comeback seit Lazarus zu sprechen wäre dennoch vermessen. Denn abgesehen von der großelterlichen Zurechtweisung war der Hallo ja nie weg. Auch darf man den alten Spruch nicht als beinharten Abwehrkampf gegen die Verluderung der deutschen Sprache begreifen, sondern als klassischen Griff ins Schenkelklopferrepertoire. Ähnlich wie auch die Antwort auf die Frage der Kinder, was es zu essen gibt – „g’füllte Nauscherl und ‚backene Trutschkerln“, nämlich. Mit Ersterem wurden im alten Wien gefüllte Paprika bezeichnet, die gebackenen Trutscherln – es gibt auch die Variante Tritscherln – lassen sich dagegen nicht ganz so leicht ableiten, hat vielleicht jemand einen Vorschlag? Gemeint war mit dieser großelterlichen Phrase aber ohnehin ein kopftätschelndes „Frag nicht, Kind, gegessen wird, was auf den Tisch kommt“.

Die wiederkehrenden Sprüche waren aber nicht nur ein Vorrecht der Älteren. Auch die Kinder entdeckten ihre Durchschlagskraft in der Konversation. Wenn die Großmutter etwa mit einem „Grüß Gott schön“ die Wohnung betrat und man freudestrahlend und kichernd brüllte: „Danke, ich werde es ihm ausrichten.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.01.2016)

Auch stilles Wasser macht beim Einschenken Lärm

Über klassische Einwegkommunikation in einsamen Stunden.

Allzu gesprächig ist Wasser ja an sich schon nicht. In einsamen Stunden einen Dialog mit einem gefüllten Glas zu beginnen, endet dann doch in klassischer Einwegkommunikation. Hätte man sich halt vorher überlegen müssen, ehe man zum stillen Wasser gegriffen hat. Wobei auch das gesprächige Wasser nur bedingt als Partner sozialer Interaktion dient. Viel mehr als ein beständiges leises Blubbern bekommt man auch aus einer Flasche mit Kohlensäure nicht heraus. Und selbst sie lässt sich rasch wieder zum Schweigen bringen, indem einfach der Schraubverschluss wieder zugedreht wird. Auch das nicht stille Wasser kann also bedenkenlos auf den Nachttisch gestellt werden, ohne dass man Angst haben muss, durch einen plötzlichen Redeschwall von ihm geweckt zu werden. Viel zu erzählen hätte es ja wahrscheinlich, hat es ja je nach Herkunft schon einiges gesehen, ist durch Wolken geflogen, womöglich halb erfroren auf einem Berg gelandet und hat sich dann zum Aufwärmen wieder nach unten verzogen. Doch vermutlich dauert es einige Zeit, all das Erlebte zu verarbeiten, um es auch anderen weitergeben zu können. Doch noch bevor das passiert, ist es auch schon getrunken. Tja.

Überhaupt sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn auch stilles Wasser kann laut sein. Es blubbert sogar ganz gewaltig beim Einschenken, wenn man es nur schnell genug macht. Dann ist es allerdings wieder still. Und müsste dem Sprichwort zufolge dann auch tief sein, aber in einem Viertelliterglas ist das doch eine ziemlich gewagte Behauptung. Und jeder weitere Versuch, die Flüssigkeit zum Reden zu bringen, ist ein Schlag ins Wasser. Wobei, eine Möglichkeit gibt es schon noch, indem man es heiß macht – hallo Baby, soll ich dir meinen Wasserkocher zeigen? Doch selbst dann ist nicht viel mehr drin als sinnloses Geblubber, von einem Gespräch ist keine Rede. Naja, es kocht halt auch nur mit Wasser.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.01.2016)

Männer, die ihr Sakko über die Schultern hängen

Das majestätische Gefühl eines Umhangs stellt sich nicht ein, wenn die Ärmel hilflos herumbaumeln.

„I would do anything for love (but I won’t do that)“, sang Meat Loaf. Aber halten wir uns nicht mit dem schwülstigen ersten Teil auf, sondern lenken unsere Aufmerksamkeit gleich auf die Worte in der Klammer. Diese sollten nämlich viel öfter beachtet werden. Nein, das mache ich einfach nicht. Unmoralische Angebote annehmen, zum Beispiel. Oder sich zum Gaudium anderer zum Trottel machen. Es braucht manchmal Mut, Nein zu sagen. Und natürlich ist es hilfreich, ein Gerüst an Grundwerten aufgebaut zu haben, auf dessen Basis man ein Nein guten Gewissens stellen kann. Womit wir bei einem weiteren wichtigen Begriff landen, nämlich der Haltung. Sie leidet nämlich gewaltig, wenn Männer ihr Sakko über die Schultern hängen. Und nein, damit ist nicht die politisch inszenierte Form von Dynamik gemeint, wenn jemand den Zeigefinger in die Schlaufe steckt und das Jackett auf einer Seite des Rückens herabsinken lässt. Gemeint ist jene Körperhaltung, bei der das Sakko über beiden Schultern hängt, die Arme jedoch nicht in den Ärmeln stecken, sondern vorn herauslugen. „I won’t do that (at least I shouldn’t)“, könnte das dazugehörige Lied auf dem neuen Meat-Loaf-Album heißen. (Meat Loaf kennt man heute schon noch, oder?)

Zugegeben, im Winter taucht diese modische Extravaganz nur selten auf. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt, und dann soll kein Mann sagen, dass er nicht gewarnt wurde. Davor, dass die Proportionen dann nicht passen, die losen Ärmel hilflos herumbaumeln und sich das majestätische Gefühl eines Umhangs bei sämtlichen Beobachtern nicht und nicht einstellen will. Doch damit genug der Stilkunde aus dem Munde eines modischen Blindgängers, der schon selbst seine „I won’t do that“-Momente gehabt haben sollte. Aber wer noch nie ein Meat-Loaf-T-Shirt über einem hellblauen Sweater getragen hat, der werfe den ersten Stein . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.01.2016)

Die Hände hinter dem Rücken verschränken

Der Kampf gegen eine Körperhaltung, die vor allem älteren Männern zugeschrieben wird.

Peinlich berührt. Hat man sich wirklich gerade selbst dabei ertappt, wie man beim Gehen die Hände hinter dem Rücken verschränkt hat? Ganz genau, das ist jene Körperhaltung, die vor allem älteren Männern zugeschrieben wird. Die tritt, so sagt man, zum selben Zeitpunkt ein, zu dem man hellbraune Mäntel zu tragen beginnt. Und einen Hut, den man freundlich lupft, wenn man auf der Straße jemandem begegnet. Kurzum, es ist eine Verhaltensweise, für die man sich bis zu einem bestimmten Alter zu jung fühlt. Wie kommt es überhaupt dazu? Vielleicht, weil dadurch die Wirbelsäule entlastet wird, man nicht so nach vorn gebückt steht? Oder weil man die Hände aus welchen Gründen auch immer nicht in die Hosentaschen stecken möchte, sie aber nicht einfach herunterbaumeln sollen? Hat man ja früher gelernt, dass Hände im Hosensack (sagt das heute eigentlich noch jemand?) unfein sind, so wie das Lümmeln mit den Ellbogen auf dem Tisch. Ups, und schon wieder hat man gedankenverloren die Arme hinter dem Rücken.

Ein bisschen schummeln geht natürlich. An der roten Ampel, zum Beispiel. Da wird dann gleichzeitig der Rücken durchgestreckt, die Beine stehen etwas weiter als schulterbreit, und der Blick wandert starr geradeaus, bis man wirkt wie ein Soldat aus einem amerikanischen B-Movie. Doch sobald die grünen Ampelmännchen aufleuchten, fliegt der Betrug auf, wirkt die Körperhaltung nicht wie bei Jean-Claude Van Damme in den 1980ern, sondern wie bei einem durchschnittlich unsportlichen Menschen in seinen 80ern. Gerade, dass im Hintergrund nicht STS dreistimmig zu „Großvater“ ansetzen.

In diversen Körpersprache-Ratgebern ist auch die Rede davon, dass die Hände hinter dem Rücken zeigen, dass man etwas zu verbergen hat. Gute Idee, eigentlich. Nur wie verbirgt man damit, dass man gelegentlich unbewusst die Hände hinter dem Rücken verschränkt?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.01.2016)

Der Bewegungsmelder am Ort, wo die Sonne nie scheint

(c) Erich Kocina

Der demütigende Moment, wenn das Licht gerade in einer sehr angespannten Situation ausgeht.

„Stell dir vor, es geht das Licht aus“, sang Paul Hörbiger in „Hallo Dienstmann“. Eine romantische Situation würde daraus erwachsen, schwang sublim mit, und ließ in den Köpfen der Zuhörer das entsprechende Bild entstehen. Dumm nur, dass das Licht oft in ganz anderen Situationen ausgeht, die mit Kuscheln und Zweisamkeit nur bedingt zu tun haben. In Toiletten von Lokalen zum Beispiel, deren Betreiber Bewegungsmelder installiert haben. Und plötzlich, stell dir vor, geht das Licht aus. Es gehört zu den entwürdigendsten Ritualen, es dann wieder in Gang zu bringen. Da wird mit den Händen gewachelt, Arme in alle möglichen Positionen gebracht, vielleicht erhebt man sich sogar ein bisschen. „Es werde Licht“, möchte man herausbrüllen, doch der Bewegungsmelder hört dich nicht schreien.

Es sind die gleichen bösartigen Apparaturen, die auch in Händetrocknern eingebaut werden. Die feuchten Finger führen wahre Balzrituale auf, um das Gerät zur Herausgabe warmer Luft zu stimulieren. Bläst es dann endlich aus dem Teufelswerk, wagt man die Hände ein wenig in eine andere Position zu bringen, und schon versiegt das Lüftchen auch schon wieder. Vermutlich sitzt irgendwo hinter dem Spiegel ein eigens engagierter Mitarbeiter, der das Gerät händisch steuert und eine höllische Freude daran hat, die Besucher mit dem scheinbaren Bewegungsmelder zu foppen.

Ein kleiner Moment der Demütigung ist es aber auch, wenn man auf einer fancy Flughafentoilette die feuchten Finger unter das violett leuchtende Zeichen mit zwei Händen hält – und nichts passiert. Schon möchte man das Bewegungsmelderlamento anstimmen, als der freundliche Herr mit dem Wischmopp darauf hinweist, dass das kein Föhn ist, sondern ein – sehr hübsch beleuchtetes – Fach zur Entnahme von Handtüchern. Könnte dann schnell das Licht ausgehen, bitte?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.12.2015)

Als ich viel zu jung im Kino die Jedi-Ritter sehen durfte

Peter Rosegger hat „Star Wars“ nicht gesehen. Sonst hätte er wohl eine Geschichte darüber geschrieben.

Als ich noch der Waldbauernbub war . . . zugegeben, diese Einleitung nimmt man jemandem, der in Simmering aufgewachsen ist, nicht ab. Macht aber nichts, ist ja auch nur als Überleitung gedacht. Von Peter Rosegger nämlich, der viele seiner Jugenderinnerungen mit jenem „als ich“ begann. Und in diesen Geschichten, wenn die Erinnerung nicht trügt, als Waldbauernbub vornehmlich durch Schnee stapfte. Von dort aus soll nun die Kurve gekratzt werden zu einem Erlebnis, das ebenfalls mit einem „als ich“ eingeleitet werden könnte. Und das irgendwann im Winter 1983 stattgefunden haben muss. Da war im „Bravo“-Heft der Schwester von einem neuen Film zu lesen. Vom dritten Teil der „Star Wars“-Saga nämlich, der gerade ins Kino gekommen war. Klar, dass da die Augen zu leuchten begannen, man Luke Skywalker, Darth Vader und all die anderen Gestalten im Kino sehen wollte.

Nur: „Ab 12“ stand im Kinoprogramm. Für einen gerade neun Jahre alt gewordenen Fan ein schier unüberwindbares Hindernis. Riesig war dann auch die Enttäuschung, als die Eltern im Kino fragten, ob man da denn nichts machen könnte. (Was hätte die Ticketverkäuferin auch anderes sagen sollen als nein?) Doch es sollte, das sei vorweggenommen, noch anders kommen. Beim zweiten Versuch wurde einfach nicht gefragt. Die Eltern kauften die Tickets, holten die Kinder von daheim ab. Und auf einmal saß man im Gartenbaukino. Verfolgte mit offenem Mund Raumschlachten, Lichtschwertduelle, die seltsamsten Kreaturen – und war am nächsten Tag in der Volksschule der große Held, der all den Mitschülern davon erzählen konnte.

Hätte Peter Rosegger das erlebt, hätte er daraus vermutlich eine Geschichte gemacht. Wir behalten diese kleine Episode elterlichen Ungehorsams zum Wohle der Kinder aber einfach für uns, ja? In diesem Sinne, frohe Weihnachten. Und möge die Macht mit euch sein!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.12.2015)

return-of-the-jedi