Leute, die vor einer Frage immer „Frage“ sagen

Frage, kennen Sie das, wenn jemand eine Frage stellt – und seine Frage mit dem Wort „Frage“ einleitet? Fraglich, wie notwendig das ist. Schließlich ist die Frage durch Satzstellung oder ein Ansteigen der Stimme am Ende meist ohnehin eindeutig erkennbar. Und eine Antwort leitet man ja auch nicht mit „Antwort“ ein, oder? Besonders unsinnig ist das „Frage“ dann, wenn eine ganze Runde nur darauf aufbaut, dass jemand Fragen stellt – wenn etwa bei einer Veranstaltung jemand auf dem Podium Fragen beantwortet. Und jeder Frage ein „Frage“ vorangestellt wird. Ergänzt wird das „Frage“ übrigens gern durch ein vorangestelltes „Kurz“. Wobei sich die Länge der Frage bei „kurze Frage“ im Gegensatz zum herkömmlichen „Frage“ meist nicht signifikant unterscheidet. In Wahrheit handelt es sich also nur um die fragende Variante des hinterhältigen „Nur ganz kurz“, das bösartigen Zeitraub einfach nur hinter einem Zeitersparnis suggerierenden Adjektiv zu verbergen trachtet.

„Wie ist das jetzt, wenn…“ ist eine Variante, die ebenfalls gern zur Einleitung einer Frage verwendet wird. Ein wenig imperativistischer wirkt es, wenn ein „Sag“ am Anfang mit dem Fragezeichen am Ende eine Klammer bildet. Und auch ein (meist lang gezogenes) „Du“ leistet immer wieder Dienst als Frageneinleitungskennzeichen. Braucht jemand besonders lang, um seine Gedanken so zu ordnen, dass sie in einen Fragesatz münden, ist auch eine Kombination möglich. „Du, sag, Frage, wie ist das jetzt, wenn…“ ist allerdings schon recht weit über der Grenze des Zumutbaren.

Auf der Antwortseite gibt es übrigens ebenfalls klassische Formen, die die Zeit überbrücken sollen, bis der Gedanke im Sprachzentrum zusammengesetzt ist. Vom „Äh“ oder „Nun“ bis zum highly sophisticated „Ich bin sehr dankbar für diese Frage“. Oder man demütigt ganz nebenbei den „Frage“-Sager noch ein bisschen. Das geht zum Beispiel mit Sagern à la „Ich glaube, man muss die Frage anders stellen“. Ob er sich dadurch das „Frage“ abgewöhnt? Nun, das ist die Frage.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.04.2014)

Leute, die beim Bäcker einen Kaffee bestellen

Kaffee gibt es in zwei Geschwindigkeiten. Der langsame, vorzugsweise im Kaffeehaus, kombiniert mit einer Zeitung, sitzt gemütlich auf der einen Seite. Auf der anderen eilt der Coffee to go durch Einkaufsstraßen, Bahnhöfe und U-Bahn-Garnituren. Dieses Phänomen an sich ist bekannt und wäre nicht weiter erwähnenswert. Allein, bei Bäckereiketten in U-Bahn-Stationen wird klar, dass selbst schneller Kaffee langsamer ist als, sagen wir, Semmel. Ist ein solcher Backwarenladen in einem Geschoß zwischen zwei Rolltreppen angesiedelt, liegt ja nahe, dass hier maximal ein Boxenstopp von einigen Sekunden angedacht ist, um vollgetankt weiterziehen zu können. Was auch gar nicht so schlecht funktioniert. Bestellen, zahlen, gehen. So einfach.

Wären da nicht jene Zeitgenossen, die sich einbilden, genau hier einen Espresso ordern zu müssen. Sie schaffen es, dass das logistisch ausgefeilte und eingespielte Verhalten der Verkäufer – Bestellung entgegennehmen, Weckerl einpacken, kassieren – jäh durchbrochen wird. Umständlich muss die Verkaufskraft das Espressopulver in den Siebträger füllen, ihn in die Maschine einspannen, auf die Flüssigkeit warten, ehe der formschöne Papierbecher dem Kunden überantwortet wird. Während also die eine Schlange vor dem Bäcker flott und engagiert mit gefüllten Weckerln versorgt wird, steht man mit Sicherheit gerade in der anderen, wo nebenbei eben ein bisschen Kaffee gekocht wird. Immerhin, in langen Momenten wie diesen lässt sich darüber sinnieren, dass Espresso mitnichten etwas mit „express“ im Sinne von schnell zu tun hat. Vielmehr leitet es sich vom italienischen Verb „esprimere“ ab, das bedeutet, dass es sich um ein ausschließlich für den Gast zubereitetes Gericht handelt – was aus der Zeit herrührt, als Espresso tatsächlich nur in Bars und Kaffeehäusern erhältlich war.

Aus Gründen der Fairness gegenüber Nichtkaffeekäufern böte sich also an, eine eigene Expresskassa nur für Gebäck und kalte Getränke aufzumachen. Und daneben eine langsamere Spur: die Espressokassa. What else?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.04.2014)

Eine Mélange-à-trois in der Millenium City

Sparen im Sinne von Geld auf die Seite zu legen, auf dass es sich vermehre, ist heute eher schwierig. Gibt ja kaum Zinsen dafür. Sparen im Sinne des Einsparens ist dafür sehr en vogue. Zuletzt hat etwa ein 14-Jähriger in Pennsylvania der US-Regierung vorgerechnet, wie sie jährlich 136 Millionen Dollar einsparen könnte, würde sie ihre Schriftstücke in einer anderen Schriftart ausfertigen – benötigt doch die Schriftart Garamond rund 24Prozent weniger Tinte als das klassische Times New Roman, stellte er fest. Hierzulande scheint das Sparen ja eher im Weglassen einzelner Buchstaben zu bestehen. „Ich kaufe ein n“, schießt es jedes Mal ins Hirn, wenn irgendwo „Millenium“ zu lesen ist. Als Lateiner ist man im Vorteil, weiß man doch, dass sich das Wort von „mille“, also tausend, und „annus“, dem Jahr, herleitet. In der falschen Schreibweise hätten wir also kein Jahrtausend, sondern vom „anus“ abgeleitet maximal tausend Darmausgänge. Ob das Einkaufszentrum Millennium City Freude damit hat, durch die Falschschreibung als „Stadt der tausend Ärsche“ dazustehen?

Auch wenn sich jemand „abschotet“, wie oft zu hören ist, sollte man ruhig in ein zweites t investieren. Das Schott kommt nämlich aus dem Schiffbau und bezeichnet eine Öffnung im Deck, die durch verriegelbare Luken verschlossen werden kann, um das Eindringen von Wasser zu verhindern. Eine Schot gibt es im Seemännischen zwar auch, doch wird damit eine Leine zum Bedienen eines Segels bezeichnet. Sich abzuschoten könnte man also maximal so deuten, dass man sich hinter dem Segel vor dem Klabautermann in Sicherheit bringt.

Gar nichts mit Sparen hat die Mélange-à-trois zu tun. Die eigentlich korrekte „Ménage-à-trois“ meint frei aus dem Französischen übersetzt „Haushalt zu dritt“ und bezeichnet eine amouröse Dreierbeziehung. „Mélange“ ist nicht mehr als eine Mischung. Kaffee mit Milch, zum Beispiel. Umgangssprachlich könnte aber auch dahinterstecken, dass man einfach zu dritt auf einen Kaffee geht. Vielleicht ja gleich in der Millenium City.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.03.2014)

Leute, die sagen, dass man früher gut ausgesehen hat

Selbst in Kreisen, wo es nicht üblich ist, stundenlang Familienfotos mit „aah“, „ooh“ oder „jaisternichtsüß“ zu quittieren, taucht gelegentlich ein altes Foto auf. Selbst Menschen, die nicht dazu neigen, „aah“, „ooh“ oder „jaisternichtsüß“ zu sagen, umhalbkreisen dann plötzlich den Bildschirm wie die Heiligen Drei Könige die Weihnachtskrippe. Und lassen ihre Augen glänzen, als würden sie zum ersten Mal ein Neugeborenes sehen– gerade, dass sie dabei nicht „abububu“ rufen. „Ooh, damals hast du ja noch unglaublich viele Haare gehabt“, ruft dann die eine. „Aah, du hast damals so glücklich dreingeschaut“, lustschreit die andere. Schließlich ruft die Dritte im Halbkreis: „Jaisternichtsüß! Du hast früher ja richtig gut ausgeschaut!“ Ja, früher. Vielen Dank.

In Momenten wie diesen, stellt man fest, tun sich unüberbrückbare Differenzen zur Realität auf. Man schwankt zwischen der Freude, dass man vor 15 Jahren wohl einen heißen Flirt wert gewesen wäre, und der Erkenntnis, dass man sich von der Erinnerung an damals letztlich nichts kaufen kann. „Liebes Kind, du hast die ersten grauen Haare“, würde Heinz Conrads da intonieren, aber damit anzufangen, würde dem Halbkreis wohl auch wieder nur ein mitleidiges Lächeln und eine demütigende Meldung entlocken. Daher schweigt man lieber und denkt darüber nach, ob man noch etwas mehr vom jugendlichen Erscheinungsbild in die Gegenwart hätte retten können, hätte man in den letzten Jahren auf eine ausgeglichenere Work-Work-Balance geachtet.

Legt jemand Fotos des eigenen Nachwuchses vor, ist die Gefahr übrigens nicht geringer, mit einer Meldung für Verstimmung zu sorgen. „Der schaut dir ja unglaublich ähnlich“, zum Beispiel, kann ziemlich in die Hose gehen – wenn das Kind gerade verweint und zerknautscht in die Linse stiert. In Fällen wie diesen erweist es sich als praktikabel, einfach lieber nichts zu sagen, was auch nur annähernd eine semantische Dimension haben könnte. Im Zweifelsfall also doch einfach „aah“, „ooh“ oder „jaisternichtsüß“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.03.2014)

Don’t let your Hunzi brunzi on my Papers

20140310_131958Wien im Frühjahr bietet die eine oder andere olfaktorische Überraschung. Etwa die, dass die heimelige Großstadtatmosphäre einen ruralen Hauch bekommt – weil die Landwirte in und um Wien beginnen, ihre Felder mit Gülle zu veredeln. Immerhin, an anderer Front hat der milde Winter heuer dafür gesorgt, dass es keine große Überraschung gibt. Dass nämlich nicht unter dem auftauenden Schnee jene Reste auftauchen, die die Stadt Wien seit Jahren ins Sackerl zu packen anregt. Wobei diese städtische Endreimkampagne durchaus zu einer Verbesserung der Situation geführt hat. Und Menschen, die ohne Plastik über der rechten Hand ihren Hund ausführen, fast schon als Exoten gelten. Doch wie es aussieht, dräut bereits die nächste Stufe der Eskalation im tierisch-menschlichen Zusammenleben. Denn zunehmend regt sich auch Widerstand gegen die flüssige Variante, die beim Spazieren mit dem Hund eben anfällt.

„Bitte lassen Sie Ihren Hund nicht an meine Fassade pinkeln“, liest man etwa in einer Auslagenscheibe in Rudolfsheim-Fünfhaus. Mit drei Rufzeichen. „Hunde bitte hier nicht pissen lassen. Es stinkt im Laden“, prangt wiederum an der Front eines Comicgeschäfts in Neubau. Mit noch viel mehr Rufzeichen danach. Könnte sein, dass Hunde die neuen Puber werden – und die Polizei vielleicht bald einen eigenen Beauftragten zum Schutz der Hauswände vor der feuchten Bedrohung abstellt.

Aber nicht nur Hauswände, selbst die eine oder andere Verkaufsware, die in Bodennähe präsentiert wird, ist zur Zielscheibe hündischer Attacken geworden. Was mitunter für erheiternde Gegenwehr sorgt. Wie etwa vor der Trafik am Hohen Markt – dort mahnt ein handgeschriebener Zettel: „Don’t let your Hunzi brunzi on my Papers.“ Zwar mit einem Apostroph zu viel, aber das sei dem tapferen Verteidiger mit seinem polyglott-wienerischen Endreim verziehen. Der Slogan setzt sich – ähnlich wie das Gackerl-Sackerl – regelrecht im Hirn fest. Ob man im Büro von Umweltstadträtin Ulli Sima schon daran denkt, daraus eine neue Kampagne zu stricken?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.03.2014)

Leute, die beim Essen „hm“ sagen

Albin Egger-Lienz [Public domain], via Wikimedia Commons

Albin Egger-Lienz: „Der Mittagstisch“

Beim Essen spricht man nicht. Hat man zumindest als Kind so gelernt. Doch wie bei so vielen Dingen, die man in der Kindheit gebetsmühlenartig vorgetragen bekommt („Wer bei Rot über die Straße geht, ist farbenblind!“), lässt die Konsequenz, mit der man sich daran hält, mit der Zeit ein wenig nach. Was auch kein Wunder ist, schließlich ist das metallische Kratzen von Löffeln auf dem Tellerboden und das Schlürfen von Suppe nur bedingt eine spannende Audiobegleitung – vor allem, da das Geräusch selten so lange und regelmäßig anhält, dass es eine meditative Stimmung auslöst.

Gut, ein wenig wird der Redefluss auf ganz natürliche Weise gestoppt, denn mit einem Löffel im Mund oder beim Kauen fällt es ohnehin schwer, etwas Verständliches von sich zu geben. („Mit vollem Mund spricht man nicht“ hat ja doch etwas für sich.) Allerdings gibt es doch eine Äußerung, die in solchen Momenten immer wieder zu hören ist. Das „hm“. Nein, damit ist nicht das genüssliche „mmh“ gemeint, zu dem man als Kind gleichzeitig mit der flachen Hand Kreise über den Bauch gezogen hat. Auch nicht das zustimmende „mhm“, das man am Telefon verwendet, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass man noch da ist und zuhört. Sondern einfach nur ein kurzes, mit vollem Mund gemurmeltes „hm“.

Das wiederum hat die Funktion, sich in Gesprächsposition zu bringen. Den anderen am Tisch zu signalisieren, dass man, sobald man einen Bissen geschluckt hat, etwas zu sagen gedenkt. Was je nach Kauintensität durchaus eine längere Zeit dauern kann. Ist dieses „hm“ aber einmal ausgesprochen, hat man die Gesprächssituation eingeloggt. Soll heißen, für alle anderen am Tisch bedeutet das Redeverbot. Schließlich unterbricht man jemanden, der gerade zum Reden angesetzt hat, nicht. Und so sitzt die Gesellschaft, blickt gebannt auf den „Hm“-Sager und wartet. High Noon am Mittagstisch, sozusagen. Nur hoffentlich hat man dann auch etwas Sinnvolles zu sagen. Vielleicht so etwas wie: „Beim Essen spricht man nicht.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.03.2014)

Eine nicht ausschließlich begünstigende Änderung

Was heute nicht richtig ist, kann morgen schon ganz falsch sein. Was häufig mit dem Versuch einer Rechtfertigung endet, die ihr Heil im Satanismus findet – einem kindlich-comicartigen, zugegeben. Aber warum fällt es eigentlich so schwer, einen Fehler zuzugeben? Warum wird, statt das eigene Versagen einfach einzugestehen, ständig die metaphysische Gestalt des Fehlerteufels aus dem Schattenreich heraufbemüht. Oje, hat er sich also wieder eingeschlichen, der kleine Racker – vielleicht auch noch mit einem Diminutivchen auf harmlos getrimmt, das kleine Fehlerteuferl! Jö, schau wie lieb es da steht in seinem Rauchwolkerl…

Möge das Teuferl, wenn es schon zum Kaschieren des eigenen Unvermögens aus seinen feurigen Träumen gerissen wurde, gleich auch an anderer Stelle aufräumen. Etwa bei jenen, die in ihren Schriften jemanden „etwas zum Besten geben“ lassen. Bei denen, die davon berichten, dass bei einer Veranstaltung jemand „das Tanzbein schwingt“. Und auch bei jenen, die von „Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur“ schwadronieren, die „Alt und Jung“ oder gar „exotische Schönheiten“ vor den „heimischen Köstlichkeiten am Buffet“ auftreten lassen. Und auch bei all den anderen, die das Phrasenschwein so lange von der Leine lassen, dass es beim Wälzen im sprachlichen Unrat derart viele nichtssagende Allgemeinplätze um sich schleudert, dass es damit all die Kommunikationskonsumenten mit verbalem Schmutz bewirft.

Möge der Fehlerteufel gleich auch all jene mit dem Dreizack piksen, die für Internetprovider, Mobilfunkbetreiber oder wen auch immer Briefe an Kunden verschicken, die in unverbindlichstem Beamtendeutsch damit beginnen, dass in Bälde „eine nicht ausschließlich begünstigende Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ in Kraft trete. Was nichts anderes ist als der kleine Bruder des Fehlerteuferls, der hinter seinem Rücken eine Preiserhöhung zu verbergen sucht. Jö, schau, wie lieb es da steht in seinem Rauchwolkerl…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.03.2014)

Der Flohmarkt der aufgelassenen Slogans

Manche Dinge sagt man heute einfach nicht mehr, sag ich einmal. „Sag ich einmal“, zum Beispiel. Und auch in einem Gespräch ein „Schade, eigentlich“ fallen zu lassen, zeugt davon, dass der Sprecher seinen Phrasenschatz langsam einem Update zuführen sollte. Über die hyperinflationäre Verwendung des „sozusagen“ zu klagen, dessen Auswüchse zunehmend unseren Magen plagen (wow, vielleicht wird das doch noch was mit der Karriere als Rapper), kommt mittlerweile sozusagen fast schon so häufig vor wie das „sozusagen“ selbst. Vom inhaltsleeren „gar nicht zu reden“ gar nicht zu reden. Oft scheint es, dass der Sprachschatz ganzer Generationen sich ausschließlich aus einem Flohmarkt für aufgelassene Slogans speist. Wo das „Kömma das nicht anders regeln“ zum Spottpreis feilgeboten wird. Wo man das „Kein Kommentar“ immer noch ganz offen auf dem Ladentisch präsentieren darf. Wo man sich zahlreiche „Das wird man sich genau anschauen müssen“ in verschiedensten Variationen ganz genau anschauen kann – und wo am Ende des Tages sogar die restlichen „am Ende des Tages“ ausverkauft sind.

Dass der Flohmarkt trotz des reißenden Absatzes seiner Ware nie verlustig geht, legt nahe, dass wohl irgendwo in einer chinesischen Fabrik sozusagen billigst alte Phrasen kopiert, in großer Stückzahl produziert und neu auf den Markt geworfen werden, sag ich einmal. Dort dürfte auch noch regelmäßig der Klassiker des slapstickhaften Beziehungslebens über das Fließband gejagt werden. Die Antwort nämlich auf eine Frage, die man meist dann stellt, wenn man sich gerade unglaublich lächerlich gemacht hat, sich zum Beispiel gerade einen Viertelliter Spaghettisauce vom weißen Hemd kratzt – und das Gegenüber diesen Mund macht, den man macht, wenn man sein Amüsement nicht ganz offen zur Schau stellen sollte. „Lachst du über mich?“ „Ich lache nicht über dich, ich lache mit dir.“

So etwas sagt man heute sozusagen einfach nicht mehr, sag ich einmal. Schade, eigentlich.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.02.2014)

Das Verpacken eines E-Books und orthopädischer Kaffee

Vielleicht ist es altmodisch. Aber E-Books zu verschenken, ist dann doch nicht so wirklich romantisch. Das liebevolle Verpacken des Buches in ein ganz besonderes Geschenkpapier, vorher vielleicht noch eine handschriftliche Widmung auf die erste Seite schreiben – und dann das eingelernte Prozedere, dass der Beschenkte das Paket schüttelnd vor sein Ohr hält und rät, was das wohl sein könnte. „Eine CD?“ Dieses lieb gewonnene Ritual lässt sich nicht ohne Weiteres in die digitale Welt übertragen. Oder nur bedingt – ein E-Book auf einem hübsch verpackten USB-Stick lässt den Schenker wie einen unbelehrbaren Vertreter der haptischen Retrogeneration dastehen. Das macht man einfach nicht. Bei Musik ist es nicht viel anders. Das neue Album von Bruce Springsteen über iTunes herunterzuladen schließt ein liebevolles Verpacken danach fast schon aus. Außer wieder mit dem USB-Stick – aber siehe oben.

Dabei muss man nicht einmal in der entmaterialisierten digitalen Welt auf Geschenksuche gehen, auch so manches handfeste Präsent wirft heute Probleme auf. Jemandem etwa von einer Reise durch Guatemala eine Packung handverlesenen Kaffee mitzubringen, ist ähnlich erfolgversprechend, wie eine VHS-Videokassette an den USB-Port stecken zu wollen. Gibt es überhaupt noch Kaffeemaschinen, in denen man das Pulver durch einen Papierfilter jagen könnte? Und darf man als Gast auf die Frage, welchen Kaffee man gern hätte, noch so altmodische Dinge wie „Cappuccino“ oder „kleiner Brauner“ antworten? Da doch „Intenso“, „Lungo“ oder „Ristretto“ ohnehin schon jeder verstehen sollte – wobei in der Regel eher „ein grüner“ oder „ein blauer“ geordert wird. Oder, wenn es sich um einen „Decaffeinato“ handelt, ein halblustiger „orthopädischer“.

Die sind übrigens alle hübsch und einzeln in Alu verpackt. Im Grunde also eigentlich geradezu perfekt zum Verschenken. Fragt sich nur – zugegeben, vielleicht ist es altmodisch –, wie man vorher die handschriftliche Widmung in diese Dinger bekommt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.02.2014)

Alles gut

Vor allem bei neueren Wohnanlagen lassen die Schilder kaum mehr einen Rückschluss darauf zu, wer hier eigentlich wohnt. Was mitunter dazu führt, dass man als Besucher vor der Haustür noch schnell das Handy zücken muss, um nachzufragen, bei welcher Nummer man denn nun eigentlich anläuten muss. Schade ist das Verschwinden der Namensschilder auch deswegen, weil damit viel der kindlichen Freude verloren geht, die sich beim Lesen von Namen einstellt – die auch eine Ahnung davon geben, wie sich das Minisoziotop Wohnanlage wohl zusammensetzt. Statt bei tschechisch, bosnisch oder türkisch klingenden Namen über die Migrationsgeschichte der Stadt sinnieren zu können, wird maximal die Fähigkeit des Zahlenmemorierens geschult – viel mehr ist aus den Türnummern, die immer häufiger das Gesicht der Klingelanlage prägen, nicht herauszuholen. Wobei der Monokultur der Zahlen gerne noch ein versteckter Imperativ vorangestellt wird, dass wir das alles gefälligst gut zu finden haben: Top. Wie ein dauergrinsender Animateur im All-Inclusive-Urlaub ständig mit nach oben gestrecktem Daumen die Pflicht zur guten Laune einmahnt, fordert Top 1 bis Top 32 den Klingler zum zustimmenden Kopfnicken geradezu heraus. Standing on top of the world, baby!

Andererseits, etwas gut zu finden ist in notorisch schlechten Zeiten ja auch nicht so schlecht. Nehmen wir den Optimismus einfach mit und denken an eine hübsche Phrase, die sich ähnlich wie das Top auf den Türklingeln seit einiger Zeit eingebürgert hat: Alles gut. Kaum ein Dialog, kaum eine Beilegung eines Streits, kaum ein Nachfragen nach dem Befinden, in dem diese zwei Wörter nicht auftauchen. So wie das „Roger“ im Sprechfunk signalisiert, dass man die Botschaft verstanden hat, taucht „Alles gut“ mittlerweile in fast jedem Gespräch auf. Gerade, dass nicht auch noch reflexartig der All-Inclusive-Daumen reflexartig mit nach oben geht. Vielleicht sollten wir auch noch überlegen, „Alles gut“ auf alle Türklingelschilder zu schreiben. Das wäre top.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.02.2014)