Die Lügen der Eltern

Ich entschuldige mich für das triste Wetter, dessen Fratze Ihnen beim Blick aus dem Fenster gerade entgegen grinst. Aber Sie müssen verstehen, ich hätte die Portion Spinat-Oliven-Gnocchi gestern Abend wirklich nicht mehr aufessen können. Und nachdem sich der alten elterlichen Regel zufolge das schöne Wetter indirekt proportional zur Restmenge auf dem Teller verhält, muss ich Wolken, Wind und Graupel wohl auf meine Kappe nehmen. Sorry! Zugegeben, ich habe mich schon das eine oder andere Mal gefragt, warum gerade zwischen meinem Essverhalten und der österreichischen Großwetterlage ein Zusammenhang bestehen soll. Und wozu die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik komplizierte Wettermodelle erstellt, wo doch ein Blick auf meinen Teller ausreichen würde. Aber gut, so funktioniert elterliche Logik.

Schmerzhaft wird es dann, wenn dieses jahrelang gelernte Gefüge in sich zusammenbricht. Wenn eine Konstante plötzlich in der Erkenntnis verpufft, dass es doch nicht so ist. Sie können sich die Enttäuschung vorstellen, die mich in dem Moment befiel, als ich erfahren musste, dass das Christkind gar nicht wirklich durch das Fenster hineingeflogen kommt. Jahrelang war es mein einziges Ziel gewesen, einmal so alt zu werden, dass ich dem kleinen Engel beim Ablegen der Geschenke unter dem Weihnachtsbaum assistieren und ihn dann mit einem freundlichen Klaps auf die Schulter – gerade so, dass ich die Flügel nicht streife – aus dem Fenster verabschiede. Und dann das – statt eines Rendezvous am Fensterbrett nur finstere Gesichter am Einkaufssamstag in der Mariahilfer Straße. Das tut weh. Aber auch für diesen Fall haben mir meine Eltern ja eine unverrückbare Wahrheit mitgegeben – bis ich heirate, ist es wieder gut.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.12.2008)

Die Ökonomie der Bonbonniere

Weihnachten ist die Zeit, in der Geld als Zwischentauschmittel ein wenig in den Hintergrund treten darf. An die Stelle von kaltem Metall oder bedrucktem Papier treten andere Einheiten, die zwischen Menschen zirkulieren und deren Wert weniger in der Befriedigung von Bedürfnissen als in der freizügigen Weitergabe besteht. Ein besonders beliebtes Objekt dieser alternativen Ökonomie sind Süßwaren, vorzugsweise mit Alkohol und Früchten gefüllt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Stationen etwa eine Packung Pralinen durchläuft, ehe tatsächlich ein Abnehmer, vulgo Beschenkter, das Cellophan vom Karton löst und den Tauschwert des Objekts für ein paar schnelle Kalorien kurzerhand auf Null reduziert. Vorsicht sollte bei dieser Ökonomie des Schenkens allerdings in jedem Fall walten, denn im Gegensatz zu Geld können Merci, Mon Chéri & Co. hinterlistigerweise mit identifizierenden Elementen versehen sein. Firmenlogos oder Aufschriften wie „Viele Bussi, deine Oma“ auf der Rückseite sollten also entfernt werden, ehe die Pralinen in den weiteren Kreislauf weihnachtlichen Tauschhandels eintauchen.

Das Worst-Case-Szenario wiederum tritt dann ein, wenn sich der Kreis weihnachtlicher Spendierfreude schließt – und ein Beschenkter in der edlen Gabe ein Geschenk erkennt, das er einst selbst in Umlauf gebracht hat. Besonders anfällig dafür sind Weinflaschen vom Winzer des Vertrauens, die einst als Gastgeschenk zum Einsatz kamen und die der Gastgeber beim Gegenbesuch plötzlich wieder in Händen hält. Besonders Findige versehen die Flaschen im Weinkeller daher mit einer Notiz über den Überbringer – und verschenken den Wein an jemand anderen weiter. Im besten Fall klebt das PostIt dann nicht mehr dran . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.12.2008)

Tanz Limbo, Sepp! Yes, you can!

Im medialen Wettstreit um die häufigsten Assoziationen mit Tanzen hatte Josef Pröll vergangene Woche eindeutig die Nase vorn. Doch es war weder der Landler noch der Tanz auf dem Society-Parkett, der dem schwarzen Hoffnungsträger aus Radl brunn zugeschrieben wurde. Nein, das Schreckgespenst untrainierter Bauchmuskeln wurde aus dem Hut gezogen, um Pröll metaphorisch ein wenig zu steinigen – der Limbo. Bei seiner Wahl zum VP-Parteichef habe er sich mit 50 Prozent „die Latte so niedrig gelegt“, hieß es im ORF, „dass nicht einmal ein Lambada-Tänzer darunter durchkäme“. (Kleiner Lapsus, natürlich war Limbo gemeint.) Sonntags wiederum hörte man in der „Runde der Chefredakteure“, dass sich die Regierung die Latte so hoch gelegt hat, dass sie ohne Schwierigkeiten darunter durchmarschieren können sollte. (Okay, da ist nicht nur Pröll allein gemeint.)

Interessant an dieser Metaphorik ist, dass ja gemeinhin eher das Überspringen einer hoch gelegten Latte als wünschenswertes Ergebnis sportlicher Leistung gesehen wird. Aber gut, zurück zum Limbo. Der Tanz selbst wurde auf den Westindischen Inseln ursprünglich nach Begräbnissen getanzt, um die Seele des Toten aus dem Zustand der Schwebe zu befreien. Schwebe im Sinne von „to be in limbo“, was sich vom Begriff „Limbus“ ableitet – der Vorhölle. Die wurde wiederum vergangenes Jahr von Papst Benedikt XVI. abgeschafft. Damit ist der Limbo auf seine heutige Bedeutung als Partyelement reduziert. Und so warten wir voller Spannung auf das Weihnachtskränzchen der Volkspartei, bei dem Josef Pröll auf dem Parkett seinen Oberkörper in die Waagrechte bringt, während seine Parteifreunde ihm genau das zujohlen, was sie auch jetzt schon allen Ernstes tun: „Sepp, yes, you can!“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.12.2008)

Willkommen in der Socken-Singlebörse

Über manche Dinge lohnt es sich wirklich nicht mehr zu schreiben. Wer heute noch Witze über Kärnten macht, ist schon retro. Wer sich über die hyperinflationäre Verwendung des Wortes „Lebensmensch“ echauffiert, hat den Anschluss ebenfalls verpasst. Auch jegliche Lob- oder Hassschrift über Punsch, Advent und dieses ganze Weihnachtsgetue ist angesichts unzähliger einschlägiger Elaborate längst hinfällig. Im Grunde ist ja zu jedem Thema eigentlich schon alles gesagt worden.

Zeit also, um sich langsam wieder auf das Wesentliche zu besinnen – das für uns ja immer wichtiger wird, wie Josef Hader es einmal formuliert hat. Reden wir über Socken. Darüber, dass schwarze Socken in der Waschmaschine unterschiedliche Formen annehmen, auf dass sie danach nie mehr ihrem Gegenüber zugeordnet werden können. Ja, eine Trennung tut weh. Reden wir daher auch über die Socken-Singlebörse, in der einzelne Söckchen verzweifelt auf die Rückkehr des Zwillings warten – oder ihn einfach nicht mehr erkennen, wenn er ausgebleicht und zu Tode geschleudert aus der Waschmaschine geholt wird.

Das Äquivalent zur Kontaktbörse à la „Love.at“ im Internet spielt sich in der analogen Welt der Socke meist irgendwo zwischen Wäscheständer und Kommode ab – mit ähnlich schlechten Aussichten, jemals die Wunschsocke leibhaftig zu Gesicht zu bekommen. Geben Sie es zu, auch Sie haben einen solchen Hügel der einsamen Socken, auf dem in unregelmäßigen Abständen ein – in der Regel erfolgloser – Versuch gestartet wird, aus den textilen Singles doch noch Pärchen zu bilden. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Sockenklammern. Denn über manche Dinge lohnt es sich wirklich nicht nachzudenken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.11.2008)

Wer hat Angst vor Virginia Wurst?

Grundsätzlich ist es ja schön, wenn Freunde an einen denken. Nachdenklich kann es allerdings stimmen, bei welchen Gelegenheiten das passiert. Wenn etwa in „Willkommen Österreich“ ein Kochbuch mit dem schönen Titel „Zum Scheißen reicht’s“ vorgestellt wird, muss man in der Assoziationskette ja nicht unbedingt an vorderster Front stehen, könnte man meinen. Genau da bin ich allerdings kürzlich gelandet: „Das wäre das perfekte Weihnachtsgeschenk für dich!“

Tatsächlich haben Kochbücher, die mehr sind als nur Rezeptsammlungen, ihren Reiz. Man denke an „Küche totalitär“, Wladimir und Olga Kaminers Kochbuch des Sozialismus, in dem die postsowjetische Küche mit launigen Beschreibungen einzelner Regionen garniert wird. Oder der von Droste/Heidelbach/Klink gestaltete Band „Wurst“, der mit Bonmots à la „Wer hat Angst vor Virginia Wurst?“ das Kochbuchgenre in literarische Höhen trägt.

Einen eher unfreiwilligen skurrilen Charme hat auch das „What Would Jesus Eat Cookbook“, in dem Autor Don Colbert Rezepte vorstellt, die auf biblischen Prinzipien beruhen. Kern der Jesus-Diät sind Tipps, wie man sie auch aus modernen Ernährungsberatern kennt – Vollkorn, wenig Fleisch, langsam essen & Co. Spektakulärer ist da schon das E-Book „Cooking With Balls – The Testicle Cookbook“ (www.yudu.com/testicles). Autor Ljubomir Erovic – der Serbe organisiert auch die jährlichen World Testicle Cooking Championships – erklärt, wie man Hoden richtig zubereitet und schmackhafte Gerichte wie Hodenpizza zaubert. Ja, das gibt es wirklich. Ganz im Gegensatz zum anfangs genannten „Zum Scheißen reicht’s“, das nur ein Gag war. Schade, eigentlich. Unter dem Weihnachtsbaum hätte sich das sicher gut gemacht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.11.2008)

Wie unsere Jugend wirklich tickt

Die Jugendforscher haben versagt. Da wird in elaborierten Vorträgen von Lebensstilen, Konsum- und Freizeitverhalten gesprochen, die Jugendlichen in Gruppen wie die „Lohas“ (das steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“ und bezeichnet das Verhalten, dass man Geiz gar nicht so geil findet) eingeteilt und Sport als das neue verbindende Element der Jugendkultur prophezeit. Und dann muss man am Samstag in „Wetten, dass . . . ?“ (Ich bin nur kurz beim Zappen hängen geblieben, ehrlich!) zwei Mädchen beobachten, die sämtliche Vorstellungen, wie unsere Jugend tickt, über den Haufen werfen: Die eine sitzt in der Badewanne und bläst Popsongs in das Quantum Schaum (Ist Ihnen das Wörtchen „Quantum“ vor dem neuen Bond-Film eigentlich schon jemals in einem Zeitungsartikel begegnet? Aber das nur nebenbei . . .) in ihren Händen, die andere erkennt an der Bewegung des Schaums das dazupassende Lied. Und das Erstaunliche daran – es funktioniert.

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, spult sich irgendwo im Hinterkopf der alte Tocotronic-Song ab. Doch, liebe Jugendforscher, welche Jugendbewegung haben wir da vor uns? Warum sind uns in euren Berichten zwischen HipHop, Krocha & Co. noch nie jene Jugendlichen begegnet, die den Lifestyle of a new Generation zwischen Bergen aus Seifenschaum in der Badewanne ausleben? Haben wir womöglich die Gruppe der „Lobstas“ (so etwas wie „Lifestyle of Bathrooms singing Tokio Hotel“) einfach übersehen? Wenn wir schon dabei sind, wie sieht die Gegenbewegung jener Jugendlichen aus, die keine Badewanne daheim haben? Und können beunruhigte Eltern jetzt endlich die besorgten Fantasien ad acta legen, was sich bei einer Schaumparty in einer Großdisco wirklich abspielt?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.11.2008)

Märtyrer des Kapitalismus

Das Jammern als Gruß gehört längst nicht mehr exklusiv den Kaufleuten. So mancher, der durch die Anlage seines Geldes in Wertverlustpapiere höchstens an Erfahrung gewonnen hat, lässt das zumindest implizit auch durchklingen. Nicht verbittert, versteht sich, man steht ja drüber. Und fühlt sich mit 30 Prozent weniger Geld im Depot fast schon als Märtyrer des Kapitalismus. Das geht übrigens auch ohne Wertpapiere – ein simpler Verkauf bei eBay kann genauso das Gefühl hervorrufen, am Scheiterhaufen der Ökonomie verbrannt zu werden.

Da war etwa kürzlich dieser Formel-1-Kalender aus dem Jahr 1997, der plötzlich beim Ausmisten in der Wohnung auftauchte – mit Autogrammen von Michael Schumacher, Gerhard Berger und weiteren Fahrern. Ein Geschenk eines Bekannten, der ihn von Heinz Prüller höchstpersönlich bekommen hat. Und jetzt? In den Müll damit? Nein, versteigern wir das Stück bei eBay – ein Formel-1-Fan könnte sich ja darüber freuen. Und tatsächlich, ein echter Fan bekam den Zuschlag. Als einziger Bieter. Für einen Euro. Na immerhin.

Die Versandkosten, zuvor mit einem eigenen Tool auf eBay aufwändig berechnet, sollten bei 9,50 Euro liegen. Wenige Tage später hatte der Käufer aus Deutschland 10,50 Euro überwiesen. Alles perfekt, Ware wird verschickt. Allein, für den etwas außerformatigen Kalender (43 x 31 cm) fand sich bei der Post kein passendes Kuvert. So musste es eben ein spezieller Karton sein (1,50 Euro). Ein Karton, der leider noch ein bisschen außerformatiger war – und deshalb als Paket verschickt werden musste. Für 12,83 Euro (plus 0,13 Euro Lkw-Maut). Am Ende zeigte die Kurve steil nach unten, wies die Bilanz ein Minus von 3,96 Euro aus. Liebe Anlagegeschädigte, liebe Investmentbanker, ich fühle mit euch.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.11.2008)

Windschiefe Weckerln

Wer bei Bäckereiketten oder gar im Supermarkt sein Frühstück besorgt, kennt das Problem vermutlich: Die gefüllten Weckerln sind windschief bis zum geht nicht mehr. Nur auf einer Seite aufgeschnitten, dann lieblos eine halbe Tonne an Leberkäse, Eiern, Salatblättern und Paprika hineingepresst. Sobald man nun hineinbeißt, wird deutlich, was das Manko eines solchen windschiefen Weckerls ist – links purzeln Leberkäse, Eier, Salatblätter und Paprika hinaus, während die rechte Seite einfach nur ein Stück eines trockenen Weckerls bleibt.

Nun kann man als neoliberaler Kampffrühstücker einfach den Markt wirken lassen, derartige Weckerln nicht mehr kaufen und stattdessen daheim selbst die Semmel aufschneiden (so, dass Ober- und Unterseite vollständig voneinander getrennt sind) und mit Schinken, Käse und dergleichen befüllen. Oder aber man versucht es mit Consulting: Liebe Bäcker und Brötchenbefüller, bei aller Rationalisierungswut, bei allem Hang zu Schnelligkeit und Effizienz – schneidet die Weckerln ganz durch und befüllt sie mittig, so dass der Frühstücker beim Essen in der U-Bahn keine akrobatischen Verrenkungen durchführen muss, um herunterhängende Salatblätter oder in Mayonnaise ertränkte hartgekochte Eier zwischen die Zähne zu bekommen.

Und wenn wir schon dabei sind, warum werden eigentlich all diese Weckerln mit Mayonnaise ausgemalt, ehe sie mit einer halben Tonne an Leberkäse, Eiern, Salatblättern und Paprika gefüllt werden? Ich vermute dahinter ja ein bisschen Sadismus. Immerhin erschwert die dicke Fettcreme jeglichen Rettungsversuch herauspurzelnder Teile enorm. Ob da nicht sogar eine Verschwörung dahinter steckt? Ich muss mal mit Dan Brown sprechen, vielleicht wäre das ein interessanter Plot für einen neuen Da-Vinci-Code.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.10.2008)

Nenn mich doch einfach Karina

Computer denken nicht, die machen nur, was man ihnen sagt. Folglich kann ich auch nicht dem armen Computer böse sein, der die Massensendungen an mich adressiert. An „Frau Erich Kocina“, zum Beispiel. Nun hätte ich ja vollstes Verständnis, wenn ich einen Namen hätte, der „beiden Geschlechtsteilen“ (Heinz-Christian Strache) zugerechnet werden könnte, etwa Andrea oder Sascha. Und auch bei exotischen Namen, die in Österreich nicht so geläufig sind, kann so eine Verwechslung schon einmal passieren.

Doch viel männlicher als Erich kann ein Name doch gar nicht sein, oder? Ein Name, der so viel bedeutet wie „reich an Ehre“. Man denke an Erik den Wikinger, der mit stolzgeschwellter Brust und langem Bart am Bug des Schiffs steht und seine Streitaxt schwingt. Hätte es zu Zeiten des bärtigen Normannen schon derart falsch adressierte Massensendungen gegeben, hätte er wohl von der Adressiermaschine nur noch ein wenig Asche hinterlassen.

Aber es geht noch schlimmer. Zu meiner Studentenzeit etwa, kurz nachdem das Gratisabo einer Tageszeitung ausgelaufen war, rief einer der freundlichen Call-Center-Mitarbeiter auf meinem Festnetz an und fragte schüchtern, ob er denn „Frau Erich“ sprechen könnte. Interessant, diese Variante kannte ich noch nicht. „Und wie soll Frau Erich mit Vornamen heißen?“ – „Karina“, erklang es schüchtern. Karina?

Dann dämmerte mir, wie ich vor der Uni schnell – bis zur Vorlesung waren noch zwei Minuten Zeit – das Aboformular ausfüllte. Nicht, dass ich sonst leserlicher schreiben würde, aber vermutlich ließ ich in der Hektik einem verzweifelten Mitarbeiter der Aboabteilung gar keine andere Wahl, als in Kocina eine Karina zu erkennen. Aber macht ja nichts, so eine neue Identität hat ja auch ihren Reiz. Liebe Grüße, Eure Karina.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.10.2008)

Kampf der Invers-Burka

Von Langstreckenflügen kennt man sie bestens. Doch auch in heimischen Schlafzimmern wurde sie bereits gesichtet – ich nenne sie Invers-Burka, schließlich verhüllt sie genau jene Teile des weiblichen Körpers, die bei streng gläubigen Musliminnen als einzige frei bleiben; andere sagen ganz einfach Schlafmaske dazu. Dass ein solches Teil quasi die Antithese von Romantik ist, muss nicht näher erläutert werden. Schließlich erwartet man beim liebevollen Blick auf die andere Seite des Bettes ja eher ein süß-verschlafenes Gesicht – und weniger die Hauptfigur aus einer Inszenierung vom „Phantom der Oper“. Man meint fast, bei jedem Blick die markante Tonfolge auf der Orgel zu hören. Wie soll man da ruhig schlafen?

Gerade in der weiblichen Sphäre nimmt das Spiel mit Masken allerdings eine tragende Rolle ein. Von weißer Creme, die sich unter dem zu einem Turban gefalteten Handtuch über die Gesichtshaut legt bis zu Gurkenscheiben, die das Haupt der Trägerin zu einer Reminiszenz aus der Welt der Salatbar macht. Mahlzeit.

Eine Lösung, mit Problemen wie diesen fertigzuwerden, liegt in der gemeinsamen Aufarbeitung. So wie es kürzlich die beiden Journalisten Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl gemacht haben. In ihrem Buch „Paarspalterei“ (Molden Verlag) erzählen die beiden jeweils ihre Sicht eines Problems, vom Streiten (Sie: Konfrontation ist mein Aphrodisiakum. Er: Ihr Krach ist mir nur ein Schweigen wert) bis zum Schlafrhythmus, auf den sich das Paar bis heute nicht einigen kann. Das alles läuft zwar weitgehend auf Anekdoten à la „Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können“ hinaus, liest sich aber trotzdem recht unterhaltsam. Und falls es auf diese Weise nicht gelingt, zwischengeschlechtliche Probleme zu lösen? Dann fragen Sie doch einfach den Inder . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.10.2008)