Im Netz führte das zu einem Sturm der Entrüstung

Wenn der eiserne Besen den Parkettboden zerkratzt, braucht es lückenlose Aufklärung.

Wenn die Zeit fehlt, bietet sich ein Griff in die Convenience-Abteilung an. Beim Kochen also etwa Halbfertiggerichte, die man nur noch zusammenschütten muss und dann doch als kreative Eigenleistung verkaufen kann. Wenn einem einmal nichts und nichts Gescheites einfällt, lässt sich aber auch Kommunikation wie Instant-Kartoffelpüree anrühren. Zum Stopfen wortmeldungshungriger Schnäbel reicht das allemal. Man nehme etwa eine Portion „lückenlose Aufklärung“ und streue sie mit einer Prise gespielten Furors über jegliche Malversation. Für ein wenig anerkennendes Kopfnicken sollte das jedenfalls reichen. Oder man schreie nach dem „eisernen Besen“, mit dem einmal so richtig sauber gemacht werden soll. Kleiner Pro-Tipp: Der hinterlässt auf empfindlichen Oberflächen unschöne Kratzer. Falls es sich also um unseren gemeinsamen Parkettboden handeln sollte, lassen wir das bitte lieber. Schnellen Applaus bringt auch die Aufforderung, jemand „soll endlich arbeiten“. Vielleicht sollte man die eher an die richten, denen nicht mehr als derartige kommunikative Instantware einfällt. Wer dann auch noch mit der Konstruktion, etwas „ist abzulehnen“ arbeitet, hält sich vermutlich auch nach dem Öffnen einer Dose Erbsen für einen Haubenkoch.

Haben Sie ein Aquarium? Dann kennen Sie das Phänomen, wenn Sie von oben Flockenfutter ins Wasser rieseln lassen. Wie von einem Magneten angezogen sammeln sich dann die Fische zu einer Wolke, die auf die bunten Plättchen zuströmen und sie aufpicken. Einmal gesehen, ist der Neuigkeitswert bei jedem weiteren Mal quasi Null. So wie auch beim Einsatz der Instant-Phrase „Im Netz führte das zu einem Sturm der Entrüstung“. Die geht auch immer. Warum das so ist, das sollten wir jedenfalls lückenlos aufklären. Oh, jetzt ist mir der eiserne Besen ins Aquarium gefallen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.03.2017)

Mit der Übergangsjacke den Winter vertreiben

Gelegentlich verhalten wir uns wie Tauben im berühmten Experiment von Burrhus Skinner.

Burrhus Frederic Skinner steckt in uns allen. Also nicht er selbst, aber ein Verhalten, das er in einem Experiment mit Tauben entdeckte. In der nach ihm benannten Skinner-Box war eine Taube eingesperrt, und in regelmäßigen Abständen von 15 Sekunden fiel ein Stück Futterkorn durch eine Öffnung. Die Vögel, die natürlich nicht wussten, nach welchen Kriterien sie das Futter bekamen, zeigten dann teils seltsame Bewegungen – nämlich genau jene, die sie gemacht hatten, bevor das erste Korn in den Käfig fiel. Die eine putzte sich mit ihrem Schnabel, die andere machte eine schleudernde Bewegung mit dem Kopf – und in der Hoffnung auf weiteres Futter wiederholten sie genau diese Tätigkeit. Diese zufällige Konditionierung zeigt, dass auch Tiere so etwas wie Aberglauben kennen. Bei uns können etwa Snackautomaten zu Skinner-Boxen werden, nur dass wir außen stehen und das Futterkorn, etwa eine Packung Schnitten, innen auf den Einwurf einer Münze wartet. Schluckt der Automat die Münze nicht, reiben wir sie am Automaten und werfen sie erneut ein. Ist zwar sinnlos, aber irgendwann hat es vielleicht einmal aus ganz anderen Gründen funktioniert. So wie auch das Klopfen auf eine Getränkedose, damit beim Öffnen die Kohlensäure nicht das lustige Geysir-Spiel macht.

Vollends zur Taube werden wir, wenn wir meinen, durch die Auswahl unserer Kleidung das Wetter beeinflussen zu können. Die Sonne scheint, also weg mit dem Wintermantel und rein in die – ja, ein furchtbares Wort – Übergangsjacke. Das geht einmal gut, doch am nächsten Tag ist es vielleicht wieder kalt. Egal, die Übergangsjacke bleibt. Und mit ihr die Hoffnung, dass der Winter das doch sehen und sein Verhalten darauf abstellen müsste. Aber leider, der Winter endet erst am 20. März. Ab dann ist Frühling und wir können endlich im T-Shirt raus auf die Straße. Oh, ein Futterkorn!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.02.2017)

Der Einzugsdämpfer hat mein Leben zerstört

Dinge, deren richtigen Namen wir nicht wissen, so wie das Plastikdings von der Supermarktkasse.

Der Warentrenner ist eines davon. Ein Ding aus der Kategorie von Dingen, denen wir zwar tagtäglich begegnen, aber nicht die richtige Bezeichnung kennen. Im konkreten Fall geht es um das etwa 30 Zentimeter lange Plastikdings, das man im Supermarkt auf das Fließband legt, um nicht die Waren des nächsten Kunden mitzahlen zu müssen. Manche sagen auch Warentrennbalken oder Kassentrennstab dazu, aber mit Plastikdings ist man jedenfalls auch auf der sicheren Seite. Sollten Sie es bisher ahnungslos Brzlwzl genannt haben, können Sie sich jetzt endlich die ratlosen Blicke der Kassierin erklären, wenn Sie danach gefragt haben.

Ähnlich herumgestammelt wird auch, wenn nach dem Plastikdings gefragt wird, das dafür sorgt, dass Schubladen nicht mit einem Knall zugehen, sondern mit einem sanften Glucksen in den Kasten einrasten. Und nein, das Plastikdings aus dem Supermarkt eignet sich nicht dafür, jetzt geht es um ein anderes Plastikdings. Das hört auf den Namen Einzugsdämpfung – genau genommen hört es nicht darauf, weil Einzugsdämpfungen keine Ohren haben, sondern es wird nur so genannt. Diese Einzugsdämpfung, jedenfalls, hat mein Leben zerstört. Gut, das ist übertrieben. Aber sie hat einige selige Momente der Triebabfuhr verunmöglicht. Dieses befreiende Gefühl, in den wenigen Momenten der Wut eine Lade zuzuknallen, stellt sich nicht mehr ein. Selbst bei großer Vehemenz bleibt am Ende der erlösende Knall aus, dafür schmatzt die Einzugsdämpfung spöttisch. Und fast fühlt man sich von dem Plastikdings im Küchenregal ausgelacht. Vielleicht zu Recht, denn das Zuschmeißen von Türen und Laden macht die Situation am Ende ja doch nicht besser. Genauso wenig wie das Knallen des Telefonhörers auf die Gabel, um ein schlecht verlaufenes Gespräch zu beenden. Wobei, versuchen Sie das erst einmal auf dem Handy.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.02.2017)

Holt Leute nicht immer dort ab, wo sie gerade stehen

Man sollte Menschen auch dazu bewegen, sich zu bewegen. Sonst gibt es nie einen Schritt nach vorn.

Es gibt Gespräche, nach denen man das Gefühl hat, ein bisschen klüger geworden zu sein, als man zuvor war. Wenn etwa eine Phrase, die man zuvor brav nachgeplappert oder zumindest geistig abgenickt hat, dabei in ihre Einzelteile zerlegt und danach nicht mehr zusammenbaut, sondern im sprachlichen Sondermüll entsorgt. Zum Beispiel die, dass man die Menschen dort abholen soll, wo sie stehen. Klingt doch nicht schlecht, der Satz, oder? Aber denken wir ihn doch ein Stück weiter, wie es eine befreundete Lehrerin in genau einem solchen Gespräch gemacht hat. In der Bildung, zum Beispiel, bedeutet dieser Satz Stillstand. Man soll, meinte sie, die Kinder und Jugendlichen ruhig dazu bewegen, sich zu bewegen. Auch den einen oder anderen Schritt mehr zu machen, um auf Dinge zu stoßen, von denen sie vorher nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Ja, das kann auch manchmal unbequem sein – und das soll es auch. Denn dann bringt es auch etwas, nämlich einen Fortschritt im Denken, im Wissen und im Tun.

Aber auch abseits der Schule könnte man sich von diesem scheinbaren Zwang zur Abholgenauigkeit ein wenig lösen. Indem man Menschen nicht einfach immer nur das vorbetet, von dem man meint, dass sie es hören wollen. Denn damit landet man schnell beim Hätscheln einer bequem gewordenen Gesellschaft, der es schon an Bewegung reicht, mit dem Daumen nach unten zu deuten. Was übrigens vor allem dann passiert, wenn es um andere geht. Sollen die sich doch bewegen, am besten dorthin, wo man sie nicht mehr im Sichtfeld hat.

Einigen wir uns also darauf, dass das mit dem Abholen, wo die Leute stehen, keine so gute Idee ist . . . außer vielleicht für die ÖBB oder die Wiener Linien. Bei denen hat sich das Konzept mit den Haltestellen gar nicht so schlecht bewährt. Jetzt müsste der Bus nur endlich auch hier vorbeikommen, es wird nämlich langsam kalt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.02.2017)

Der kleine Stein zwischen Tür und Fliesenboden

Das winterliche akustische Äquivalent zur surrenden Gelse im sommerlichen Schlafzimmer.

Denken wir an eine Sommernacht. An den ohnehin schon unruhigen Schlaf. Und da ist auf einmal dieses Geräusch, dieses Surren. Eine Gelse, die ihre Runden scheinbar genau um das Ohr dreht. Doch so präsent das Tier akustisch auch ist, sobald das Licht an ist und das Gelsenhalali ertönt, ist es weg. Nur, um beim nächsten Einschlafversuch wieder hochtourig um das Ohr zu kreisen. Stich doch endlich zu, aber dann sei wenigstens leise, was ist schon das bisschen Jucken am Tag danach gegen diese Kakofonie der Sommernacht.

Auch der Winter kennt ein akustisches Äquivalent zu diesen Quälgeistern. Dieses Stückchen Streusplitt nämlich, das über die Schuhsohle irgendwie den Weg in die Wohnung gefunden hat. Selbst wenn man die Schuhe zehn Minuten lang über die Türmatte streifen lässt, irgendwie schlüpft es doch durch. Und taucht dann genau beim Schließen der Eingangstür auf. Als Knarzen, wenn es sich zwischen Türkante und Fliesenboden verkeilt. Ist es erst einmal da, verhält es sich wie eine Gelse. Man sieht es nicht, kann es nicht erschlagen. Man hört es nur, in welche Richtung man die Tür auch bewegt. Und spürt, wie das kleine Stück wie ein Diamant eine Furche in den Fliesenboden ritzt. Der Karton, mit dem man unter die Türe fährt, bleibt irgendwo stecken. Das Steinchen kratzt weiter. Irgendwann versucht man, die Türe ein wenig aus den Angeln zu heben. Zieht ungeschickt mit dem Fuß ein Tuch unter der Türkante durch. Und auf einmal ist es weg, das Kratzen. Das Steinchen wohl auch. Nur, dass man es nirgendwo findet, um es aufheben und wegwerfen zu können. Vermutlich versteckt es sich in einer Ecke und wartet nur darauf, bald wieder zuschlagen zu können. Am nächsten Morgen, vermutlich, wenn man es gerade besonders eilig hat – und die Tür nicht zu bekommt. Na gut, zumindest in der Nacht hat der Quälgeist Ruhe gegeben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.02.2017)

Die unterschiedliche Länge der allerletzten Sekunde

Nach der letzten Sekunde, in der etwas verhindert wurde, könnte doch noch eine gekommen sein.

Zeitangaben sind relativ. Albert Einstein könnte das sicher plausibel erklären, aber im Zweifel reicht auch das Alltagswissen, wenn die Anzeige der Wiener Linien seit sieben Minuten eine Minute bis zur nächsten Straßenbahn anzeigt. Was hält sich diese Realität auch nicht an die Fahrpläne und lässt Falschparker, klemmende Einstiegstüren und bösartige Ampelschaltungen die Zeit einfach anhalten. Aber vielleicht ist das ja auch ganz gut so, immerhin ist Zeit endlich. Irgendwann wird die letzte Sekunde geschlagen haben – und nach der ist es dann vorbei. Sie kennen das, es gibt ja auch verschiedene religiöse oder esoterische Gruppierungen, die den Untergang der Welt ziemlich genau vorhergesagt haben. Um nach Verstreichen der Frist und dem augenscheinlichen Nichteintreten der Vorhersage Neuberechnungen anzustellen oder irgendwann entnervt festzustellen, dass das prophezeite Ende vielleicht doch nur metaphorisch gemeint gewesen sein könnte.

Sprachlich wird diese letzte Sekunde aber auch gern im Nachhinein eingesetzt, vor allem in dramatischen Erzählungen. Da wird etwa verkündet, dass ein Terroranschlag in letzter Sekunde verhindert wurde. Nun, das mag in James-Bond-Filmen zur Dramatisierung des Spannungshöhepunkts ganz gut passen. Countdown bleibt bei 1 stehen und so. In der Realität wird die Phrase aber auch gern ausgepackt, wenn vielleicht noch Minuten, Stunden, ja vielleicht sogar Tage oder Monate vergehen müssten, bis das passiert wäre, was in allerletzter Sekunde vermeintlich verhindert wurde. Abgesehen davon, woher weiß man, dass nach der letzten Sekunde, in der ein Unglück gerade noch abgewendet werden konnte, nicht vielleicht noch eine weitere gekommen wäre? Oder zwei? Aber zugegeben, eine dramatische Rettung in vorvorletzter Sekunde klingt auch blöd. Ist mir gerade noch im letzten Moment eingefallen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.01.2017)

Seid nett zu den Hustenden, auch wenn sie nerven

Es gibt kaum ein unerträglicheres Geräusch als Reizhusten. Er stigmatisiert aber auch den Huster.

Husten kann etwas Befreiendes haben. Ein besseres Räuspern, nach dem der Hals wieder frei ist. Und das nicht weiter auffällt. Doch ist Husten bekanntlich nicht Husten. Und gerade in dieser unsinnigen kalten Jahreszeit (Make Summer great again! Auch jetzt schon!) lässt so mancher seine Bronchien regelrechte Konzerte spielen. Menschen, die diesen unproduktiven Husten – gemeint ist, dass dabei keine Sekrete aus den Atemwegen ausgestoßen werden – mit sich herumschleppen, ernten in der Straßenbahn ähnliche Blicke wie Eltern unablässig schreiender Babys, also irgendwo zwischen genervt und vorwurfsvoll. Ja, so bitte tu doch endlich etwas dagegen. Zugegeben, das Geräusch nervt, ähnlich wie das Tropfen eines Wasserhahns, der sich nicht abstellen lässt, wie der Presslufthammer am Morgen von der Baustelle vor dem Fenster und immerhin fast so sehr wie diese schrillen Werbespots für Rubbellose nach der „Zeit im Bild“.

Der Hustende weiß das. Peinlich berührt versucht er, den Reiz wegzuschlucken, dreht sich in eine Richtung, wo möglichst niemand steht – schwierig in einer voll besetzten Straßenbahn – und kann dann doch nicht anders. Ein Huster nach dem anderen verpufft in der vorgehaltenen Hand. Der Bauch schmerzt schon vom dauernden Verkrampfen. Dann der entschuldigende Blick in die Runde – tut mir leid, Leute, mir wäre auch lieber, ihr müsstet euch das nicht anhören. Und nein, es sagt niemand etwas. Es wird geschwiegen, betreten weggesehen, vielleicht mit den Augen gerollt. Aber überall schwingt ein Vorwurf mit. Und es wäre allen wohler, wäre man jetzt nicht hier. Am besten wäre ja einfach daheim bleiben – nur, dass sich so ein trockener Husten ziemlich ziehen kann. Ein paar Wochen, angeblich. Ist schon recht! Aber wartet nur, wenn ich wieder gesund bin, dann huste ich euch allen was!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.01.2017)

Sehr geehrte Erkältung, wir müssen Sie leider kündigen

Wenn einem die Stimme wegbleibt, sollte man überlegen, sich vom grippalen Infekt zu trennen.

Hartnäckigkeit ist etwas, das in Lebensläufen für die Bewerbung gern als positive Eigenschaft angeführt wird. Insofern musste die aktuelle Erkältung beim Vorstellungsgespräch wohl geglänzt haben. Hat immerhin Kompetenzen in mehreren Bereichen des Atmungsapparats, sorgt durch fieberhafte Arbeit für ein warmes Betriebsklima und lässt sich durch Einflüsse von außen nicht aus der Ruhe bringen. Als Arbeitgeber bleibt einem da gelegentlich sogar die Stimme weg. Und unter Tränen, Schnäuzen und Schnieben grübelt man, ob es für den verdienten Mitarbeiter nicht an der Zeit wäre, die Karriere andernorts fortzusetzen. Man will ihm ja keine Aufstiegsmöglichkeiten verbauen. Es gibt doch bestimmt noch hochrangigere Eigentümer, deren innere Bereiche man durchwandern könnte. Und um ganz ehrlich zu sein, auf die Dauer nervt die ständige Schleimerei des aufdringlichen Karrieristen schon. Vermutlich kennen Sie das Phänomen auch, diese Typen verbreiten sich ja fast schon viral. Wenn dann sogar in den Lungen Flügelkämpfe ausbrechen, bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Das Dumme ist, dass man solche Mitarbeiter kaum wegbekommt – sie reagieren weder auf freundliche Aufforderungen noch auf die harte Tour, etwa mit Chemie. Im Gegenteil, sie husten einem was.

Abwarten und Tee trinken, sagen sie bei den Human Resources, so etwas ist halt kein Honiglecken. Ja eh, manchmal muss man eben die Extrameile gehen, aber irgendwann wird es wohl schmerzhafte Einschnitte geben müssen. Den Mandeln die Zähne ziehen, vielleicht. Und dann ein freundliches Schreiben, um die Zusammenarbeit zu beenden. Sehr geehrte Erkältung, nach sorgfältiger Prüfung müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihre Anwesenheit nicht weiter benötigen. Wir bedauern, Ihnen keinen günstigeren Bescheid geben zu können. Und jetzt raus hier, aber flott.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.01.2017)

Der empathische Tee für jede Lebenslage

Marktlücke: Tee für Teeverächter, der ihnen Mitleid zuspricht, dass sie Tee trinken müssen.

Ein Mensch, der Tee nur trinkt, wenn er krank ist, hat gerade im Winter immer wieder Aha-Erlebnisse. Dann nämlich, wenn er aus dem hintersten Fach der Kredenz die Kartons mit den Teebeuteln hervorholt – nein, keine handverlesenen Teeblätter aus dem Hochland von Sri Lanka, die sorgsam zerkleinert und getrocknet im Teesieb 36 Sekunden lang mit 83 Grad heißem Wasser aufgegossen werden. Shame on me, auf ein Outing als Waschlappen des Aufgussgetränks braucht man sich nichts einzubilden, aber es zu verheimlichen wäre auch unredlich. Wie auch immer, nachdem die Beutel mit Preisangabe in Schilling aussortiert worden sind, geht es an die Packungsbeilage der verbliebenen Sorten. Offenbar hat man in der freiwilligen Teeabstinenz verpasst, dass es nicht mehr nur schwarzen, grünen und Kräutertee gibt. Sondern dass die Tees mittlerweile nach Lebenslagen sortiert werden. Die weltgewandten Leser lächeln mild, wissen wir doch längst, das gibt es sogar schon länger als Running Sushi.

„Magenfreund“, „Fühl dich wohl“, „Halsfreund“. Versteht man. Aber dann, und jetzt stellen Sie sich bitte einen grippigen Nestler im Teekarton vor, kommt ein „Schutzengeltee“ daher. Ein weiterer namens „Hildegardharmonie“. Und dann ist da einer namens „Loslassen“. Passiert in diesem Moment auch gleich, und das Häferl war einmal. Erst das zerschlagene Porzellan zusammenkehren, dann auf die Suche machen, ob es eine empathische Kräutermischung „Wird schon wieder werden“ gibt. Offensichtlich nicht, aber auch forschere „Jetzt krieg dich wieder ein“-Doppelkammerbeutel tauchen keine auf. Wenn es jemanden gibt, der für die Benennung von Tee zuständig ist, dann hier eine Bitte: Ein Aufguss mit dem Namen „Ei, ei, ei, du Armer“ würde sich sicher gut verkaufen. Also zumindest einmal. Dann kommt er wieder in der Kredenz ganz nach hinten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.01.2017)

Für diesen Neujahrsvorsatz gibt es einen Fünfer. Setzen!

SPANNEND: Phrasen, die wir uns im neuen Jahr abgewöhnen könnten, gäbe es ja genug.

Als Titel hätte hier auch „Leute, die ,Setzen, fünf‘ sagen“ stehen können. Aber es ist ein neues Jahr, da sind die Vorsätze noch da, diesmal alles anders zu machen. Also nicht mehr zu den Leuten zu gehören, zum Beispiel, die „Leute, die . . .“ sagen. Oder zu Leuten, die „Das muss auch einmal gesagt werden“ an das Ende einer Aussage stellen. Schließlich weiß man nicht, ob die Welt nicht besser geworden (oder zumindest gleich gut geblieben) wäre, hätte man das, was man vermeinte, sagen zu müssen, nicht gesagt. Dürfen durfte man es auf jeden Fall, auch wenn die Leute, die „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ sagen, irgendwo ein Verbot herandräuen sehen dürften. Ist so. Apropos, auch das „Ist so“ am Ende eines Satzes macht eine dumme oder falsche Aussage nicht gescheiter oder richtig. Und das ist die Wahrheit. Wenn auch diese Beschwörungsformel ihre Schwächen hat. Sie wissen schon, Leute die sagen, dass das, was sie sagen, die Wahrheit ist – ups, schon wieder die Leute ins Spiel gebracht, sorry. Zur Info: Fakt ist, dass Dinge, vor denen „Fakt ist“ steht, genauso wenig richtig sein müssen. (Und sie werden es auch nicht, wenn man es durch „Unfassbar!!!“, „Unglaublich!!!“ oder „Zur Info“ ersetzt.)

Aber gut, zurück zu den Vorsätzen. Einer für 2017 könnte ja sein, autoritäres Gehabe in der Kommunikation ein bisschen einzuschränken. Leute, die einen Artikel oder ein Buch per „Lesebefehl“ ankündigen, sollten angesichts des Tons mit Lesebefehlsverweigerung rechnen. Leute, die eine Kritik an anderen mit „Setzen, fünf“ schließen, sollten damit rechnen, dass sie wirken wie eine zeitgenössische Karikatur eines Lehrer Lämpel. Und Leute, die in Kolumnen immer „Leute, die“ verwenden, sollten sich vielleicht auch einmal etwas anderes überlegen. Das nützt sich nämlich ab. Gut, das war also der Vorsatz für heuer. Ich setze mich. Fünf.

(Print-Ausgabe, 02.01.2017)