Die Kunst, Nein zu sagen

Aus Angst davor, andere zu enttäuschen, sagt man allzu oft Ja, ohne dass man es will. Die Autorin Sarah Knight rät dazu, in solchen Situationen einfach „Scheiß darauf“ zu sagen.

„Sorry seems to be the hardest word“, sang Elton John. Mag sein, doch es ist nur die halbe Wahrheit. Kommt doch die Entschuldigung in der Regel erst, nachdem etwas passiert ist. Es gibt schon vorher ein Wort, das vielen Menschen unglaublich schwerfällt. Um bei Elton John zu bleiben und ohne Rücksicht auf das Versmaß, wäre dann „Nein“ das Wort, mit dem wir uns so unglaublich schwertun. Nicht damit, einer Aussage zu widersprechen, das geht recht gut. Auch nicht, jemanden im Sinn von „lass das“ zum Beenden einer Handlung aufzufordern. Und erst recht nicht damit, seine emotionale Befindlichkeit auszudrücken („Nein, das kann nicht wahr sein!“). Sondern damit, einer Bitte oder Aufforderung zu widersprechen.

Das Nein in einer solchen Situation trägt auch immer ein potenzielles Enttäuschen des Gegenübers in sich. Den Beigeschmack des Widerwillens, der Faulheit. Empfindungen, die negativ aufgefasst werden können. Gerade bei scheinbaren Kleinigkeiten fällt es besonders schwer, Nein zu sagen. Was ist denn schon so schwer daran, das kann doch maximal zehn Minuten dauern, worum man da gebeten wurde? Ja, eh. Nur summieren sich die vielen Zehn-Minuten-Jas schnell auf ein paar Stunden. Es bleibt am Ende das Gefühl, dass man vielleicht doch ein paar Mal Nein hätte sagen sollen.

Sarah Knight bietet dafür eine simple Lösung an: darauf scheißen. Es ist eine freie deutsche Übersetzung des Slogans, den die amerikanische Autorin zum Motto ihres Antiratgebers gemacht hat: „Fuck it“. Vielleicht nicht ganz konsequent, weil der Titel der deutschsprachigen Version mit „Not Sorry“ dann doch ein wenig sanfter ausfällt – vermutlich hat ein deutschsprachiger Lektor ja einfach Nein gesagt. Abseits des Covers ist im Buch allerdings recht häufig zu lesen, worauf man alles scheißen sollte. Etwa auf alles, was nur Frust bringt. Nur dann, wenn etwas Lust bringt, so ihre These, sollte man Ja sagen.

Es sind Handlungsanleitungen, wie sie in einem klassischen Ratgeberbuch eben zu finden sind. Mit direkter Anrede, vielen Imperativen und gelegentlichen Versalienorgien. Inhaltlich dreht es sich darum, sich darauf zu besinnen, was man tun will. Nicht mehr nur Dinge zu tun, die man tun muss. Und dabei mehr auf sich selbst zu achten, und nicht auf die anderen. So wie man auch im Flugzeug zuerst die eigene Sauerstoffmaske anlegen soll, bevor man anderen hilft, wie sie es in einem Vergleich beschreibt. Dazu gehört eben auch, nicht zu allem Ja zu sagen.

Ja zu den falschen Dingen

Von einem Ja-Budget spricht Knight. Dass man nur eine begrenzte Anzahl an Jas zur Verfügung hat – sagt man zu den falschen Dingen Ja, ist der Vorrat schnell aufgebraucht. So weit, so einleuchtend. Nur braucht es dann eben eine Priorisierung, zu welchen Dingen man überhaupt Ja sagen will – und zu welchen nicht. Die Gefahr, damit womöglich andere Menschen zu enttäuschen – und das ist ja oft die Triebfeder des Jasagens –, ist damit ja noch immer da. Auch hier greift die Autorin zu ihrer (zumindest im Deutschen) anal-exkrementellen Lebensweisheit. Scham und Schuldgefühle, was die Menschen über einen denken, hätten ja nichts damit zu tun, dass es falsch ist, was man tut.

Immerhin schränkt sie aber auch ein, dass es nicht sinnvoll ist, ihr Konzept eins zu eins in eine Reaktion auf eine Frage oder Bitte umzusetzen. Ehrlichkeit und Höflichkeit seien hier besonders wichtig. Indem man etwa keine Ausreden sucht, warum man nicht zum Karaokeabend mit den Firmenkollegen gehen möchte. Sondern einfach feststellt, dass man nicht viel mit Singabenden anfangen kann. Was die Höflichkeit angeht: Man sollte die Verachtung für eine solche Abendgestaltung in diesem Moment nicht allzu offenkundig machen. „Sei kein Arschloch“ ist auch ein wichtiges Element der „Not Sorry“-Methode. Vergraulen will man damit ja auch niemanden.

Nein zu sagen, meint Knight, kann man üben. Für den Anfang einmal zu Dingen, die man nicht braucht, oder für die man sich nicht interessiert. Die kann man schließlich nicht enttäuschen. Als nächsten Schritt schlägt die Autorin die Arbeit vor – etwa, indem man Meetings, die nichts bringen, einfach auslässt. Ist ein Fernbleiben nicht möglich, rät sie dazu, sich zumindest keine Notizen zu machen. „Haben Sie jemals die Notizen, die Sie sich während eines Meetings gemacht haben, hinterher noch einmal angeschaut?“

Ähnliche Tipps verteilt sie schließlich auch noch in den Bereichen Freunde, Bekannte, Fremde und am Ende in der eigenen Familie. Da sei es am schwierigsten, weil man sich gegenüber Verwandten doch auch pflichtschuldig fühlt. Mancher Familienfeier, meint man, kann man einfach nicht entkommen. Aber auch hier rät Knight dazu, das Pflichtgefühl nicht zu wichtig zu nehmen, nur, weil diese Menschen dieselbe DNA haben.

Natürlich, die Gefahr ist da, dass man mit dieser Attitüde gelegentlich als zickig, vielleicht gar als soziopathisch gesehen wird. Ob ein Team, etwa im Beruf, dann auch funktioniert, wenn alle darauf scheißen, darauf liefert Knight keine Antwort. Vermutlich klappt das nur, solang es genügend andere gibt, die dann auch die unangenehmen Aufgaben übernehmen, zu denen die Nein-Sager keine Lust haben. Jene, die es nicht schaffen, Nein zu sagen. Wäre spannend, wie lang ein System hält, wenn sie dann auch alle „Scheiß darauf“ sagen.

 

Buchtipp

„Not Sorry. Vergeuden Sie Ihr Leben nicht mit Leuten und Dingen, auf die Sie keine Lust haben.“
Sarah Knight, Ullstein Extra, 15,50 Euro.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.08.2016)

Leute, die sagen, dass sie sprachlos sind

Wer sagt, dass er nichts zu sagen hat, bedient das Paradoxon vom schweigenden Sprechen.

Zu den Dingen, die einen so richtig sprachlos machen, gehören auch Leute, die sagen, dass sie sprachlos sind. Schweigend ins Gespräch vertieft, quasi. Wäre es nicht authentischer, in einem solchen Moment tatsächlich nichts zu sagen? Mit offenem Mund dazustehen, die Situation auf sich wirken zu lassen? Und nicht einfach aus dem Glauben heraus, etwas sagen zu müssen, nur zu sagen, dass man nichts zu sagen hat? Und selbst, wenn man glaubt, etwas zu sagen zu haben, heißt das nicht, dass es etwas Sinnvolles sein muss. „Dann siehst du einmal, wie es ist, wenn . . .“ ist eine dieser Phrasen. Es ist nicht viel mehr, als jemandem eine schlechte Erfahrung zu wünschen oder sich an einer bereits erlebten zu weiden. Es ist die erwachsene Version des kindlichen „Nichts getroffen, Schnaps gesoffen, eh oh eh!“. Aus dem Alter sollten wir eigentlich schon draußen sein, oder?

Gerhard Bronners „Ich weiß zwar nicht, wo ich hinwill, aber dafür bin ich schneller dort“ (ja, das ist nicht das Original im Wienerischen, sondern eine Abwandlung auf Hochdeutsch, aber man soll das ja auch jenseits des österreichischen Tellerrands verstehen) scheint heutzutage auch das Sprachliche erreicht zu haben. Apropos „heutzutage scheint“ – das heißt nicht, dass früher alles besser war. Das ist nämlich genauso unsinnig. Ja, damals im Mutterleib war es noch schön warm und behaglich. Aber wollen wir wirklich dorthin zurück? Immerhin, einen Vorteil hätte das: Der Druck wäre weg, zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Ob man nun eine Ahnung davon hat oder nicht. Hauptsache meinungsstark, irgendetwas wird schon stimmen daran. Und wenn nicht, macht es eigentlich auch nichts. Hört eh keiner so genau zu, weil jeder damit beschäftigt ist, selbst etwas zu sagen. Und sei es nur, dass man eigentlich gerade gar nichts zu sagen hat. Gibt es eigentlich auch das Wort schreiblos?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.08.2016)

Leute, die ihr SMS mit Kürzel unterschreiben

Immer noch besser als ohne Absender, denn da könnten auch Hinz und Kunz dahinterstecken.

Effizienz ist wichtig. Bei schnellen Nachrichten per Mail, SMS oder WhatsApp sowieso. Und trotzdem wirkt es gelegentlich seltsam, wenn Freunde am Ende lediglich ein Kürzel setzen, „lg cc“ zum Beispiel. Als ob man es nicht wert wäre, mit vollem Namen verabschiedet zu werden. Und schon kullert eine Träne der Enttäuschung . . . na gut, jetzt nur nicht pathetisch werden. Immer noch besser, als den Absender ganz wegzulassen. Das ist vor allem dann spannend, wenn die Nummer des Senders nicht im Handy eingespeichert ist. Und das „Ich freu mich auf dich“ niemandem zugeordnet werden kann. Da könnten ja wirklich Hinz und Kunz dahinterstecken. Diese Redewendung für jedermann leitet sich übrigens von den Kurzformen der Namen Heinrich und Konrad ab, die im Mittelalter sehr verbreitet waren. Hätten Hinz und Kunz in England gelebt, hätte man sie dagegen Tom, Dick and Harry genannt – was insofern dumm ist, als statt zwei plötzlich gleich drei dieser jedermanns da wären. Was aber Pierre, Paul ou Jacques in Frankreich und Fulano, Zutano y Mengano in Spanien auch nicht anders gegangen wäre. Offenbar ist die deutsche Sprache da sparsamer. Meinten auch Otto Normalverbraucher und Max Mustermann, die ja beide den kleinen Mann von der Straße verkörpern. Jeder für sich einzeln, natürlich. Oder haben Sie die beiden jemals gleichzeitig im selben Raum gesehen?

Matti Meikäläinen (Matti Unsereiner) ist übrigens das finnische Äquivalent zum Platzhalternamen à la Herr und Frau Österreicher. Die gibt es auch in der Schweiz, nur dass sie dort Schweizer heißen, und nicht Österreicher. Von Herr und Frau Deutscher hat man dagegen noch kaum etwas gehört. Was aber noch immer nicht die Frage beantwortet, von wem nun das SMS geschickt wurde. Na ja, er oder sie wird sich schon wieder melden, wenn es wichtig ist. In diesem Sinne, lg eko

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.07.2016)

Endlich Zeit für ein mieses Buch und schlechten Wein

Der Herbst ist schön, vor allem um diese Jahreszeit. Da kann man endlich wieder was drinnen machen.

Noch immer kein Lebkuchen im Supermarkt? Zuletzt hätte sogar das Wetter dazugepasst. Der Herbst ist ja wirklich schön, vor allem um diese Jahreszeit. Es kursierten sogar schon fast winterliche Nachrichten von einem türkischen Punsch. War aber offenbar nur ein Verhörer, der so dumm ist, dass man eigentlich gar nicht darüber reden sollte. Der eigentliche Begriff kommt übrigens aus der Schweiz. Putsch bedeutet im dortigen Dialekt soviel wie „Stoß“ oder „Zusammenstoß“. Was man nicht alles lernt, wenn man daheim vor dem Ofen sitzt und mit klammen Fingern ein altes Lexikon durchstöbert. So alt, dass es darin sogar noch die Sowjetunion gibt. Vielleicht sollte man ja mit dem Buch einmal ein Update machen, so wie der Adobe Flash Player auf dem Rechner es fast täglich vorschreibt. Nicht, dass man dann einen Unterschied merken würde, aber bitte.

Während der Rechner in den Update-Modus geht („Update 1 von 365 wird installiert. Bitte schalten Sie den Computer nicht aus.“), kann man ein paar Maroni auf den Ofen legen und sich dem herbstlichen Vergnügen hingeben. Endlich Zeit für ein mieses Buch und ein Glas schlechten Wein. (So hört man das selten, nicht wahr? Warum sagt man dann jedes Mal dazu, dass es ein gutes Buch ist? Muss man dann eigentlich ein Buch schon zum zweiten Mal lesen, weil wie will man sonst wissen, ob es gut ist? Und warum muss jedes Mal betont werden, dass man das Wochenende nützt, um einmal richtig schön auszuschlafen? Schirch ausschlafen wird man ja wohl ohnehin kaum. Apropos, schirch ist so ein Wort, das geschrieben immer schirch ausschaut, ob schiach, schiarch oder schirch. So, wo waren wir? Ach ja, Klammer zu.) Und während im Kamin die Flammen ein heimeliges Knistern erzeugen, blättert man nach guten Zitaten – und findet eines von Mark Twain: „Jeder schimpft auf das Wetter, aber keiner tut etwas dagegen.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.07.2016)

Leute, die am Ende eines Satzes „Punkt“ sagen

Der ausgesprochene Punkt nach einer Aussage ist das weltliche „Roma locuta, causa finita“.

Punktuell nerven Menschen, die einen Punkt machen. Wenn es denn wenigstens ein guter Punkt wäre, doch manche setzen ihn allzu gern als gesprochenes Stilmittel ein, um eine Aussage apodiktisch wirken zu lassen. Die Erde ist eine Scheibe, Punkt. Am liebsten würde man da ein Rufzeichen hervorziehen, um den Punkt damit zu erschlagen. Apropos, wie macht man eigentlich ein Rufzeichen richtig? Punkt vor Strich, wie man es in der Mathematik gelernt hat? (Ja, der war schlecht. Punkt.) Aber zurück zum gesprochenen Punkt am Satzende. Er suggeriert, dass damit das Ende der Debatte erreicht ist, er ist das weltliche „Roma locuta, causa finita“. Nur, dass er nicht ganz so arrogant wirkt wie ein gebieterisches „Basta“, sondern seinen harten Inhalt hinter einer sanften Maske verbirgt. Denn ein Satzzeichen an sich kann ja nichts Böses sein, nicht?

Interessant ist, dass der Punkt in der gesprochenen Sprache weitgehend konkurrenzlos ist. Kaum jemand würde einen Satz damit abschließen, lauthals „Rufzeichen!“ auszurufen. Und Leute, die das Fragezeichen am Ende einer Frage aussprechen, dürfen wohl auch zu Recht vermuten, dass sie einer ziemlichen Minderheit angehören. Von jenen, die mitten im Satz „Beistrich“ plärren, gar nicht zu reden. „Klammer auf“ und „Klammer zu“ hört man hingegen recht häufig, während Anführungszeichen eher in der nonverbalen Kommunikation eingesetzt werden – Sie wissen schon, das sind dann die Leute, die Zeige- und Mittelfinger beider Hände synchron beugen und strecken. Eine ziemlich überflüssige Geste, übrigens. Punkt.

Wer allerdings auch nur darüber nachdenkt, ausgesprochene Leerzeichen in einer Debatte als Stilmittel zu verwenden, sollte dringend einen Punkt machen. Solang er nicht am Ende des Satzes ausgesprochen wird. Klammer auf. Das geht nämlich gar nicht. Klammer zu.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.07.2016)

Warum muss man etwas immer scharf kritisieren?

Heute ist ja viel vom Einsparen die Rede. Wie wäre es zum Beispiel mit ein paar Adjektiven?

Als harmoniebedürftiger Mensch kommt man ja nicht so oft in die Situation, etwas scharf kritisieren zu müssen. Aber manchmal muss es eben sein. Warum, bitte schön, muss man etwas immer scharf kritisieren? Wäre es ohne nicht genauso gut? Warum muss man etwas scharf verurteilen? Warum muss ein Zeuge jemanden immer schwer belasten? Und abgesehen davon, warum muss ein Urlaub immer wohlverdient sein? Auch faule Menschen haben schließlich einen gesetzlichen Urlaubsanspruch. Warum muss ein Arbeitstag immer lang sein? Warum muss jemand immer hart schuften? Da ließen sich ein paar Adjektive locker einsparen. (Ja, auch das locker.) Warum muss ein Sieger immer strahlend sein? Warum muss eine Witwe immer trauernd sein? Warum müssen Einschnitte immer schmerzhaft sein? Schon klar, die Zinsen sind niedrig und ein paar Adjektive auf dem sprachlichen Sparbuch werfen nicht viel ab. Aber beim Einsparen geht es ja auch darum, sich frei von Ballast zu machen.

Warum muss Geschrei immer laut sein? Warum muss eine Bestie immer grausam sein? Warum muss eine Eizelle immer weiblich sein? Warum muss ein Vegetarier immer überzeugt sein? Warum muss ein Muslim immer gläubig sein? Warum muss der Alltag immer grau sein? Warum muss Langeweile immer tödlich sein? Warum muss Verlangen immer brennend sein? Warum muss Vergnügen immer königlich sein? Warum müssen Wiesen immer saftig sein? Warum müssen Kinderaugen immer leuchtend sein? Warum muss Sarkasmus immer beißend sein? Warum muss Aufklärung immer lückenlos sein? Warum muss Lärm immer ohrenbetäubend sein? Warum muss Schweigen immer misstrauisch sein? Warum müssen Schreie immer gellend sein? Und warum muss ein Mord immer brutal sein? Was denn sonst, vielleicht sanft? Ich verurteile das auf das Schärfste!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.07.2016)

Leberwurst, der Tomatensaft des Frühstücksbuffets

Streichwurst aus kleinen Packungen schmiert man sich doch auch nur in Hotelbuffets auf das Gebäck.

Sie gehört zu den mittlerweile zu Tode diskutierten Mysterien der Menschheit, die Frage, warum Menschen in Flugzeugen Tomatensaft trinken, obwohl sie das mit echtem Boden unter den Füßen nie machen würden. Darum walzen wir das nicht weiter aus, sondern widmen uns dem viel weniger beachteten Phänomen der Leberstreichwurst. Die taucht nämlich regelmäßig in kleinen Packungen auf Frühstücksbuffets von Hotels auf. Nur dort. Kein Mensch isst so etwas daheim. (Sie, der Sie jetzt „Ich schon“ schreien, mögen sich bitte den Aufkleber mit „statistischer Ausreißer“ stolz an die Brust heften.) Darum ist die Streichwurst auch so magisch, wenn sie da liegt in diesen süßen Plastiktiegeln. Wurst scheibchenweise auf das Brot legen kann man daheim auch, hier streicht man sich den fleischigen Inhalt einer dieser Puppenhauspackungen fast schon spielerisch auf das Gebäck – shine on you, crazy Leberwurst.

So aufregend kann eine schnöde Extrawurst nie sein. Und doch lässt sich über diese scheinbar unspektakuläre Wurstsorte viel erzählen. Dass sie etwa in Deutschland nur als Redensart für einen Sonderwunsch existiert. Hat die Extrawurst einen höheren Anteil an Muskelfleisch und weniger Speck, darf sie sich Pariser Wurst nennen. Abgefüllt in kleine Würste spricht man von Knackwurst. In Italien gilt die Brühwurst unter dem Namen Mortadella als Spezialität. Die Franzosen kennen sie als Lyoner, nennen sie allerdings Cervelas. Und in Finnland wird sie lauantai makkara genannt, was so viel heißt wie Samstagswurst. So viel spannende Information muss man zur Leberwurst erst einmal finden. Und dann ist da noch der spielerische Aspekt – mehrere verschiedene Varianten von Extrawurst blind verkosten und schauen, ob man den Unterschied erkennt. Eine Extrawurst-Challenge ist sogar noch aufregender als Leberwurst. Die letzten Abenteuer der Menschheit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.06.2016)

Die Empörung liegt gern auf der zweiten Silbe

Nicht jeder Name eignet sich, um damit angekeift zu werden. Dreisilbige Namen sind dafür optimal.

Manche Namen eignen sich besser, um von jemandem mit pikiertem Blick angekeift zu werden. In der Regel sind das jene mit drei Silben, weil sich da ein Vokal besonders schön lang ziehen lässt. Bei einer Sabine kann man zum Beispiel die Empörung in der mittleren Silbe geradezu spüren. Als würde Fräulein Rottenmeier voller Entrüstung beim „i“ mit der Stimme hochgehen, den Vokal lange halten und die dritte Silbe fast schlucken. Nun wissen wir, dass die Hausdame aus Johanna Spyris bekanntestem Roman es nie mit einer Sabine zu tun hatte, sondern mit der titelgebenden Heidi. Die nannte sie natürlich dreisilbig, damit sie bei Adelheid die erste Silbe lang ziehen konnte. Aus ihrer Sicht logisch, denn jemanden mit zweisilbigem Namen verbal zu tadeln, ist nicht annähernd so effektvoll. Heidi! Na ja, Sie sehen schon. Fast unmöglich ist es, seine pädagogische Autorität in einen einsilbigen Namen zu legen – einen Kurt pikiert anzuschreien, ist hart. Ohne nachfolgendes „du, du, du!“ bleibt da nicht viel hängen.

Vielleicht sind ja deswegen in Deutschland Doppelnamen so beliebt. Der erste einsilbige Teil dient dazu, die Aufmerksamkeit des Angesprochenen zu erhaschen, beim zweiten Namen kann die Stimme gehoben und die Empörung hineingelegt werden. Hans-Joachim – Betonung auf dem „jo“ – funktioniert also blendend. Spielen Sie das mit Kai-Uwe, Klaus-Werner oder Ben-Luca durch. Gut, natürlich gibt es auch andere Fälle – Karl-Heinz eignet sich etwa nur bedingt zum Anschreien. Bei Pocahontas-Annegret weiß man auch nicht so recht, welche Silbe man im Fall der Empörung am stärksten betonen soll. Im Zweifelsfall kann man einfach ein „du“ voranstellen und danach einen mindestens zweisilbigen Begriff einfügen, wird halt oft ein unfeiner sein. („Du Trottel“ – Betonung auf „o“) Und ja, mit „Sie“ geht es genauso. Hauptsache, Sie können die zweite Silbe schön dehnen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.06.2016)

Leute, die „nur so hypothetisch“ sagen

Das endlose Ausreizen des Unwahrscheinlichen lässt sich in Phrasen packen – nur so theoretisch.

Nur so hypothetisch, aber gehen Ihnen Leute, die „nur so hypothetisch“ sagen, nicht auch furchtbar auf die Nerven? Die einen, die es sagen, formulieren danach etwas ganz und gar Reales. Nur, dass sie mit der akademischer wirkenden Variante des „was wäre, wenn“ das Gegenüber in Sicherheit wiegen wollen. Oder die Redewendung, im Gegenteil, als Drohung einsetzen. Nur so hypothetisch, aber wäre doch schade, wenn Ihrer Katze etwas zustoßen würde. Die anderen wiederum spinnen dann die abstrusesten Gedanken, wollen den absonderlichsten Sonderfall, der eintreten könnte, detailliert besprechen. Nur so hypothetisch, also falls ein zweieinhalb Meter großer Zivilpolizist mit grüner Haut und einer Laserkanone plötzlich vor mir steht, mache ich mich dann wirklich der Beamtenbeleidigung strafbar, wenn ich mit dem Aufschrei „Oh, mein Gott“ die Tür vor ihm zuknalle? Darüber sollte man jedenfalls gesprochen haben, nicht auszudenken, wenn man auf diese Situation nicht ausreichend vorbereitet wäre. Kleiner Tipp am Rande – das endlose Ausreizen des Unwahrscheinlichen mit der Einleitung „Wie ist das eigentlich, wenn . . .“ ist auch nicht viel besser.

„Nur so theoretisch“, der kleine Bruder der hypothetischen Einschränkung, funktioniert übrigens nach dem gleichen Muster. Nur so theoretisch, also falls ich meinen günstigen Flug schon gebucht habe, bekomme ich dann eh genau in dieser Zeit Urlaub? Ja, eh. Nehmen wir einfach mal an, dass diese kleine rhetorische Finte augenzwinkernd zur Kenntnis genommen wird. Aber bleiben wir noch kurz beim Thema – nämlich dabei, dass ein Fall, der mit einem „nur falls“ angekündigt wird, definitiv eintritt. Und man bei der Verkündung der Nachricht am liebsten einfach verschwinden würde. Aber, nur mal angenommen, wenn ich mich selbst schlucken könnte, käme ich dann wieder aus mir heraus?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.06.2016)

#Gategate

Vom Wassertorskandal blieb nur das Tor übrig, das öffnet sich dafür heute fast schon überall.

Angefangen hat alles mit dem Wassertor. Was für ein seltsamer Name, meinen Sie? Korrekt. Hätte vor ein paar Hundert Jahren irgendjemand des Nachts versucht, im Tower of London Abhörgeräte zu installieren, würde der Name vielleicht auf das dort befindliche St. Thomas’s Gate zurückgehen – oder eben Water Gate, wie es ebenfalls genannt wurde. Nur waren Wanzen damals dort maximal in den Betten zu finden und eigneten sich nicht zur elektronischen Überwachung des politischen Gegners. Und so bezieht man sich eben auf den Watergate-Gebäudekomplex in Washington, D.C., wenn von einer Affäre die Rede ist. Weil es dort in den 1970er-Jahren halt ein paar Missbräuche von Regierungsvollmachten gegeben hat, ein bisschen Ausspionieren und so. Wassertorskandal! Und alle nicken wissend. Nur, dass man es mit dem Wasser dann nicht einfach sein ließ, sondern das Gate als Suffix für alles entdeckte, das irgendwie ein bisschen dings ist.

Da wurde eine Spendenaffäre eines ehemaligen deutschen Bundeskanzlers zum Kohlgate gemacht. (In Deutschland spricht man das englische Gate übrigens Ga-Te aus, aber das wissen Sie ohnehin aus der Fernsehwerbung.) Ein Busenblitzer von Janet Jackson wurde zum Nipplegate hochgejazzt (warum sagt man in diesem Zusammenhang eigentlich das deutsche „jatzt“ statt des englischen „dschessd“?). Und die Vorgänge rund um gefälschte Abgastests bei VW wanderten unter dem Schlagwort Dieselgate in die Lexika des aktuellen Geschehens. Heute muss ein Vorgang noch nicht einmal geschehen sein, schon finden findige Gatekeeper, dass das Gate noch nicht weit genug geöffnet ist und basteln ein lustiges neues Gate. Das gate mir schon ein bisschen auf die Nerven. Immerhin kann man mittlerweile fast schon von einem Gategate sprechen.

Und weil Gate in seiner ursprünglichen Bedeutung Tor bedeutet, wird es bei der Fußball-EM sicher auch ein Torgate geben. Vermutlich von einem Goalgater.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.06.2016)