Brennstab zum Frühstück und arrogantes Gemüse

Stanniolpapier wird zu Konfetti, Eierschale bricht wie ein Deckenfresko – und womit kämpfen Sie so?

Ihre Probleme möchte ich haben, werden Sie jetzt sagen. Gern, bitte sehr. Könnten Sie dann bitte das Stanniolpapier von der Mozartkugel pulen! Hat die nämlich schon einen kleinen Fettreif gebildet (Sie kennen das, diesen weißen Film auf der Oberfläche), weil sie ein bisschen zu lange im Küchenregal gelegen ist, reißt die Folie und bleibt in Hunderttausend kleinen Konfettistückchen auf der Schokolade kleben. Immerhin macht man sich die Finger dabei nur fettig und verbrennt sie sich nicht – so wie mit dem weichen Ei im Kaffeehaus. Das wird offenbar in einem eigens ausgebrochenen Vulkan in der Küche zubereitet. Und nachdem es aus der Lava gefischt wurde, hält es niemand für nötig, es mit kaltem Wasser abzuschrecken. Klar, dass die Schale dann wie ein brüchiges Deckenfresko mühsam Stück für Stück abgetragen werden muss. Unter Schmerzen, weil die Finger schon Blasen werfen. Profitipp: Das Glas Wasser zum Frühstückskaffee kann als Abklingbecken genutzt werden. Beginnt es zu blubbern oder verdampft das Wasser, hat man Ihnen statt des Eis versehentlich einen Brennstab serviert.

Wenn wir gerade beim Essen sind: Finden Sie nicht auch, dass Romanesco das arroganteste unter den Gemüsen ist? Mit diesen feinen Türmchen, diesen fraktalen Strukturen liegt er im Regal und kommt sich unglaublich gut vor. He, schaut her, ich bin viel cooler als der schnöde Karfiol. Yeah, Baby, wie findet ihr meine Fibonacci-Spiralen? Am liebsten würde man ihn gleich in das blubbernde Glas mit dem Ei werfen – falls Sie ihn ins Kaffeehaus mitgenommen haben, natürlich. Dazu lässt man sich Senf im Portionsbeutel bringen, an dessen Sollreißstelle (gibt es das Wort?) „Hier öffnen“ steht. Und an der man so lange herumreißt, bis der Ober mit mitleidigem Blick eine Schere bringt. Und, noch immer sicher, dass Sie meine Probleme haben wollen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.05.2016)

In Prenzlauer Berg sind sogar die Fleischfliegen aus Tofu

Artikel von Bezirken und Orten haben manchmal ihre ganz eigene Logik. Nicht nur in Deutschland.

Beginnen wir mit ein paar alten Zoten, dass der Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg geprägt ist von Caffè-Latte-Mamas, Radfahrern mit Bart und Männerdutt und nicht zuletzt von veganen Bewohnern. So vegan, dass in Prenzlauer Berg sogar die Fleischfliegen aus Tofu sind. Aber Sie haben recht, das wäre billig. Und das eigentlich Interessante am vorhergehenden Satz ist doch eigentlich die Präposition davor – „in“ Prenzlauer Berg. Klingt komisch, schließlich würde der Instinkt erstmal „am“ vorschlagen – oder „im“, wenn man sich die Bewohner des Bezirks als Gold schürfende Zwerge aus einem Tolkien-Roman vorstellt. So sagt man es aber nicht. Und damit ist es für Auswärtige anfangs etwas ungewohnt. Genauso wie der Ortsteil Tiergarten – da steht man dann im Zoologischen Garten (ein Zoo) im Großen Tiergarten (ein Park) in Tiergarten (der Ortsteil). Klar, ne? Dann wäre da noch der Ortsteil Wedding – der hat nämlich ein „der“ davor, und man befindet sich demnach „im Wedding“. Das wiederum geht darauf zurück, dass dort früher ein Gutshof eines adeligen Herrn de Weddinghe war. Früher wohnte man auf, heute im Wedding. Auch außerhalb Berlins finden sich Ortsnamen, deren Artikel ungewohnt wirken. Aber Wuppertal ist nun mal eine Stadt und kein Tal, darum ist man nicht im, sondern in Wuppertal, das halt im Tal der Wupper liegt.

Aber eine typisch deutsche Eigenheit ist das nun auch wieder nicht. Auch in Österreich gibt es viele Ortsnamen, deren Artikel nicht ganz zur Endung passt. Das weiß man dann halt aus Erfahrung – und man kann sich über die Auswärtigen amüsieren, die meinen, dass man in der Klosterneuburg sein Dasein fristen muss, dass man im Altlengbach sitzen kann oder im Altaussee auf bessere Zeiten hofft. Aber das besprechen wir am besten bei Gelegenheit einmal im Floridsdorf. Oder am Simmering – wo immer dieses Simme auch sein soll.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.05.2016)

Leute, die in der Toilette noch Bücher liegen haben

111 Bücher, die man am stillen Ort gelesen haben muss – dank Smartphones leider ausgestorben.

Vermutlich gibt es sie sogar schon, eine Dissertation, die sich der Frage widmet, wie sehr sich die Aufenthaltsdauer auf öffentlichen Toiletten seit Einführung des Smartphones geändert hat. Ganz ohne Statistik, nur auf anekdotischem Wissen aufgebaut, ist die Hypothese, dass die Dauer des Stuhlgangs sich direkt proportional zur Länge des Artikels verhält, der gerade auf dem Display angezeigt wird. Klar, oft sind es gar keine längeren Texte, sondern Katzenfotos oder kurze Videos von kleinen Hamstern, die kleine Tacos essen. Aber erstens ist das nicht so wichtig und zweitens na und. Der Kern der Botschaft ist nämlich, dass das Gerät die eigentliche Dauer des Besuchs in der Kabine in jedem Fall verlängert. Besonders verräterisch dabei sind jene Zeitgenossen, die noch Tastentöne verwenden – lustige Idee, eigentlich, auf einem glatten Display, aber soll so sein. Und auch, wenn auf einer Website ein Video automatisch startet und die wartende Schlange vor der Tür mitzusingen beginnt, sollte man sich ertappt fühlen.

Die „Früher war alles besser“-Fraktion braucht nun allerdings nicht ihren Sermon anzustimmen. Zugegeben, weniger auf öffentlichen Toiletten, aber in der heimischen Nasszelle lag doch früher so ziemlich alles von Gartenkatalog bis Wochenmagazin. Gelegentlich auch Comics oder diese Bücher mit sehr kurzen Kapiteln – Toilet Literature, das Gegenteil von Coffee Table Book. Gerade, dass es in Buchhandlungen nicht eine eigene Abteilung dafür gab – 111 Bücher, die Sie am Klo gelesen haben müssen, oder so. Heute ist das Toilettenbuch allerdings in Vergessenheit geraten. Schade, eigentlich. Bei Besuchen in anderen Wohnungen konnte man so viel darüber lernen, womit die Gastgeber ihre stillen Momente verbringen. Oder wie sehr sie dabei bluffen – denn ganz ehrlich, Tolstois „Krieg und Frieden“ neben dem Klobesen ist schon ein bisschen übertrieben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.05.2016)

Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten

Im Juni 2012 hätte in Berlin der neue Flughafen offiziell eröffnen sollen. Seit damals wurde der Termin mehrfach verschoben. Auch die geplante Inbetriebnahme Ende 2017 wackelt.

„Euer Flughafen, auf dem wir heute gelandet sind, ist ein bisschen alt. Vielleicht solltet ihr einen neuen bauen!“ Die Pointe saß. Und das Publikum im Berliner BKA-Theater, das zum Auftritt des Wiener Duos Christoph & Lollo gekommen war, lachte an der dafür vorgesehenen Stelle. Warum auch nicht, denn längst gehört der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER), der noch immer nicht eröffnet wurde, zur Berliner Identität. Sogar ein eigenes Witzgenre gibt es – etwa auf Postkarten mit dem abgewandelten Mauer-Zitat von Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten.“

„Es ist immer noch möglich, 2016 den Bau zu beenden und 2017 zu fliegen“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller, vor rund zwei Wochen nach einer Sitzung des BER-Aufsichtsrats. Mit der Einschränkung, dass er sicher nicht um vier Wochen streiten werde. Eine Hintertür, um auch einen Eröffnungstermin 2018 schon einmal vorsichtig anzudeuten. Doch, so hieß es, man wolle den Druck im Kessel lassen. Oder eine weitere Blamage noch ein wenig hinauszögern. Dass die dazu für 13 Uhr angesetzte Pressekonferenz erst kurz vor halb vier begann, passte da gut ins Bild.
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Brandschutzanlage. Es hätte so schön werden können am 3. Juni 2012. Viele Reisende hatten bereits ihre Tickets für den Tag, an dem sie als Erste den neuen Flughafen im Echtbetrieb ansteuern wollten. Seit Monaten waren Komparsen auf dem Gelände unterwegs gewesen, hatten den Flughafen im Probebetrieb getestet. Koffer wurden aufgegeben, Boardingkarten ausgestellt und Sicherheitschecks durchgeführt. Nur geflogen wurde noch nicht. In Zeitungen wurden schon freudige Ausblicke auf die Eröffnung gebracht. Doch dann kam Dienstag, der 8. Mai.

Da verkündete die Betreibergesellschaft auf einer Pressekonferenz, dass sich der Termin nicht halten lasse. Die Sicherheitsanlagen für den Brandschutz, so hieß es, hätten noch nicht den Reifegrad gehabt, der eine Abnahme erlaubt hätte. Von mehreren Wochen Verspätung war die Rede, später von August oder September.

Es war nicht das erste Mal, dass die Eröffnung nach hinten verlegt worden war. Nur war man vorher noch nie so nahe am offiziellen Start gewesen. 2002 hatte man einen Beginn im Jahr 2008 vorgesehen. Als 2003 die private Finanzierung der Arbeiten scheiterte, wurde das Projekt von öffentlicher Hand weitergeführt. 2006 erfolgte schließlich der Spatenstich, im November 2011 sollte eröffnet werden. Doch die Pleite einer Planungsfirma und verschärfte Sicherheitsbedingungen sorgten im Juni 2010 dafür, dass man diesen Termin nicht halten konnte und nun der 3. Juni 2012 angepeilt wurde.

Auf dieses Datum war schließlich alles ausgerichtet. Der bisherige Hauptflughafen in Tegel sollte obsolet werden, der Flughafen Schönefeld sollte im neuen BER aufgehen. Den alten Flughafen in Tempelhof hatte man schon im Oktober 2008 geschlossen. Zwei Flughäfen, die 2012 bereits hätten eingemottet werden sollen, tragen also seit vier Jahren die gesamte Last, die eigentlich der neue Flughafen tragen sollte. Der Luftverkehr in der deutschen Hauptstadt wächst noch dazu seit 13 Jahren in Folge rasant an, vergangenes Jahr verzeichnete man in Berlin 29,53 Millionen Passagiere, 2016 sollen es mehr als 30 Millionen sein.

Während also die Fluggäste durch die altersschwachen Terminals von Tegel und Schönefeld gelotst werden, wird am BER weitergebaut. Wobei es zunächst erst einmal darum ging, das komplette Ausmaß der Probleme zu erheben. Und das war größer, als es die Verantwortlichen rund um die Absage der Eröffnung absehen konnten. Da kam etwa heraus, dass manche Rolltreppen zu kurz waren, in der unterirdischen Betankungsanlage teilweise Rohrstücke nicht ineinanderpassten, die Gepäcksanlage nicht funktionierte, die Kühlaggregate der IT zu schwach waren, in einigen Treppenhäusern die Treppengeländer unvollständig montiert waren, die Notstromversorgung nicht funktionierte – und dann war da eben auch noch der Brandschutz.

16.000 Brandmelder, mehr als 50.000 Sprinklerköpfe, 3400 Klappen in kilometerlangen Zu- und Abluftkanälen, 81 Ventilatoren – es ist ein komplexes System, das in dem Terminal mit 320.000 m Bruttogeschoßfläche installiert wurde. Nur funktionierte es nicht. Manche Teile waren etwa ohne Zulassung des TÜV verbaut worden. Als dann im April 2012 klar wurde, dass die Entrauchungsanlage bis zum Eröffnungstermin nicht bewilligt werden würde, erwog man sogar, 700 Hilfsarbeiter zu engagieren, die im Notfall die Türen händisch öffnen sollten. Eineinhalb Jahre nach der geplatzten Eröffnung war schließlich klar, dass die gesamte Anlage fehlerhaft geplant war. Unter anderem sollte bei Bränden Rauch nach unten abgepumpt werden – wider die Regeln der Physik, nach der heiße Gase aufsteigen.

Kein Ingenieur. Als wäre das nicht genug, kamen dazu Korruptionsvorwürfe, Personalwechsel und weitere überraschende Erkenntnisse – so stellte sich etwa bei einem Explaner heraus, dass er gar kein Ingenieur war, sondern nur technischer Zeichner. Die Politik schob Verantwortungen hin und her – der damals Regierende Berliner Bürgermeister, Klaus Wowereit, legte 2013 sein Mandat als Aufsichtsratsvorsitzender zurück, nahm es nach dem Rückzug seines Nachfolgers, Matthias Platzeck, aber wieder an, ehe er Ende 2014 komplett zurücktrat.

Wäre es mittlerweile nicht einfacher, Berlin komplett abzubauen und neben einem funktionierenden Flughafen wieder aufzubauen? Scherze wie diese tauchten auf, nachdem der geplante Eröffnungstermin immer wieder nach hinten verlegt wurde. Der wahre Kern hinter dem Scherz: Es ist leichter, etwas von Grund auf neu zu bauen, als bei solch einem großen Projekt noch nachträglich massive Änderungen einzuarbeiten. Dass die Komplexität immer wieder unterschätzt wurde, zeigt sich daran, welche Eröffnungstermine im Lauf der Jahre kolportiert wurden. 2013, 2014, 2015, möglicherweise erst 2016 – der aktuelle Stand ist nach wie vor 2017 mit Option auf 2018.

Doch selbst daran gibt es mittlerweile Zweifel. In deutschen Medien wird gern Dieter Faulenbach da Costa als Experte zitiert – der ehemalige Flughafenplaner nannte im April als realistischen Eröffnungszeitpunkt das Jahr 2019, zuletzt bezweifelte er sogar, dass der BER überhaupt jemals eröffnen wird. Weil mit den Umbauten in die Systemarchitektur eingegriffen wurde, sei die Anlage funktionsunfähig. Und zuletzt tauchte ein weiteres Problem auf – dass nämlich das Terminal und der dazugehörige unterirdische Bahnhof nicht voneinander getrennt entraucht werden können. Genau das muss aber möglich sein. Mit zwei zusätzlichen Glastürmen, die eine Verbindung nach außen schaffen, soll dieses Problem gelöst werden. Nun beginnt das Warten, ob diese Lösung auch genehmigt wird.

Trennung nach Ehrlichkeit. Es hakt aber längst nicht nur an der Technik – auch die Kommunikation nach außen wirkt alles andere als souverän. So trennte man sich im April von Pressesprecher Daniel Abbou, nachdem der in einem Interview sehr offen über die Versäumnisse am Bau gesprochen hatte: „Kein Politiker, kein Flughafendirektor und kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen“, hatte er unter anderem gesagt.

Sollte der Flughafen 2017 eröffnen, hätte er nach derzeitigem Stand drei Flughafenmanager und drei Aufsichtsratsvorsitzende verschlissen. Die Kosten stiegen – einschließlich zwischendurch beschlossener Erweiterungen – seit dem Spatenstich von zwei auf 5,4 Milliarden Euro. Und ganz abgesehen davon – ein prestigeträchtiges Rennen hat man in jedem Fall schon verloren: Die Hamburger Elbphilharmonie, das zweite deutsche Endlosprojekt, das mit massiven Verzögerungen und Baukostenüberschreitungen kämpfte, feiert im Jänner 2017 ihre Eröffnung.


Chronologie:

  • 1996 fassen Berlin und Brandenburg den Entschluss, einen neuen Flughafen in Berlin-Schönefeld zu bauen.
  • 2002 wird die Grundsatzvereinbarung unterzeichnet, geplanter Start ist 2008.
  • 2006 folgt der Spatenstich, im Juli 2008 wird der Bau des Terminals begonnen.
  • 2010 wird die geplante Eröffnung wegen der Pleite einer Planungsfirma von November 2011 auf den 3. Juni 2012 verschoben.
  • 2012 kommt vier Wochen vor der geplanten Eröffnung der Stopp – im Mai wird März 2013 zur Eröffnung angepeilt. Im September verschiebt man auf Oktober 2013.
  • 2013 gibt es im Jänner eine weitere Verschiebung – frühstens 2014, eventuell erst 2015.
  • 2014 gilt eine Eröffnung vor Herbst 2016 als unrealistisch. Im November tauchen Unterlagen auf, in denen von Mitte 2017 die Rede ist.
  • 2015 tritt der neue Flughafenchef Karsten Mühlenfeld mit dem Auftrag an, bis Herbst 2017 zu eröffnen
  • 2016 legt sich der Aufsichtsrat im April fest, dass man eine Eröffnung Ende 2017 weiter schaffen will.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.05.2016)

Mit Fettglasur lässt sich kein Punschkrapfen bewerben

Manche Begriffe eignen sich nicht dazu, sie als verkaufsförderndes Argument einzusetzen.

Nicht jedes Adjektiv wird von einer verkaufsfördernden Aura umweht. Zumindest nicht bei jedem Produkt. Bei Ärzteseife mag es ja plausibel klingen, wenn man sie als „überfettet“ anpreist. Bei Lebensmitteln sind die Zeiten, in denen der Begriff „fett“ positiv besetzt war, vorbei. Eine möglichst hohe Anzahl an Fettaugen galt früher noch als Qualitätsmerkmal, heute mag man die Suppe lieber blind. In der Küche wirft man das Fleisch auch nicht mehr ins heiße Fett, sondern maximal ins Öl. Und selbst das hat einen reduzierten Fettgehalt, der auch gern offensiv angepriesen wird. Spannend, wie man mit weniger von etwas ein Mehr suggerieren kann. Aber gut, es gibt ja sogar ein Gesetz, das das absolute Fehlen von allem als wünschenswerten Zustand festschreibt – das 1999 beschlossene Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich. Sprachlich ist das ein ähnlicher Murks wie ein Label auf Lebensmitteln, das sie als genfrei anpreist. Das ist maximal noch hirnlos.

Aber zurück zum Fett. Und damit zu einem wichtigen Kapitel der österreichischen Dessertgeschichte, dem Punschkrapfen. Derer gibt es nämlich verschiedene. Das Original wird mit Zuckerglasur gemacht. Manche günstige Variante, oft im Mehrfachpack, wird dagegen mit einer Fettglasur überzogen. Der Unterschied ist, wenn schon nicht beim Namen und mit freiem Auge, spätestens beim Anbeißen erkennbar. Die Zuckerglasur gibt unter den Zähnen mit einem weichen „fffd“ nach. Die Fettglasur dagegen bricht mit einem Geräusch, das am ehesten nach „kchrk“ klingt, so wie die Schokohülle beim Eis. Das wird in der Bewerbung auch recht lasziv dargestellt, mit Nahaufnahme von Schmollmund und Zähnen, unter denen die Schokohülle aufknackt wie der Bodenbelag der Westautobahn nach einem Frostschaden. Shine on, you crazy Fettglasur! Komisch, dass den Slogan noch nie jemand verwendet hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.05.2016)

Liebe Kellner, bitte seid nicht immer so fürsorglich!

Warum taucht die Frage „Darf’s noch was sein?“ immer kurz vor der Pointe eines Witzes auf?

Waren Sie mit dem Service zufrieden? In der Regel nötigt die Höflichkeit zu einem Ja. Ähnlich, wie man auf die Frage „Wie geht’s?“ grundsätzlich immer „gut“ sagt, auch wenn man gerade emotional am Zerfließen ist. Das Ja im Restaurant hat aber auch einen ganz praktischen Grund – denn ein Nein würde ein Defizit aufzeigen. Der Effekt wäre, dass sich der Kellner beim nächsten Mal noch mehr bemühen würde. Und genau das muss ja wirklich nicht sein. Ein bisschen weniger wäre manchmal schön. Dass etwa die Frage, ob alles in Ordnung ist, immer genau dann kommt, wenn der Mund gerade voll ist. „Mbapf!“ Oder lieber doch einfach nicken? Die spontane Fürsorge ist auch wunderbar dazu geeignet, einen spannenden Moment abzuwürgen. Wenn der Ober kurz vor der Pointe eines Witzes plötzlich dasteht und fragt, ob es noch etwas sein darf. Operation jokus interruptus erledigt, vielen Dank.

Gut, manchmal auch selbst schuld. Wer vor dem Bestellen seine Seele ausbreitet, muss damit rechnen, dass irgendwann jemand kommt. Aber einen Hund, der bereits im Fressnapf hängt, zieht man ja auch nicht just dann zum Spazieren an die Luft. Und während des Elfmeterschießens im EM-Finale beginnt man ja auch nicht mit dem Staubsaugen. Außer natürlich, dahinter verbirgt sich ein gezielter Angriff. Aber Leute, die glauben, dass Kellner durch ihre fürsorgliche Aufmerksamkeit (oder aufmerksame Fürsorglichkeit?) den Gästen die Unterhaltung vermiesen, damit sie schneller mit dem Essen fertig sind und Platz für die nächsten Gäste da ist, erkennen auch in Kondensstreifen von Flugzeugen eine strategisch geplante Wettermanipulation.

Abgesehen davon, bei manchen Dialogen sollte man sich sowieso vorher überlegen, ob ein Restaurant wirklich der geeignete Ort dafür ist. „Schatz, willst du mich heiraten?“ „Darf’s noch was zu trinken sein?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.04.2016)

Das Grmpfgl-Dilemma beim Warten auf die Straßenbahn

Wenn man zu Fuß gleich schnell wäre wie mit dem Warten auf öffentliche Verkehrsmittel.

Der lautmalerische Hmpf-Moment ist jener, bei dem die Anzeige verrät, dass die nächste U-Bahn in genau der Hälfte der Zeit bis zur übernächsten kommt. (Vielleicht hat man sogar noch die roten Lichter im Tunnel verschwinden sehen.) Damit lässt sich kombinieren, dass man die vorige Garnitur gerade verpasst hat. Der etwas weniger aggressive, dafür umso bitterere Wrgstf-Moment wiederum ist jener, in dem der nächste Wagen erst in ferner Zeit eintreffen wird, der übernächste jedoch schon kurz danach. Steigt man in diesem Fall, dem meist eine Störung vorangegangen ist, gleich in den nächsten ein, droht ein Hhhh-Moment (lautmalerisch holt man tief Luft, bevor sich die Türen schließen), in dem man zumindest die Gewissheit hat, in der komprimierten Menschenmenge nicht umfallen zu können.

Bitter ist aber auch das Grmpfgl-Dilemma (in Comics würde sich unter dieser Sprechblase ein Kopf mit traurigem bis ratlosem Blick finden). Das tritt dann ein, wenn die Zeit, die man für eine Strecke zu Fuß brauchte, genauso lang wie die Summe aus Wartezeit und reiner Fahrzeit ist. Das bedeutet also, entweder sehr lang herumzustehen und dann die drei oder vier Stationen bis zum Ziel zu fahren oder die gesamte Strecke zu Fuß zu gehen und kurz vor dem Ende vom öffentlichen Verkehrsmittel überholt zu werden. Was an einem schönen Frühlingstag ja auch seinen Reiz haben kann, nur kommt der Grmpfgl-Moment allzu häufig, wenn es regnet oder windet. In der Regel ist die Strecke nur so kurz, dass ein Taxi inklusive Anruf und Wartezeit genauso lang zum Ziel brauchen würde. Vielleicht gibt es in der Mathematik ja sogar einen eigenen Begriff dafür, wenn sämtliche Optionen am Ende zum gleichen Ergebnis führen, so wie es gerade das Navi am Handy anzeigt. Notiz an mich selbst: Bei Gelegenheit nach „Grmpfgl-Koeffizient“ und „Nobelpreis“ googeln.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.04.2016)

Wollen Sie den Coffee to go? Nein, to drink

Viele nervende Phrasen sind eine Berufskrankheit. Flapsige Antworten nerven aber genauso.

Zugegeben, Leute, die ständig „zugegeben“ sagen, überstrapazieren gelegentlich die Nerven ihrer Zuhörer. Übrigens ähnlich wie Leute, die ständig „Leute, die“ als Stilmittel einsetzen, um eine bestimmte Menschengruppe der einen oder anderen Schrulligkeit zu zeihen. In vielen Fällen ist das eine Berufskrankheit. Leute, die „To go?“ fragen, zum Beispiel, machen das ja nicht aus purer Freude, sondern weil sie damit eine Information vom Kunden einholen müssen. Das Gegenstück dazu wäre übrigens der Coffee to stay, was aber gern mit „zum hier Trinken“ eingedeutscht wird. Es ist aber nicht angebracht, dem Barista eine Flapsigkeit entgegenzuschleudern. „Coffee to go?“ „No, to drink!“ Die arme Kaffeezubereitungskraft führt bestimmt schon eine Stricherlliste (die im Duden übrigens unter „Strichliste“ läuft – aber sagt das wirklich jemand so?) mit den häufigsten vermeintlichen Scherzantworten. Ähnlich wie die Spendenkeiler auf der Mariahilfer Straße. „Guten Tag, mögen Sie Tiere?“ „Ja, am liebsten gegrillt!“ Ja, es ist ein gegenseitiges Nerven, an das man sich im Lauf der Jahre schon ein bisschen gewöhnt hat.

An manche Dinge wiederum wird man sich nie so richtig gewöhnen. Etwa an den langen Augenblick, den man braucht, um zu erkennen, ob es ein Fenster oder ein Spiegel ist. Sie kennen das, man schaut in einem alten Lokal mit viel Holz und Nischen verbissen auf eine Glasfläche, sucht darin prüfend nach Details aus dem Raum. Und irgendwann bewegt man sich ungelenk ein wenig hin und her, sodass man sich jetzt eigentlich im Spiegelbild sehen müsste. Und erkennt am Ende dann doch nur einen Gast im Nebenzimmer, der hinter der Glasscheibe genau den Blick aufsetzt, den Leute aufsetzen, die sich gerade beobachtet fühlen. Zugegeben, ein unangenehmer Moment. In diesem Fall also den Kaffee lieber zum Mitnehmen, bitte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.04.2016)

Leute, die auf Fotos den Daumen nach oben strecken

Wer sich beobachtet fühlt, wirft sich in Pose – und zerstört damit jedes ausdrucksstarke Bild.

Kandierte Äpfel sind ein Etikettenschwindel. Da freut man sich auf etwas Süßes, und nach dem Reinbeißen bekommt man nur Obst. Dass diese Vitaminmimikry nicht so recht in die gerade erst angebrochene Jahreszeit passt, ist korrekt. Aber wenn schon kurz nach dem meteorologischen Frühlingsbeginn der erste Sommertag in die Kalender eingetragen werden darf, sei diese kleine saisonale Blendung verziehen. Zur Erklärung: ein Sommertag ist im meteorologisch-klimatologischen Sprachgebrauch dann, wenn die Tageshöchsttemperatur 25 Grad Celsius erreicht oder überschreitet. Früher hätte es das nicht gegeben, möchte man da empört ausrufen, also zumindest nicht schon so kurz nach dem Ende des Winters. Aber der ist ja auch nicht mehr, was er einmal . . . so, genug lamentiert, Sommermodus an.

Und damit hin zu all den Fotos von lächelnden Menschen, die genau während eines Sprungs abgelichtet werden bzw. während etwa 37 Sprungversuchen, bis das Handy tatsächlich genau in dem Moment auslöst, in dem beide Beine möglichst viel Abstand vom Boden haben, alles sehr kompliziert. Es ist aber auch einfach nicht einfach, jemanden in einer unverfänglichen Pose einzufangen. Kaum freut man sich, dass man einen Menschen in einer gedankenverlorenen oder beschäftigten Haltung vor der Kamera hat, registriert der, dass er gleich fotografiert werden wird – und hebt den Daumen, macht ein Victory oder begibt sich in sonst eine unnatürliche Körperhaltung. So hat man statt eines ausdrucksstarken Bildes, das man dem Lonely Planet verkaufen könnte, einen grinsenden Thumbs-up-Körper auf dem Speicherchip. Vermutlich haben Menschen einen eigenen Sinn dafür, dass sie beobachtet werden. Und einen Instinkt, der sie dazu bringt, sich dann zum Affen zu machen. Ein bisschen wie ein kandierter Apfel. Obwohl, nein, der hat damit eigentlich gar nichts zu tun.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.04.2016)

In drei Monaten werden die Tage schon wieder kürzer

Es sind unruhige Zeiten, so wie immer. Versuchen Sie doch einmal, das Gegenteil zu behaupten.

In unruhigen Zeiten wie diesen ist oft die Rede davon, dass wir in unruhigen Zeiten leben. Das war auch schon in den unruhigen Zeiten so, die wir heute in der Erinnerung als ruhig betrachten. Im Kalten Krieg gab es aber auch noch keine Klimaerwärmung. Da wäre es nur kurzfristig sehr heiß geworden und danach wieder sehr kalt, wenn wir uns an den atomaren Winter erinnern, der damals in diesen ruhigen Zeiten dafür gesorgt hat, dass man ein bisschen unruhig wird. Unruhig sollte man auch werden, weil es jetzt langsam wieder bergab geht. In nur drei Monaten werden die Tage schon wieder kürzer. Die Vorrunde der Fußball-EM wird noch nicht zu Ende sein, wenn die Sonne sich wieder in Richtung Südhalbkugel bewegt und die Phase der Dunkelheit einleitet. Immerhin wird Österreich dann schon ein neues Staatsoberhaupt haben, das dem Volk in diesen unruhigen Zeiten Mut zusprechen wird. Und das nahtlos überleitet von der Eishockey-Weltmeisterschaft, die im Mai (ja, wirklich!) stattfindet, zum Start der Wintersaison, in der im Supermarkt wieder Lebkuchen zu haben ist, also etwa Anfang Juli. Sich über Lebkuchen im Sommer zu beschweren ist allerdings total 2005.

Überlegen wir uns also lieber, wann zuletzt jemand gesagt hat, dass es ruhige Zeiten sind, in denen wir leben. Damals, in den unruhigen Zeiten vielleicht, die uns im Nachhinein so schön ruhig vorkommen? Das wäre ja, als würde ein Fußballtrainer vor dem Spiel gegen einen Jausengegner nicht „Es wird ein schwieriges Spiel“ sagen. In der Schule gab es übrigens immer welche, die vor der Schularbeit gejammert haben, dass sie Angst haben, weil sie „überhaupt nichts gelernt“ haben, um nicht als Streber dazustehen. Das waren dann die, die die Einser bekommen haben. Und noch etwas: „In Zeiten wie diesen“ kann man immer sagen. Das „unruhig“ schwingt dann schon ganz von allein mit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.03.2016)