Leute, die sagen, dass man früher gut ausgesehen hat

Selbst in Kreisen, wo es nicht üblich ist, stundenlang Familienfotos mit „aah“, „ooh“ oder „jaisternichtsüß“ zu quittieren, taucht gelegentlich ein altes Foto auf. Selbst Menschen, die nicht dazu neigen, „aah“, „ooh“ oder „jaisternichtsüß“ zu sagen, umhalbkreisen dann plötzlich den Bildschirm wie die Heiligen Drei Könige die Weihnachtskrippe. Und lassen ihre Augen glänzen, als würden sie zum ersten Mal ein Neugeborenes sehen– gerade, dass sie dabei nicht „abububu“ rufen. „Ooh, damals hast du ja noch unglaublich viele Haare gehabt“, ruft dann die eine. „Aah, du hast damals so glücklich dreingeschaut“, lustschreit die andere. Schließlich ruft die Dritte im Halbkreis: „Jaisternichtsüß! Du hast früher ja richtig gut ausgeschaut!“ Ja, früher. Vielen Dank.

In Momenten wie diesen, stellt man fest, tun sich unüberbrückbare Differenzen zur Realität auf. Man schwankt zwischen der Freude, dass man vor 15 Jahren wohl einen heißen Flirt wert gewesen wäre, und der Erkenntnis, dass man sich von der Erinnerung an damals letztlich nichts kaufen kann. „Liebes Kind, du hast die ersten grauen Haare“, würde Heinz Conrads da intonieren, aber damit anzufangen, würde dem Halbkreis wohl auch wieder nur ein mitleidiges Lächeln und eine demütigende Meldung entlocken. Daher schweigt man lieber und denkt darüber nach, ob man noch etwas mehr vom jugendlichen Erscheinungsbild in die Gegenwart hätte retten können, hätte man in den letzten Jahren auf eine ausgeglichenere Work-Work-Balance geachtet.

Legt jemand Fotos des eigenen Nachwuchses vor, ist die Gefahr übrigens nicht geringer, mit einer Meldung für Verstimmung zu sorgen. „Der schaut dir ja unglaublich ähnlich“, zum Beispiel, kann ziemlich in die Hose gehen – wenn das Kind gerade verweint und zerknautscht in die Linse stiert. In Fällen wie diesen erweist es sich als praktikabel, einfach lieber nichts zu sagen, was auch nur annähernd eine semantische Dimension haben könnte. Im Zweifelsfall also doch einfach „aah“, „ooh“ oder „jaisternichtsüß“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.03.2014)

Don’t let your Hunzi brunzi on my Papers

20140310_131958Wien im Frühjahr bietet die eine oder andere olfaktorische Überraschung. Etwa die, dass die heimelige Großstadtatmosphäre einen ruralen Hauch bekommt – weil die Landwirte in und um Wien beginnen, ihre Felder mit Gülle zu veredeln. Immerhin, an anderer Front hat der milde Winter heuer dafür gesorgt, dass es keine große Überraschung gibt. Dass nämlich nicht unter dem auftauenden Schnee jene Reste auftauchen, die die Stadt Wien seit Jahren ins Sackerl zu packen anregt. Wobei diese städtische Endreimkampagne durchaus zu einer Verbesserung der Situation geführt hat. Und Menschen, die ohne Plastik über der rechten Hand ihren Hund ausführen, fast schon als Exoten gelten. Doch wie es aussieht, dräut bereits die nächste Stufe der Eskalation im tierisch-menschlichen Zusammenleben. Denn zunehmend regt sich auch Widerstand gegen die flüssige Variante, die beim Spazieren mit dem Hund eben anfällt.

„Bitte lassen Sie Ihren Hund nicht an meine Fassade pinkeln“, liest man etwa in einer Auslagenscheibe in Rudolfsheim-Fünfhaus. Mit drei Rufzeichen. „Hunde bitte hier nicht pissen lassen. Es stinkt im Laden“, prangt wiederum an der Front eines Comicgeschäfts in Neubau. Mit noch viel mehr Rufzeichen danach. Könnte sein, dass Hunde die neuen Puber werden – und die Polizei vielleicht bald einen eigenen Beauftragten zum Schutz der Hauswände vor der feuchten Bedrohung abstellt.

Aber nicht nur Hauswände, selbst die eine oder andere Verkaufsware, die in Bodennähe präsentiert wird, ist zur Zielscheibe hündischer Attacken geworden. Was mitunter für erheiternde Gegenwehr sorgt. Wie etwa vor der Trafik am Hohen Markt – dort mahnt ein handgeschriebener Zettel: „Don’t let your Hunzi brunzi on my Papers.“ Zwar mit einem Apostroph zu viel, aber das sei dem tapferen Verteidiger mit seinem polyglott-wienerischen Endreim verziehen. Der Slogan setzt sich – ähnlich wie das Gackerl-Sackerl – regelrecht im Hirn fest. Ob man im Büro von Umweltstadträtin Ulli Sima schon daran denkt, daraus eine neue Kampagne zu stricken?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.03.2014)

Leute, die beim Essen „hm“ sagen

Albin Egger-Lienz [Public domain], via Wikimedia Commons

Albin Egger-Lienz: „Der Mittagstisch“

Beim Essen spricht man nicht. Hat man zumindest als Kind so gelernt. Doch wie bei so vielen Dingen, die man in der Kindheit gebetsmühlenartig vorgetragen bekommt („Wer bei Rot über die Straße geht, ist farbenblind!“), lässt die Konsequenz, mit der man sich daran hält, mit der Zeit ein wenig nach. Was auch kein Wunder ist, schließlich ist das metallische Kratzen von Löffeln auf dem Tellerboden und das Schlürfen von Suppe nur bedingt eine spannende Audiobegleitung – vor allem, da das Geräusch selten so lange und regelmäßig anhält, dass es eine meditative Stimmung auslöst.

Gut, ein wenig wird der Redefluss auf ganz natürliche Weise gestoppt, denn mit einem Löffel im Mund oder beim Kauen fällt es ohnehin schwer, etwas Verständliches von sich zu geben. („Mit vollem Mund spricht man nicht“ hat ja doch etwas für sich.) Allerdings gibt es doch eine Äußerung, die in solchen Momenten immer wieder zu hören ist. Das „hm“. Nein, damit ist nicht das genüssliche „mmh“ gemeint, zu dem man als Kind gleichzeitig mit der flachen Hand Kreise über den Bauch gezogen hat. Auch nicht das zustimmende „mhm“, das man am Telefon verwendet, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass man noch da ist und zuhört. Sondern einfach nur ein kurzes, mit vollem Mund gemurmeltes „hm“.

Das wiederum hat die Funktion, sich in Gesprächsposition zu bringen. Den anderen am Tisch zu signalisieren, dass man, sobald man einen Bissen geschluckt hat, etwas zu sagen gedenkt. Was je nach Kauintensität durchaus eine längere Zeit dauern kann. Ist dieses „hm“ aber einmal ausgesprochen, hat man die Gesprächssituation eingeloggt. Soll heißen, für alle anderen am Tisch bedeutet das Redeverbot. Schließlich unterbricht man jemanden, der gerade zum Reden angesetzt hat, nicht. Und so sitzt die Gesellschaft, blickt gebannt auf den „Hm“-Sager und wartet. High Noon am Mittagstisch, sozusagen. Nur hoffentlich hat man dann auch etwas Sinnvolles zu sagen. Vielleicht so etwas wie: „Beim Essen spricht man nicht.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.03.2014)

Wenn der Dialekt auf einmal nicht mehr da ist

Junge Innsbrucker verwenden das charakteristische „sch“ nicht mehr, das „gsi“ in Vorarlberg hört man auch seltener. Der Sprachwandel fordert seine Opfer. Aber das muss nicht unbedingt ein Verlust sein.

In Tirol sagt man „Öschterreich“. Briefe wirft man ins „Poschtkaschtl“. Und auch bei der Schwester haben nach dem „s“ ein „c“ und ein „h“ zu folgen. Aber wie lange noch? Als die Innsbrucker Sprachwissenschaftlerin Irina Windhaber kürzlich ein Ergebnis ihres Dissertationsprojekts veröffentlichte, war die Aufregung groß. Schließlich fand sie heraus, dass das für Tirol so charakteristische „isch“ zunehmend seltener wird. Zumindest im Raum Innsbruck, den sie untersuchte, sprechen junge Menschen das „s“ zunehmend ohne „ch“ danach aus. So sagen sie plötzlich „Österreich“, werfen Briefe ins „Postkastl“ und sagen: „Mei Schwester is krank.“ Tirol ohne „isch“, gerät man ins Grübeln – da fehlt doch etwas. Das wäre ja fast so, als würde man in Vorarlberg plötzlich auf das charakteristische „gsi“ verzichten.

Nun, das könnte passieren. Denn der für Vorarlberg so typische Begriff für „gewesen“ scheint langsam seinen Weg ins sprachliche Ausgedinge anzutreten. In seiner Diplomarbeit stellte der Germanist Lukas Österle unter anderem fest, dass sich in seiner Heimatgemeinde Wolfurt zunehmend das „war“ anstelle des „gsi“ durchgesetzt hat. Und er prognostiziert, dass der Begriff über kurz oder lang wohl aus dem Vorarlberger Dialekt verschwinden wird.

„Rettet das Gsi“. Es sind zwei Arbeiten, die nur einen kleinen Teil der österreichischen Sprachlandschaft untersucht haben. Aber beide sind Arbeiten, die eine Befürchtung wecken. Dass nämlich ein wichtiger Teil der österreichischen Identität zunehmend verloren gehen könnte – die Sprache, genauer gesagt, der Dialekt. Wobei es natürlich vermessen ist, von einem einzelnen österreichischen Dialekt zu sprechen, vielmehr sind es unzählige regionale Dialekte mit unterschiedlichsten Eigenheiten. Vom umgangssprachlich liebevoll „Bellen“ genannten steirischen Dialekt bis zum typischen Vorarlberger Diminutiv mit dem „le“ am Ende. Dass diese und weitere sprachliche Charakteristika aus dem Land verschwinden könnten, sorgt jedenfalls bei vielen für Unbehagen.

So war Österles Arbeit etwa Grund genug, dass eine Facebook-Initiative namens „Rettet das Gsi“ gegründet wurde. Auch eine Gruppe „Rettet unsere österreichischen Dialekte“ hat sich im Internet formiert. Und auch abseits der virtuellen Welt gibt es immer wieder Initiativen, die sich der Rettung der österreichischen Mundart verschreiben – zuletzt vergab etwa das Magazin „News“ Patenschaften für Dialektwörter, auf dass die „Kombinege“ oder der „Bluzer“ nicht vergessen werden. Kurz, es scheint eine gewisse Angst um die Sprache vorhanden zu sein. Und das nicht nur in Österreich – in Bayern gibt es etwa Bayerisch-Kurse, in denen Kinder lernen, dass sie zur Karotte „geibe Ruabn“ sagen und eine angedrückte Birne als „zerbatzelt“ bezeichnen sollen. Auch in der Schweiz versucht man, schon bei den Jungen anzusetzen – so führte etwa der Kanton Zürich 2012 Schweizer Mundart als alleinige Unterrichtssprache im Kindergarten ein.

Aber ist die Furcht tatsächlich berechtigt, dass regionale Dialekte aussterben und man irgendwann bei einer Einheitssprache landet? „Da sind schon Erosionsprozesse im Gang“, sagt Hannes Scheutz, Sprachwissenschaftler an der Uni Salzburg. Wobei es vor allem die Städte sind, in denen einzelne Merkmale eines Dialekts verschwinden – oder besser gesagt, sich wandeln. Beobachten lässt sich das etwa am „l“, das in zahlreichen österreichischen Dialekten zum Vokal wird – aus dem „Wald“ wird etwa der „Woid“. Spricht nun ein Salzburger vom „Spielen“, wird es in seinem Dialekt zum „Spün“. Die eigentliche Form im Salzburger Dialekt, so Scheutz, sei aber eigentlich „Spin“. Diese Aussprache finde man aber nur mehr bei älteren Menschen, vornehmlich Bauern, am Stadtrand. „Wenn ich meinen Studenten Aufnahmen davon vorspiele, schütteln die ungläubig den Kopf und sagen: ,Das ist nicht Salzburgerisch. So sagt das doch kein Mensch.‘“

Um die Vielfalt der Dialekte im alpenländischen Raum zu dokumentieren, hat Scheutz einen eigenen Dialektatlas (www.argealp.org/atlas) erstellt, in dem es unter anderem einen Vergleich der Generationen gibt. Anhand der Hörbeispiele lässt sich erkennen, wie unterschiedlich ältere und jüngere Menschen sprechen. Wobei die Unterschiede in manchen Regionen größer, in anderen kleiner sind. „In den alpinen Gebieten erodiert es weniger stark als auf dem flachen Land“, sagt Scheutz. Was einerseits damit zu tun habe, dass in engen Tälern weniger Einflüsse von außen kommen, man sprachlich eher unter sich bleibt. Und andererseits auch durch eine Ortsloyalität verbunden sei: „Im alpinen Gebiet freuen sich die Menschen, wenn ich ihren Dialekt aufzeichne. Auf dem flachen Land in Niederösterreich habe ich auch schon zu hören bekommen: ,Was wollt ihr denn von uns wissen? Wollt’s schauen, wie blöd wir sind?‘ Da spiegelt sich schon ein anderes Sprachbewusstsein.“ Wandelt sich der Dialekt, ist das allerdings ein ganz natürlicher Prozess. Durch die Mobilität der Menschen verbreitet sich Sprache, mischt sich und bildet neue Formen. Die verschiedenen Arten, Dinge auszusprechen, beeinflussen sich gegenseitig und nähern sich einander an.

Das „Tschüss“. Vor allem im österreichischen Donauraum gab es in den vergangenen Jahrzehnten eine zunehmende Tendenz zur Vereinheitlichung der Sprache. Und auch der Einfluss des Bundesdeutschen durch Medien und Zuwanderung färbt auf die Sprachgewohnheiten in Österreich ab – „Tschüss“ wird mittlerweile sogar in so mancher ländlichen Region zur Verabschiedung verwendet.

Starke Veränderungen bringt auch die Migration nichtdeutschsprachiger Menschen mit sich. Hier vermischen sich Einwandererdialekt und regionaler Dialekt zu neuen Formen der Sprache. Da etwa das Türkische keine Artikel und Präpositionen kennt, entstehen unter Jugendlichen mit türkischen Wurzeln Sätze wie das geflügelte „Gemma Billa“. Und Elemente dieses Stils haben jüngere Wiener mittlerweile auch schon übernommen. „Ob ich das beklage?“ Susi Stach ist Dialektcoach, hat unter anderem Daniel Brühl beigebracht, wie Niki Lauda Wienerisch zu sprechen. „Ich fände es schade, wenn Wienerisch als Sprache völlig verschwinden würde, weil es tolle Ausdrücke gibt.“ Allein die vielen Ausdrücke, die man in Wien für das Sterben kennt – vom „Bankl reißen“ bis zum „Patschen strecken“ – bereiten ihr regelmäßig großes Vergnügen. Auf der anderen Seite ist selbst ihr, die den Wiener Dialekt nicht nur aus beruflichen Gründen liebt, auch klar, dass Sprache sich ändert – sich ändern muss. „Sonst wäre es ja traurig.“

Diese Einsicht ist es auch, die den Umgang mit dem Dialekt wohl oder übel prägen muss. Sprachliche Entwicklungen lassen sich auf lange Sicht nicht aufhalten. Weil Sprache kein monolithischer Block ist, sondern sich ständig bewegt, sich ständig verändert. Und das, was wir unter dem Dialekt verstehen, den man immer schon so gesprochen hat, auch nur ein räumliches und zeitliches Abbild einer bestimmten Generation ist. Für ältere Generationen mag es wie ein Verlust wirken, wenn einzelne sprachliche Eigenheiten verschwinden. Die Jüngeren werden wohl auch so gut leben – und ihre Briefe einfach ins „Postkastl“ werfen. So lange es das noch gibt. Aber das ist eine andere Geschichte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.03.2014)

Eine nicht ausschließlich begünstigende Änderung

Was heute nicht richtig ist, kann morgen schon ganz falsch sein. Was häufig mit dem Versuch einer Rechtfertigung endet, die ihr Heil im Satanismus findet – einem kindlich-comicartigen, zugegeben. Aber warum fällt es eigentlich so schwer, einen Fehler zuzugeben? Warum wird, statt das eigene Versagen einfach einzugestehen, ständig die metaphysische Gestalt des Fehlerteufels aus dem Schattenreich heraufbemüht. Oje, hat er sich also wieder eingeschlichen, der kleine Racker – vielleicht auch noch mit einem Diminutivchen auf harmlos getrimmt, das kleine Fehlerteuferl! Jö, schau wie lieb es da steht in seinem Rauchwolkerl…

Möge das Teuferl, wenn es schon zum Kaschieren des eigenen Unvermögens aus seinen feurigen Träumen gerissen wurde, gleich auch an anderer Stelle aufräumen. Etwa bei jenen, die in ihren Schriften jemanden „etwas zum Besten geben“ lassen. Bei denen, die davon berichten, dass bei einer Veranstaltung jemand „das Tanzbein schwingt“. Und auch bei jenen, die von „Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur“ schwadronieren, die „Alt und Jung“ oder gar „exotische Schönheiten“ vor den „heimischen Köstlichkeiten am Buffet“ auftreten lassen. Und auch bei all den anderen, die das Phrasenschwein so lange von der Leine lassen, dass es beim Wälzen im sprachlichen Unrat derart viele nichtssagende Allgemeinplätze um sich schleudert, dass es damit all die Kommunikationskonsumenten mit verbalem Schmutz bewirft.

Möge der Fehlerteufel gleich auch all jene mit dem Dreizack piksen, die für Internetprovider, Mobilfunkbetreiber oder wen auch immer Briefe an Kunden verschicken, die in unverbindlichstem Beamtendeutsch damit beginnen, dass in Bälde „eine nicht ausschließlich begünstigende Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ in Kraft trete. Was nichts anderes ist als der kleine Bruder des Fehlerteuferls, der hinter seinem Rücken eine Preiserhöhung zu verbergen sucht. Jö, schau, wie lieb es da steht in seinem Rauchwolkerl…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.03.2014)

Der Flohmarkt der aufgelassenen Slogans

Manche Dinge sagt man heute einfach nicht mehr, sag ich einmal. „Sag ich einmal“, zum Beispiel. Und auch in einem Gespräch ein „Schade, eigentlich“ fallen zu lassen, zeugt davon, dass der Sprecher seinen Phrasenschatz langsam einem Update zuführen sollte. Über die hyperinflationäre Verwendung des „sozusagen“ zu klagen, dessen Auswüchse zunehmend unseren Magen plagen (wow, vielleicht wird das doch noch was mit der Karriere als Rapper), kommt mittlerweile sozusagen fast schon so häufig vor wie das „sozusagen“ selbst. Vom inhaltsleeren „gar nicht zu reden“ gar nicht zu reden. Oft scheint es, dass der Sprachschatz ganzer Generationen sich ausschließlich aus einem Flohmarkt für aufgelassene Slogans speist. Wo das „Kömma das nicht anders regeln“ zum Spottpreis feilgeboten wird. Wo man das „Kein Kommentar“ immer noch ganz offen auf dem Ladentisch präsentieren darf. Wo man sich zahlreiche „Das wird man sich genau anschauen müssen“ in verschiedensten Variationen ganz genau anschauen kann – und wo am Ende des Tages sogar die restlichen „am Ende des Tages“ ausverkauft sind.

Dass der Flohmarkt trotz des reißenden Absatzes seiner Ware nie verlustig geht, legt nahe, dass wohl irgendwo in einer chinesischen Fabrik sozusagen billigst alte Phrasen kopiert, in großer Stückzahl produziert und neu auf den Markt geworfen werden, sag ich einmal. Dort dürfte auch noch regelmäßig der Klassiker des slapstickhaften Beziehungslebens über das Fließband gejagt werden. Die Antwort nämlich auf eine Frage, die man meist dann stellt, wenn man sich gerade unglaublich lächerlich gemacht hat, sich zum Beispiel gerade einen Viertelliter Spaghettisauce vom weißen Hemd kratzt – und das Gegenüber diesen Mund macht, den man macht, wenn man sein Amüsement nicht ganz offen zur Schau stellen sollte. „Lachst du über mich?“ „Ich lache nicht über dich, ich lache mit dir.“

So etwas sagt man heute sozusagen einfach nicht mehr, sag ich einmal. Schade, eigentlich.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.02.2014)

Das Verpacken eines E-Books und orthopädischer Kaffee

Vielleicht ist es altmodisch. Aber E-Books zu verschenken, ist dann doch nicht so wirklich romantisch. Das liebevolle Verpacken des Buches in ein ganz besonderes Geschenkpapier, vorher vielleicht noch eine handschriftliche Widmung auf die erste Seite schreiben – und dann das eingelernte Prozedere, dass der Beschenkte das Paket schüttelnd vor sein Ohr hält und rät, was das wohl sein könnte. „Eine CD?“ Dieses lieb gewonnene Ritual lässt sich nicht ohne Weiteres in die digitale Welt übertragen. Oder nur bedingt – ein E-Book auf einem hübsch verpackten USB-Stick lässt den Schenker wie einen unbelehrbaren Vertreter der haptischen Retrogeneration dastehen. Das macht man einfach nicht. Bei Musik ist es nicht viel anders. Das neue Album von Bruce Springsteen über iTunes herunterzuladen schließt ein liebevolles Verpacken danach fast schon aus. Außer wieder mit dem USB-Stick – aber siehe oben.

Dabei muss man nicht einmal in der entmaterialisierten digitalen Welt auf Geschenksuche gehen, auch so manches handfeste Präsent wirft heute Probleme auf. Jemandem etwa von einer Reise durch Guatemala eine Packung handverlesenen Kaffee mitzubringen, ist ähnlich erfolgversprechend, wie eine VHS-Videokassette an den USB-Port stecken zu wollen. Gibt es überhaupt noch Kaffeemaschinen, in denen man das Pulver durch einen Papierfilter jagen könnte? Und darf man als Gast auf die Frage, welchen Kaffee man gern hätte, noch so altmodische Dinge wie „Cappuccino“ oder „kleiner Brauner“ antworten? Da doch „Intenso“, „Lungo“ oder „Ristretto“ ohnehin schon jeder verstehen sollte – wobei in der Regel eher „ein grüner“ oder „ein blauer“ geordert wird. Oder, wenn es sich um einen „Decaffeinato“ handelt, ein halblustiger „orthopädischer“.

Die sind übrigens alle hübsch und einzeln in Alu verpackt. Im Grunde also eigentlich geradezu perfekt zum Verschenken. Fragt sich nur – zugegeben, vielleicht ist es altmodisch –, wie man vorher die handschriftliche Widmung in diese Dinger bekommt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.02.2014)

Alles gut

Vor allem bei neueren Wohnanlagen lassen die Schilder kaum mehr einen Rückschluss darauf zu, wer hier eigentlich wohnt. Was mitunter dazu führt, dass man als Besucher vor der Haustür noch schnell das Handy zücken muss, um nachzufragen, bei welcher Nummer man denn nun eigentlich anläuten muss. Schade ist das Verschwinden der Namensschilder auch deswegen, weil damit viel der kindlichen Freude verloren geht, die sich beim Lesen von Namen einstellt – die auch eine Ahnung davon geben, wie sich das Minisoziotop Wohnanlage wohl zusammensetzt. Statt bei tschechisch, bosnisch oder türkisch klingenden Namen über die Migrationsgeschichte der Stadt sinnieren zu können, wird maximal die Fähigkeit des Zahlenmemorierens geschult – viel mehr ist aus den Türnummern, die immer häufiger das Gesicht der Klingelanlage prägen, nicht herauszuholen. Wobei der Monokultur der Zahlen gerne noch ein versteckter Imperativ vorangestellt wird, dass wir das alles gefälligst gut zu finden haben: Top. Wie ein dauergrinsender Animateur im All-Inclusive-Urlaub ständig mit nach oben gestrecktem Daumen die Pflicht zur guten Laune einmahnt, fordert Top 1 bis Top 32 den Klingler zum zustimmenden Kopfnicken geradezu heraus. Standing on top of the world, baby!

Andererseits, etwas gut zu finden ist in notorisch schlechten Zeiten ja auch nicht so schlecht. Nehmen wir den Optimismus einfach mit und denken an eine hübsche Phrase, die sich ähnlich wie das Top auf den Türklingeln seit einiger Zeit eingebürgert hat: Alles gut. Kaum ein Dialog, kaum eine Beilegung eines Streits, kaum ein Nachfragen nach dem Befinden, in dem diese zwei Wörter nicht auftauchen. So wie das „Roger“ im Sprechfunk signalisiert, dass man die Botschaft verstanden hat, taucht „Alles gut“ mittlerweile in fast jedem Gespräch auf. Gerade, dass nicht auch noch reflexartig der All-Inclusive-Daumen reflexartig mit nach oben geht. Vielleicht sollten wir auch noch überlegen, „Alles gut“ auf alle Türklingelschilder zu schreiben. Das wäre top.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.02.2014)

Ich bin ja kein…, aber

Ich habe ja nichts gegen lange Haare, aber gepflegt müssen sie sein. Ich bin ja kein Freund von Trash-TV, aber die Dschungelshow habe ich sehr gern geschaut. Ich bin ja kein Vegetarier, aber ich esse kein Fleisch. Ich habe ja nichts gegen Nacktfotos, aber ästhetisch müssen sie sein. Ich bin ja kein Schwarzfahrer, aber ich habe es eilig und bin nicht mehr dazu gekommen, mir einen Fahrschein zu kaufen.

Ich bin ja kein Alkoholiker, aber einen Tag ohne ein paar Bier kann ich mir nicht vorstellen. Ich lese ja Boulevardzeitungen nicht gern, aber sie haben halt den besten Sportteil. Ich fahre ja nie betrunken mit dem Auto, aber kaum steige ich ein einziges Mal nach dem Heurigen doch ein, muss mich die Polizei aufhalten. Ich glaube ja nicht an Gott, aber wie kann er nur zulassen, dass es auf der Welt so viel Not gibt?

Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber sie müssen sich an unsere Kultur anpassen. Ich bin ja gegen Gewalt, aber ich marschiere mit dem Schwarzen Block durch die Innenstadt. Ich lege ja keinen Wert auf Marken, aber Apple macht einfach die besten Laptops. Ich habe ja nichts gegen Frauenbewegungen, aber sie müssen rhythmisch sein. Ich habe ja nichts gegen Schwarze, aber würde mein Kind einen nach Hause bringen, hätte ich ein Problem damit. Ich bin ja gegen Kinderarbeit, aber wenn ich solche Produkte boykottiere, haben sie ja gar keine Arbeit mehr.

Ich bin ja kein Raser, aber ein Dreißiger im Ortsgebiet geht ja gar nicht. Ich habe ja nichts gegen Amerikaner, aber sie haben halt keine Kultur. Ich habe ja nichts gegen Einsparungen, aber die Polizeistation in meiner Gemeinde darf nicht eingespart werden. Ich habe ja nichts gegen Kinder, aber sie machen immer so viel Lärm auf dem Spielplatz.

Ich bin ja nicht gegen Neues, aber früher hätt’s das nicht gegeben. Ich bin ja kein Sexist, aber jetzt setze deinen süßen Hintern in Gang und mach mir einen Kaffee. Ich bin ja kein sprachlicher Pedant, aber Sätze, die mit „Ich bin kein…“ beginnen und mit „aber“ fortgesetzt werden, enden selten gut.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.02.2014)

Die Geisterradler in der Neustiftgasse

Mit Topografie lässt sich nicht alles erklären. Aber zumindest das eine oder andere Phänomen lässt sich auf die Erdoberfläche mit all ihren Höhen, Tiefen und Unregelmäßigkeiten zurückführen. Jenes etwa, dass Autofahrern zwischen Volkstheater und Kirchengasse immer wieder geisterfahrende Radfahrer mitten auf der Straße begegnen. Natürlich, man könnte auch einfach zum gern vorgebrachten Totschlagargument greifen, dass Radfahrer generell rücksichtslose Rowdys sind, die ohne Rücksicht auf Verluste durch die Stadt pflügen, um dort möglichst viel verbrannte Erde unter dem glühenden Gummiabrieb zu hinterlassen. Doch gelegentlich lohnt es sich, die Vorurteilsmaschinerie kurz auszuschalten und nach einer Erklärung zu suchen.

Und diese findet sich eben genau darin, dass die Neustiftgasse in einem Tal liegt. Und man sich als Radfahrer mühsam in die Burggasse oder Lerchenfelder Straße hochstrampeln müsste, um stadteinwärts zum Ring zu gelangen, wo es dann schön flach dahingeht. Allein, die Neustiftgasse ist bekanntlich eine Einbahn stadtauswärts. Und so riskiert der durchschnittliche Radfahrer eher, 200 Meter gegen die Einbahn zu fahren, als sich auf einem steilen Bergaufstück zu verausgaben.

Nun ist aber den meisten Radfahrern durchaus bewusst, dass ein frontales Aufeinandertreffen mit einem Personenkraftfahrzeug unangenehm sein kann. Folglich haben sie eine alternative Streckenführung entdeckt, wo das Risiko deutlich geringer ausfällt: den Gehsteig. Was dazu führt, dass so mancher Fußgänger auf dem zeitweise etwas engen Trottoir hinter sich einen Schatten zu spüren vermeint. Und tatsächlich, sobald man einen Schritt zur Seite macht, wird aus dem Schatten ein Radler, der fröhlich gen Innenstadt strampelt.

Ein sehr regional begrenztes Phänomen, zugegeben. Und doch eines, das die Verkehrsplanung zum Suchen einer Lösung anregen könnte. Wobei, die Neos – die ja auch in der Neustiftgasse beheimatet sind – haben da sicher schon ein Patentrezept: Einfach die Flügel heben!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.01.2014)