Bei der Vleischpalatschinke geht es um die Vurst

Nicht einmal Deutsch können die! Das war der erste Gedanke vor dem Schild mit dem Mittagsmenü des Lokals. Und sogleich wanderte ein Foto der „Vleischpalatschinke“ auf Facebook. Doch was zunächst für großes Gaudium und hämische Kommentare sorgte, wurde wenige Minuten später vom sprachlichen Pranger geholt – denn Vleisch gibt es wirklich. Der Neologismus steht für vegetarischen oder veganen Fleischersatz. Und damit nicht genug – es gibt auch analog dazu den Begriff Vurst.

Nun könnte man hämisch einwerfen: Wenn Vegetarier keine Tiere essen, warum pressen sie dann Soja und andere pflanzliche Produkte in Formen wie Schnitzel, Döner oder Frankfurter Würstel? Nun, und damit endet die Häme auch schon wieder, vermutlich aus ganz pragmatischen Gründen. Weil Wurst einfach praktisch ist – Erbsenwurst kennen ja beispielsweise auch Carnivore. Weil Schnitzel sich aus Tofu leichter formen lassen als Tannenzapfen. Und weil ein Stück Gebäck mit Seitanstreifen nun einmal die Anmutung eines Döner-Sandwichs hat. So einfach.

Und ganz nebenbei, es geht ja auch in die umgekehrte Richtung. Ein faschiertes Laibchen hört etwa in Bayern auf den Namen Fleischpflanzerl. Gelegentlich wandern auch hierzulande marinierte Fleischröschen auf den Griller. Und die Saison für den Heringssalat kommt sicher auch bald wieder.

Nach dem ersten Verteidigungsreflex, die Wurst vor den Veganern zu schützen, stellt sich also so etwas wie Gleichstand ein. Ein bisschen Weiterblödeln muss aber trotzdem erlaubt sein. Denn vielleicht zaubern findige Marketingexperten ja bald Mofu aus dem Hut – den Tofuersatz aus Milch. Oder vermarkten Sojabohnenersatz aus Hühnerfleisch, könnte man ja Chickoja nennen, oder so. Und wenn wir schon beim Thema Ernährung sind: Solange Kakao auf Bäumen wächst, ist Schokolade für mich Obst.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.12.2012)

Simma wieder gut?

Tschuidign ist eines der meistgebrauchten Wörter im österreichischen Idiom der deutschen Sprache. Wobei diese Kurzform für „Ich bitte um Entschuldigung“ hauptsächlich die Funktion von „Darf ich bitte durch“ (in öffentlichen Verkehrsmitteln auch „Oh mein Gott, ich werde hier nicht rauskommen und kann erst bei der nächsten Station aussteigen!!! Panik!!!“) erfüllt. Die ernst gemeinte Bitte um Verzeihung wird dagegen deutlich seltener ausgesprochen. Klar, schließlich kann man damit nicht einfach nur schwerfällige Menschenmassen dazu bringen, einen Durchgang zu schaffen, sondern muss sich selbst und anderen eingestehen, etwas falsch gemacht zu haben. Und das ist gar nicht so einfach.

Noch schwieriger wird es, wenn es darum geht, sich zu versöhnen. Denn Entschuldigen ist unser eigener Entschluss, doch bei der Versöhnung gilt es, zwei (oder mehrere) Seiten dazu zu bringen, auf Hass und Groll zu verzichten. Oft sind dabei die Positionen aber so festgefahren, dass es einen Impuls von außen braucht, um eine solche Versöhnung in Gang zu bringen. So etwas wie den Elternteil, der den Kindern sagt: „Gebt euch die Hand und seid wieder gut!“

Schade nur, dass im Erwachsenenalter vielen Situationen ein Vermittler à la Eltern fehlt – und man von selbst initiativ werden muss, um den Versöhnungsprozess ins Laufen zu bringen. Gerade Weihnachten ist aber vielleicht ein ganz guter Zeitpunkt, damit zu beginnen. Auch ohne Vermittlung. Und so wackelt man dann mit hochrotem Kopf von einem Bein auf das andere, wagt kaum den Blick zu heben. Doch schließlich schaut man doch auf sein Gegenüber, sei es die Partnerin, die man enttäuscht hat, sei es ein Kollege, den man bloßgestellt hat oder sei es ein italienischer Eisverkäufer, den man in einem Anfall von Flapsigkeit als Mafioso bezeichnet hat. „Es tut mir leid“, sagt man dann. Hebt die Hand und sagt mit hoffendem Blick genau die Worte, die man schon als Kind so oft geübt hat: „Simma wieder gut?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.12.2012)

Der Fänger im Staub

Der Setzkasten erfreute sich vor 30 bis 40 Jahren großer Beliebtheit in so gut wie jedem Haushalt. Mittlerweile ist er außer Mode. Das hat nichts damit zu tun, dass seine Aufgabe, nämlich das Aufbewahren kleiner Püppchen, Zinnsoldaten, Miniaturautos und sonstigen Krimskrams verschwunden wäre. Im Gegenteil: Die Rolle, die das hölzerne Kästchen mit den unzähligen kleinen Fächern spielte, hat nun die ganze Wohnung übernommen. In fast jedem Regal findet sich ein kleiner Kerzenständer, die chinesische Buddhastatue, die besonders hübsche leere Flasche Châteauneuf-du-Pape oder das Pizzastück aus Plastik, das auf Knopfdruck zu leuchten beginnt. Im Haushaltsjargon spricht man auch von Staubfängern.

Der Name rührt daher, dass ihre tatsächliche Existenz immer erst dann bemerkt wird, wenn man beim Staubwischen hunderte kleine Tierchen, Figürchen und ähnlichen Tand hochheben und danach wieder auf den gewischten Untergrund stellen muss. In jenem Moment verflucht man sie auch, die unzähligen Stückchen, die auf Weihnachtsmärkten, in Geschenkshops und ähnlichen Etablissements erstanden wurden. Und wünscht sich eine Hebebühne, die all die kleinen Regalbesetzer einfach anhebt, sobald ein Staubtuch in ihrer Nähe auftaucht, auf dass man darunter in Ruhe wischen kann. Wobei, dann müsste man auch noch das Gerät entstauben. Also in Wirklichkeit brächte das nur noch mehr Arbeit.

Vielleicht einfach die Wohnung entrümpeln? Aus den dicht verbauten Regalen wieder Highways machen, über die der Staubfetzen flott dahingleiten kann? Nun, die Härte, all die Überraschungseierfiguren, die kleinen Jägermeister-Fläschchen und die blinkenden Schlüsselanhänger der MA48 zu überantworten, hat man dann doch wieder nicht. Gibt es eigentlich noch irgendwo Setzkästen zu kaufen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.12.2012)

Kundenkarte ist das neue Guten Tag

Rettungsgasse ist das Wort des Jahres. Es gab schon mal originellere Sieger. Abgesehen davon, würde die Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch nicht per Internet darüber abstimmen lassen, sondern einfach die quantitative Häufung eines Begriffs als Entscheidungsgrundlage heranziehen, hätte ein Wort seit Jahren mit Abstand die Spitzenposition inne: Kundenkarte.

Gerade in der vorweihnachtlichen Einkaufszeit wird immer deutlicher, wie sehr dieser Begriff unser Leben schon im Griff hat. Denn kaum liegt die Ware auf dem Förderband, hebt die Kassierin oder der Kassier bereits die Stimme zum monoton vorgetragenen Viersilber. Kundenkarte ist das neue Guten Tag.

Was in den Supermarktketten begann, hat mittlerweile so ziemlich jedes Unternehmen erreicht, das mehr als nur eine Filiale hat. Die Geldtasche hat dieser Umstand schon zu einer Breite in der Dimension einer mittleren Habilitationsschrift anwachsen lassen. Und ja, man muss eine Karte für jedes einzelne Geschäft haben. Denn als kommunikativer Mitbürger will man ja nicht unhöflich sein – schließlich hat die mit zwei spitzen Fingern in Kopfhöhe gehaltene Karte, verbunden mit einem stummen Schielen in ihre Richtung, die Stelle des Gegengrußes eingenommen.

Würde die Kassenkraft nicht noch in genau jenem Moment, in dem man leicht hilflos all das Gekaufte hektisch in den Plastiksack räumt – und schon die ersten Beutestücke des Nachfolgers vom Fließband herunterpurzeln –, ein schnelles „Wiedersehen“ murmeln – man hätte sich jegliches Grüßen gespart. Vielleicht lassen sich die Marketingabteilungen der Supermärkte hier ja auch noch eine Lösung einfallen, um althergebrachte Höflichkeitsfloskeln effizienter zu gestalten – eine rote Karte, vielleicht? Verbunden mit dem Geräusch einer Trillerpfeife. Sie dürfen jetzt gehen, der Nächste, bitte. „Kundenkarte!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.12.2012)

Der Punsch im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit

Vier Elemente, innig gesellt, bilden das Leben, bauen die Welt. Mit diesen Worten leitete Friedrich Schiller sein Punschlied ein. Und doch schafft es der Punsch im Getränkekanon nicht annähernd, einen Rang vergleichbar mit Schillers Stellung in der Literatur einzunehmen. Was mitunter daran liegen mag, dass im modernen Punsch nur mehr homöopathische Mengen der Schiller’schen Punschologie zu finden sind. „Presst der Zitrone saftigen Stern! Herbst ist des Lebens innerster Kern.“ Nun, der saftige Kern hat wohl gerade andere Pläne, als in einem Plastiktank darauf zu warten, dass er in einen Kocher gekippt und auf Temperatur gebracht wird. Und bestellt man „des Zuckers lindernden Saft“, der „die herbe brennende Kraft“ zähmen soll, wird die Saisongastronomiekraft in ihrer Hütte vermutlich nur verständnislos den Kopf schütteln.

Damit das jetzt nicht vollends in ein trinkkulturkritisches Lamento ausartet, wenden wir uns nun einem anderen Aspekt der alljährlichen Punschiade zu: Unlängst wurde in einem sozialen Medium die Frage gezwitschert, um wie viel der Alkoholpegel einer ganzen Stadt in der Vorweihnachtszeit eigentlich steigen kann. Nun, rechnen wir es einmal durch: Pro Tag werden in Wien ca. 25.000 Liter getrunken, der Alkoholgehalt des Gebräus schwankt zwischen fünf und zehn Prozent. Nehmen wir der Fairness halber den unteren Wert, geben als Körpergröße den EU-Schnitt von 169 cm und ein Gewicht von 72 kg an. Und gehen wir davon aus, dass diese Durchschnittsperson zwischen 16 und 22 Uhr insgesamt vier Punsche, also etwa einen Liter, trinkt. Das ergibt 1,02 Promille, multipliziert mit den 25.000 Litern, die pro Tag in Wien getrunken werden, kommen wir also auf einen städtischen Alkoholgehalt von 25.000 Promille. Ungefähr, zumindest. Also, sagt der Promillerechner eindringlich in dunkelroten Buchstaben: Das Auto lieber stehen lassen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.12.2012)

SMS: Die Kultur des gesenkten Blicks wird 20

Sie hat die Kommunikation, die Körperhaltung und das Lebensgefühl der Menschen in den letzten zwei Jahrzehnten massiv geprägt – das SMS feiert einen runden Geburtstag.

Die Busstation ist der Schreibtisch des mobilen Zeitalters. Und das seit mittlerweile ziemlich genau 20Jahren, seit am 3.Dezember1992 das erste SMS der Welt verschickt wurde. Gut, der Versand ging damals noch von einem PC aus, doch empfangen wurde die Botschaft schon von einem Mobiltelefon, einem Orbitel 901. Diese Übertragung war jener Schritt in der Evolution der schriftlichen Kommunikation, die den Verfasser endgültig vom Schreibtisch löste – und den Schreibvorgang an die Bushaltestelle verlegte.

Wobei die Bushaltestelle nur das plakativste Beispiel ist – das Warten mit dem Blick auf das Handy brannte sich einfach am stärksten in das Stadt- und Landbild ein. In Wirklichkeit entkoppelte das SMS den Schreibenden vollständig von räumlichen Vorgaben. Die schriftliche Kommunikation war plötzlich an jedem Ort möglich, im Kinderzimmer, auf dem Sportplatz, in der Schule. Und – genau das macht auch einen großen Reiz vor allem für Jugendliche aus – weitgehend unkontrolliert von den Eltern.

Neue Körperlichkeit. Mit dem SMS begann aber nicht nur ein neues kommunikatives Zeitalter, auch eine neue Körperlichkeit setzte damit ein. Der Blick der Menschen, der bisher horizontal ausgerichtet war, begann Richtung Boden zu wandern – der Kopf richtete sich nach unten, die Augen fixierten das Display. Es war der Anfang einer Kultur des gesenkten Blickes. Zart noch, schließlich ist eine Nachricht schnell geschrieben, der Blick kann wieder nach oben wandern. Doch aus der einzelnen Textbotschaft wurden mehrere; vom Bildschirm auf dem alten Nokia schien eine Gravitation auszugehen, die den Nacken immer wieder nach unten zog. Bis der gesenkte Kopf zum normalen Erscheinungsbild des mobilen Menschen wurde, sollte aber noch einige Zeit vergehen. Noch war das Smartphone ja nicht erfunden.

Die mobile Körperlichkeit rückte aber auch noch einen weiteren Spieler in den Mittelpunkt, der auf kommunikativ-schriftlicher Ebene bis dato nur wenig zu sagen hatte: Der Daumen wurde zum Primus der kommunikativen Körperteile. Nein, nicht in Form des „Daumen hoch“ auf Facebook, um Zustimmung auszudrücken – das kam erst später und ist außerdem eine ganz andere Geschichte –, sondern als Joystick, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit über die Tasten des Handys bewegte und mit gezieltem Druck auf die Zahlentasten Briefe schrieb. Umständlich, eigentlich.

Denn um einen Buchstaben auszuwählen, musste eine der zwölf Tasten bis zu vier Mal gedrückt werden – dazu kamen Wartezeiten, sollte ein Buchstabe ausgewählt werden, der auf derselben Zahl lag wie der vorherige. Doch mit der Zeit entwickelte sich so etwas wie schlafwandlerische Routine, zielsicher und schon ohne Blick auf das Display waren da die Texte innerhalb weniger Sekunden fertig getippt.

Dafür war es plötzlich möglich, jederzeit und überall mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Und das, ohne sich am Schreibtisch niederlassen zu müssen und auf edlem Briefpapier, in langen, ausformulierten Sätzen ein kleines Kunstwerk zu verfassen, das einige Tage später seinen Adressaten erreichen sollte. Auf einmal ging es schnell, einfach und unverbindlich.

Und einer der größten Trümpfe: Das SMS ist perfekt geeignet, um Konfliktsituationen zu umschiffen. Schließlich kann man sich die direkte Reaktion des Gegenübers ersparen, wie sie im direkten Kontakt unausweichlich wäre. Eine Beziehung auf diese Weise zu beenden geht also auch ohne lange Streiterei. Ob es besonders ehrlich und stilvoll ist, das ist wieder eine andere Frage. Doch auch bei weniger dramatischen Ereignissen ist die Lösung per SMS praktisch. Man kann sich etwa mit der Antwort auf eine Frage Zeit lassen. Und erst dann zurückschreiben, wenn man eine Lösung gefunden hat. Oder es sich gerade richtig anfühlt.

Geschrieben sprechen. Wobei manche eine solche Phase des Herunterkühlens im kommunikativen Alltag fast schon als Verstoß gegen die Etikette betrachten. Denn jede Minute, die zwischen dem Senden und dem Eintreffen der Antwort vergeht, beinhaltet eine Bandbreite psychologischer Erklärungsversuche: Will das Gegenüber nicht antworten? Bin ich in seiner Gunst gesunken? Habe ich etwas falsch gemacht? Oder hat er das Piepen einfach nicht gehört – oder die Vibration nicht gespürt? Was in dem SMS drinsteht, ist dabei gar nicht so entscheidend – es geht eher um die Kommunikation an sich, der schnelle Text verläuft wie ein Gespräch, nur eben nicht von Angesicht zu Angesicht. Klar, dass da eine Unterbrechung im Schreibfluss schnell als Gesprächsabbruch aufgefasst werden kann.

Gerade die Kürze macht es aus, dass beim gegenseitigen Schreiben der Eindruck synchroner Kommunikation entsteht. Dementsprechend ist und war die Begrenzung einer Nachricht auf 160 Zeichen nie ein wirkliches Problem. Ein schneller Satz geht sich schon aus, wenn nicht, gibt es ja Abkürzungen. Außerdem kann man ja auch mehrere SMS schicken. Klar, ein umständliches MMS oder ein langes E-Mail kann da nicht mithalten. Sieht aus, als würde die Busstation noch weitere 20 Jahre Schreibtisch bleiben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.12.2012)

Als Franz Kafka eine U-Bahn-Station plante

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens in die U-Bahn-Station Volkstheater gestellt. Genau, das ist jene Station, die Franz Kafka erdacht haben könnte, wäre er nicht Autor gewesen, sondern Architekt. Denn der dreigeschoßige, unterirdische Kreuzungsbahnhof wirkt mit seinem weitverzweigten Gewirr unübersichtlicher Räume wie aus dem „Prozess“ oder „Schloss“ entlehnt. Da sind die unzähligen Ein- und Ausgänge, die quer über die Ränder von erstem und siebentem Bezirk verstreut worden sind – und vor jedem davon steht zumindest ein Unglücklicher, der sich bei der Station Volkstheater verabredet hat und sich nun versetzt wähnt, während dessen Verabredung an einem der anderen Eingänge das gleiche Schicksal erleidet.

Welchen Eingang in das Kellergewölbe man auch wählt, um hinabzugelangen – es ist immer der falsche. „Da die Seitenbahnsteige der U2-Station Volkstheater nur ein Geschoß unter dem Straßenniveau liegen, ist die Entscheidung, in welcher Fahrtrichtung man mit der Linie U2 fahren will, bereits an der Oberfläche zu treffen“, warnen die Wiener Linien bereits in bestem Bürokratendeutsch. Doch damit nicht genug – wer von der Burggasse aus zur U2 Richtung Aspernstraße will, wird erst bergab gejagt, nur um gleich wieder bergauf fahren zu müssen. Besonders bedrohlich wirkt dieses Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse dann, wenn eine der Rolltreppen nicht in Betrieb ist – was häufig vorkommt – und die Fahrgäste über dunkle Treppenhäuser, vorbei an verwaisten Schaukästen, ihren Weg zu den Bahnsteigen finden müssen.

Das vergebliche Streben ist ein Hauptmotiv in Kafkas Arbeiten, das Scheitern an einer unzugänglichen höheren Macht durchzieht sein Œuvre. Hier kann man es täglich erleben. Schade, dass sein Romanfragment „Das Volkstheater“ heute als verschollen gilt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.11.2012)

Mouhanad Khorchide: „Gott straft nicht als Machtdemonstration“

Im Islam wird Gott oft als patriarchalischer Herrscher verstanden. Ein Bild, mit dem der Theologe und Soziologe Mouhanad Khorchide aufräumen möchte. In seinem aktuellen Buch begründet er theologisch anhand von Koran-Zitaten und Erzählungen über den Propheten Mohammed, warum der Gott der Muslime in erster Linie eines ist: barmherzig.

Christliche Gebete beginnen oft mit der Anrede „Lieber Gott“. Wie sprechen Muslime ihren Gott an? Ist der auch lieb?

Mouhanad Khorchide: Es kommt auch auf die Sprache an, in der man mit Gott spricht. Aber „Lieber“ sagt man nicht. Man sagt eher etwas wie „Oh Gott“.

Gott ist im Islam eher keine väterliche Figur?

Bei vielen Muslimen wird Gott viel zu transzendent gesehen. Gott beschreibt sich selbst im Koran, und zwar dass er den Menschen näher ist als ihre Halsschlagader. Gott ist interessiert an einer Partnerschaft mit dem Menschen. Aber wir projizieren zu sehr ein patriarchalisches Bild in Gott, machen ihn zu einem Stammesvater, der Befehle schickt, die man befolgen muss – egal ob man sie versteht oder nicht.

Will Gott überhaupt verherrlicht werden?

Der Koran sagt in Sure 5, Vers 54, dass Gott Menschen sucht, die er liebt und die seine Liebe erwidern. Gott sucht also Mitliebende, nicht Menschen, die ihn verherrlichen. Er ist in sich vollkommen und will nicht verherrlicht werden.

Woran liegt es dann, dass im Islam das Bild eines herrschenden, zum Teil rachsüchtigen Gottes vorherrscht?

Politik spielt eine große Rolle. Politiker haben ein Interesse daran, dass sich eine Gehorsamkeitsmentalität im Volk etabliert, damit sie diesen Gott instrumentalisieren können. In Saudiarabien gilt immer noch, wer das Regime kritisiert, kritisiert Gott.

Dieses Gottesbild ist ja nicht nur in Diktaturen verbreitet. Das gibt es ja bei Muslimen in der Türkei oder in Österreich genauso.

In der Türkei oder in islamischen Ländern, die nicht unbedingt Diktaturen sind, gibt es immer noch oft eine Verherrlichungsmentalität, vor allem in den älteren Generationen. In Europa merkt man schon einen Wandel, vor allem bei jungen Muslimen, weil sie in einem demokratischen Land aufgewachsen sind. Sie lernen, kritisch zu reflektieren, zu hinterfragen. Junge Menschen wollen nicht etwas tun, nur weil es im Koran steht. Sie wollen verstehen, was will Gott eigentlich von mir.

Woher kommt dann der Zustrom zu Auslegungen wie dem Salafismus, der auf eine buchstabengetreue Auslegung setzt?

Wer in der Religion primär Identität und Halt sucht, will oft feste, klare Strukturen. Wenn man sich aber den Koran anschaut, geht es nicht um Schwarz-Weiß-Malerei, sondern um die innere Vervollkommnung des Menschen. Es ist ein viel schwererer Prozess, sich selbst zu reflektieren, als nur eine Liste zu befolgen. Salafisten geht es nur um die Fassade, etwa wie lang der Bart ist.

An einigen Stellen im Koran straft Gott sehr wohl – da ist die Rede vom Höllenfeuer.

Im Koran sagt Gott in Sure 7:156: „Meine Strafe trifft, wen ich möchte, aber meine Barmherzigkeit umfasst alles.“ Gott straft nicht, um zu strafen als Machtdemonstration. Wenn ich meinem Sohn sage, er darf nicht mit dem Computer spielen, weil er seine Aufgaben nicht gemacht hat, räche ich mich nicht. Aus meiner Liebe zu ihm möchte ich, dass er lernt, deswegen sanktioniere ich ihn. So muss man die Stellen im Koran verstehen. Es gibt im Koran übrigens kein Attribut von Gott als Strafendem, sondern es ist immer die Rede von der „Strafe Gottes“. Aber sehr wohl wird er beschrieben als der Barmherzige. Und die Bilder von Hölle und Feuer sollte man metaphorisch verstehen. Die Hölle ist die Konfrontation des Menschen mit seinen eigenen Verfehlungen. Das ist kein Racheakt Gottes.

In muslimisch dominierten Ländern gibt es ja sehr körperbezogene Strafen – sind die theologisch begründbar?

Steinigung kommt nicht vor im Koran, aber Handabhacken zum Beispiel schon. Diese Strafen waren schon vor der Entstehung des Koran vorhanden. Der Koran sagt, alle die betrogen haben oder gestohlen haben, müssen gleich sanktioniert werden. Es geht also um Gerechtigkeit. Früher wurden nur die Schwachen bestraft, die Mächtigen nicht. Die Botschaft ist daher, jedes Verbrechen muss sanktioniert werden. Heute geht es nicht darum, partikulare juristische Maßnahmen zu übernehmen – also nur weil im Koran vom Händeabhacken zu lesen ist, müssen wir es heute auch tun. Unsere Aufgabe ist zu hinterfragen: Was würde Gott sagen, wenn er heute den Koran verkünden würde? Es gibt eine Sure, in der die Rede davon ist, Pferde und Esel als Transportmittel zu nehmen. Kein Mensch würde das heute so wortwörtlich übertragen und meinen, dass Autofahren unreligiös sei.

Wenn Gott barmherzig ist und die Sünden alle getilgt werden, klingt das nach einem Freibrief für die Sünde.

Barmherzigkeit ist nicht, dass Gott alles vergibt, sondern bedeutet an erster Stelle Gerechtigkeit. Ja, Gott sanktioniert Menschen, die Verfehlungen begangen haben. Aber er will auch, dass der Mensch sich vervollkommnet. Darum gibt es das Sanktionieren, im christlichen Kontext spricht man von Fegefeuer. Es geht um eine Läuterung im Jenseits. Diese Konfrontation mit seinen Verfehlungen sollte beim Menschen zur Einsicht führen, weil Gott sein Projekt Mensch vollenden will.

Aber heißt es nicht im Islam, dass das Paradies nur für Muslime gedacht ist?

Gott schaut nicht auf unsere Geburtsurkunden. Die traditionelle Theologie sagt, egal was ein Muslim verbrochen hat, im schlimmsten Fall geht er einige Zeit in die Hölle und dann ins Paradies. Das widerspricht der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit. Gott ist nicht an Überschriften interessiert. Die guten Menschen sind die, die zu Gott in seine Gemeinschaft kommen. Auf die Charaktereigenschaften des Menschen und sein Handeln kommt es an. Die Religion macht dem Menschen ein Angebot, sich selbst zu vervollkommnen – es gibt sie jedenfalls nicht, um Gott einen Gefallen zu tun. Dieser Weg der Vervollkommnung ist offen für alle, für Muslime und Nichtmuslime.

Und wer nie betet oder sich nicht an die Regeln einer Religion hält?

Mit all seinen Verfehlungen wird er im Jenseits konfrontiert. Dort hat er noch einmal die Möglichkeit, durch die Konfrontation zur Einsicht zu kommen.

Und wer in einer Gesellschaft mit anderen Regeln aufwächst, wer nichts von all den Dingen weiß, die als Verfehlung gelten?

Das ist eine lange Debatte in der islamischen Tradition. Was ist mit den Menschen, die nichts von Offenbarungen mitbekommen haben? Die Mu’taziliten im achten Jahrhundert haben dazu gesagt: Die Vernunft allein sagt uns, was gut und was schlecht ist. Wir brauchen nicht den Koran, um zu wissen, dass man nicht lügen und betrügen soll. Die Menschen werden daher zur Rechenschaft gezogen, auch wenn sie von einer Religion nichts wissen.

Ihre Interpretation des Koran ist neu und ungewöhnlich. Wie realistisch ist es, dass das unter Muslimen zum Mainstream wird?

Das Neue bei meinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ ist, dass ich anders argumentiere. Ich argumentiere nicht politisch, sondern theologisch. Auf den 220 Seiten zitiere ich über 400 koranische Verse und etliche Aussagen des Propheten, um zu zeigen, dass diese Positionen koranische Positionen sind – genuin islamische Positionen, also nicht von außen aufgesetzt. Deshalb stoße ich bei meinen Studierenden und den meisten Muslimen auf große Akzeptanz. Damit daraus ein Mainstream entsteht, brauchen wir Institutionen. In Deutschland gibt es die mit den vier Islam-Studiengängen mittlerweile, es gibt viele Studierende, die später Religionslehrer werden. Aber es braucht Zeit, bis ein Mainstream entsteht. Wichtig ist, dass bei meinem Ansatz alles im Koran begründet ist und nicht im Widerspruch zum Koran steht. Alle Muslime unterstreichen ja die Barmherzigkeit Gottes, aber keiner hat bis jetzt versucht, daraus systematisch eine Theologie aufzubauen.

Kann das Konzept der Barmherzigkeit auch Muslime in anderen Ländern erreichen?

Das Buch wurde schon ins Englische übersetzt, ich habe auch ein Angebot, es auf Türkisch zu übersetzen. Und ein Interview mit mir wurde in englischer Sprache auf eine Website gestellt – ich habe daraufhin viel Post bekommen aus den USA, Indonesien, Malaysia. Die Gedanken kommen jedenfalls bei vielen Muslimen in anderen Ländern an. Viele Muslime sagen, dass ihre Beziehung zu Gott gestört ist, weil ihnen Religion immer nur mit Angst beigebracht wurde. Aber wenn sie mein Buch lesen, sagen sie, jetzt hat man doch Lust auf diesen Gott. Es ist die Basis für eine gesunde Beziehung zu ihm, die auf Vertrauen, Liebe und Barmherzigkeit basiert.


Herr Khorchide, darf man Sie auch fragen . . .

. . . ob man auch ins Paradies kommt, wenn man Schweinefleisch gegessen hat?
Es ist kein rationales Verbot, das man erklären kann – denn es gibt noch ungesünderes Essen. Es ist nur eine Erinnerung an Adam, der nicht vom Baum essen durfte. Gott hat gar nichts davon, ob man nun Schweinefleisch isst oder nicht. Wenn es ein Muslim macht, ist er jedenfalls nicht verdammt – was nicht heißt, dass es erlaubt ist. Aber darauf kommt es eigentlich nicht an.

. . . ob Sie manche religiösen Rituale lächerlich finden?
Manche Dinge, die von Menschen konstruiert sind – dass man etwa glaubt, dass einem geholfen wird, nur weil man einen Satz tausend Mal ausgesprochen hat.

… ob Sie als Muslim auch Weihnachten feiern?
Auf meine Art. Ich freue mich, dass keine Mails und Anrufe kommen, ich habe dann endlich Zeit, liegen gebliebene Arbeit nachzuholen. Für mich ist es ein Feiertag.


Steckbrief

Mouhanad Khorchide | Uni Münster

Mouhanad Khorchide wurde 1971 in Beirut geboren, wuchs in Saudiarabien auf. Mit 18 Jahren kam er nach Wien und studierte Soziologie. Aufsehen erregte er mit seiner Dissertation, laut der rund ein Fünftel der muslimischen Religionslehrer Demokratie und Islam für unvereinbar hält.

Seit 2010 ist Khorchide Professor für Islamische Religionspädagogik, seit 2011 Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, wo er für die Ausbildung von Religionslehrern verantwortlich ist.

Aktuelles Buch

Mouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion. Herder 2012; 19,60 €

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.11.2012)

In der Parallelstaffel auf dem Gehsteig

Fußgänger sind nicht nur glückliche Autofahrer, denen es gelungen ist, einen Parkplatz zu finden. Nein, es gibt sie auch in der hauptberuflichen Ausführung. Wobei es zu unterscheiden gilt, in welcher Disziplin sie sich darauf spezialisiert haben, den zur Verfügung stehenden Boden möglichst effizient zu nutzen. Besonders häufig begegnet man dem Slalomgeher, der die Distanz zwischen Haus- und Gehsteigkante permanent auslotet. An ihm vorbeizukommen, erfordert ein hohes Geschick – und birgt die Gefahr einer Kollision in sich. Geradliniger mögen es die Verfechter der Parallelstaffel. Das ist jene Spezies, die in gehsteigbreiten Gruppen auftritt und das Gesetz der Kohäsion bedingungslos lebt – sie zu umschiffen erfordert meist ein Ausweichen auf die Fahrbahn.

In einer eigenen Welt lebt der Abruptstopper. Ihn erkennt man meist erst dann, wenn die eigene Nase sich in den Rückenfilz seines Mantels gebohrt hat. Wobei man zwischen dem Auslagenstopper, dessen impulsive Negativbeschleunigung von äußeren Einflüssen determiniert ist, und dem viel häufiger vorkommenden „l’art pour l’art“-Stehenbleiber differenzieren muss. Letzterer scheint von einer unsichtbaren Kommandozentrale aus zum sofortigen unmotivierten Halten gesteuert zu werden. Manche dagegen tragen das Steuerungsgerät deutlich sichtbar vor ihrem Körper – den Blick fest auf das Smartphone gerichtet. Dieser Typus Fußgänger gehört zur Sorte der Spontanwender – mitten im schnellen Schritt wird der Körper um 180Grad gedreht und weitergeschickt. Gäbe es den Ö3-Verkehrsfunk für Fußgänger, käme die Redaktion mit den Geistergehermeldungen nicht mehr nach.

Gibt es eigentlich so etwas wie die Straßenverkehrsordnung auch für Fußgänger? Und sollte man das Nutzen der Straße per pedes vielleicht in eigenen Gehschulen unterrichten? Übrigens hat Wien seit Kurzem eine eigene Fußgängerbeauftragte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.11.2012)

Jetzt muss ich aber schon ein bisschen schimpfen

Dass Ärzte einen ganz eigenen Technolekt pflegen, ist bekannt. So wie auch, dass ihr Jargon gern als Fachchinesisch – konkret vermutlich treffender als Fachlatein – bezeichnet wird. Tatsächlich kann es passieren, dass ein Besuch beim Doktor ähnlich abläuft wie eine katholische Messe vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Dass ein „Hoc est enim corpus meum“ da schnell im Volksmund zum „Hocus pocus fidibus“ mutieren konnte, ist leicht vorstellbar. Analog dazu kann man im Ärztezimmer bei intravenös schon einmal extranervös werden. Und man darf auch verwirrt sein, wenn der Arzt von „externem Pigment“ spricht und dringend zur „Balneotherapie“ rät – und damit nicht viel mehr aussagen will, als dass man schmutzig ist und in die Badewanne steigen sollte.

Es gibt allerdings auch den umgekehrten Fall, dass die Mediziner sich eines fast schon elterlich-pädagogischen Tons befleißigen. Das äußerst sich dann etwa in einem vorwurfsvoll vorgebrachten: „Jetzt muss ich aber schon ein bisschen schimpfen!“ In Momenten wie diesen schwankt man als Patient zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite steht das schlechte Gewissen, warum man tatsächlich so lange gewartet hat, bis man zur Vorsorgeuntersuchung gegangen ist, wieso man nicht mehr Sport treibt – oder dass zweimal Zähneputzen pro Tag ja wirklich nicht zu viel verlangt ist. Auf der anderen Seite steht eine aggressiv-renitente Trotzhaltung, dass man von seinem Arzt nicht gemaßregelt werden will wie von einer Kindergärtnerin.

Üblicherweise senkt man dennoch das leicht errötete Haupt, sichert Besserung zu und entfernt sich dann langsam aus der Ordination. Immerhin, der Arzt hat ja nur angedroht, dass er schimpft. Und zumindest hat er es nicht auf Latein gemacht…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.11.2012)