Das Dekolleté des Bauarbeiters

Es ist eines der großen Paradoxa, dass der Blick auf Dinge gesellschaftlich geächtet wird, die genau den Zweck verfolgen, die Blicke auf sich zu ziehen. Nehmen wir etwa das zwiespältige Verhältnis, das Männer zu Dekolletés haben müssen. Einerseits soll es die Aufmerksamkeit der Männerwelt wecken – denn nur aus purer Bequemlichkeit zwängen sich doch die wenigsten Damen in korsettähnliche Kleidungsstücke, oder? Doch andererseits, ist die Aufmerksamkeit einmal geweckt, soll sie gefälligst auf eine dezente Weise erfolgen. Als hätte man es eben nicht bemerkt. Die Kunst besteht darin, einerseits so zu schauen, dass die Trägerin es sehr wohl bemerkt, umgekehrt aber den Blick nicht so zu fixieren, dass die Augäpfel aus den Höhlen zu treten drohen.

Nicht ganz so viel Feingefühl ist bei einem ähnlichen Phänomen vonnöten, das gerne scherzhaft als „Bauarbeiterdekolleté“ bezeichnet wird: Jemand bückt sich und entblößt dabei den Ansatz der beiden Hintern-Backen. Das muss gar kein Bauarbeiter sein, auch viele junge Menschen gewähren durch extrem tief sitzende Jeans einen Einblick in Körperregionen, die oft nur notdürftig durch ein wenig Stoff geschützt sind. Finden sich darauf Namen wie „Calvin Klein“ oder „D & G“ darf man getrost davon ausgehen, dass der Einblick gewollt und ein verstörter/interessierter/gelangweilter Blick deshalb zulässig ist. Zeigt sich hingegen Feinripp oder – im Extremfall – nur mehr oder weniger behaarte Haut, muss man davon ausgehen, dass die Freilegung der Region nicht die ursächliche Intention des Hosenträgers gewesen sein kann. Der Blick ist demnach, wie sicher auch Benimm-Guru Elmayer bestätigen würde, ehebaldigst abzuwenden. So er ob des Anblicks nicht ohnehin schon fluchtartig auf andere Dinge gerichtet wurde.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.08.2008)

Ein Blattsalat mit Makel

Neulich hatte ich einen seltsamen Traum. Ich saß in einem China-Restaurant meiner Wahl, blätterte in der lachsrosa Speisekarte und stieß plötzlich auf ein Gericht, das ich hier nicht vermutet hätte: Blattsalat, so die Beschreibung. Klingt interessant, dachte ich und orderte sofort die exotisch klingende Speise. Doch was dann auf dem Teller landete, entsprach so ganz und gar nicht dem, was ich erwartet hatte: Denn mitten auf dem eigentlich recht appetitlich angerichteten Salat saß ein Makel und grinste mich an. „Ja, wer bist denn du?“, fragte ich den kleinen Kerl. Und der antwortete: „Ich bin ein Makel.“ „Oh, du Armer, so ganz allein“, sagte ich zu ihm, „gibt es denn noch mehr von deiner Sorte?“

„Ja, es gibt viele Makel“, antwortete er, „du kannst uns immer und überall finden.“ Und tatsächlich, plötzlich krochen viele kleine Makel den Tisch herauf und postierten sich um den Blattsalat. Sie alle hatten unglaublich traurige Augen. „Warum weint ihr?“, fragte ich. Da antworteten sie, dass es sie so fertig machen würde, dass sie in Singular und Plural gleich ausgesprochen würden. Ein Makel, viele Makel – kein „n“ am Ende, das ihre Zahl aufzeigt. Kein Wunder, dass die Makel so fertig waren.

Doch da, plötzlich, erhellte sich das Restaurant. Und ein Zauberer mit langem weißen Bart trat ein. „Oh, ihr Makel“, rief er aus, richtete seinen Zauberstab auf die kleinen Kerlchen und sprach: „Ihr, die ihr ohne Pluralendung leben müsst, sollt nicht länger leiden! Ab nun sollt ihr zumindest im Dativ der Mehrzahl ein ,n‘ am Ende tragen dürfen. Wie auch der Schlüssel.“ Da freuten sie sich. Und eine ganze Anzahl von Makeln (mit „n“) zog mit breitem Grinsen von dannen.

Als ich erwachte, lag ein lachsrosa Zettel vor mir – eine Einladung zum Chinesen. Auf eine „knuspriger Ente“ für „knusprige Journalist“. Also, verstehen Sie das?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.08.2008)

Nur Spießer fahren Automatik

Irgendwann kommt der Tag, an dem man endgültig im Erwachsenenleben angekommen ist. Dann etwa, wenn man zum ersten Mal das Campingzelt daheim lässt und in einer gemütlichen Pension absteigt. Wenn man lieber daheim DVD schaut, als durch Lokale zu ziehen. Doch den endgültigen Abschied vom auch nur annähernd jugendlichen Lebensstil hat vollzogen, wer ein Auto mit Automatikgetriebe kauft (nein, damit sind nicht Kaliber wie der Ferrari 355 Spider mit F1 Schaltung & Co gemeint, sondern biedere Familienkarossen). Das ist nämlich das ultimative Eingeständnis, es lieber bequem zu haben, sich nicht anstrengen zu wollen. Der linke Fuß liegt regungslos herum, die rechte Hand dient nur noch dem Nasenbohren. Wollen wir das?

In der Kollegenschaft hat diese meine Einstellung jedenfalls zu Protesten geführt. Was man nicht alles tun könne, wenn man sich nicht auf das Schalten konzentrieren muss. Der eine – ich nenne keine Namen – meint, er hätte dann eine Hand frei zum Telefonieren, der andere berichtet, dass er dann viel besser seine Kinder auf der Rückbank im Zaum halten könne. Wie auch immer, es finden sich Tausende Argumente, die den Verlust jeglicher Spannung und Spritzigkeit im Leben kompensieren sollen. Und dann gibt es noch die fadenscheinige Rechtfertigung, dass man so den Motor nicht zu hoch drehen kann – dem Klimawandel zuliebe. Nun, ob da nicht einfach der Umweltschutzgedanke einer autofahrerischen Inkompetenz vorgeschoben wird?

Und noch schlimmer, Automatik-Fahrer sind von ihrem Verhalten derart überzeugt, dass sie bisweilen sogar weit über das Ziel hinausschießen. Ausschnitt aus einem Streitgespräch: „Ich kann mit Automatikgetriebe während der Fahrt essen.“ – „Das kann ich mit Schaltung auch.“ – „Ja, aber nicht mit Besteck.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.08.2008)

Zensur im China-Restaurant

In China gibt es also Zensur. Und das trotz Olympia und der dringlichen Aufforderung der westlichen Welt, das doch bitte lieber bleiben lassen zu wollen. Seien wir uns ehrlich, so wirklich überraschend kommt das für uns nicht, immerhin kennen wir die Situation ja aus so gut wie allen China-Restaurants des Landes (und darüber hinaus). Auch hier schlägt die Zensur regelmäßig zu. Dann nämlich, wenn eine Speisekarte sich an einen Bereich annähert, der zumindest ansatzweise als korrekte deutsche Sprache durchgehen könnte. In solch einem Fall muss wohl im Ministerium für Speisekarten – gelegen wahrscheinlich im 14. Stock eines Bürogebäudes in Peking – eine Alarmglocke ertönen.

Ein namenloser Zensor, der akribisch die Mindestanzahl grammatikalischer Fehler überprüft, hebt den Hörer des roten Telefons ab. Mit steinerner Miene hört er die Schilderung eines Mitarbeiters vor Ort, der ihm die alarmierende Nachricht überbringt, dass in einem China Restaurant in Wien Landstraße ein annähernd fehlerfreies Dokument aufgetaucht ist. „Wir kümmern uns darum“, lautet die knappe Antwort des Bürokraten. Wenige Minuten später stehen drei freundliche Herren in schwarzen Anzügen vor der Küche des Restaurants. Der Lokalbesitzer im weißen Feinripp-Unterhemd sitzt weinend an einem Tisch und versucht zu erklären. Er wisse nicht, wie es dazu kommen konnte. Vermutlich habe ein Germanistikstudent in terroristischer Absicht die Fehler aus der Karte entfernt. Aber er werde gleich wieder die erforderliche Anzahl an Makeln einbauen. Und die Karte auch noch mit etwas Fett einreiben.

Das gefällt den Herren in den schwarzen Anzügen. Sie klappen die Speisekarte zu, nicken kurz und machen kehrt. Die knuspriger Ente und die drei gegrillten Hühnerspieße werden zufrieden sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.08.2008)

Radovan Karadzic ist nicht mein Vater

Was hat Michael Haneke zu verbergen? Sein Bart und seine Haare deuten darauf hin, dass er irgendetwas auf dem Kerbholz haben muss. Und jetzt macht er einen auf Wunderregisseur, der ganz ungeniert bei Preisverleihungen vor der Kamera posiert. Wir sollten nachforschen, ob er seine Gewaltobsession, die er jetzt in Filmen zeigt, nicht schon früher an echten Menschen oder Tieren ausgelebt hat. Wer würde vor uns erscheinen, würden wir mit dem Rasiermesser anrücken? Jim Morrison, vielleicht? Der soll ja seinerzeit auch ein ziemlich wilder Hund gewesen sein. Gerüchten zufolge soll auch Richard Lugner schon den Mann mit dem weißen Bart und dem wallenden Haar in seinem Einkaufszentrum gesehen haben, nichts ahnend, dass sich dahinter der 1971 angeblich verstorbene Sänger der „Doors“ verbergen könnte.

Nicht nur bei Haneke, auch bei vielen anderen ist jetzt Zweifel angebracht. Was verheimlicht Fessel-Gfk-Chef Rudolf Bretschneider? Warum ist es um Ex-EU-Kommissar Franz Fischler in jüngster Zeit so verdächtig ruhig geworden? Und warum gibt es keine Jugendfotos von Vizekanzler Wilhelm Molterer, auf denen die Bartstoppeln noch keine ständigen Begleiter waren? Oder fragen wir anders: Wo ist eigentlich der alte, der echte Erhard Busek mit seiner glatten Haut, geblieben? Und wer spielt jetzt seine Rolle?

Bei all dem Verwirrenden, dem wir jetzt ausgesetzt sind, ist aber auch etwas geschehen, worüber man lächeln muss. Allen Ernstes wird verschiedentlich behauptet – sogar über Österreichs Grenzen hinaus -, Karadzic wäre mein unehelicher Vater. Das ginge sich zwar altersmäßig aus, ist aber nicht so. Ich habe eine Mutter und einen Vater und bin stolz auf meine Eltern. Natürlich könnte ich auch auf einen Vater wie Karadzic stolz sein . . . nein, das dann doch nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.07.2008)

Das Rindfleisch ist wieder sauteuer

Wir alle behaupten zwar, die deutsche Sprache zu beherrschen, doch ab und zu muckt die derart Beherrschte auf und gehorcht nicht. In einigen Fällen hat dieses Aufmucken für unser Tun und Sein nicht einmal Konsequenzen, doch bei genauem Hinschauen offenbaren sich regelrechte Kleinode, die ein wenig ins Scheinwerferlicht gerückt werden sollen. Mainstream-Beispiele wie den „eingefleischten Vegetarier“ lassen wir einmal beiseite, wenden wir uns lieber dem Underground zu – für Feinspitze, sozusagen. In Zeiten steigender Lebensmittelpreise dürften wir etwa dem „sauteuren Rindfleisch“ immer häufiger begegnen. Umgekehrt werden wir angesichts rekordverdächtiger Benzinpreise wohl seltener auf „herrenlose Damenräder“ treffen.

Sprachliche Pseudoparadoxa begegnen uns auch häufig, wenn gegensätzliche Adjektive aufeinander treffen. Wenn wir etwa etwas ganz „schön hässlich“ (in Österreich „schee schiach“) finden, wir bass erstaunt ausrufen, dass der Kühlschrank „voll leer“ sei oder wir am sonntäglichen Sudoku scheitern – es ist halt „einfach kompliziert“. Und wie so oft erschließt sich uns die Paradoxie gar nicht so recht, wenn wir etwa erzählen, dass die Tochter schon „lange kurze“ Haare hat. Genauso wenig fällt uns auf, wenn unsere Zeitangaben unlogisch sind: Das beginnt bei „heute morgen“, setzt sich fort, wenn man etwas „jetzt gleich“ macht und endet, wenn wir „langsam schneller“ werden. Erwischt, oder? Sie alle verwenden Floskeln wie diese, ohne sich über logische Holperer Gedanken zu machen. Bei aller Logik, so „richtig falsch“ ist das alles doch nicht, werden Sie jetzt einwenden. Stimmt, das können Sie „ruhig laut“ sagen. Und selbst nach Lektüre dieser Zeilen, werden Sie Ihre Sprache nicht ändern, das ist mir schon klar. Da hilft „alles nichts“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.07.2008)

Halb ist das neue Voll

Gleichungen sind sexy. Selbst für mathematisch wenig interessierte Gemüter wie mich. Dementsprechend groß ist die Freude, wenn auch sprachliche Bilder in Form von Gleichungen dargestellt werden. Sehr beliebt ist in jüngster Zeit die Variante, in der neuen Trends eine Referenz an Althergebrachtes gegenübergestellt wird. „Rainhard Fendrich ist der neue Peter Alexander“ wäre ein solches Bild. (Auch wenn Fendrich natürlich schon längst nicht mehr im Trend liegt und Peter Alexanders Klasse sowieso niemals erreichen wird.) „Fußball ist das neue Wetter“ beschrieb perfekt den Smalltalk während der Euro. So weit, so einfach. Dass „Schwarz das neue Grün“ sein soll, lässt sich noch irgendwie erklären – mit energiesparenden Autos (grün) etwa, die trotzdem als elegante Limousinen (schwarz) durch die Gegend rollen. Spannend ist auch „Fotografieren ist das neue Rauchen“ – stimmt, in so manchem Lokal ist Rauchen schon verboten, dafür hält eben jeder seine Handycam in die Höhe.

Etwas komplizierter wird es dann schon, wenn es an wirkliche Gegensätze geht, wenn etwa die Singer-Songwriter Szene mit dem Leitspruch „Quiet is the new loud“ den Rock’n’Roll aus den Charts und in die Altersteilzeit schicken will. Und irgendwann wird es schon äußerst schwierig, Gegensatzpaare noch sinnvoll zu erklären. Oder könnten Sie mit dem Spruch „Straight is the new gay“ etwas anfangen? „Hell ist das neue Dunkel“ ist vermutlich nur mehr Nonsens – es sei denn, Sie sind Einrichtungsberater – und schließlich landen wir bei „Lebendig ist das neue Tot“. Andererseits, natürlich kann mit derartigem Nonsens auch eine reale Situation beschrieben werden – an Tankstellen gilt ja mittlerweile „Halb ist das neue Voll“. So sexy wie gedacht ist diese Gleichung dann allerdings doch wieder nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.07.2008)

Amokmonologe im Zugabteil

Schweigende Mehrheit, was soll das bitte sein? Wo immer ich bin, ist es eine Minderheit, die schweigt. Die Mehrheit hat den Mund zumeist offen. Das ist zwar lästig, lässt sich aber ertragen, solange man zumindest selbst nicht zum Sprechen genötigt wird. Genau das passiert aber immer wieder. Zugabteile können dann zu regelrechten Orten des Schreckens werden, wenn einer jener Zeitgenossen einsteigt, der die Strecke von Wien nach Linz ohne Reiselektüre zu bestreiten plant. In diesem Fall hilft nur, die Augen nicht von der eigenen Lektüre zu heben, um dem Gegenüber ja keine Gelegenheit zu geben, ein Gespräch zu beginnen. Denn sind einmal die ersten Worte gewechselt, könnte der nächste ruhige Moment erst am Linzer Hauptbahnhof den Platz des dauerartikulierenden Fahrgastes übernehmen. In der Zwischenzeit sind alle Nuancen von zwischendurch eingestreuten Sätzen bis zum Amokmonolog möglich – und alle halten davon ab, konzentriert (und schweigend) zu lesen.

Aber nicht nur im Zug, auch im politischen Leben wünscht man sich manchmal, so mancher Akteur würde ein Schweigegelübde ablegen. Wenn etwa BZÖ-Generalsekretär Gerald Grosz per Aussendung verkündet, wie er den Bau einer Moschee in Graz zu verhindern gedenke: Es gebe ja, so Grosz, die Möglichkeit, den dafür vorgesehenen Platz zu entweihen. Mit einem ordinären steirischen Gülletransporter könne man jedes Gründstück zur „unreinen“ Erde verwandeln. Spätestens beim Gedanken an Grosz, wie er mit hochrotem Kopf sein politisches Programm zu Boden bringt, sollte ein Spruch von Abraham Lincoln am Himmel erscheinen: „Besser schweigen und als Narr scheinen, als sprechen und jeden Zweifel beseitigen.“ Andererseits, mit seiner Methode hätte Grosz auch ein Zugabteil ganz für sich allein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.07.2008)

Europa ist gar kein Kontinent

Schade, dass gestern nicht Russland und die Türkei um den EM-Titel kämpften. So herrlich wäre der Aufschrei gewesen, dass das ja gar keine europäischen Länder seien. Auf derlei Kleingeist kann zunächst nur eines entgegnet werden: Europa ist ja gar kein Kontinent. Denn ein solcher ist einerseits topografisch definiert durch eine große zusammenhängende Landmasse, die durch Wasser oder andere natürliche Grenzen völlig oder fast völlig abgegrenzt ist, andererseits geologisch durch den Festlandsockel. Also handelt es sich bei Europa nur um einen Subkontinent der eurasischen Landmasse. Der jetzt reflexartig vorgetragene Einwurf von Ural und Bosporus als Grenze zwischen Zivilisation und Wilden mag sein, doch das ist nur eine Definition von vielen.

Aber soll so sein, akzeptieren wir die Definition und schimpfen ein bisschen über die vielen Organisationen, die partout nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass sie bösartige Grenzverletzungen betreiben. (Nationalstaaten wie die Türkei oder Russland lassen wir mal beiseite, ebenso, dass auch Kasachstan einen kleinen Zipfel in Europa hat.) Fangen wir mit der EU an – Zypern gehört geografisch zu Asien. Vielleicht sollte man denen nahe legen, dass sie besser austreten sollten. So wie 1985 auch Grönland der Europäischen Gemeinschaft winke winke gesagt hat – gehören ja zum arktischen Nordamerika, die Schlingel. Und dass Länder wie Armenien, Aserbaidschan oder Ägypten und Marokko zur Europäischen Rundfunkunion gehören – und beim Songcontest teilnehmen dürfen – erregt die Gemüter noch viel mehr. Und die Uefa schreibt uns nicht nur schlechtes Bier vor, sondern hat auch Mannschaften wie Israel als Mitglied. Pfui, sagt da der gelernte Österreicher – und ist plötzlich stolzer Europäer. P. S.: Australien spielt in der Asien-Gruppe.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.06.2008)

Des Türken liebstes Instrument

Des Türken liebstes Instrument ist die Hupe. Sie beherrscht er in all ihren Facetten, reizt virtuos ihr Klangspektrum aus von pianissimo (selten) bis zu forte (öfter) und fortissimo (meistens). Die Musikalität lebt er vor allem spontan aus. Beauftragte man früher einen Komponisten, nach siegreicher Schlacht einen Triumphmarsch zu Blatt zu bringen, agiert der Türke spontan und wartet erst gar nicht auf das Vorliegen der Partitur. Die Sinfonie für Halbmond und Hupe zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass auf crescendo weitgehend verzichtet wird, stattdessen subito nach einem freudigen Ereignis zu den Instrumenten gegriffen wird.

Was die Orchestrierung betrifft, orientiert man sich weniger an den halbleeren Orchestergräben eines Mozart sondern fährt eher Geschütze in Wagnerschen Dimensionen auf (Dass Hupen nach dem Prinzip des Wagnerschen Hammers, der einfachsten Form eines elektromagnetischen Unterbrechers arbeiten, hat damit übrigens nichts zu tun). Vom Smart-Cabrio bis zur LKW-Zugmaschine werden alle Instrumente ausgepackt, mit wehenden Halbmond-Fahnen versehen und in die Open-Air-Arenen der Stadt geschickt. Erste Reihe fußfrei – und ohne Platzkarten – erlebt das Publikum dann eine Vorführung, deren Monotonität vor allem ein Gefühl transportiert – Euphorie. Zuletzt gesehen in der Nacht von Samstag auf Sonntag am Wiener Gürtel. Karlheinz Stockhausen muss sich im Grab umgedreht haben, sogar sein Helikopter-Streichquartett konnte nicht die Intensität erreichen, wie sie das türkische Huporchester gezaubert hat. Der nächste Anlass für ein spontanes Hupkonzert könnte am Mittwoch bevorstehen, wenn das türkische Team auf Deutschland trifft. Wer sich für moderne Musik begeistern kann, weiß ja, wem er die Daumen drücken muss.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.06.2008)