Lasst uns über das s im Adventkalender streiten

Gefangen in der alljährlichen Endlosschleife der Dialoge rund um Weihnachten.

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Was im Fall des Weihnachtsbaums mittlerweile gar nicht mehr so einfach ist, schließlich haben schon viele Haushalte auf elektrische Kerzen umgestellt. Die Tradition des Christbaumbrandes wurde dadurch weitgehend verdrängt, der Aufschrei der Kulturbewahrer blieb jedoch aus. Macht ja nichts, es gibt schließlich noch viele andere Traditionen, die es zu bewahren gilt. Etwa die alljährliche Debatte, ob es nun Adventkalender oder Adventskalender heißt. Die wird zwar auch heuer nicht endgültig zu Ende, aber mit Sicherheit in der gleichen Intensität weitergeführt wie vergangenes Jahr, inklusive der Feststellung, dass es keine endgültige Lösung dafür gibt. Damit bleibt auch eine argumentatorische Hintertür dafür offen, die gleiche Debatte von null an erneut anzufachen. Am besten direkt vor dem Weihnachtbaum, von dem man sich das Fugen-s für die Diskussion ausgeborgt hat. Und das man sogar bis in die Osterzeit retten kann, wo sich alles um die Frage Schafkäse oder Schafskäse dreht.

Hat man sich in der Causa Adventkalender zum vorläufig finalen Let’s-agree-to-disagree durchgerungen, bleibt als Thema noch die Aufarbeitung der Verwandtschaftsverhältnisse. Und der jährlich wiederkehrenden Debatte, ob denn nun die Töchter der Cousinen zueinander Großcousinen oder Cousinen zweiten Grades sind. Die, ganz unabhängig von der vorjährlichen Erörterung, erneut von null an gestartet wird. Und schließlich die alljährliche Debatte mit den Besuchern nach Weihnachten, ob denn nun Fisch, Fondue oder kalte Platte das einzig wahre Weihnachtsessen ist. Da könnte man doch gleich auch hitzig darüber streiten, wer der beste James Bond ist. L’art pour l’art, oder eher Palaver pour Palaver. Und apropos, die Redewendung „den Christbaum anzünden“ bitte mit Vorsicht anzuwenden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.12.2015)

Die Unfähigkeit, zu Geld einfach Geld zu sagen

Die krampfhafte Suche nach Synonymen, um nur ja nicht Geld beim Namen nennen zu müssen.

Warum muss Geld eigentlich lieb sein? Gerade dann, wenn es in einem seufzenden Ton der Resignation genannt wird – und das wird es oft –, ist dieser Ausdruck von Zuneigung so überhaupt nicht angebracht. Aber über Geld spricht man nicht, heißt es. Und wenn schon, vermeidet man tunlichst, es bei seinem nüchternen Namen zu nennen. Dabei erinnert die Unfähigkeit, zu Geld einfach Geld zu sagen, an die peinliche Beklommenheit, mit der krampfhaft nach Synonymen gesucht wird, um nicht ein Geschlechtsteil mit seinem Namen aussprechen zu müssen. Es ist das „He, who must not be named“, mit dem in Harry Potters Welt der böse Voldemort bezeichnet wird.

Und so spricht man dann vom Zaster, abgeleitet von „sáster“, dem Wort für Eisen im Romanes. Oder bemüht das Moos, das vom Hebräischen „ma’oth“ kommt, was so viel wie Kleingeld bedeutet – und ohne das (Achtung, Phrasenschwein) nix los ist. Gern wird auch von Schotter gesprochen, der wiederum auf ein Missverständnis zurückzuführen ist – nämlich vom Kies, der in diesem Zusammenhang nichts mit Steinen zu tun hat, sondern vom Hebräischen „kis“ (Beutel) abgeleitet wurde. Dann wäre da noch der Mammon, vermutlich vom aramäischen Wort „mamona“, das für Besitz steht – und gern mit dem schönen Adjektiv „schnöde“ versehen wird, um eine verächtliche Note ins Spiel zu bringen. Nicht zu vergessen das Wort Pinkepinke, das auf „pinka“, hebräisch für Geldbeutel, zurückgehen dürfte.

Doch trotz dieser Vielfalt gibt es immer noch Menschen, denen die Worte fehlen. Sie reiben dann den Daumen an Zeige- und Mittelfingerspitzen. Und setzen dabei einen verschwörerischen Blick auf – wir wissen, was hier gespielt wird. Die Kröten sind in Wirklichkeit Mäuse, die alle Marie heißen. Aber Marie wird nur selten als lieb bezeichnet. Die Arme.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.12.2015)

„Es war mal was anderes“ ist die ultimative Vernichtung

Ein Versuch über das Bemühen, die an einen gestellten Anforderungen zu erfüllen.

Die Wahrheit ist eine Tochter der Redewendung. Und die verbale Kindesweglegung ist eine Disziplin, in der es schon Teenager zu Meisterleistungen bringen. „Ich mag dich total gerne“, wird dann dem vor Herzklopfen bebenden Gegenüber entgegengehaucht. Und mit dem nachfolgenden „als Kumpel“ das Klopfen zu einem sofortigen Stillstand gebracht. Die so höflich verpackte Wahrheit, dass das Miteinander definitiv nichts wird, auch noch in scheinbares Kompliment zu kleiden, ist so etwas wie die Urmutter der Enttäuschung, die ihre Kinder im Laufe eines Lebens immer wieder zu Besuch vorbeischickt. „Es liegt nicht an dir“, „du hast etwas Besseres als mich verdient“ oder „ich brauche einfach eine Pause“ sind längst zu Realität gewordene Popkultur. Phrasen, die den schnellen Stich ins Herz durch langsames Herauslöffeln ersetzen. Aber nein, es ist nicht so, wie Sie denken!

Bei einer Einladung zum Essen verbirgt sich die Kritik des Gastes hinter einem „schmeckt interessant“, dem überraschten „so kenn ich’s gar nicht“ und landet am Ende beim Resümee „es war mal was anderes“. Nicht zu verwechseln mit dem „es war einmal“, wie es in Märchen häufig am Beginn steht, ist diese Phrase die ultimative Vernichtung, die jegliche schüchterne Ambition auf eine für den Winter geeignete Kopfbedeckung für den Koch (ließe sich eine Haube eigentlich auch als bauliche Maßnahme zum Schutz des Hauptes beschreiben?) zunichte macht. Es ist wie ein „hat sich bemüht, die an ihn gestellten Anforderungen zu erfüllen“ im Dienstzeugnis. Ein „war ganz nett“ nach einem gemeinsam verbrachten Abend. Ein „vielleicht beim nächsten Mal“, mit dem eine abschlägige Mail garniert wird.

Ja, dann. Vielen Dank fürs Zuhören und vielleicht beim nächsten Mal. Ich brauche jetzt einfach eine Pause. Aber dass eines klar ist – es liegt nicht an Ihnen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.11.2015)

Es ist ein Wahnsinn . . . So kann es nicht weitergehen

Für manche Sätze erntet man immer Kopfnicken, ohne sich wirklich etwas überlegen zu müssen.

So kann es wirklich nicht weitergehen. Dass man nämlich sein gesamtes argumentatives Unterfutter nur aus Phrasen zusammenstückelt, die doch nichts anders sind als zu scheinbaren Aphorismen aneinandergereihte Laute des Lamentierens. Es reicht, möchte man am liebsten ausrufen, würde man damit nicht nur noch weiter in den Chor der Beschwerer einstimmen, deren einzige Denkleistung aus dem lautstarken Beklagen des derzeitigen Zustands besteht. Da muss sich etwas ändern. Und schon wieder setzt der Kopf zum gewohnten Nicken an. Ja, so gut kann es gar nicht sein, dass das Rückenmark nicht sofort den Impuls aussendet, dass es schlecht sein und sich natürlich etwas ändern muss. Da wird man sich etwas überlegen müssen. Natürlich nicht, ohne vorher inhaltsscheinschwanger zu betonen, dass man sich den Sachverhalt ganz genau anschauen wird.

Die korrekte Antwort auf jede derartige Hiobsbotschaft lautet übrigens: „Es ist ein Wahnsinn.“ Wobei diese Worte ohnehin Allgemeingültigkeit haben, so wie ein „tja“ in jedem Gespräch als rhetorische Allzweckwaffe eingesetzt werden kann. Ob Zustimmung, Ablehnung, Verwunderung, Begeisterung oder auch einfach nur um dem Gegenüber zu signalisieren, dass man noch da ist – es ist ein Wahnsinn, in wie vielen Situationen es passt, etwas einen Wahnsinn sein zu lassen. Was dann auch schnell wieder zur Einsicht führt, dass es so nicht weitergehen kann, sich etwas ändern muss, man es sich aber vorher noch ganz genau anschauen wird. Einfach dahingesagt und eigentlich unwiderlegbar, so wie die weinselig angeheiterte Feststellung unter Freunden, dass man so jung nicht mehr zusammenkommen werde. Natürlich nicht, würde man am liebsten ausrufen, wenn die Begründung nicht auch schon im Restmüll des Floskelwahnsinns vor sich hin blubbern würde, wir werden ja alle nicht jünger. Es ist ein Wahnsinn.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.10.2015)

Man sieht nur mit den Augen gut

Antoine de Saint-Exupéry hat geirrt: Mit dem Herzen kann man nicht sehen. Riechen auch nicht.

Ein wenig verwundert hat er dann schon geschaut, der Kardiologe, als ich bei ihm einen Sehtest machen wollte. Antoine de Saint-Exupéry hat im „Kleinen Prinzen“ also geirrt, wie ich erfahren musste. Man sieht nur mit den Augen gut, das Herz ist dazu nicht geeignet. Ja, fein, wieder was gelernt. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens auch mit den Ohren – sie sind geradezu dafür geschaffen, um Musik zu hören. Möglich, dass sie von dort auch den Weg ins Herz findet. Ab und zu allerdings biegt sie auf die Nerven ab, auf denen sie dann einen Spaziergang absolviert. Das kennen Sie sicher, dass es Nummern gibt, die man nicht aushält. „Papa was a Rolling Stone“ von den Temptations, zum Beispiel, wirkt bei mir wie der zu Noten gewordene Ausschaltimpuls. Oder „Mambo No. 5“ von Lou Bega. Den kann ich einfach nicht riechen, um ein weiteres Organ ins Spiel zu bringen. Interessant übrigens, dass die Nase im Wiener Wahlkampf kaum thematisiert wurde. Dabei spielt doch gerade das Riechorgan eine unglaublich große Rolle bei Gefühlen, heißt es. Und seien wir uns ehrlich, die Basis für die Position des Kreuzes auf dem Wahlzettel wird weniger im Kopf als im Bauch gelegt. Auch interessant, dass für den Sitz von Gefühlen gleich zwei Körperteile in Anspruch genommen werden, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Man riecht nur mit dem Bauch gut, das Wesentliche ist für die Nase unriechbar.

Apropos Nase. Dass die laufen kann, während Füße riechen können, ist auch so ein anatomischer Sonderfall à la Saint Exupéry. Eine Geschmacklosigkeit, der man am liebsten die Zunge zeigen würde. Wobei Geschmacklosigkeit eigentlich das falsche Wort ist – denn wenn etwas nach nichts schmeckt, ist das ja eher kein Problem. Schlimmer wäre, etwas hätte einen schlechten Geschmack. Habe ich aber nicht. Und jetzt drehen Sie bitte den „Mambo No. 5“ wieder ab. Bitte, danke.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.10.2015)

Leute, die beim Reden auf die Uhr schauen

Der Moment, in dem sich das Narrenkastl in Form eines Zifferblatts deutlich zu erkennen gibt.

Wie lang dauert es eigentlich, die Uhrzeit von einer Armbanduhr abzulesen? Bitte nicht falsch verstehen, als Nichtuhrenträger interessiert einen diese Frage wirklich. Vor allem dann, wenn man jemandem gegenübersteht, der während eines Dialogs eine halbe Minute lang mit abgewinkeltem Arm die Uhrzeiger zu hypnotisieren scheint. Das Gespräch geht in dieser Zeit des verhinderten Augenkontakts ganz normal weiter. Und man sieht regelrecht, wie der Uhrenbetrachter in seinem Gehirn eine gigantische Kalenderwand aufbaut, in die er all seine Gedanken zur Planung der nächsten Stunden einträgt. Shine on you crazy Augenkontakt, wozu jemanden anschauen. Den gleichen Effekt gibt es übrigens auch, wenn jemand mit einem Blatt Papier in der Hand vor einem steht – und während des Gesprächs mit den Augen ein Loch in den Zettel zu starren scheint. In Fällen wie diesen lässt sich im Papier – oder auf dem Zifferblatt – das Narrenkastl fast schon direkt greifen.

Bitte auch das nicht falsch verstehen, es ist gut, wenn Menschen beim Sprechen nicht ständig direkt in die Augen des Gegenübers starren. Wenn sie in die Luft schauen, während sie etwas visualisieren. Nach unten, wenn sie über Gefühle nachdenken. Oder auf den Mund des Gegenübers, wenn ein Stück Blattspinat genau auf dem Schneidezahn klebt. Es ist geradezu angsteinflößend, wenn ein Mensch den Blick nicht von den Augen des anderen lösen kann. Wie ein Reh im Fernlicht steht man dann da und wagt sich nicht mehr zu bewegen – nur dass weder auf Abblendlicht umgeschaltet und abgebremst wird, noch der Krach des Zusammenpralls folgt. Ziemlich angespannte Situation, das. Im Zweifel also bitte ruhig auf die Uhr schauen, auch gern länger, wenn ein Gespräch mit mir ansteht. Ich nutze die Zeit ebenfalls zielführend – mir könnte zum Beispiel einfallen, worüber ich einmal eine Kolumne schreiben könnte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.10.2015)

Die unbändige Freude am steten Rinnen der Nase

Ich freue mich, wenn ich krank bin. Denn wenn ich mich nicht freue, bin ich es trotzdem.

Wo sind eigentlich all jene, die im Sommer darüber geklagt haben, dass das Wetter so schön ist? Sie mögen jetzt, da die Sonne auf Tauchstation gegangen ist, bitte schön die Alternative des nasskalten Herbstes genießen. Und Abbitte leisten bei all jenen, die jetzt den Tag unter der Decke verbringen müssen, weil pünktlich zum Herbstbeginn sämtliche Krankheitserreger aus ihren Verstecken gelassen wurden. Vielen Dank. Immerhin, die Zeit lässt sich herrlich damit verbringen, das Konzept Krankheit ein wenig genauer zu beleuchten. So lernt man schließlich den eigenen Körper von einer Seite kennen, die er bei sommerlicher Hitze nie offenbart hat. (Ja, da schwang ein leiser Vorwurf an die Sommernörgler mit.) Also, sehen wir es positiv: Ich freue mich, wenn ich krank bin. Denn wenn ich mich nicht freue, bin ich es trotzdem.

Gehört man zur „Ich trinke Tee nur, wenn ich krank bin“-Fraktion, durchsucht man nun die hinteren Winkel der Kredenz nach „Halsfreund“, „Schlaf-Freund“ und „Innerer Balance“. Und freut sich, dass man fortan jede halbe Stunde beim Entleeren die Fliesen auf der Toilette zählen darf. Apropos zählen – auch das lässt sich beim Herumliegen vortrefflich üben. Mein Schlafzimmervorhang hat sieben Aufhänger, auf einer Seite meines Polsters sind 96 blaue und 84 rote Blumen und auf den Buchrücken der „Herr der Ringe“-Ausgabe im Dreierschuber befinden sich genau 143 Zeichen. Das Schöne ist, dass man von diesen Zahlen auch in diversen Fieberträumen immer wieder eingefangen wird. Darüber kann man sich ärgern – oder man begreift all das als abenteuerliche Reise. Wie oft hat man schon die Chance, über einen Berg Papiertaschentücher zu stolpern. Ich bin gespannt, wann die Tourismusindustrie Kurztrips ins eigene Bett vermarkten wird. Apropos, diese Kolumne hat genau 1680 Zeichen. Ohne Leerzeichen – so krank bin ich auch wieder nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.09.2015)

Das „ad calendas graecas“ der Nichtlateiner

Was dahintersteckt, wenn jemand verspricht, sich um etwas zu kümmern, „sobald er dazu kommt“.

„Wir halten Sie in Evidenz.“ Diese Floskel in Antwortschreiben auf Bewerbungen kennt man schon vom „Leider nicht“ in Brieflosen. Dass der Begriff selbst so gut wie ausschließlich in Schreiben an abgelehnte Bewerber vorkommt, ist evident. Dass er dort überhaupt einen Platz hat, ist wiederum ein österreichisches Spezifikum, abgeleitet vom Evidenzbüro, wie in der österreichisch-ungarischen Monarchie die Zentrale des militärischen Nachrichtendienstes bezeichnet wurde. Und da dieses Büro diverse militärisch relevante Dinge, also solche mit Evidenz, im Auge zu behalten hatte, kam das In-Evidenz-Halten ins österreichische Amtsdeutsch, von wo aus es seinen Siegeslauf in diverse Personalabteilungen des Landes startete. Dass sich hinter der scheinbaren Beachtung des Bewerbers in Wirklichkeit ein „Schmeck’s“ verbirgt und die Evidenz im Rundordner landet, ist dann wieder eine andere Geschichte.

Aber eine, die sich auch in anderen Situationen immer wieder findet. Das „Komme gleich“ des Kellners entspricht einem „Natürlich sehe ich, dass du seit fünf Minuten nach mir rufst, aber ich komme jetzt trotzdem nicht zu dir“. Das „Ich werde es mir anschauen“ im Büroalltag ist eine höfliche Umschreibung von „Red es in ein Sackerl“. Und die Floskel „Sobald ich dazu komme“ ist das „ad calendas graecas“ der Nichtlateiner. Im römischen Kalender sind die Kalenden jeweils der erste Tag eines Monats – die Griechen hingegen kannten diese Bezeichnung nicht. Im Englischen wird diese Wendung mit „when pigs fly“ oder „when hell freezes over“ umschrieben. Im Französischen verweist man „à la Saint-Glinglin“ – was wiederum sehr nah am Deutschen ist, in dem man ebenfalls einen fiktiven Heiligen ins Spiel bringt und den Sankt-Nimmerleins-Tag als Zieldatum angibt. Dazu gäbe es noch viel Spannendes zu erzählen– und das werde ich auch tun. Sobald ich dazu komme.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.09.2015)

Leute, die einen Stau durch Hupen auflösen können

Immer wieder im Test: Die Hupe, die wie die Trompeten von Jericho Mauern einstürzen lässt.

Der kleine Maxi hat eine neue Hupe. Apropos, warum heißt der Protagonist von Witzen eigentlich so oft Maxi? Gut, die Zeiten, in denen das Erzählen von Witzen beim abendlichen Zusammensitzen noch opportun war, sind lang vorbei. Aber warum 99 Prozent der Witze, in denen der Name eines kleinen Buben gebraucht wird, auf einen Maxi zurückgreifen, ist nicht wirklich schlüssig. Es gäbe doch so viele andere Namen, die man hier einsetzen könnte und die den Witz um nichts besser oder schlechter machen würden. Wie auch immer, der kleine Maxi hat also eine neue Hupe. Und die testet er gerade. Nicht nur gerade, sondern sogar recht häufig. Und das in der Regel vor meinem Fenster. Und es muss eine sehr mächtige Hupe sein, die Maxi da in seinem Auto hat. Denn offenbar hat sie eine Durchschlagskraft, die an die sieben Trompeten heranreicht, die dereinst die Mauern von Jericho umgeblasen haben sollen. (Dass es sich bei den Trompeten in Wirklichkeit um Schofaroth, posaunenähnliche Instrumente aus Widderhorn handelte, lassen wir jetzt einfach beiseite.)

Man darf den kleinen Maxi jedenfalls beneiden. Nicht nur wegen seiner Hupe. Sondern auch wegen seines unbezwingbare Glaubens, durch penetrantes Hupen ein Verkehrshindernis beseitigen zu können. Genau das versucht er nämlich. Wenn in einer engen Gasse jemand etwas länger zum Einparken braucht. Wenn ein Wagen der Müllabfuhr nach dem Leeren eines Mistkübels nicht sofort weiterfährt. Oder wenn sich an einer Engstelle ein Stau gebildet hat. Vermutlich erwartet Maxi, dass sich beim siebenten Erklingen seiner Hupe der Himmel öffnet und eine mächtige Hand den Verkehrsstau mit einem Wisch beseitigt.

Viele Witze enden übrigens damit, dass der kleine Maxi am Ende mit einer pfiffigen Wendung die anderen dumm dastehen lässt. Bei diesem ist das nicht so.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.09.2015)

Ja haben wir denn wirklich keine kleineren Probleme?

Elementare Schwierigkeiten? Pah. Die alltäglichen Tücken treiben uns wirklich in den Wahnsinn.

Was wären die großen Probleme ohne die kleinen? Die elementaren Schwierigkeiten mögen die sein, die uns aus Angst vor der Zukunft nachts nicht schlafen lassen. Doch es sind die alltäglichen Tücken, die uns wirklich in den Wahnsinn treiben. Wenn etwa ein Automat eine Münze partout nicht annehmen will – man wirft sie einmal mit mehr, einmal mit weniger Schwung in den Schlitz, reibt sie an der metallenen Front des Geräts und hört sie doch jedes Mal in den Schacht für Retourgeld plumpsen. Fast jedes Mal – irgendwann schluckt sie der Automat. Ciao, Münze. Ciao, Getränk, das ich nie kennenlernen durfte. Wenn der Kleber eines Preispickerls so beschaffen ist, dass es sich nicht einfach ablösen lässt, sondern man die kleinen Papierfetzchen mühsam von der DVD-Hülle wutzeln muss. Ähnlich wie bei Mandarinen, deren Schale man nicht einfach abziehen kann. Sondern die weiße Schicht darunter unter Fluchen minutenlang herunterpfriemelt.

Wenn man bei einer Packung Kakao den Plastikverschluss so abziehen muss, dass zwangsläufig ein paar Tropfen auf das weiße Hemd spritzen. Wenn eine Bankomatkassa den Magnetstreifen nach oben haben will – an jedem ernst zu nehmenden Geldausgabegerät wird die Karte mit dem Streifen nach unten eingeschoben. Und nur, weil ein Designer auf Egotrip glaubt, seine Individualität ausleben zu müssen, soll es bei diesem Automaten plötzlich umgekehrt sein? Wenn beim Hochfahren des Computers jedes Mal die Meldung kommt, dass der Adobe Flash Player ein Update braucht. Man auf Windows 10 upgraden soll. Ob man das Antivirenprogramm nicht auf die kostenpflichtige Variante umstellen möchte. Eine neue Version von Firefox muss auch installiert werden. Und den Rechner für eine Aktualisierung herunterfahren. Jetzt sofort. Oder in vier Stunden. Ja haben wir denn wirklich keine kleineren Probleme?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.09.2015)