Stoppelgeld im Vorstadtbeisl

Auf Privatsendern war es ja eine Zeit lang ein beliebtes Sendungskonzept, unterschiedliche soziale Welten aufeinanderprallen zu lassen. „Tausche Familie“, „Tausche Frau“ oder „Tausche Leben“ erlaubten dem Fernsehvoyeur, sich an – meist noch zusätzlich inszenierten oder angestachelten – Konflikten zwischen reich und arm, zwischen weltgewandt und provinziell, zwischen tütü und bumbum zu ergötzen. Wirklich originell sind diese Schaukämpfe längst nicht mehr, doch wer die richtigen Freunde hat, muss sich ohnehin nicht mit dem passiven Konsum vor dem Fernseher zufrieden geben – sondern erlebt auch im Alltag seinen persönlichen Clash of Civilizations.

Wenn sich etwa jemand, aus welchem Grund auch immer, dazu entschlossen hat, bis zum Ende des Jahres keinen Alkohol mehr zu trinken. Nur im Vorstadtbeisl – so eines mit Harley-Davidson-Fahne hinter der Bar, nur damit man sich das besser vorstellen kann – ist gerade kein Bier ohne Alkohol vorrätig. Da lehnt sich besagter Freund vor, mustert die Kellnerin in ihrem schwarzen Lederdress und präsentiert einen Vorschlag: Ob sie denn wisse, was Stoppelgeld ist. Um danach, ohne auf die Antwort zu warten, das Konzept dahinter erklärt und vorschlägt, dass er jetzt schnell von daheim zwei Flaschen Schlossgold holen geht. Fast schade, dass in diesem Moment kein Drehteam eines Privatsenders das Gesicht der Kellnerin in einer Nahaufnahme brachte.

Apropos Bierflasche, das muss auch einmal gesagt werden: Die lustigen Behältnisse, deren Kronkorken man aufdrehen kann, haben das Verletzungsrisiko beim Flaschenöffnen doch deutlich erhöht. Zum einen, weil die Zacken ohnehin nicht die angenehmste Oberfläche sind, auf die man mit der Hand Druck ausüben möchte. Zum anderen, weil dadurch auch die Gewohnheit entstanden ist, es bei jeder Flasche zunächst einmal mit Drehen zu probieren. Was beim Großteil der Flaschen, die ausschließlich konventionell mit Flaschenöffner geknackt werden können, sehr schmerzhaft sein kann. Aber zugegeben, genug Stoff für eine eigene Fernsehsendung ist das dann doch noch nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.10.2014)

Die Hauptrolle in der Verfilmung von „Tetris“

Gibt es eigentlich irgendetwas, das noch nicht verfilmt wurde? Allzu viel kann jedenfalls nicht mehr übrig sein, wenn ein Unterhaltungskonzern nun sogar schon plant, das Computerspiel „Tetris“ als abendfüllenden Spielfilm auf die Leinwand zu bringen. Ja, genau das, wo mit herabfallenden Blöcken eine Mauer gebaut werden muss, die sich dann auflöst. Bei „Super Mario Bros“ gab es zumindest noch Figuren, die mit Schauspielern besetzt werden konnten. Einen Hollywoodstar dafür zu gewinnen, einen Bauklotz zu spielen, dürfte um einiges schwieriger werden. Wobei die einzelnen Blöcke ja durchaus verschiedene Charaktere sind. Da sind die langen, dünnen mit einem Haken oben – einmal nach links, einmal nach rechts. Dafür reicht schauspielerische Standardware, solange sie Ecken und Kanten hat. Dann die kürzeren mit einem Knubbel in der Mitte, auch dafür braucht man keinen Publikumsliebling, solange sich die Person halt fallen lassen kann. Die s- und z-förmigen Bausteine, die besonders lästig sein können, sind charakterlich wohl am vielschichtigsten, also Kategorie Christoph Waltz. Als Bösewicht bietet sich der quadratische Block an, der durch das Method Acting von Robert De Niro lebendig werden könnte. Und der lange dünne Block wäre für die Heldenfigur reserviert, Scarlett Johansson in der Hauptrolle rettet die Welt. „Inglourious Mauerbau“ oder „Bauklotz unchained“ könnten so zu Kassenschlagern werden.

Und während im Filmstudio das Geld gezählt wird, das die Verfilmung herabfallender Steine einbringt, laufen schon die Vorbereitungen für die nächsten großen Filmproduktionen. Dem Vernehmen nach könnten „Minesweeper“ und „Tic Tac Toe“ als nächstes auf dem Programm stehen. Und sind auch diese Klassiker im Kasten, geht es dann vermutlich an die Verfilmung von Windows 7, ehe Apple dann sein aktuellstes Betriebssystem für das iPhone in ein Drehbuch packt. Irgendwann kommt dann auch noch „MS-DOS – The Movie“ ins Kino. Als Arthouse-Film natürlich. In schwarz-weiß.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.10.2014)

Nurzurinfoisierung

Im Herbst wird ja gern gebastelt. Wer allerdings nicht Kürbisse zerschneiden, Kastanien durchbohren oder Tannenzapfen mit Zweigen zusammenschnüren will, kann ja mit ein paar Wörtern spielen. Zum Beispiel könnte man aus dem Buchstabensäckchen die Zutaten für „indem“ hervorkramen. Und sich darüber Gedanken machen, ob ein Leerzeichen mitten im Wort zu einer Bedeutungsveränderung führt. Ja, tut es, auch wenn in vielen aktuellen Texten „indem“ und „in dem“ so willkürlich gesetzt werden, als hätte man per Münzwurf darüber entschieden. „In dem“ leitet einen Relativsatz ein – und könnte auch durch „in welchem“ ersetzt werden. Ein Satz, in dem „indem“ steht, dreht sich hingegen um die Art und Weise, wie etwas geschieht. Es ließe sich also auch mit „dadurch, dass“ erklären. Dass das mittlerweile ähnlich schlampig gehandhabt wird wie „das“ und „dass“, mag auch daran liegen, dass eben zu wenig mit Sprache gebastelt wird.

Der zweite Griff in das Säckchen mit den Buchstaben könnte ja die Kombination „nur“ hervorbringen. Das lässt sich etwa im Sinne von ausschließlich, lediglich, bloß, aber, allerdings, doch oder jedoch anwenden. In der alltäglichen Kommunikation kommt es hauptsächlich zum Einsatz, wenn jemand beschwichtigt werden soll, den man gerade unterbricht oder stört. „Nur ganz kurz“ ist die dazugehörige Killerphrase, über die man dann während der ganz und gar nicht kurzen Störung ziemlich lange sinnieren kann. Und dann gibt es auch noch jene Zeitgenossen, die jedes Gespräch mit „nur zur Info“ einleiten. Was ja legitim wäre, wenn gesagt werden soll: Du musst nichts tun, aber ich erzähle dir jetzt etwas. Doch mittlerweile scheint „nur zur Info“ fast schon die Funktion des „grüß Gott“ übernommen zu haben. Ja, offenbar haben wir es mit einer schleichenden Nurzurinfoisierung der deutschen Sprache zu tun.

Damit genug gebastelt für heute. Und das Lamentieren über die sprachliche Verrohung in dem (nicht indem) Text bitte nicht persönlich zu nehmen. War ja nur zur Info.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.09.2014)

Rettet das Datum!

Erinnert sich eigentlich noch jemand an diese Ice-Bucket-Challenge? Das war dieses kurzlebige Internetphänomen, das einige Wochen lang in Form von Bewegtbildern, versehen mit der Aufforderung, sich auch daran zu beteiligen, gefühlt die Hälfte des gesamten Internetverkehrs ausmachte. Noch etwas kurzlebiger, weil vermutlich intellektuell ein wenig herausfordernder, war der ebenfalls in sozialen Netzwerken verbreitete Kettenbrief mit der Aufforderung, die zehn Bücher zu nennen, die das eigene Leben am stärksten geprägt haben – Nominierung an weitere Personen inklusive. (Michael Ende: „Die unendliche Geschichte“ wäre übrigens fix drauf gewesen, hätte mich jemand nominiert, aber jetzt nur nicht abschweifen.) Derartige Hypes im Internet tauchen auf, haben einen kurzen Höhepunkt, verschwinden wieder in der Versenkung. Und ab und zu spült es sie Monate oder Jahre später noch einmal in die Mailbox. Dann werden sie mit der gleichen Begeisterung wieder weiterverbreitet, als wären sie gerade erst aus dem Ei geschlüpft.

Eine Bewegung allerdings zeichnet sich durch eine besondere Konstanz aus. Zwar hat sie nie einen derartigen Boom wie die Eiskübelausleerer erlebt, dafür klopft sie mehrmals täglich an, um in die Mailbox eingelassen zu werden. Es müssen wahrhaft echte Idealisten dahinterstecken. Und, das macht es noch spannender, es läuft immer weiter, ohne dass überhaupt jemand nominiert werden muss, die Botschaft zu verbreiten. Ihr Slogan lautet: „Rettet das Datum“. Wie groß angelegt die Kampagne ist, lässt sich daran erkennen, dass sie weit über den deutschen Sprachraum hinausgeht, ja, die ganze Welt umspannt – denn die Botschaft kommt, auf dass sie jeder versteht, auf Englisch daher. „Save the date“ steht in der Betreffzeile. Dass sich im eigentlichen Mail dann nur Erinnerungen an sinnlose Veranstaltungen finden, ist die perfekte Tarnung. Wer sollte schon Verdacht schöpfen, dass hinter einem schnöden Gartenfest eine weltumspannende Organisation steht? Also, Mail schnell löschen. Und wissen, dass wir uns um den Fortbestand des Datums keine Sorgen machen müssen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.09.2014)

Wenn der Antibiotiker keinen Guster hat

Der Ostösterreicher neigt ja zu einer gewissen Schlampigkeit in der Aussprache. Da wird das Parkett schon mal zum französischen Weißbrot. Und der Antibiotiker muss sich fragen, ob er im Lateinunterricht nicht doch besser aufpassen hätte sollen. Zugegeben, das ist nichts, wofür gleich der Ruf „Hysterika“ ertönen muss, doch als Connaisseur (das spricht man gar nicht aus, da sagt man einfach nur „Kenner“) in Sachen Sprache macht man sich halt so seine Gedanken. Über den Gusto, zum Beispiel, der hierzulande ja nicht nur gesprochen zum Gusta, sondern auch geschrieben gerne zum Guster wird – ob man das nun goutiert oder nicht so gout, pardon, gut findet. Hübsch ist auch die sprachliche Verbindung, die hierzulande ein Kreuzblütengewächs mit einem Streit und einem henkellosen Trinkgefäß eingeht. So wird der Kohl im Dialekt auch Kölch (ausgesprochen Köch) genannt. Die Frage, ob man einen solchen will, sollte in Vorstadtgasthäusern dennoch nicht mit Ja beantwortet werden, weil man damit die Zustimmung zu einer körperlich geführten Auseinandersetzung gäbe. Das derart benannte Gemüse hingegen wird in der Großelterngeneration gerne in die Hochsprache zurückgeführt – und endet dort fälschlicherweise als Kelch. Der dann hoffentlich an einem vorübergeht, denn zumindest als Kind war die Attraktivität des eingebrannten Kohlkopfs enden wollend.

Aber zum Trost sei den Ostösterreichern gesagt, dass auch in anderen Regionen sprachliche Missverständnisse auftreten können. Wenn etwa der Kellner im brandenburgischen Eisenhüttenstadt als Menüvorschläge „Bratwurst oder Steg“ aufzählt, darf der Gast ruhig einmal nachfragen. Bratwurst kennt man ja, aber was kann man sich denn unter einem Steg vorstellen? „Na ja“, stammelt dann der Kellner mit einem Blick, als stünde ein Außerirdischer vor ihm. „Ein Stück Fleisch.“ Na, das klingt ja ganz vernünftig. Und zum Steak bitte ein Glas Wein – aber keinen roten, sonst muss am Ende womöglich wieder der Antihistaminiker ausrücken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.09.2014)

Ihre Polyurethane e.V. wurden ungelesen gelöscht

Es ist nämlich so: Wir wissen es nicht. Warum nämlich Menschen E-Mails mit einer Lesebestätigung verschicken. Damit sie in ihre vermutlich ohnehin randvolle Mailbox einen ganzen Haufen weiterer Mails bekommen, in denen steht, dass XYZ ihre Mail gelesen hat? Oder auch nicht, denn wenn man seinen Mail-Client gut eingestellt hat, taucht beim Lesen ohnehin eine Warnung auf, dass der Versender eine Lesebestätigung angefordert hat – ein Begehr, das man selbstverständlich mit einem Nein quittiert. Denn was geht es den Versender an, wann und ob ich seine Botschaft nun gelesen habe. Ist sie so interessant, dass eine Reaktion sinnvoll ist, schickt man sowieso eine Antwort. Ist sie es nicht, wandert das Stück in den Ordner mit den gelöschten Objekten – und eine eventuell zuvor automatisch geschickte Info, dass man sie zuvor gelesen hat, ist damit Tinnef.

Es ist nämlich auch weiter so: Wir wissen es nicht. Wie man nämlich auf manche Mailverteilerliste kommt. Und mit ungläubig geöffnetem Mund vor Nachrichten mit einem Betreff à la „An Weihnachten aus dem Nagelstudio zu Ihnen nach Hause“ sitzt. Oder sich fragen muss, ob man schon wieder irgendwo versehentlich etwas unterschrieben hat, um es plötzlich auf den Mailverteiler vom „Fachverband Schaumkunststoffe und Polyurethane e. V.“ zu schaffen. Vor allem, weil deren Schriftverkehr ja doch über wahllos verstreute Spam-Botschaften à la „Ich habe ein lukratives Geschäft Vorschlag von gemeinsamem Interesse mit Ihnen teilen. Ich will lieber Sie mich auf meiner privaten E-Mail-Adresse unten zu erreichen. betrachten Sie Ihre früheste Reaktion“ hinausgeht und die Versender vermutlich wirklich damit rechnen, dass sie ihre Neuigkeiten an ein tatsächlich interessiertes Publikum adressiert haben.

Vielleicht sollte man derartigen elektronischen Brieffreunden ja ganz einfach eine Lesebestätigung schicken. Auch, wenn sie gar keine angefordert haben. „Ihre Nachricht wurde ungelesen gelöscht“. Ob das wohl etwas hülfe? Nun, wir wissen es nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.09.2014)

Eine Lüge zieht rasch ein und verklebt nicht

Schon drei Buchstaben können eine Lüge sein. Das „nur“ vor einem Eurobetrag, zum Beispiel. So wie auch das „statt“, das zwischen einem Fantasiebetrag auf der linken und einem günstigeren Preis auf der rechten Seite steht. Das hat zwei Buchstaben mehr, ist deswegen aber auch nicht ehrlicher. Nur ein Heilsversprechen für das Haushaltsbudget, das eine ähnliche Relevanz hat wie die Frauenquote im SPÖ-Parlamentsklub. „My friend“ ist der Code dafür im orientalischen Bazar, der je nach Tageszeit mit „you are my first customer, you get discount“ oder „you are my last customer, you get discount“ aufgefettet wird. Oder auch mit dem Ausruf „good price“ – der gelegentlich sogar bei Produkten mit Fixpreisen wie etwa Briefmarken in die Schlacht um die Kundschaft geworfen wird.

„Derzeit sind leider alle Leitungen besetzt“ in der Warteschleife am Telefon wirkt wie ein Hohn, wenn im Callcenter in Wirklichkeit gerade einmal ein Kollege Bereitschaftsdienst hat. Und der ist eben gerade auf Pause. „Wir sind bemüht, so rasch wie möglich eine Leitung für Sie bereitzustellen.“ Ja, danke auch. Nach sechs Mal Donauwalzer klopft man ohnehin schon den Dreivierteltakt mit. Und dann auch noch diese Versprechen auf Kosmetikprodukten. „Zieht rasch ein und verklebt nicht“, mäandert es durch die Ganglien, während die Sonnencreme über die Fingerkuppen tropft und auf der Digitalkamera Schleimspuren zieht, wie sie sonst nur Nacktschnecken auf Waschbetonplatten zu hinterlassen vermögen. Und warum erfindet nicht irgendjemand einmal einen Zippverschluss, der sich beim Öffnen nicht im Futter verhakt? Was gerade bei einem Schlafsack, aus dem man sich des Nachts schälen muss, um schnell zum Toilettenzelt zu gelangen, gar nicht so unpraktisch wäre. Abgesehen davon, lieber Bankensektor: 0,1 Prozent sind keine „attraktiven Zinsen“. Aber da traut sich dann wieder keiner, ein „nur“ voranzustellen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.08.2014)

Das Ladekabel ist das neue Feuerzeug

Kugelschreiber sind treulos. Durch wie viele Hände sie im Lauf ihrer Tintenfülle gehen, ehe sie dereinst im Einwegkugelschreiberhimmel ankommen, lässt selbst Don Giovanni vor Neid erblassen. Es gibt kaum ein Objekt, das derart häufig den Besitzer wechselt. Weil sie so leicht zu haben sind, vermutlich. Und der Eigentumsanspruch wohl auch deshalb nicht allzu stark ausgeprägt ist. Der nächste Bic liegt schon voller Vorfreude bereit. Eine echte Beziehung zwischen Mensch und Objekt kann auf diese Weise naturgemäß kaum entstehen.

Das Feuerzeug ist ein ähnlich liederliches Ding. Und doch steht es in der Hierarchie der Dinge ein paar Stufen weiter oben. Weil es selbst in der Einwegvariante nicht einfach genommen wird, wenn es auf dem Tisch liegt. Sondern in der Regel gefragt wird, ob man es sich denn mal kurz ausleihen könnte. Und weil es als soziales Werkzeug dabei helfen kann, mit anderen ins Gespräch zu kommen – darum ist der Klassiker der Aufrisssprüche ja auch das lässig geflüsterte „Entschuldigung, hast du Feuer?“ und nicht ein mit hochgezogener Augenbraue gehauchtes „Hallo Baby, kann ich mir vielleicht deinen Kugelschreiber ausborgen?“.

Allerdings bekommt der Feuer- und Lichtspender zunehmend Konkurrenz. Denn wenn es um das Ausborgen geht, hat sich zuletzt – vor allem am Arbeitsplatz – ein anderer flatterhafter Zeitgenosse penetrant in den Vordergrund gedrängt: „Hat jemand ein iPhone-5-Ladegerät?“ Ob per Mail vorgetragen oder in die Gänge des Großraumbüros geschrien, man entkommt der Frage nicht. Und schon wandert das weiße Kabel durch unzählige Hände, wird minutenweise verborgt – und dient so wie dereinst das Feuerzeug als Initialzündung für so manch prickelnden Dialog. „Hallo, darf ich mir einmal dein Ladekabel ansehen?“ Vielleicht sollte man ja sogar ein Flirtseminar veranstalten, bei dem man lernt, sich das begehrte Objekt besonders lasziv um den Finger zu wickeln… Übrigens, wenn wir schon dabei sind, Android-Nutzer sind die neuen Nichtraucher.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.08.2014)

Kimberli, ein gedoptes Pferd und ein Quietschentchen

Was war das für eine tierische Woche. Da war die Stute Estimate, eines der bekanntesten Rennpferde der britischen Königin Elizabeth, dem beim Dopingtest die Einnahme von Morphin nachgewiesen wurde. (Die Ausrede war übrigens ähnlich wie bei ertappten menschlichen Sportlern – es musste dem Tier etwas in die Nahrung gemischt worden sein…) Dann kam die Meldung, dass ein russischer Forschungssatellit auf die Erde stürzen könnte – inklusive fünf Geckos an Bord, die derzeit in 250 Kilometern Höhe um die Erde kreisen – was immer diese Echsen da oben überhaupt treiben. Und wenn wir schon im Weltall sind: Einige Forscher beschäftigten sich zuletzt mit der Rosetta-Raumsonde, die unterwegs zu einem Kometen mit dem hübschen Namen 67P/Tschurjumov-Gerasimenko ist und dort am 6.August ankommen soll. Was das mit Tieren zu tun hat– nun, ein Wissenschaftler hat erklärt, dass ebendieser Komet völlig anders zu sein scheint als jeder andere, den man zuvor gesehen hat. Er habe nämlich weder die Form einer Kugel noch die eines Erdapfels (Erdapfel??? Man stelle sich das als weihnachtliche Keksform für den Stern von Bethlehem vor). Nein, er bestehe aus zwei verschieden großen, miteinander verbundenen Teilen. „Die Bilder erinnern mich vage an ein Quietschentchen.“

Ja, und dann war da noch Kimberli. Sie, wurde in einer Aussendung verkündet, legte „in sensationellen neun Tagen“ als Erste von zwölf Biowiesenmilchkühen die Marathondistanz von 42,195 Kilometern zurück. Und darf sich nun als Siegerin des ersten Biowiesenmilch-Kuhmarathons(!) feiern lassen. Man stelle sich das vor, neun Tage lang wird ein Dutzend Tiere auf eine Weide gestellt. Mit Trackern wird in Echtzeit verfolgt, wie sich die Kühe bewegen. Und am Ende wird unter großem Jubel und über dem Haupt des erschöpften, aber überglücklichen Rinds eine schwarz-weiß karierte Flagge geschwenkt. Viva Kimberli! Bleibt nur zu hoffen, dass ihr nicht auch etwas in die Nahrung gemischt wurde. Oder ihr der Satellit mit den Geckos auf den Kopf fällt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.07.2014)

Wenn alle Rolltreppe fahren, werden wir nie Weltmeister

Auch das ist Wien. Wenn sich am Ende der U-Bahn-Station hunderte Menschen anstellen, um den schmalen Schlauch der Rolltreppe bergab zu fahren. Und die breite Treppe daneben leer bleibt wie das Strandbad Kritzendorf an einem frostigen Novembertag. Die Rolltreppe ist so etwas wie die Fernbedienung des städtischen Lebens, die die Bewohner gemütlich auf der Couch sitzen lässt, um sich gerade einmal gemächlich zu erheben, wenn das Bier aus oder die Blase voll ist. Natürlich, bergauf kann es schon ein wenig anstrengen, in der Station Westbahnhof die Stufen zur U6 zu erklimmen. Und, klar, wer nicht gut bei Luft oder zu Fuß ist, kann sich durch die wandelnden Treppen einiges an Mühsal ersparen. Und es ist gut so, dass all jenen, denen es schwer fällt, eine Möglichkeit geboten wird, sich in der Stadt zu bewegen. Nur kann es sein, dass mittlerweile ganz Wien nur noch aus kränkelnden und fußmaroden Einwohnern besteht? Nicht anders lässt sich erklären, warum sich regelmäßig die Masse aus den Silberpfeilen direttissimo in Richtung Rolltreppe wälzt, selbst wenn es beim Bergabgehen nicht einmal die Schwerkraft zu überwinden gilt. Und die verschreckten Gesichter, wenn mitten in der Routine klar wird, dass die Rolltreppe gar nicht fährt. Da ist diese Hoffnung, dass nicht doch irgendwo noch eine Lichtschranke ist, die das Werk in Bewegung setzt. Shine on you crazy Bequemlichkeit zieht sich wie ein Leitmotiv durch die städtische Mobilität. Was macht es da schon, dass auch mit gemächlichem Tempo so mancher Stiegenaufgang gegenüber der Rolltreppe wie eine Überholspur wirkt. So werden wir nie Weltmeister.

Wie Wien wohl aussähe, wenn es in den U-Bahn-Stationen nur Stiegenaufgänge gäbe? (Und Aufzüge für die, die sie wirklich brauchen) Keine Sorge, das ist undenkbar, wird nie passieren. Eher ließe sich die Südosttangente zur Begegnungszone umwidmen. Aber stimmt schon, genug geraunzt. Man will ja nicht durch die Welt stapfen wie Mr. Grumpy. Wobei, auch das ist Wien…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.07.2014)