Fußspuren in der Butter und viel zu kurzer Urlaub

Leider viel zu kurz.“ Diese Phrase hört man dieser Tage oft. Dann, wenn auch die Letzten in den Alltag zurückgekehrt sind. Aus dem Urlaub, der in den Wochen vor der Abreise selbstverständlich das Attribut „wohlverdient“ mit sich führte. Die dazugehörige Frage lässt sich leicht erahnen: „Wie war der Urlaub?“ Ein hübsches Spielchen, wenn man es weiterführt, nämlich das Rekonstruieren von Standarddialogen aus einer Antwort heraus. Da haben wir etwa das „Doch, sehr gut, aber es war viel zu viel“, das vor allem in Restaurants auftaucht, die entweder große Portionen oder zweifelhafte Kochkünste aufweisen. Die Frage dazu: „Hat es nicht geschmeckt?“, verbunden mit einem entgeisterten Blick des abservierenden Kellners auf den noch immer halbvollen Teller.

„Danke, ich schau nur“ zählt ohnehin zu den Genreklassikern. Und wirft immer wieder die Frage auf, ob man das „Kann ich helfen?“ als Angebot begreift oder als Fluchtimpuls. Im Fall der reflexhaft vorgebrachten Standardantwort vermutlich eher Zweiteres. Oft auch aus Erfahrung, denn allzu häufig hört man ohnehin nur ein „Leider nur, was da ist“ auf die Frage, ob ein Schuh vielleicht auch noch in der passenden Größe im Lager versteckt sein könnte.

So weit, so einfach. Wirklich High End wird das Spiel aber erst, wenn die Frage zur Antwort nicht offensichtlich ist. Versuchen wir es einmal. Wie könnte etwa die Frage lauten, wenn als Antwort kommt: „Fußspuren in der Butter“? Nun, die korrekte Frage wäre „Woran erkennt man, dass ein Elefant im Kühlschrank war?“ Zugegeben, damit haben wir uns vom Lamento über nachsommerliche Phrasendrescherei weit entfernt. Aber an der Spitze des Highscores wartet noch eine letzte Prüfung – und die ist im Vergleich zu vorher wirklich lebensnah. Die Antwort lautet: „ja“. Die Frage dazu: „Kennst Du diese unklaren Ja-Antworten auf Oder-Fragen? Oder sagt Dir das nichts?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.09.2013)

Irgendwo auf der Welt stirbt gerade ein Kätzchen

Der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht. Ein schöner Leitsatz, den man sich von Goethe entlehnen darf. Tatsächlich sind es gerade Momente der intensiven Debatte, in denen der Geist sich zu wahren Höhenflügen emporschwingt. Ob man am Ende des argumentativen Wettstreits nun siegt oder unterliegt, ein Gewinn ist es in der Regel für alle. Soweit die Theorie. Die Praxis bringt dagegen vermehrt jene Mitdiskutanten hervor, deren argumentative Höchstleistung sich im oberflächlichen Verächtlichmachen anderer erschöpft – ob das nun gesprochen oder geschrieben passiert. Wessen stichhaltigstes Argument in einem Internetforum zu einer Fußgängerzone das kindlich-bösartige Spiel mit dem Namen der zuständigen Stadträtin darstellt, der erfüllt definitiv nicht die Mindestanforderungen für ein sinnvolles Gespräch. Damit es die angesprochene Spezies auch versteht: Nein, „Vassilakuh“ ist kein sinnvoller Beitrag zur Lösung verkehrspolitischer Probleme.

Es muss aber gar nicht immer die primitiv geschwungene verbale Holzkeule sein, die eine Debatte flugs abwürgt. Dann nämlich, wenn die Diskussion gerade am Kochen ist, beide Seiten vor Begeisterung sprühend eine Argumentationssalve nach der anderen abfeuern, sich von gegenseitigem Respekt getragener Widerspruch zu mächtigen Wolken aufbaut, auf dass am Ende mit Donner und Blitz ein reinigender Gewitterschauer daraus niedergehen möge. Und genau in jenem Moment, kurz vor der Entladung, ein bis dato Unbeteiligter nüchtern festhält: „Mir ist das Thema wurscht.“ Oder auch: „Gibt es nichts Wichtigeres, über das man diskutieren kann?“

All jenen ignoranten Verbaldämpfern sei eine goldene Regel ins Stammbuch geschrieben: Immer, wenn jemand sagt, dass ihm ein Thema wurscht ist, stirbt irgendwo auf der Welt ein kleines Kätzchen! Aber wahrscheinlich ist euch das auch wieder wurscht…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.08.2013)

Der Tag des heiligen Fenster

Er ist der höchste Feiertag des Jahres. Warum es ihn gibt, spielt keine allzu große Rolle. Auch nicht, wessen Gedenken der Tag davor oder jener danach gewidmet ist. Es gibt ihn meist nicht nur einmal, sondern sogar mehrmals pro Jahr. Und auf kaum ein Ereignis im Kalender wird die Bevölkerung derart früh und penibel vorbereitet – ganze Handlungsanleitungen und Kalenderspielereien zur richtigen Vorbereitung werden pünktlich zu Jahresbeginn in diversen Medien veröffentlicht, um die Festtagsfreude (bzw. die Festtage) noch zu mehren. Gerade, dass findige Geschäftsleute nicht auch noch einen Kalender mit 24 Fenstern (hö hö!) erfinden, mit deren täglichem Öffnen man das Nahen des hohen Festes auch für Kinder erlebbar macht. Der Jahrestag des heiligen Fenster, um im Jargon des heimischen Feiertagsgebarens zu bleiben, hat in seiner landesweiten Bedeutung Weihnachten längst abgelöst. Gefeiert wird er österreichweit, wenn es auch regionale Eigenheiten gibt – die allerdings weitgehend sprachlicher Natur sind. Da wird einmal eben der heilige Zwickel verehrt, ein anderes Mal die heilige Brücke.

Gekennzeichnet ist ein solcher Fenstertag, wie er im Volksmund auch gern vereinfacht genannt wird, von Völle und Leere zugleich. Völle etwa überall dort, wo sich die Menschen zur Feier treffen. Das kann eine Einkaufsstraße sein, aber auch – je nach Jahreszeit – ein mehr oder weniger entfernter Erholungsort. Und Leere überall dort, wo an all den dunklen (fensterlosen?) Tagen malocht wird. Wobei die wenigen Systemerhalter – nennen wir so einfach all jene, die diesmal nicht zur Huldigung davonschreiten – zum Trost meist zumindest den Tag davor oder den Tag danach von ihrem Tagewerk pausieren dürfen. Vielleicht klappt es dann ja beim nächsten Fenstertag.

Übrigens, gestern, Donnerstag, war auch frei. Hand aufs Herz: Wer weiß, was da gefeiert wurde?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.08.2013)

Das ist die leichteste Regel der deutschen Sprache

Das „das“ birgt viele Missverständnisse, etwa das, dass „das“ mit einem oder zwei s geschrieben werden kann. Je nachdem, wie viele s dem „da“ folgen, bedeutet das Wort etwas anderes. Das wiederum liegt daran, dass es in Wirklichkeit vier verschiedene Wörter sind. So kann das „das“ erstens ein Artikel sein, der einem sächlichen Nomen vorangestellt wird. Zweitens kann es sich in derselben Schreibweise um ein Demonstrativpronomen handeln, das für „dies“ steht. Drittens kann es ein Relativpronomen sein, das auch durch „welches“ ersetzt werden könnte. Und schließlich kann es sich um eine Konjunktion handeln, ein Bindeglied zwischen zwei Satzteilen – dann aber wird es mit zwei s geschrieben. (Das „dass“ als „daß“, das gibt es seit Einführung der neuen deutschen Rechtschreibung gar nicht mehr.)

Allein in jüngster Zeit scheint das Wissen über den korrekten Einsatz der ein- oder der zwei-essigen Variante zunehmend in Vergessenheit geraten zu sein. Mehr noch, so wie Fußballanalytiker Herbert Prohaska beim Verwechseln von Dativ und Akkusativ eine annähernd hundertprozentige Trefferquote hat („Ich habe dem Spieler gesehen. Das muss ich ihn sagen!“), so scheint sich auch in der geschriebenen Sprache ein Wandel zu vollziehen. Nicht nur in SMS, Tweets oder schnell hingerotzten E-Mails, nein, sogar in Zeitungen und Zeitschriften wird das „das“ und das „dass“ immer wieder falsch angewandt. Und nein, mit Schlampigkeit allein lässt sich das nicht erklären.

Das schmerzt. Vor allem, weil es sich bei der Unterscheidung wohl um die leichteste Regel der deutschen Sprache handelt. Gerade in Österreich lässt es sich bei Zweifeln ganz einfach überprüfen – lässt sich das umgangssprachliche „des“ einsetzen, schreibt man es mit einem s. Das war es schon. Und künftig bitte aufpassen, dass das „das“ immer das richtige „das“ ist. Oder das „dass“, je nachdem.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.08.2013)

Leute, die der U-Bahn in Superzeitlupe nachlaufen

Vielleicht ist es Bosheit. Jener Moment nämlich, in dem man wünschte, eine „Universum“-Dokumentation drehen zu können. Dass man sich, ausgerüstet mit der neuesten Technik, auf die Lauer legen und beobachten könnte. Irgendwo auf dem Mittelstreifen des U3-Bahnsteigs in der Station Volkstheater würde man dann seine Highspeed-Kamera positionieren, die 1200 Frames pro Sekunde aufnehmen kann. Und das Objektiv auf all jene Menschen richten, die von der Rolltreppe kommend den kurzen Gang entlangzulaufen beginnen, um noch die U-Bahn zu erwischen, die gerade ihre Türen geöffnet hat.

In extremer Zeitlupe ließe sich dann beobachten, wie der Blick eines Menschen plötzlich starr wird, wie aus dem gemütlichen Stehen auf der Rolltreppe plötzlich in den Beschleunigungsmodus gewechselt wird. Wie er ein Bein vor das andere setzt, erst im schnellen Trab, dann im Galopp mit beiden Beinen in der Höhe. Wie in einem Computerspiel weicht der Laufende all den Entgegenkommenden aus, die aus der U-Bahn ausgestiegen sind und Richtung Ausgang strömen. „Bitte steigen Sie nicht mehr ein“, dröhnt es aus dem Lautsprecher. Noch gibt der Laufende nicht auf, hastet an der Rolltreppe vorbei, nur noch wenige Meter fehlen. Die Türen schließen. In diesem Moment zoomt die Kamera genau auf das Gesicht, fängt die rollenden Augen ein, den enttäuschten Blick. Vielleicht auch noch die flache Hand, die auf den bereits losfahrenden Zug schlägt. Ja, vielleicht ist es Bosheit, all die armen Läufer wie die Protagonisten einer Naturdokumentation zu betrachten. Und ja, vielleicht ist genau das der Grund, warum die Motivation, der U-Bahn nachzulaufen, ziemlich niedrig ist – vielleicht hatte ja auch schon jemand anderer die Idee mit der Highspeed-Kamera.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.07.2013)

Grimassierende Mimen der sommerlichen Lustspiele

Schauspieler schauen nun einmal. Das allein wäre ja noch kein Problem, im Gegenteil, das gehört mit zu ihrer Job Description. Doch, und hier liegt die Krux, sie schauen auch auf und von Plakaten. Gerade die Vertreter des komischen Fachs legen in dieses Schauen meist einen Gesichtsausdruck, der all das, was ein Stück oder einen Film ausmacht, auf den für eine zweidimensionale Abbildung maximal möglichen Ausdruck komprimiert. Und so grimassieren sich all die Kabarettisten, die Mimen der komödiantischen Sommertheater, ja selbst die Ensemblemitglieder großer Bühnen durch all die Gefühle, die eine Rolle nach außen transportieren will. Da verdrehen sich die Augen, werden verwundert Mundwinkel nach unten gezerrt, wie sie am Ende eines Sketches oft die Pointe markieren, oder erstarren die Gesichtszüge in einem skurrilen Schockmoment, womöglich noch die Lippen zu einem O geschürzt. Auf dass die Betrachter des Plakats sofort erkennen, dass das beworbene Stück auch wirklich lustig ist. Und der abgebildete Schauspieler ein Akteur, der allein zu unserem Gaudium seine Mimik für einen Moment einfrieren lässt. Dieses Muster funktioniert überall, wo es Komödien gibt. Auf Hollywood-Filmplakaten wie auch auf Ankündigungen von Kleinkunstbühnen und Lustspielzelten. Man muss nicht einmal die Sprache verstehen – selbst im Urlaub lassen sich so treffsicher die regionalen Highlights der Unterhaltungskultur erkennen.

Allein, die Begegnung mit der zum papierenen Augenblick erstarrten Grimasse macht mit der Zeit wehmütig. Beim täglichen Rendezvous mit der Litfaßsäule wünschte man, all die zu Standbildern erstarrten Posen der Komödianten würden sich doch zumindest ein wenig verschieben, die Augen in eine andere Richtung schauen, die aufgerissenen Münder sich schließen. Nein, nicht alle Menschen wollen täglich der Pointe eines Sketches ins Gesicht schauen müssen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.07.2013)

„Ich mein’“ ist das neue Ähm

Wenn der Mund schneller ist als das Sprachzentrum im Gehirn, kann das zu kommunikativen Komplikationen führen. Um nun ebendiesen Gap zwischen Sprechen und Denken zu überbrücken, erfand die Schöpfung irgendwann das „Ähm“ und pflanzte es in die menschliche Großhirnrinde, von wo es sich jedes Mal auf die Stimmbänder stürzt, sobald das Gehirn mit den Lippen nicht mehr mitkommt. Zuletzt hat dieses verbale Luftschnappen aber auch zahlreiche andere Formen angenommen. Besonders häufig anzutreffen ist es derzeit in der Inkarnation als „Ich mein’“. Kaum ein Satz wird mehr ausgesprochen, ohne dieses Ähm-Äquivalent voranzustellen. Seltener trifft man auf das „Ich finde“, gelegentlich auch auf das „Also“ – wobei es Letzteres sogar als verschriftlichtes Einleitungsfüllwort in so ziemlich jedes Forum im Internet geschafft hat. Beliebt ist auch das „Na ja“, exotischer und dementsprechend nur selten gebraucht ist dagegen das „Ja, nein“, ehe die elektrischen Nervenimpulse die Staustelle auf dem Weg zum Mund überwunden haben. Auch vermeintliche Imperative wie „Schau“, „Hör zu“ oder „Pass auf“ dienen in Wirklichkeit nur der Überbrückung nervlicher Engstellen. Wirklich entblößt wird das Leitungsproblem aber erst durch das langgezogene „Du, saaaaaaag“. Hier lässt sich regelrecht beobachten, wie die Ganglien langsam genügend Spannung aufbauen, um einen Gedanken zu Worten werden zu lassen.

Auch im angloamerikanischen Sprachraum sind derartige verbale Lückenfüller bekannt. Als wichtigstes hat sich das „you know“ etabliert, das – im Gegensatz zum deutschsprachigen Trend der Voranstellung – eher zwischen einzelnen Satzteilen als verbalisierte Nachdenkpause positioniert wird. Und: Derartige Füllwörter passieren auch beim Schreiben – mit dem Unterschied, dass man sie danach elegant wieder löschen kann. Also ich mein‘, ich finde das ziemlich praktisch.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.07.2013)

Das „Ähm“ der Kollegin als Moment der Kontemplation

Der Beginn einer jeglichen Konversation besteht zunächst darin, die Aufmerksamkeit eines Menschen auf sich zu lenken. Das kann auf nonverbaler Ebene geschehen, etwa durch das Suchen von Augenkontakt, den amikalen Griff auf die Schulter oder auch durch akustische Reize. Gerade wenn ein gewünschter Gesprächspartner konzentriert in den Bildschirm versunken ist, empfiehlt sich die stimmliche Variante, etwa durch ein Hüsteln oder eine wie auch immer geartete Grußformel à la „Hallo“ oder „Entschuldigung“. Vor allem im beruflichen Alltag bürgern sich dabei gewisse Muster ein – und bestimmten Kollegen kann man schon mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Initiationslaute zuordnen. Vom tirolerisch kernigen „Griaß di“ über das schon von der anderen Seite des Büros entgegenklingende „Herr . . ., Herr . . ., Herr Kocina“ bis zum klassischen „Ähm“.

Spannend wird es vor allem dann, wenn der Laut zum Selbstzweck wird – die Kollegin etwa mit tänzelnder Leichtigkeit vor meinen Schreibtisch hopst, ihr obligates „Äähm“ extrem in die Länge zieht. Und mit den Worten „Jetzt hab ich’s vergessen“ wieder kehrtmacht.
Diese Routine hat im Büroalltag aber auch durchaus ihre wunderbaren Seiten. Wann immer der Name der Kollegin auf der telefonischen Rufnummernerkennung auftaucht, freut man sich auf fünf Sekunden der stillen Kontemplation. In der Gewissheit des „Äähm“ hebt man ab, legt die Hand auf den Tisch und versinkt für einige Momente in meditativer Ruhe, ehe man den Hörer ans Ohr führt. Einziges Problem: Die Kollegin weiß das mittlerweile – und wartet ihrerseits, bis sie meiner Stimme gewahr wird. Erst dann setzt sie ihr „Ähm“ ein. Was in jüngster Zeit dazu geführt hat, dass diese Phase der Entspannung immer länger wird, während beide Seiten darauf warten, wer zuerst einen Mucks von sich gibt. Zuletzt habe ich die Kollegin am anderen Ende der Leitung schnarchen gehört.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.07.2013)

Message-T-Shirts als Stoff wiederkehrender Dialoge

Die Zeit von Message-T-Shirts ist an sich vorbei, sobald man die Schule hinter sich hat, an der Uni kann man sie noch durchgehen lassen, doch spätestens am Arbeitsplatz gilt man damit weitgehend als Exot. Doch gelegentlich führt man sie dann doch aus – wenn alle weißen Hemden zum Trocknen auf dem Ständer hängen, zum Beispiel. Tage wie diese haben dann diesen „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Faktor. „Keine Ausreden mehr“, eine dieser Messages auf einem T-Shirt, wird etwa von jedem Kollegen, dem man auf dem Gang begegnet, mit drohendem Unterton – und gezücktem Zeigefinger – nachgesprochen. Das zweite Leibchen aus der gleichen Serie, jenes mit dem schönen Aufdruck „Mein letztes Hemd“ wird in 99,8 Prozent aller Begegnungen mit einem „Das ist ja gar kein Hemd“ quittiert. Nachsatz: „Ha ha!“ Ein besonders hübsches schwarzes Shirt ziert ein neongelbes „Sozialschmarotzer“ – da werfen die Kollegen regelmäßig mit Kleingeld nach mir. Das knallrote T-Shirt mit dem Aufdruck „Kyrgyzstan“ hinterlässt zumindest ein paar ratlose Blicke – ein zentralasiatischer Ländername lässt sich ja auch nur recht schwer zu einem Scherzchen ummünzen.

Die immer gleichen Dialoge funktionieren aber auch ohne Message auf dem Leibchen. Es reicht schon, wenn die Kollegin ihr Rennrad genau hinter meinem Platz abstellt – neben ihrem Schreibtisch sei kein Platz. Was damit endet, dass jeder Besucher bewundernd die Augen hebt und fragt: „Wow, du fährst mit dem Rad in die Arbeit?“ Spätestens beim achten Mal macht es gar nicht mehr so viel Spaß, die Sache mit der Kollegin und ihrem Rad zu erklären, irgendwann murmelt man einfach nur mehr irgendetwas und lenkt auf ein anderes Thema. Immerhin, ein Kollege kam ohne Murmeltierfrage aus. „Wen lässt du sein Fahrrad hier abstellen, damit alle glauben, dass du sportlich bist?“ Er weiß offenbar besser, wie ich ticke.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.06.2013)

Augenauswischerei mit der Zunge

Das hat Japan nun wirklich nicht verdient. Das Land hat eine faszinierende Geschichte, das weltweit wohl beste Essen, ziemlich gute Autos, unglaublich schnelle und extrem pünktliche Züge und ziemlich viele spannende technische Geräte – doch medial muss es, außer wenn ein Atomkraftwerk hochgeht, fast ausschließlich als skurriles Kuriositätenkabinett herhalten. Vom Klassiker, den getragenen Mädchenunterhosen, die man aus Automaten ziehen und beschnüffeln kann (ob es diese Automaten, die Anfang der 1990er-Jahre kurz tatsächlich existierten, heute überhaupt noch gibt, weiß man nicht so genau), bis zum neuesten Trend, der seit einigen Tagen durch die Medien geistert, nämlich dem Ablecken von Augäpfeln als Form der Liebkosung. „Oculolinctus“ heißt diese sexuelle Spielart, die japanische Teenager derzeit offenbar als Steigerung des Zungenkusses entdeckt haben. Nun ist es zugegebenermaßen eine seltsame Vorstellung, gerade das Auge zum Spielball sexueller Fantasien zu machen – vor allem, wenn man schon die Vorstellung kaum erträgt, sich eine Kontaktlinse auf die Pupille drücken zu müssen. Auch aus gesundheitlicher Sicht ist es ein äußerst zweifelhaftes Vergnügen, sich mithilfe all der Bakterien auf der Zunge eine Bindehautentzündung zuzulegen – in japanischen Schulen ist deswegen das Tragen von Augenbinden en vogue. Und im schlimmsten Fall, warnen Augenärzte, kann die Liebe sogar blind machen.

Doch so skurril manche japanische Sitten und Gebräuche wie der Okularverkehr auf die westliche Welt auch wirken mögen: Die nach solchen Geschichten gerne mit überlegenem Lächeln gezogene Schlussfolgerung, dass die Japaner einfach ein degeneriertes und durchgeknalltes Volk von Perversen sind, die tut weh. Und ist etwa genauso zulässig wie die Unterstellung, dass Österreicher gerne Menschen in verborgenen Kellerabteilen einsperren.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.06.2013)