Das Geheimnis der Bettbezüge in Hollywood

Sosehr man sich auch bemüht, man wird sie nirgendwo bekommen – jene L-förmig geschnittene Bettdecke, wie wir sie aus Hollywoodfilmen kennen. Das sind jene Bettbezüge, die bei Frauen genau unter die Achseln reichen, beim Mann neben ihr hingegen bis zum Bauchnabel. Auch der Eindruck, dass man von jedem Fenster in Paris aus den Eiffelturm sehen kann, entpuppt sich in der Realität als cineastisch-verblendetes Hirngespinst. Und schließlich würden wir uns niemals so anziehen, wie es uns die Schauspieler in diversen Blockbustern vormachen – erst die Hose zuknöpfen und dann das Hemd umständlich hineinstopfen. Und doch sollte man nicht gleich alles als unbrauchbar abtun, was das US-Kino anbietet, denn vor allem im Bereich der Phrasen kann man doch einiges lernen.

Wie sehr kann man etwa Eindruck schinden, wenn man eine stark blutende Fleischwunde lapidar mit „Ach, ist doch nur ein Kratzer“ kommentiert. Großes Kino lässt sich auch bei einer Wanderung inszenieren, wenn man keine Lust mehr verspürt, bis auf den Gipfel mitzumarschieren: „Lasst mich zurück, ich bin doch nur eine Belastung für euch!“ Und dann gibt es auch noch die wunderbare Redewendung: „Du hast dich verändert!“ Die lässt sich vortrefflich in einer Diskussion einsetzen, bei der man argumentativ gerade keine Chance mehr hat. Damit erwischt man das Gegenüber frontal, reißt es von der inhaltlichen Ebene sturzflutartig ins Persönliche. Der Gesprächspartner ist verunsichert – kann da etwas dran sein? Wie soll ich mich verändert haben? Genau diese Momente des Grübelns kann man nun nutzen, um sich zu sammeln, neue Argumente aufzubauen. Oder einfach Luft aus der angespannten Situation zu lassen. Und falls das Gegenüber fragen sollte, was man damit konkret meint, bleibt immer noch die Ausflucht in eine weitere Hollywood-Phrase: „Ach, nichts.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.07.2012)

Zeitverzögerte Spontaneität

Schlagfertigkeit ist das, was einem in der Regel erst auf dem Heimweg einfällt. Die eine Aussage, mit der man vorher hätte glänzen können. Hätte, denn die übliche Reaktion oszilliert meist irgendwo zwischen verunsichertem Stammeln und Sätzen aus der Kategorie, die noch Tage später die Röte des Schames ins Gesicht steigen lassen. Ja, es ist nicht einfach, innerhalb von Sekundenbruchteilen aus der Unzahl von Antwortmöglichkeiten die eine, die passende herauszufinden und mit der Intensität einer verbalen Ejakulation nach außen zu schleudern. Erst Minuten oder Stunden später, zu spät jedenfalls, um sie noch anbringen zu können, schält sich vielleicht die passende Meldung aus den Ganglien. Allein, mit dieser zeitverzögerten Spontaneität ist das Entertainmentpotenzial dann doch eher enden wollend.

Und doch gibt es sie, die Momente, in denen alles passt – in denen man spontan genau das sagt, wofür Drehbuchschreiber oft Wochen harter Arbeit brauchen. Das Problem dabei: Vor lauter begeisterter Überraschung über sich selbst ist man nur noch damit beschäftigt, still in sich hineinzukichern – und bedacht darauf, dem Gegenüber nicht das Gefühl zu geben, dass man gerade über seinen eigenen Witz lacht. Darum ist man wiederum nicht fähig, den kurzen Moment der Bewunderung, die das Gegenüber angesichts der treffend pointierten Reaktion hegt, in irgendeiner Form weiterzutreiben. Und sich vielleicht als smarten Entertainer zu geben, der im Windschatten der ersten Pointe ein Feuerwerk an Bonmots startet.

Welch Gaudium hätte das werden können, wie sehr wäre man in diesem Moment der humoristische Nabel der Welt gewesen. Doch es bleibt beim Konjunktiv. Und so stapft man heimwärts, mit einem Gefühl der Ambivalenz – dem Amüsement über die gute Pointe und der Enttäuschung, dass sie noch nicht zum richtigen Zeitpunkt abschussbereit war. Wobei – immer noch besser als ein Iocus praecox … aber das ist wieder eine andere Geschichte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.07.2012)

Die Verhuchisierung der deutschen Sprache

Vorsicht, ein Huch geht um! Dieser Ausruf des erstaunten Erschreckens oder erschrockenen Erstaunens, der lange Zeit aus dem kollektiven Wortschatz ganzer Generationen verschwunden war, erfreut sich derzeit einer Renaissance. Ob der Begriff gemeinsam mit deutschen Zuwanderern ins Land gekommen ist, lässt sich zwar vermuten, jedoch nicht schlüssig nachweisen. Doch Faktum ist, dass das Huch dem Ups den Rang als primären Erstaunenslaut abgelaufen hat. Sehr traurig, das. Nun muss man schon zugestehen, dass Britney Spears‘ zweites Album „Oops!… I did it again“ schon an die zwölf Jahre alt ist. Und es braucht niemanden zu verwundern, dass sich der popkulturell so stark aufgeladene Begriff nicht ewig als primäre Spontaninterjektion halten kann. Doch warum muss die Upsologie gerade durch eine Verhuchisierung der deutschen Sprache abgelöst werden?

Warum kann nicht stattdessen das Hoppla, von mir aus auch gern in der austrifizierten Form des Hoppala, zum bevorzugten Ausruf des Erschreckens werden? Warum kann nicht o Schreck eine Wiederaufnahme in die Konversation finden? Oder noch besser, das Sapperlot könnte aus dem sprachlichen Ausgedinge ausbrechen und wieder einen triumphalen Einzug in den aktiven Wortschatz feiern. Das t am Ende dieser schönen Entstellung des französischen sacre nom (heiliger Name) darf übrigens nicht verschluckt werden, so wie die Franzosen es etwa beim Merlot tun. (Italiener hätten damit kein Problem, sie schlucken bekanntlich nur den Wein, nicht aber das t am Ende.) Wobei sich hier die Frage stellt, was mit den vielen t passiert, die nun in den Mägen der Franzosen herumtreiben. Und was ein Franzose sagt, wenn die derart verschluckten harten Buchstaben irgendwann wieder aus dem Körper hinausdrängen. Vermutlich so etwas wie oups oder houp, vermutlich. Aber eines ist klar: Huch sagen sie auf jeden Fall nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.07.2012)

Geht’s uns allen gut, geht’s uns allen gut!

Die Österreicher sind ein konjunktivistisches Volk. Zumindest ist die Möglichkeitsform so etwas wie die österreichische Form der Wirklichkeit. Ablesen lässt sich dies im Sprachgebrauch, wenn der Konjunktiv an Stellen auftaucht, an denen er absolut nichts verloren hat. „Ich wäre dann da“ verliert seinen Sinn, wenn sich die diesen Satz artikulierende Person tatsächlich bereits am besprochenen Ort befindet. „Ich hätte etwas . . .“ ist bei Menschen, die tatsächlich etwas haben, völlig fehl am Platz. Und „Es wäre wegen . . .“ versucht auch nur, eine Aufforderung in sprachliche Zuckerwatte zu verpacken. Vom „Hättiwari“ wollen wir gar nicht erst anfangen. Auf der anderen Seite fehlt der kategorische Konjunktiv gelegentlich genau dort, wo man ihn bräuchte. Wenn etwa in Zeiten der Krise postuliert wird, dass es uns gut geht, solange es der Wirtschaft gut geht, insinuiert das in der österreichischen Logik ja, dass derzeit ohnehin alles in Ordnung ist. Oder klänge ein „Ginge es der Wirtschaft gut, ginge es allen gut“ zu sehr nach einem negativen Befund oder gar nach einer Selffulfilling Prophecy? Abgesehen davon sind Sprüche wie dieser aber nichts als pure Mutmaßung, wer immer ihn auch auf sich anwendet, sei das nun die britische Königin – „Goes it the queen good, goes it us all good“ (sorry, musste sein) – oder eben die in einen einzelnen Begriff gesteckte Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen. Auf die Spitze getrieben könnte man vermutlich sogar aus dem Wohlbefinden afrikanischer Rhinozerosse – nicht Rhinozerösser, übrigens – einen wohltuenden Effekt für den österreichischen Normalverbraucher ableiten. Letztlich gibt es nur eine derartige Gleichung, die nie in Gefahr geriete, falsifiziert zu werden: „Geht’s uns allen gut, geht’s uns allen gut!“ Punkt. Wobei, in Österreich würde man das wohl auch im Konjunktiv sagen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.06.2012)

Walking in a Winter Wonderland

Vielleicht treiben Sie gerade auf einer Luftmatratze über die Alte Donau, vielleicht sitzen Sie mit einem Glas eiskalter Limonade auf dem Balkon oder packen gerade den Korb für ein Picknick im Augarten. Es sind Momente, in denen man sich wohlfühlt, Momente des Genusses, die man am liebsten bis in die Ewigkeit ausdehnen würde. Doch es ist eine trügerische Ruhe, es ist die Ruhe vor dem Sturm. Denn schon am Donnerstag steht die Sonne genau über dem Wendekreis. Soll heißen, ab dann werden die Tage wieder kürzer. Für unzählige Menschen ist das das Zeichen, um in die Mid-Year-Crisis zu verfallen. Denn plötzlich ist absehbar, dass vielleicht gar nicht mehr so viele Tage kommen werden, an denen man abends nur mit T-Shirt im Freien sitzen kann. (Es gibt ja Menschen, die behaupten, dass es in Ostösterreich im ganzen Jahr nur maximal zehn solcher Tage gibt, aber das nur nebenbei.) Natürlich, der eine oder andere Badetag wird sich schon noch ausgehen, ein paar schöne Momente werden schon noch drinsein. Doch im Grunde ist man sich bewusst, dass es bergab geht. Dass der Herbst kommt. Schon bald werden die Heurigen wieder Sturm ausschenken. Es wird auch nicht mehr lange dauern, bis die ersten Maronibrater ihre Holzhütten und Öfen wieder aus dem Lager holen. Und ehe man sichs versieht, strecken den unbedarften Einkäufern im Supermarkt schon Lebkuchen und Weihnachtskekse ihre winterliche Fratze entgegen.

Ein lächerlicher Gedanke? Mitnichten! Aber wiegen Sie sich ruhig weiter in Sicherheit, treiben Sie nur weiter auf Ihrer Luftmatratze, trinken Sie einen Schluck eiskalter Limonade oder packen Sie Ihren Picknickkorb. Aber wenn die Blätter zu Boden fallen, ein Schneesturm über die Stadt hinwegfegt und Sie bibbernd vor Kälte „Walking in a Winter Wonderland“ vor sich hinflüstern, dann sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.06.2012)

Zu Gast im Eissalon zum griesgrämigen Luciano

Luciano bimmelt mit seiner Glocke, wenn er mit seinem Eiswagen in die Straße einbiegt. Die Kinder lassen ihre Spielsachen fallen und laufen zum Eisverkäufer, der gerade den Fensterladen seines Gelatomobils öffnet. Und am Ende stehen auf der Straße der begrünten Vorstadtsiedlung Dutzende lachende Kinder, die an ihrem Eis schlecken – während Luciano mit einem freundlichen Augenzwinkern wieder seinen Wagen besteigt und ihn in Richtung Sonnenuntergang lenkt. Vielleicht laufen ein paar Kinder auch noch winkend hinterher. Das ist sie, die romantisch-idealisierte Vorstellung eines Eisverkäufers.

Die Realität hat damit nicht wahnsinnig viel zu tun. Schon gar nicht, wenn man an einem sonnigen Tag den bekannten Eissalon am Wiener Lugeck frequentiert. Dort muss zunächst durch eine Traube von Menschen, die ihr Eis unbedingt genau im Türbereich verspeisen müssen, der Zugang zur Theke erkämpft werden. Um dort einem griesgrämigen Luciano, Pietro oder Adriano gegenüberzutreten, dessen Mimik zwischen Sylvester Stallone und hungrigem Rottweiler oszilliert. „Prego“, erschallt der genervte Kampfruf aus dem Chor der Gelato-Mafiosi, wobei der Tonfall an ein militärisches Kommando zum sofortigen Rückzug erinnert. Und wehe, man nennt nicht auf Anhieb stakkatoartig die drei gewünschten Sorten – denn dann schaufelt der Caporale einfach eine beliebige Eissorte seiner Wahl auf die Waffel.

Kritik, dass man eigentlich kein Malagaeis bestellt hat, wird im schlechteren Fall überhört. Im besseren Fall klatscht die Eiskugel mit einem etwas zu offensichtlichen Seufzen zurück in die Kühltruhe. Die Eistüte wandert über die Theke, die Münze verschwindet in der Kassa. Und während man noch nach einem dieser hygienisch in einer Schüssel gelagerten Plastiklöffel fingert, hört man Luciano schon wieder genervt „Prego“ schreien. „Grazie“ hat er noch nie gesagt…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.06.2012)

Das Gebäck zum Frühstück kostet extra

Eigentlich hätte man nur die Karte genau lesen müssen. Da steht ja eh eindeutig, dass das Wiener Frühstück aus einer Portion Butter, einem Glas Marmelade (oder Honig), einem weichen Bio-Freilandei und einem Heißgetränk à la Tee, Kaffee oder heißer Schokolade besteht, das Ganze um genau sieben Euro. Dann hätte man sich nicht wundern müssen, dass die Rechnung plötzlich einen Betrag von 9,40 Euro aufweist. Logisch, eigentlich – und doch ein kleiner Kulturschock im Traditionscafé auf dem Karlsplatz: Das Gebäck zum Frühstück kostet extra.

Der Aufschrei der Konsumentenschützer wäre nun eine Reaktion – dass nämlich die Speisekarten von Wiener Kaffeehäusern ähnliche Fallstricke enthalten wie Verträge mit Mobilfunkanbietern. Der würde allerdings verhallen, schließlich steht es ja nicht einmal kleingedruckt in den AGB der Frühstückskarte versteckt, sondern ist gut sichtbar: Ein Stück handgemachtes Gebäck kostet 1,20 Euro. Punkt. Dass sich der unbedarfte Kaffeehausbesucher unter einem Wiener Frühstück ein Gesamtpackage vorstellt, in dem bereits ein, zwei Semmeln enthalten sind? Nun, das ist wohl einfach eine romantische Vorstellung, die sich mittlerweile überlebt haben dürfte. Wir sind ja in einem Wiener Kaffeehaus und nicht beim Running Sushi!

Eine mögliche zweite Reaktion auf das Gebäckdilemma mag etwas Radikales haben, aber sie ist um einiges eleganter – und wird mit Sicherheit für Aufsehen sorgen: Man nippt am Kaffee, löffelt das weiche Ei aus der Schale, leckt das Marmeladeglas aus und lässt schließlich als Höhepunkt den Würfel Butter langsam auf der Zunge zergehen. Wenn der Kellner, der am Ende den unberührten Gebäckskorb abserviert, einen verdutzten Blick aufsetzt, dann soll das nun wirklich nicht unser Problem sein. Dass zu einem Wiener Frühstück auch Gebäck gehört, ist schließlich eine romantische Vorstellung, die sich mittlerweile überlebt hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.06.2012)

Das Mobiltelefon hat die lebhafte Diskussion getötet

Noch vor ein paar Jahren sahen Diskussionen am Stammtisch anders aus. Da wurden Behauptungen aufgestellt, wurden Rekorde und Begebenheiten heftig diskutiert – wobei ab einem bestimmten Punkt Fakten keine große Rolle mehr spielten. Denn irgendwann kam in jeder Debatte der Punkt, an dem man seriöserweise die eine oder andere Behauptung hätte nachschlagen müssen, um das Gespräch nicht zur beliebigen Absonderung wirklichkeitsferner Ego-Blähungen geraten zu lassen.

Solche Diskussionen gibt es heute nicht mehr. Zumindest nicht für die Generation Smartphone, die bei jeder strittigen Frage einfach bei der mobilen Wikipedia nachfragt. Dementsprechend hat sich auch die Körperhaltung bei Debatten gewandelt. Während früher aufrecht gesessen und lebhaft mit den Armen gerudert wurde, um seinen Argumenten Gewicht zu verleihen, sitzen heute ganze Gruppen mit gekrümmtem Rücken beisammen, den Blick auf das Display gerichtet und die Finger am Tippen in der Google-Maske. Doch beschränkt sich diese Haltung längst nicht auf Diskussionsrunden, selbst in der U-Bahn, auf der Parkbank oder – vermutlich zumindest – auf der öffentlichen Toilette sind Blick und Finger fest mit dem Smartphone-Display verwoben.

Tatsächlich ist es längst zu einem sozialen Phänomen geworden, wenn eine Gruppe von Menschen aufgefädelt wie die vier Daltons aus Lucky Luke hintereinander hermarschiert – leicht nach vorne gebeugt und mit wischendem Finger auf dem Display. Und noch etwas: Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass Menschen plötzlich stehenbleiben, ihr Handy aus der Tasche holen und nach einem Blick darauf auf dem Absatz kehrtmachen und in die andere Richtung gehen? Vermutlich gibt es sogar schon eine soziologische Bezeichnung für dieses Phänomen. Ich kann nur gerade leider nicht auf die mobile Wikipedia zugreifen…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.05.2012)

Demütige Verbeugung vor dem Badezimmerspiegel

Die Reihenfolge kann bei vielen Dingen über Gelingen und Scheitern entscheiden. Beginnt man mit der Sauce Bolognese erst, wenn die Spaghetti bereits gekocht sind, werden die Nudeln kalt, klebrig oder beides auf dem Teller landen. Rührt man beim Backen das Mehl zu früh in den Mürbteig, geht das Gebäck nicht schön auf. Und betritt man einen Raum, ehe man die Tür öffnet, holt man sich unter Umständen eine blutige Nase. Unangenehm, das.

Dass die Reihenfolge bei der Morgentoilette nicht korrekt eingehalten wurde, verraten die weißen Flecken auf dem bunten T-Shirt, die von den Kollegen mit einer Weisheit kommentiert werden, wie sie ein Paulo Coelho nicht besser hinbekommen würde: „Es ist besser, sich vor dem Anziehen die Zähne zu putzen!“ Stimmt, vielen Dank für den Hinweis. Nicht, dass das nicht ohnehin klar wäre, doch im täglichen Ablauf hat sich die Zahnhygiene nun einmal ganz am Ende eingebürgert und weigert sich beharrlich, daran etwas zu ändern. Was regelmäßig mit einer gebückten Haltung vor dem Badezimmerspiegel endet, um dem weißen Schaumsabber möglichst wenig Antropffläche auf dem Hemd zu bieten, wenn er seinen unaufhaltsamen Weg aus dem Mundwinkel nimmt. Natürlich könnte man diese Körperhaltung einfach als demütige Verbeugung betrachten, als Ersatzhandlung für das Morgengebet – aber bei aller Demut, so unwürdig will man dann doch nicht in den spirituellen Dialog treten. Vor allem, weil absehbar ist, dass am Ende ja doch wieder ein Tropfen Zahnpasta eher der Anziehungskraft des Hemdes als dem von der Schwerkraft angedachten direkten Weg zu Boden anheimfällt.

Ein paradoxes physikalisches Verhalten, das übrigens auch genau dem von Spaghetti Bolognese entspricht – besonders dann, wenn das Hemd weiß ist. Paulo Coelho würde vermutlich sagen: „Es ist besser, sich vor dem Spaghettiessen das Hemd auszuziehen.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.05.2012)

Der Sojasaucensommelier und der Katzenurin

Sauvignon blanc kann Assoziationen mit Stachelbeere oder Kiwi hervorrufen, gelegentlich wohnt ihm auch eine Maracujanote inne. Aber auch ein Hauch von Gras, Paprika, Brennnessel, Heu, Artischocke und grünem Spargel findet sich in zahlreichen Beschreibungen. Und dann wäre da auch noch ein Aroma, das auf den ersten Blick nicht so recht zu Wein passen will – Sauvignon blanc weckt Duftassoziationen mit Katzenurin. Schon bildet sich vor dem geistigen Auge die Vorstellung eines Sommeliers, der heftig schnüffelnd vor der Katzenkiste sitzt – doch auch, wenn es mittlerweile Sommeliers für so ziemlich alles gibt, von Most über Fleisch und Schokolade bis zum Wasser, die Ausbildung zum Katzensommelier findet sich bis dato noch in keiner Broschüre von Wirtschaftskammer und Volkshochschule.

Auch Sommeliers für Sojasauce müssten erst erfunden werden. Wo doch gerade die asiatische Würze in Qualität und Geschmack oft großen Schwankungen unterliegt. So liegen etwa zwischen traditionell über Monate (und sogar Jahre) fermentierten und industriell beschleunigt gebrauten Saucen Welten. Und auch die Frage, ob es sich um eine chinesische (nur Soja) oder japanische (Soja und Weizen) Sauce handelt, macht einen gewaltigen Unterschied. Ein Berater, welche Sauce zu welchem Gericht passt, wäre also gar nicht so weit hergeholt. Er könnte auch die Frage beantworten, ob Sojasauce so wie Rotwein mit längerer Lagerung immer besser wird. Diese Frage tauchte jüngst in einem asiatischen Restaurant auf – denn das sonnengegerbte Etikett auf der Flasche Sojasauce trug das Ablaufdatum 20.6.2003. Ob es sich beim Inhalt tatsächlich um Jahrgangssauce handelte oder um Sojacuvée, der nach und nach mit billiger Sauce aufgefüllt wurde? Geschmacklich ging der Trank jedenfalls in eine salzige Richtung mit einer leichten Motorölnote. Aber immerhin, Spuren von Haustieren waren keine drin.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.05.2012)

Sojasauce | (c) Erich Kocina