Das Original ist die Version, die man zuerst gehört hat

Als Whitney Houstons Tod publik wurde, fiel Unzähligen plötzlich ein, wie sehr sie die „letzte Diva“ immer schon bewundert haben. Was daran stört ist zum einen, dass der Titel „letzte Diva“ unter anderem auch schon beim Tod von Liz Taylor und Hildegard Knef aus der Schublade gezogen wurde. Und zum anderen, dass der übliche De-mortuis-nil-nisi-bene-Reflex eingesetzt und für ein Houston-Feuerwerk in den Charts und eine Verkaufssteigerung ihrer CDs um rund 6000 Prozent gesorgt hat. (Dass gleich danach ihre Lieder auf iTunes teurer wurden, sei natürlich nur ein Versehen gewesen, wie man bei der Plattenfirma später betonte…) Und zu „I Will Always Love You“ vom „Bodyguard“-Soundtrack aus dem Jahr 1992 als Requiem wurde in unzähligen Wohnzimmern ein wohlig-schauerliches Hochamt zelebriert.

Wirklich interessant an diesem Lied ist aber vor allem, dass das Original gar nicht von Whitney Houston stammt. Bereits 1973 sang es Dolly Parton. Allein, das kümmert niemanden. Denn das Original ist immer die Version, die man zuerst gehört hat – und die US-Country-Charts von 1974 sind doch schon eine ganze Weile her. Auch „Nothing Compares 2 U“ ist in Sinead O’Connors Version bekannter als das Original von Prince, „Me and Bobby McGee“ bringt man mit Janis Joplin in Verbindung, nicht mit Kris Kristofferson. Und Peter Maffays „Über sieben Brücken musst du gehn“ stammt eigentlich von der DDR-Band Karat.

Wirkliches Konfliktpotenzial birgt das erst im generationenübergreifenden Dialog. Der Ältere schüttelt über eine neue Version eines 80er-Klassikers verständnislos den Kopf, der Jüngere fasst den Vorwurf des Älteren, dass das nur eine Coverversion ist und das Original ja sowieso viel besser war, bestenfalls als lästige Klugscheißerei vergangener Zeiten auf. Ist ja schon gut, denkt man dann. Jeder lebt schließlich in seiner eigenen Welt. Aber meine ist wenigstens die richtige.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.02.2012)

Hallo, Baby, soll ich dir mein Weltkulturerbe zeigen?

„Ich finde, alte Damen, die im Kaffeehaus ihre Pelzhauben nicht abnehmen, um sich die Frisuren nicht zu zerstören, sollten zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt werden.“ Mit diesem Satz leitete kürzlich ein alter Freund, der für eine scharfe Beobachtungsgabe seiner Umgebung bekannt ist, ein assoziatives Feuerwerk potenzieller Erben unserer Kultur ein. Schnell fielen etwa die lila getönten Haare, die sich immer wieder unter den Pelzhauben verbergen – hinter diesem Phänomen verbergen sich übrigens angeblich „Silberfestiger“, die den Haaren den Gelbstich nehmen sollen und bei zu exzessivem Gebrauch eben für einen violetten Effekt sorgen. Aber auch Körperhaltungen sollten als kulturelles Erbe festgeschrieben werden können – dass etwa besagte Dame mit spitzen Fingern eine Kaffeetasse hält. Heutzutage kann man ja seinen Coffee-to-go-Kübel sogar mit einer grobschlächtigen Pranke leicht umfassen.

Dass jemand mit zugekniffenem Auge, leicht vorgebeugt und hoch konzentriert durch den Sucher eines Fotoapparats schaut, das gibt es im iPhone-Zeitalter, in dem man den Arm mit dem Display einen halben Meter von sich streckt, ebenfalls kaum noch. Also auch gleich auf die Liste damit. Genauso wie – die Jüngeren kannten es nicht mehr – das reflexhafte Drücken das Zahlknopfs in öffentlichen Telefonzellen, sobald die Verbindung steht. Wobei, vermutlich gibt es das auf dem iPhone ohnehin schon als App…

Und schließlich sollte man auch noch die Durchsagen in Einkaufszentren und Supermärkten schützen, die an Deutlichkeit nichts offen lassen: „Frau Maierhofer, bitte 13!“ Wunderbar und schützenswert, oder? Übrigens – ein Code dürfte tatsächlich Allgemeingültigkeit haben: „Auf 17 gehen“ gilt als humoristische Umschreibung des Gangs zur Toilette. Details dazu ersparen wir uns jetzt lieber – auch, wenn die Frage naheliegt, ob ein großes Geschäft vielleicht 18 wäre…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.02.2012)

Vom Supermarkt in den vegetarischen Gnadenhof

Es gibt zwei verschiedene Zugänge, im Supermarkt Gemüse einzukaufen. Da wäre der eine, das knackigste, frischeste und hübscheste Stück aus dem Regal zu fingern, quasi das Supermodel unter den Gemüsen. Und dann gibt es die etwas weniger oberflächliche Variante, nicht nach dem Hochglanz polierter Schale zu stieren – schließlich will man mit der Frucht nur kochen und keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Häufig bleibt ja ohnehin nur die zweite Variante übrig, wenn einer aus der ersten Kategorie bereits alle verfügbaren Früchte in seinem vegetarischen Beauty Contest auf ihre Festigkeit geprüft und dabei unschöne Druckstellen hinterlassen hat.

Gelegentlich begegnet man abseits dieser Dualität aber auch noch einer dritten Ausprägung der Gemüseauswahl – oberstes Kriterium ist hier das Mitleid. Wenn da einsam und verlassen eine Melanzani in einer Kiste vor sich hinrunzelt, man sogar ein leichtes Zittern zu spüren vermeint und nur noch zwei traurige Augen fehlen, um das Kindchenschema komplett zu machen – dann wird das Herz weich, und man will nichts mehr, als diese arme, geschundene Frucht in den Arm zu nehmen und ein wenig zu liebkosen. Und so rettet man das arme Ding, bettet es in die wohlig weiche Einkaufstasche und nimmt es mit nach Hause. Auf dass das kleine Runzelgewächs sein Dasein nicht in einer Holzkiste und unter Neonröhren fristen müsse.

Solange sich ein derartiges Verhalten nur gelegentlich einstellt, spricht auch absolut nichts dagegen, der einen oder anderen Gurke, einem bröselnden Karfiol oder einer bedauernswert verkrümmten Zucchini ein Gnadenbrot zu gewähren. Allerdings sollte man die Grenzen des Machbaren im Auge behalten. Denn spätestens, wenn die heimische Küche voll mit siechem Gemüse ist und Gäste plötzlich das Bedürfnis verspüren, für das vegetarische Gut Aiderbichl spenden zu dürfen – dann hat man es vermutlich übertrieben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.02.2012)

Schluhupf uhunter die Deck, wahach vielleicht wieder auf

Einschlafen ist nicht immer leicht. Als Erwachsener, weil Gedanken an Arbeit, Miete und Wirtschaftskrise Morpheus beharrlich den Einzug in den müden Kopf verwehren. Und als Kind, weil Monster, Geister und Dämonen unter dem Bett nur auf einen Moment der Schwäche warten. Noch dazu wird dem kindlichen Gemüt vor dem Einschlafen oft eine gehörige Portion Angst und Unsicherheit injiziert – denn was vordergründig ein süßliches Schlaflied sein soll, verbirgt hinter einlullenden Zärtlichkeiten unzählige Bosheiten. Wie viele Kinder fühlten sich schon in Dornenhecken gefangen, weil sie „mit Rosen bedacht“ wurden? Oder gar an den Bettkopf genagelt, nachdem sie „mit Näglein bedeckt“ einschlafen sollten. Allzu verständlich, dass man ob solcher bösartiger Attacken ängstlich „uhunter die Deck schluhupft“. Guten Abend, gute Nacht, willkommen im Albtraum!

Und nein, man kann einschlafenden Kindern keine etymologischen Spitzfindigkeiten zumuten, etwa dass mit den Näglein im alten deutschen Volkslied Gewürznelken gemeint waren. (Andere Quellen erkennen darin übrigens „Braunnägelein“, was eine alte Bezeichnung für Flieder ist.) Die Assoziation mit einem ans Kreuz genagelten Jesus ist für das in den Schlaf gesungen werden sollende Kind jedenfalls um einiges naheliegender. Noch dazu, wenn im selben Lied auch die Möglichkeit in Betracht gezogen wird, dass man seine Augen zum letzten Mal schließen könnte – schließlich weiß man ja nicht so genau, ob Gott wirklich will, dass man morgen Früh wieder geweckt wird. Dass man Kindern das Einschlafen aber nicht nur im deutschsprachigen Raum ein wenig vergällen möchte, zeigt ein englisches Abendgebet aus dem 18.Jahrhundert. „If I shall die before I wake, I pray the Lord my soul to take.“ Na gut, dann komm halt herein, Sandmann! Und falls du ein Geräusch hören solltest – keine Angst, das ist nur das Monster unter meinem Bett!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.01.2012)

Stell dir vor, der Strom auf der Rolltreppe fällt aus…

Geschwindigkeit spielt in Actionfilmen eine tragende Rolle – im besten Fall merkt das Publikum vor lauter Speed gar nicht, wie dünn die Handlung eigentlich ist. Dementsprechend sind Verfolgungsjagden mit Autos, Bussen, U-Bahnen oder Schnellzügen geradezu prädestiniert. Ein Schattendasein fristet dagegen die Rolltreppe. Schade, eigentlich. Denn im wirklichen Leben spielen sich auf ihr tagtäglich Dramen ab. Da wird geflucht, gerempelt, gestoßen und gestolpert – mit oder ohne Fremdeinwirkung. Was gegen eine filmische Nutzung spricht, ist allerdings die Geschwindigkeit, die in der EU mit maximal 2,7 km/h nicht rasend spektakulär ausfällt. Gerade einmal alte Rolltreppen sowjetischer Bauart, wie sie etwa in der Prager Metro noch verwendet werden, bringen es auf bis zu 9 km/h. Aber zugegeben, für im Fahrtwind flatternde Haare sorgt das noch lange nicht.

Auch ein weiteres Genre bleibt den Rolltreppen verwehrt, nämlich der klaustrophobische Katastrophenfilm. Während das klassische Setting Stromausfall mit einem Aufzug – kleine Gruppe mehr oder weniger psychotischer Menschen ist in der Kabine gefangen – einwandfrei funktioniert, wagen sich Regisseure nur selten an stehen gebliebene Rolltreppen heran. Wobei die durchaus ein gewisses Potenzial haben: Auf einmal flackert das Licht, mit einem Ruck bleibt die Treppe stehen – die Fahrgäste erstarren mit ihr. Nervosität entsteht, Konflikte brechen aus, es kommt beinahe zur Eskalation. Doch schließlich kommt ein Spezialtrupp der Feuerwehr, vielleicht mit Keanu Reeves als Leiter, der die zu Tode verängstigten Menschen rettet.

Im Übrigen ist es wirklich abenteuerlich, über eine stehen gebliebene Rolltreppe zu gehen. Ständig wartet man darauf, dass sie losfährt. Und am Ende wundert man sich, dass man beim Aussteigen nicht so rasant wie sonst abgeworfen wird. Soll noch einer sagen, dass man da keinen Actionfilm draus machen könnte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.01.2012)

Vom Staubsaugerroboter aus der Wohnung geworfen

Auf der Beliebtheitsskala der Hausarbeiten belegt das Staubsaugen einen Platz im Mittelfeld. Ganz oben findet sich das Wäschewaschen, das ja ohnehin eine Maschine erledigt. Am untersten Ende rangiert das Bettenüberziehen – warum gibt es dafür eigentlich keine Maschine? Manuelles Geschirrabwaschen hat fast schon etwas Meditatives, ist also ganz o.k. Und Fensterputzen lässt sich ohnehin bequem über Monate hinweg aufschieben – im Winter ist es sinnlos, und sobald es wärmer wird, sind die Fenster ja sowieso offen. Beim Staubsaugen muss man ein wenig differenzieren. Denn einerseits macht es schon Spaß, mit dem beutellosen Hochleistungsgerät wie ein Kammerjäger Staubfusel zu jagen. Andererseits ist es mühsam, um all die Zeitungen, Kleidungsstücke und den sonstigen Tand auf dem Parkettboden herumzusaugen – oder die verstreuten Bodenschätze gar aufzuheben.

Letzteres ist es aber auch, der die Anschaffung eines Staubsaugerroboters nicht wahnsinnig attraktiv macht. Denn so verlockend der Gedanke auch ist, dass der kleine Roboter, während man gar nicht daheim ist, selbstständig den Boden reinigt – man muss ihm dafür schon eine aufgeräumte Wohnung hinterlassen. Schließlich reinigt ein solches Ding nur freie Flächen, Zeitungen aufheben kann es nicht. Und es gibt noch einen Grund, sich keine Roboter für den Boden zuzulegen: Sie sind hinterlistig.

Noch heute wird der Kollege blass, wenn er erzählt, wie er einmal nur kurz vor die Tür ging. Im selben Moment rauschte der Staubsaugerroboter an, ein dumpfes Geräusch ertönte – und die Tür fiel ins Schloss. Immerhin, der Kollege trug nicht nur Unterwäsche. Und irgendwo in seiner Hosentasche hatte er auch den Schlüssel eingesteckt. Halb so schlimm, also. Und trotzdem, irgendwie hat man den Eindruck, dass er seit damals häufiger schlecht träumt… Gibt es eigentlich einen Begriff für die Angst vor Haushaltsgeräten?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.01.2012)

Warum der Freitag so oft auf einen Dreizehnten fällt

Wenn dieses Stilmittel nicht schon so ausgelutscht wäre, könnte man damit beginnen, dass die Angst vor einem Freitag dem Dreizehnten Paraskavedekatriaphobie heißt. Doch rund um den Ende dieser Woche wieder einmal anstehenden Tag gibt es viel Interessanteres zu erzählen. Etwa, dass er jedes Jahr mindestens ein Mal, höchstens jedoch drei Mal auftritt. Dass der kürzeste Abstand zwischen zwei 13. Freitagen vier Wochen, der längste 61 Wochen beträgt. Und dass – und jetzt wird es wirklich interessant – die meisten Dreizehnten tatsächlich auf einen Freitag fallen. Klingt komisch, ist aber so. Und liegt daran, dass sich der gregorianische Kalender alle 400 Jahre wiederholt – und dass entgegen der klassischen Formel nicht alle vier Jahre ein Schaltjahr eingelegt wird: Denn volle Hunderterjahre, die sich nicht durch 400 teilen lassen (etwa 1800 oder 1900), bekommen keinen zusätzlichen 29. Februar. Aus dieser Regel ergibt sich, dass es in einem Zeitraum von 400 Jahren 688 Dreizehnte gibt, die auf einen Freitag fallen. (Dass auch der 6., der 20. und der 27. ebenso häufig auf Freitage fallen, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.)

Ob Papst Gregor XIII., als er 1582 mit der päpstlichen Bulle „Inter gravissimas“ die Kalenderreform startete, bewusst war, dass er allen Paraskavedekatriaphobikern besonders viel Grund zur Sorge bereiten würde, ist nicht überliefert. Ob sein Namenszusatz etwas damit zu tun gehabt haben könnte, lassen wir jetzt auch einfach dort, wo es hingehört – im Elfenbeinturm der Verschwörungstheoretiker.

Widmen wir uns doch lieber praktisch anwendbaren Dingen, die uns im Leben auch wirklich weiterbringen: Will man sich etwa unbedingt vor einem Tag besonders fürchten, sollte man wenigstens einen auswählen, der nicht allzu häufig vorkommt. Mittwoch der 31. bietet sich da an, um in Schockstarre zu verfallen – den gibt es im Lauf von 400 Jahren nur 398 Mal.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.01.2012)

Freitag der 13 - Jason Voorhees

Würde der Horrorklassiker "Freitag, der 13." auch funktionieren, wenn er "Mittwoch, der 31." hieße?

Kaffee kochen für die Tea Party

Kaffeehäuser sind furchtbar, meinte der Kollege. Sie sind grindig, es zieht immer fürchterlich, und den Tee kann man dort sowieso nicht trinken. Spätestens beim letzten Punkt muss man einhaken – denn ins Kaffeehaus zu gehen, um dort Tee zu trinken, ist schon ein wenig, sagen wir, verhaltensoriginell. Man verlangt ja schließlich auch bei einer japanischen Teezeremonie nicht so einfach nach einer Espressomaschine. Genauso wenig muss man im Eissalon partout eine heiße Schokolade bestellen oder im Schnitzelhaus nach einer Salatplatte fragen. Vermutlich hat es einen Sinn, dass gastronomische Einheiten genau jene Speisen oder jene Getränke prominent anpreisen, für die sie da sind. Dass es noch keine reine Kakaoeria (welch schöner Neologismus!) gibt, ist in diesem Zusammenhang übrigens ein klares Versäumnis der beherbergend-kulinarischen Industrie.

Aber zurück zur Teevorliebe des Kollegen. Möglicherweise reagiere ich deswegen so verschnupft auf all die Connaisseure, die ihre getrockneten Blätter, Kräuter und Gewürze wie Alchimisten zu einem dampfenden Sud aufgießen, weil Tee für mich ein absolutes Krankheitsgetränk ist. Meine einzigen Assoziationen beim Anblick eines Teebeutels sind Halsschmerzen, Fieber und Bettruhe. Und Genuss spielt in diesen Momenten eine eher untergeordnete Rolle. Dass aus dieser schon in der Kindheit gelernten Assoziationskette kulinarisches Banausentum erwächst, hat eine gewisse Logik. Und die lässt sich auch im Erwachsenenalter nicht so mir nichts, dir nichts umpolen.

Aus dieser Logik heraus wirken leidenschaftliche Teetrinker für mich immer ein wenig wichtigtuerisch. Und die Gleichung, dass das Aufgießen von heißem Wasser ausgeglichenere Menschen hervorbringt, kann demnach auch nicht funktionieren. Von höherer geistiger Schaffenskraft sowieso keine Rede. Oder haben Sie als Lateiner schon mal gehört: „In tea veritas?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.01.2012)

Kein Stress! Bleib ganz ruhig!

Nur noch ein paar Tage, dann ist sie wieder vorbei, die sogenannte besinnliche Zeit. Sogenannt deswegen, weil sich die Zeit vor Weihnachten zeitweilig eher besinnungslos anfühlt. Wer am vierten Advent-Einkaufssamstag die Einkaufszombies auf der Mariahilfer Straße bei ihrer Jagd miterlebt hat, weiß, wovon die Rede ist. Nein, das soll jetzt kein Weihnachts-Bashing werden, aber mit dieser Einleitung bekommt man die Kurve recht gut zum eigentlichen Thema des Interesses, nämlich dem Stress. Doch soll die Kolumne jetzt auch nicht im üblichen und erwartbaren vorweihnachtlichen Wehklagen enden. Im Gegenteil. Lebe lieber unerwartet! Also, konkret geht es darum, wie man Menschen, die ohnehin schon am Limit sind, noch ein bisschen stärker unter Druck setzen kann. Die passenden Worte, die man etwa an jemanden richtet, der gerade aus der Dusche steigt, während draußen vor der Tür schon die Gäste warten, lauten: „Kein Stress!“

Genau diese Aufforderung trägt eine gemeine 180-Grad-Wendung in sich, die dem armen Stressgeplagten subtil mitteilt, dass er sich gefälligst beeilen soll. Umgekehrt kann man Menschen, die noch keine Anzeichen von Stress zeigen, mit drei schönen Worten aus der Fassung bringen: „Bleib ganz ruhig!“ So sehr die Person auch vorher noch in sich geruht hat, so schnell wird sich in ihr Aggression entwickeln. Falls ein Gespräch zu harmonisch verlaufen sollte, hat man damit eine Trumpfkarte in der Hand.

Zugegeben, diese kleine Lehrstunde in Sachen menschliches Zusammenleben hat eine gewisse provokante Note. Auf der anderen Seite – selbst schuld, wer sich von derartigen Sticheleien aus der Ruhe bringen lässt. Man könnte ja auch ebenso gut sagen: „Ich lasse mich nicht stressen. Ich habe ohnehin schon genug Stress.“ In diesem Sinne wünsche ich eine halbwegs ruhige Weihnachtswoche. Und… kein Stress!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.12.2011)

Sri Lanka, „Nein, Danke“ und die Mariahilfer Straße

„Annoying“ sei es, sagte der britische Tourist. Wir stimmten ihm mit einem Kopfnicken zu und ignorierten, so wie er, den Mann am Straßenrand, der uns winkte und etwas Unverständliches zurief. Was würde er uns wohl wieder andrehen wollen, scherzten wir. Einen neunzig Zentimeter hohen Holzelefanten? Ein paarmal rief uns der Mann noch nach, dann gab er auf. Da hatte der Brite recht, es war wirklich ärgerlich hier auf Sri Lanka. Ständig wird man von Einheimischen angesprochen, die etwas verkaufen wollen. Freundlich sind sie ja. Aber spätestens nach dem Smalltalk à la „First time Sri Lanka?“ und „Where are you from?“ kommt schon das Angebot für ein Hotel, ein Taxi oder eine Rundfahrt.

Ein Urlaub in Sri Lanka läuft ähnlich ab wie ein Besuch auf der vorweihnachtlichen Mariahilfer Straße: „Nein, Danke“ wird zum gemurmelten Mantra – in Wien gegenüber den Greenpeace-Spendensammlern, in Sri Lanka gegenüber so ziemlich allen Einheimischen. Wie auch immer, müde von der langen Wanderung – wir hatten eine steile Bergfestung zu Fuß erklommen und einen ebenso mühseligen Abstieg bewältigt – kamen wir zum Ausgang des Naturparks. Doch der Fahrer, der uns mit dem Taxi abholen sollte, war nicht hier. Natürlich nicht, sagte der freundliche Mann beim Tor. Die Parkplätze seien auf der anderen Seite des Geländes. Etwa noch einmal 20 Minuten Fußmarsch durch die Hitze zurück. Warum wir denn nicht schon in der Anlage selbst auf den Weg zum Parkplatz abgebogen seien, fragte er noch. Die richtige Abzweigung zu finden, sei nämlich gar nicht so schwer. Ein Kollege von ihm stehe ohnehin am Straßenrand und rufe den Touristen zu, dass sie hier abbiegen sollten.

Manche Kolumnen haben am Ende eine „Moral von der Geschichte“. Ich glaube, das lassen wir diesmal einfach bleiben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.12.2011)

(c) Erich Kocina

Irgendwo in Sigiriya, Sri Lanka