Wenn der Antibiotiker keinen Guster hat

Der Ostösterreicher neigt ja zu einer gewissen Schlampigkeit in der Aussprache. Da wird das Parkett schon mal zum französischen Weißbrot. Und der Antibiotiker muss sich fragen, ob er im Lateinunterricht nicht doch besser aufpassen hätte sollen. Zugegeben, das ist nichts, wofür gleich der Ruf „Hysterika“ ertönen muss, doch als Connaisseur (das spricht man gar nicht aus, da sagt man einfach nur „Kenner“) in Sachen Sprache macht man sich halt so seine Gedanken. Über den Gusto, zum Beispiel, der hierzulande ja nicht nur gesprochen zum Gusta, sondern auch geschrieben gerne zum Guster wird – ob man das nun goutiert oder nicht so gout, pardon, gut findet. Hübsch ist auch die sprachliche Verbindung, die hierzulande ein Kreuzblütengewächs mit einem Streit und einem henkellosen Trinkgefäß eingeht. So wird der Kohl im Dialekt auch Kölch (ausgesprochen Köch) genannt. Die Frage, ob man einen solchen will, sollte in Vorstadtgasthäusern dennoch nicht mit Ja beantwortet werden, weil man damit die Zustimmung zu einer körperlich geführten Auseinandersetzung gäbe. Das derart benannte Gemüse hingegen wird in der Großelterngeneration gerne in die Hochsprache zurückgeführt – und endet dort fälschlicherweise als Kelch. Der dann hoffentlich an einem vorübergeht, denn zumindest als Kind war die Attraktivität des eingebrannten Kohlkopfs enden wollend.

Aber zum Trost sei den Ostösterreichern gesagt, dass auch in anderen Regionen sprachliche Missverständnisse auftreten können. Wenn etwa der Kellner im brandenburgischen Eisenhüttenstadt als Menüvorschläge „Bratwurst oder Steg“ aufzählt, darf der Gast ruhig einmal nachfragen. Bratwurst kennt man ja, aber was kann man sich denn unter einem Steg vorstellen? „Na ja“, stammelt dann der Kellner mit einem Blick, als stünde ein Außerirdischer vor ihm. „Ein Stück Fleisch.“ Na, das klingt ja ganz vernünftig. Und zum Steak bitte ein Glas Wein – aber keinen roten, sonst muss am Ende womöglich wieder der Antihistaminiker ausrücken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.09.2014)

Ihre Polyurethane e.V. wurden ungelesen gelöscht

Es ist nämlich so: Wir wissen es nicht. Warum nämlich Menschen E-Mails mit einer Lesebestätigung verschicken. Damit sie in ihre vermutlich ohnehin randvolle Mailbox einen ganzen Haufen weiterer Mails bekommen, in denen steht, dass XYZ ihre Mail gelesen hat? Oder auch nicht, denn wenn man seinen Mail-Client gut eingestellt hat, taucht beim Lesen ohnehin eine Warnung auf, dass der Versender eine Lesebestätigung angefordert hat – ein Begehr, das man selbstverständlich mit einem Nein quittiert. Denn was geht es den Versender an, wann und ob ich seine Botschaft nun gelesen habe. Ist sie so interessant, dass eine Reaktion sinnvoll ist, schickt man sowieso eine Antwort. Ist sie es nicht, wandert das Stück in den Ordner mit den gelöschten Objekten – und eine eventuell zuvor automatisch geschickte Info, dass man sie zuvor gelesen hat, ist damit Tinnef.

Es ist nämlich auch weiter so: Wir wissen es nicht. Wie man nämlich auf manche Mailverteilerliste kommt. Und mit ungläubig geöffnetem Mund vor Nachrichten mit einem Betreff à la „An Weihnachten aus dem Nagelstudio zu Ihnen nach Hause“ sitzt. Oder sich fragen muss, ob man schon wieder irgendwo versehentlich etwas unterschrieben hat, um es plötzlich auf den Mailverteiler vom „Fachverband Schaumkunststoffe und Polyurethane e. V.“ zu schaffen. Vor allem, weil deren Schriftverkehr ja doch über wahllos verstreute Spam-Botschaften à la „Ich habe ein lukratives Geschäft Vorschlag von gemeinsamem Interesse mit Ihnen teilen. Ich will lieber Sie mich auf meiner privaten E-Mail-Adresse unten zu erreichen. betrachten Sie Ihre früheste Reaktion“ hinausgeht und die Versender vermutlich wirklich damit rechnen, dass sie ihre Neuigkeiten an ein tatsächlich interessiertes Publikum adressiert haben.

Vielleicht sollte man derartigen elektronischen Brieffreunden ja ganz einfach eine Lesebestätigung schicken. Auch, wenn sie gar keine angefordert haben. „Ihre Nachricht wurde ungelesen gelöscht“. Ob das wohl etwas hülfe? Nun, wir wissen es nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.09.2014)

Eine Lüge zieht rasch ein und verklebt nicht

Schon drei Buchstaben können eine Lüge sein. Das „nur“ vor einem Eurobetrag, zum Beispiel. So wie auch das „statt“, das zwischen einem Fantasiebetrag auf der linken und einem günstigeren Preis auf der rechten Seite steht. Das hat zwei Buchstaben mehr, ist deswegen aber auch nicht ehrlicher. Nur ein Heilsversprechen für das Haushaltsbudget, das eine ähnliche Relevanz hat wie die Frauenquote im SPÖ-Parlamentsklub. „My friend“ ist der Code dafür im orientalischen Bazar, der je nach Tageszeit mit „you are my first customer, you get discount“ oder „you are my last customer, you get discount“ aufgefettet wird. Oder auch mit dem Ausruf „good price“ – der gelegentlich sogar bei Produkten mit Fixpreisen wie etwa Briefmarken in die Schlacht um die Kundschaft geworfen wird.

„Derzeit sind leider alle Leitungen besetzt“ in der Warteschleife am Telefon wirkt wie ein Hohn, wenn im Callcenter in Wirklichkeit gerade einmal ein Kollege Bereitschaftsdienst hat. Und der ist eben gerade auf Pause. „Wir sind bemüht, so rasch wie möglich eine Leitung für Sie bereitzustellen.“ Ja, danke auch. Nach sechs Mal Donauwalzer klopft man ohnehin schon den Dreivierteltakt mit. Und dann auch noch diese Versprechen auf Kosmetikprodukten. „Zieht rasch ein und verklebt nicht“, mäandert es durch die Ganglien, während die Sonnencreme über die Fingerkuppen tropft und auf der Digitalkamera Schleimspuren zieht, wie sie sonst nur Nacktschnecken auf Waschbetonplatten zu hinterlassen vermögen. Und warum erfindet nicht irgendjemand einmal einen Zippverschluss, der sich beim Öffnen nicht im Futter verhakt? Was gerade bei einem Schlafsack, aus dem man sich des Nachts schälen muss, um schnell zum Toilettenzelt zu gelangen, gar nicht so unpraktisch wäre. Abgesehen davon, lieber Bankensektor: 0,1 Prozent sind keine „attraktiven Zinsen“. Aber da traut sich dann wieder keiner, ein „nur“ voranzustellen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.08.2014)

Das Ladekabel ist das neue Feuerzeug

Kugelschreiber sind treulos. Durch wie viele Hände sie im Lauf ihrer Tintenfülle gehen, ehe sie dereinst im Einwegkugelschreiberhimmel ankommen, lässt selbst Don Giovanni vor Neid erblassen. Es gibt kaum ein Objekt, das derart häufig den Besitzer wechselt. Weil sie so leicht zu haben sind, vermutlich. Und der Eigentumsanspruch wohl auch deshalb nicht allzu stark ausgeprägt ist. Der nächste Bic liegt schon voller Vorfreude bereit. Eine echte Beziehung zwischen Mensch und Objekt kann auf diese Weise naturgemäß kaum entstehen.

Das Feuerzeug ist ein ähnlich liederliches Ding. Und doch steht es in der Hierarchie der Dinge ein paar Stufen weiter oben. Weil es selbst in der Einwegvariante nicht einfach genommen wird, wenn es auf dem Tisch liegt. Sondern in der Regel gefragt wird, ob man es sich denn mal kurz ausleihen könnte. Und weil es als soziales Werkzeug dabei helfen kann, mit anderen ins Gespräch zu kommen – darum ist der Klassiker der Aufrisssprüche ja auch das lässig geflüsterte „Entschuldigung, hast du Feuer?“ und nicht ein mit hochgezogener Augenbraue gehauchtes „Hallo Baby, kann ich mir vielleicht deinen Kugelschreiber ausborgen?“.

Allerdings bekommt der Feuer- und Lichtspender zunehmend Konkurrenz. Denn wenn es um das Ausborgen geht, hat sich zuletzt – vor allem am Arbeitsplatz – ein anderer flatterhafter Zeitgenosse penetrant in den Vordergrund gedrängt: „Hat jemand ein iPhone-5-Ladegerät?“ Ob per Mail vorgetragen oder in die Gänge des Großraumbüros geschrien, man entkommt der Frage nicht. Und schon wandert das weiße Kabel durch unzählige Hände, wird minutenweise verborgt – und dient so wie dereinst das Feuerzeug als Initialzündung für so manch prickelnden Dialog. „Hallo, darf ich mir einmal dein Ladekabel ansehen?“ Vielleicht sollte man ja sogar ein Flirtseminar veranstalten, bei dem man lernt, sich das begehrte Objekt besonders lasziv um den Finger zu wickeln… Übrigens, wenn wir schon dabei sind, Android-Nutzer sind die neuen Nichtraucher.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.08.2014)

Kimberli, ein gedoptes Pferd und ein Quietschentchen

Was war das für eine tierische Woche. Da war die Stute Estimate, eines der bekanntesten Rennpferde der britischen Königin Elizabeth, dem beim Dopingtest die Einnahme von Morphin nachgewiesen wurde. (Die Ausrede war übrigens ähnlich wie bei ertappten menschlichen Sportlern – es musste dem Tier etwas in die Nahrung gemischt worden sein…) Dann kam die Meldung, dass ein russischer Forschungssatellit auf die Erde stürzen könnte – inklusive fünf Geckos an Bord, die derzeit in 250 Kilometern Höhe um die Erde kreisen – was immer diese Echsen da oben überhaupt treiben. Und wenn wir schon im Weltall sind: Einige Forscher beschäftigten sich zuletzt mit der Rosetta-Raumsonde, die unterwegs zu einem Kometen mit dem hübschen Namen 67P/Tschurjumov-Gerasimenko ist und dort am 6.August ankommen soll. Was das mit Tieren zu tun hat– nun, ein Wissenschaftler hat erklärt, dass ebendieser Komet völlig anders zu sein scheint als jeder andere, den man zuvor gesehen hat. Er habe nämlich weder die Form einer Kugel noch die eines Erdapfels (Erdapfel??? Man stelle sich das als weihnachtliche Keksform für den Stern von Bethlehem vor). Nein, er bestehe aus zwei verschieden großen, miteinander verbundenen Teilen. „Die Bilder erinnern mich vage an ein Quietschentchen.“

Ja, und dann war da noch Kimberli. Sie, wurde in einer Aussendung verkündet, legte „in sensationellen neun Tagen“ als Erste von zwölf Biowiesenmilchkühen die Marathondistanz von 42,195 Kilometern zurück. Und darf sich nun als Siegerin des ersten Biowiesenmilch-Kuhmarathons(!) feiern lassen. Man stelle sich das vor, neun Tage lang wird ein Dutzend Tiere auf eine Weide gestellt. Mit Trackern wird in Echtzeit verfolgt, wie sich die Kühe bewegen. Und am Ende wird unter großem Jubel und über dem Haupt des erschöpften, aber überglücklichen Rinds eine schwarz-weiß karierte Flagge geschwenkt. Viva Kimberli! Bleibt nur zu hoffen, dass ihr nicht auch etwas in die Nahrung gemischt wurde. Oder ihr der Satellit mit den Geckos auf den Kopf fällt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.07.2014)

Wenn alle Rolltreppe fahren, werden wir nie Weltmeister

Auch das ist Wien. Wenn sich am Ende der U-Bahn-Station hunderte Menschen anstellen, um den schmalen Schlauch der Rolltreppe bergab zu fahren. Und die breite Treppe daneben leer bleibt wie das Strandbad Kritzendorf an einem frostigen Novembertag. Die Rolltreppe ist so etwas wie die Fernbedienung des städtischen Lebens, die die Bewohner gemütlich auf der Couch sitzen lässt, um sich gerade einmal gemächlich zu erheben, wenn das Bier aus oder die Blase voll ist. Natürlich, bergauf kann es schon ein wenig anstrengen, in der Station Westbahnhof die Stufen zur U6 zu erklimmen. Und, klar, wer nicht gut bei Luft oder zu Fuß ist, kann sich durch die wandelnden Treppen einiges an Mühsal ersparen. Und es ist gut so, dass all jenen, denen es schwer fällt, eine Möglichkeit geboten wird, sich in der Stadt zu bewegen. Nur kann es sein, dass mittlerweile ganz Wien nur noch aus kränkelnden und fußmaroden Einwohnern besteht? Nicht anders lässt sich erklären, warum sich regelmäßig die Masse aus den Silberpfeilen direttissimo in Richtung Rolltreppe wälzt, selbst wenn es beim Bergabgehen nicht einmal die Schwerkraft zu überwinden gilt. Und die verschreckten Gesichter, wenn mitten in der Routine klar wird, dass die Rolltreppe gar nicht fährt. Da ist diese Hoffnung, dass nicht doch irgendwo noch eine Lichtschranke ist, die das Werk in Bewegung setzt. Shine on you crazy Bequemlichkeit zieht sich wie ein Leitmotiv durch die städtische Mobilität. Was macht es da schon, dass auch mit gemächlichem Tempo so mancher Stiegenaufgang gegenüber der Rolltreppe wie eine Überholspur wirkt. So werden wir nie Weltmeister.

Wie Wien wohl aussähe, wenn es in den U-Bahn-Stationen nur Stiegenaufgänge gäbe? (Und Aufzüge für die, die sie wirklich brauchen) Keine Sorge, das ist undenkbar, wird nie passieren. Eher ließe sich die Südosttangente zur Begegnungszone umwidmen. Aber stimmt schon, genug geraunzt. Man will ja nicht durch die Welt stapfen wie Mr. Grumpy. Wobei, auch das ist Wien…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.07.2014)

Bilder von Männern mit aufgerissenen Mündern

Vier Wochen lang haben wir sie jetzt ertragen. Die Bilder jener jubelnden Männer auf den Fußballplätzen Brasiliens – die zu 90 Prozent den Mund aufgerissen haben wie ein angreifender Uruk-Hai-Berserker aus einem Tolkien-Roman. Immerhin, für Studenten der Dentalmedizin gab es tiefe Einblicke, doch decken die – die Studenten, nicht die Einblicke – nur einen minimalen Teil der Gesamtpopulation ab. Der Rest musste sich fragen, was sich hinter den offenen Mündern wohl verbirgt. Wobei, das ist letztlich vor allem eine Frage der statischen Abbildung, wenn also der Aufreißmoment auf einem Bild festgehalten ist. Im Bewegtbildmodus konnten sich ja Lippenleser daran versuchen, die Aussage hinter dem Grölmund zu ergründen – sie taten das im Rahmen der WM übrigens auch. Was mit dazu führte, dass so mancher Spieler auf dem Feld nichts mehr sagte, ohne die Hand vor den Mund zu halten. Aus Angst, dass womöglich taktische Finten erkannt oder derbe Beschimpfungen öffentlich werden könnten.

Interessant übrigens, dass vergleichsweise wenige Bilder von Fußballern zu sehen sind, die in einer druckvollen Fontäne auf den Rasen speicheln. Was wiederum im Bewegtbild relativ häufig, um nicht permanent sagen zu müssen, zu sehen ist. Fast möchte der Laie meinen, die Spieler regelten ihre Körpertemperatur nicht durch die Verdunstungswärme des Schweißes, sondern führten aufgewärmtes Kühlwasser direkt und ohne Umwege über den Mund ab. Wobei aber auch die Theorie zulässig sein muss, dass analog zum Markieren des Hundes mit der Spucke das Revier abgesteckt werden soll. Dagegen spricht, dass Hunde dies nicht nur auf Rasen machen, sondern auf jeglichem Untergrund. Fußballer hingegen verspüren wie durch ein Wunder keinen Speidrang in geschlossenen Räumen. Zumindest wirkt der Boden beim Hallenfußball weitgehend trocken. Aber jetzt reicht es trotzdem eine Zeit lang mit Fußball. Und wer Sehnsucht nach spuckenden und brüllenden Orks hat, soll gefälligst den „Herrn der Ringe“ lesen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.07.2014)

Jetzt auch mit Anhang :)

Oft spielt das Gehirn mit uns. Beim Schreiben zum Beispiel, wenn klar wird, dass es sehr knapp wird, ein langes Wort noch in die gleiche Zeile zu bekommen – und die Finger plötzlich um einen Deut schneller auf die Tasten klopfen, in der irrigen Hoffnung, durch die Tippgeschwindigkeit den Cursor überlisten zu können, auf dass er nicht in die nächste Zeile springt. Genauso unlogisch, wenn der Mauszeiger sich in Richtung eines Buttons bewegt – und der Finger just in jenem Moment auf die Maustaste drückt, in dem der Zeiger gerade noch nicht oder nicht mehr über dem richtigen Feld steht. Dieses Phänomen mag auch mit ein Grund dafür sein, dass E-Mails zu früh abgeschickt werden. Und hinterher die wohl häufigste Phrase des E-Mail-Verkehrs nachgeschickt werden muss: „Jetzt auch mit Anhang :)“ Mit Smiley danach. Immer.

Das wiederum erinnert an den Klassiker der scherzhaften Briefliteratur – wenn am Ende der Nachricht der ewige Schenkelklopfer folgt: „Wollte noch Geld mitschicken, habe aber leider das Kuvert schon zugeklebt.“ Fällt etwa in die Kategorie von „ich schreibe langsam, weil ich weiß, dass du nicht schnell lesen kannst“. In der Telekommunikation gipfelt diese Unlogik darin, dass Telefonierer glauben, die Distanz zum Gesprächspartner durch Lautstärke überwinden zu müssen – das übrigens vorwiegend in der U-Bahn. Und womöglich wird die kommunikative Mehrwegdarbietung auch noch durch wildes Gestikulieren mit den Händen unterstützt. Was das Gegenüber ja ohnehin nicht sehen kann.

Offenbar brauchen wir das. So wie wir glauben, dass der Aufzug schneller kommt, wenn wir möglichst oft auf den Knopf drücken. Wie wir wie wild mehrmals die „Bestätigen“-Taste beim Bankomaten betätigen, damit das Geld schneller aus dem Schlitz kommt. Und annehmen, dass die Straßenbahn genau deswegen in diesem Moment in die Station einfährt, weil man sich gerade eine Zigarette angezündet hat. Apropos, wussten Sie eigentlich, dass das das Gehirn automatisch unnötige Informationen ignoriert? So wie zum Beispiel auch das zweite „das“ im obigen Satz.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.07.2014)

Beißen tun nur Mädchen, wir wollen Schweinsbraten

Mit Töchtern haben wir es ja nicht so. Zwar hört man hierzulande nur mehr selten die despektierliche Bezeichnung „das Mensch“, wenn es um ein junges Mädchen geht. Und auch der Ausruf „Na endlich was G’scheit’s“, wenn nach einem Mädchen auch ein Bub auf die Welt kommt, wird wohl nicht mehr so oft durch Krankenhausflure schallen. Doch wenn es darum geht, sie auch in der Bundeshymne zu nennen, wird der Österreicher plötzlich widerständig, wie man es sonst nicht von ihm kennt. Argumentatives Unterfutter braucht er dazu nicht. Es genügt, einfach einmal zu schimpfen. Dieser Reflex kommt immer gut, egal, in welche Richtung. Danach folgen zwei Argumentationsmuster. „Weil es immer so war“ ist das eine, mit dem unsinnige oder überholte Regeln einzementiert werden. Das zweite hingegen lautet: „Es gibt wichtigere Probleme als das.“ Ja, stimmt sogar. Aber wenn es eh nicht so wichtig ist, ob die Töchter nun in der Bundeshymne genannt werden, warum wehrt man sich dann so dagegen?

Die große Masse sehnt sich nach einem Schweinsbraten, sprach einst Andreas Gabalier. Sehr richtig, Herr Volksmusikant, am besten von der Sau, die man zuvor medial durch das Dorf getrieben hat, wie es scheint. Denn die Gehässigkeit, die hierzulande an den Tag gelegt wird, um möglichst wieder den gottgewollten Zustand herzustellen – bei dem Frauen ja eh mitgedacht werden, die sollen sich nicht so anstellen –, erinnert an finstere Zeiten. „Das kommt dabei raus, wenn man Frauen in die Politik lässt.“ Ja, klar, weil uns all die anderen Entscheidungen, die vornehmlich Männer getroffen haben, so viel weitergebracht haben.

Immerhin, wenigstens der Schweinsbraten Fußball bleibt noch als männliche Bastion. Hätte da nicht Uruguays Luis Suárez jüngst einen Gegenspieler gebissen. Das, verkündete ein Kolumnist der „Krone“, gehe in dieser Männersportart doch nicht. „So handeln Mädchen, nicht Männer.“ Heimat, bist du großer Toren. Und nein, das hat mit Fußball nichts zu tun.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.06.2014)

Hallo Baby, soll ich dir mein Sommerloch zeigen?

Zugegeben, jeder Running Gag nützt sich mit der Zeit ein wenig ab. Auch die „Hallo Baby, soll ich dir mein (jedes beliebige Wort einsetzen) zeigen?“-Reihe erreicht irgendwann die Grenzen des Zumutbaren. Was in dieser Jahreszeit aber nur bedingt eine Rolle spielt. Optimisten sagen jetzt: Endlich ist der Sommer da. Pessimisten klagen, dass die Tage nun wieder kürzer werden. Bis allerdings am 22.Dezember endlich wieder die Dunkelheit zurückzuweichen beginnt, bleibt noch eine beträchtliche Delle in der Nachrichtenlage, die vermutlich erst im September wieder ausgebügelt sein wird. Erste Anzeichen für das sogenannte Sommerloch schwirren jedenfalls bereits durch die frühherbstliche (o.k, das ist jetzt übertrieben) Landschaft.

„Kaninchen fraß Petersilie und wurde öffentlich gebraten“ ist eine jener Meldungen, die wohl keine Chance auf Veröffentlichung hätte, würde der Rest der Welt nicht schon mit dem Kopf im Urlaub sein. „Am Muhen erkennen Forscher die Brunst von Kühen – Deutsche Forscher nehmen Rinder mit Mikrofonen an Halsbändern auf“ fällt auch in diese Kategorie. Und dass der extrem seltene Albino-Buckelwal „Migaloo“ vor der Küste Sydneys gesichtet wurde, wirft die Frage auf, in welchem Loch sich das 1991 erstmals gesichtete Tier zwischendurch so aufgehalten hat. Man muss aber gar nicht in die Ferne schweifen, um diese ausgelutschte Phrase auch noch unterzubringen. Immerhin wird in Klosterneuburg debattiert, sich Wien anzuschließen und künftig als 24.Bezirk zu fungieren. Wenn auch bis auf einen Gemeinderat ohnehin kaum jemand etwas davon wissen will. „Zum Glück behütet uns der heilige Leopold davor“, wird Bürgermeister Stefan Schmuckenschlager zitiert. Und damit, dass er mit seinem Wiener Amtskollegen Michael Häupl bei einem Spritzer darüber geredet habe – und man sich einig sei, dass das keinen Sinn hat.

Trotzdem schön, dass wir darüber geredet haben. Möge das Sommerloch weitere Kalauer bereithalten. Übrigens, in knapp sechs Monaten ist Weihnachten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.06.2014)