Wie die Waschmaschine die Konzentration sabotiert

Konzentration ist jener Zustand, der nach langem Warten darauf genau dann einsetzt, wenn die Waschmaschine fertig ist. All die Mühsal, sich in die richtige Stimmung zu versetzen, um endlich mit der Arbeit zu beginnen, ist in diesem Moment umsonst. Schließlich muss man sich vom Schreibtisch erheben und die Wäsche aus der Trommel holen. Im nächsten Moment feststellen, dass auf dem Wäscheständer noch die Wäsche vom vorherigen Waschgang hängt. Und sich in den folgenden Minuten über weitere Exponate in der umfangreichen Einzelsockensammlung freuen.

Sind T-Shirts und Unterhosen zusammengelegt, die feuchten Wäschestücke zum Trocknen aufgehängt, ist der Platz vor dem Computer wieder eingenommen und sind die Gedanken gerade dabei, sich wieder zusammenzurotten, meldet sich in der Regel das Mobiltelefon zu Wort. „Du hast 75 Prozent deines Datenvolumens erreicht“, informiert der Betreiber. Ja, vielen Dank, vor lauter Vorfreude auf diese Nachricht konnte man ja ohnehin schon nächtelang nicht mehr schlafen.

Ähnlich mag es auch den Polizisten in Gmunden gehen – sie werden seit mehr als zwei Wochen nächtens hunderte Male von Notrufen, bei denen sich am anderen Ende niemand meldet, aus der Konzentration gerissen. Und die wohl von einem Handy ohne Sim-Karte getätigt werden, das deswegen auch nicht geortet werden kann.

Um die Konzentration ob all der Störungen wieder in Lauf zu bringen, hilft übrigens das Versinken in meditative Kontemplation. Beim Warten auf den Bus im nasskühlen Nebel, zum Beispiel. Den Kopf tief in der Kapuze verborgen, die Hände unter die wärmende Jacke gesteckt, kann es dann durchaus passieren, dass einer jener berühmten Augenblicke der Erleuchtung kommt. Und man einen Eintrag in sein persönliches Buch der gesammelten Weisheiten machen kann. So à la: Konfuzius sagt, während du seit 15 Minuten auf den 10A wartest, ist er in die Gegenrichtung schon dreimal gekommen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.01.2014)

Das iPhone, der Islam und die Penisvergrößerung

Wer sind eigentlich diese armen Leichtgläubigen, die tatsächlich glauben, dass der ehemalige Assistent von Muammar al-Gaddafi mit ihnen das Vermögen des libyschen Exdiktators teilen will? Und man nur im Vorhinein ein paar tausend Euro überweisen muss, um den Transfer des Geldes auf das eigene Konto zu veranlassen. Jedenfalls niemand, den man kennt. Denkt man. Und findet plötzlich auf den Facebook-Seiten genau dieser Personen, die über Spam-Mails abfällig lachen, sehr aufgeregte Postings. „iPhone und NSA“. „Offensichtlicher geht es kaum“, ist dort zu lesen, dazu ein Link zu einem Video, in dem ein sehr ernst schauender iPhone-Nutzer demonstriert, dass der Sprachassistent Siri bei der Frage nach „Christentum“ oder „Buddhismus“ zu Wikipedia verlinkt. Sucht man jedoch nach „Islam“, bittet das Handy, seine Ortungsdienste zu aktivieren. Der messerscharfe Schluss: Die NSA will sich einschalten.

Natürlich. Sobald ein Internetuser als Suchbegriff die zweitgrößte Religion der Welt eingibt, läuten in Fort Meade, Maryland, die Alarmglocken. Sofort wird der Standort der Anfrage erhoben – und wahrscheinlich wird auch gleich eine Drohne auf den Weg geschickt.

Dass die Wahrheit viel unspannender klingt, ist die Krux jeglicher Verschwörungstheorie. Denn Apples Sprachassistent Siri bittet auch, den Ortungsdienst einzuschalten, wenn man nach „Kirche“ sucht. Und listet dann die christlichen Gotteshäuser in der Umgebung auf. Bei der Suche nach „Islam“ macht er das Gleiche – nur sucht er dann eben nach Moscheen. Ein Programmierfehler, ein unglücklicher noch dazu. Aber eben nicht mehr.

Das soll die User allerdings bitte schön nicht davon abhalten, weiter über die große Weltverschwörung zu debattieren. Und die Glaubwürdigkeit ihrer Wortmeldungen durch Ausrufe wie „Unglaublich!!!!!“ und „Aufgedeckt!!!!“ zu untermauern. Aber genug davon, jetzt noch schnell die Bestellung zur Penisvergrößerung abschicken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.01.2014)

Dinge, die es 2014 lieber nicht mehr geben sollte

Es gibt das Klischee der tumben Schönheitskönigin und der Frage, was sie sich denn am sehnlichsten wünscht. „Den Weltfrieden“ lautet dann laut Hollywood-Drehbuch die Antwort. Dass ein solcher Wunsch ein wenig hoch gegriffen ist, lässt sich mit ein wenig Lebenserfahrung recht schnell erahnen. Also bleiben wir lieber auf dem Boden und wünschen uns ein paar Dinge für das kommende Jahr, die etwas leichter zu erfüllen sind.

Beginnen wir damit, dass die Bäckereiketten darauf verzichten, für jedes kleine Weckerl eine Rechnung auszustellen. Liebe Ankers, Ströcks und sonstige: Wer morgens auf dem Weg zur U-Bahn sein Frühstücksweckerl samt Kakao besorgt, wird diesen Einkauf nicht unbedingt in der persönlichen Buchhaltung vermerken, der papierene Beleg wandert also in 99,9 Prozent der Fälle ungelesen in den Papierkorb. Wie wäre es also mit einem Opt-in-Verfahren, wonach Rechnungen nur gedruckt werden, wenn der Kunde explizit nach einer verlangt?

Wünschen wir uns weiters, dass die Wiener Linien damit aufhören, auf den elektronischen Anzeigetafeln ihre Kunden zu verarschen. Es ist schon klar, dass es sich bei der Prognose, in wie vielen Minuten die Straßenbahn oder der Bus kommt, eben um eine Prognose handelt. Und dass der Fahrplan „dank“ Technik, Wetter, Falschparker manchmal durcheinandergewirbelt werden kann. Doch bei einer langen Verzögerung auf die Anzeigetafeln „Fahrplanaushang bitte beachten“ zu schreiben, ist gleichbedeutend mit „Schmecks“. Warum soll der papierene Aushang bei gestörtem Fahrbetrieb besser Bescheid wissen als die automatisierte Anzeige?

Und schließlich noch ein kleiner Wunsch auf sprachlicher Ebene, dass nämlich das Durchkoppeln mit Bindestrichen nicht so verächtlich betrachtet wird. Eine Miss-Wahl ist doch viel verständlicher als eine Misswahl, oder? Bei Zweiterer könnte es sich ja auch um eine schlechte Wahl handeln. Und genau die wollen wir schließlich vermeiden. Dafür lassen wir auch bei der Miss-Ernte mit uns reden. Schönen Jahreswechsel!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.12.2013)

Hoffentlich kommt Chris Rea endlich daheim an

Über Weihnachtsmusik in Geschäften zu schimpfen, ist nicht rasend originell. Aber das ist die Weihnachtsmusik ja auch nicht. Dass alle Shops und Einkaufszentren Österreichs ausschließlich mit „Ö3 Christmas Hits 1+2“ bestückt sind, gehört offenbar zu den in der Verfassung verbrieften Grundkonstanten des Landes. Man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass Chris Rea endlich daheim ankommt, um nicht noch eine Runde „Driving home for Christmas“ singen zu müssen. Würde José Feliciano am liebsten mit schwarzer Bohnensuppe bewerfen, um sein „Feliz Navidad“ zum Verstummen zu bringen. Und entdeckt, wie unglaublich aggressiv der Pazifismus von John Lennons „Happy Xmas“ machen kann. War is over? Sieht nicht so aus. Noch dazu, weil all die Leute hier sicher schon längst alle Geschenke haben und nur da sind, um im Weg zu stehen. Im voll besetzten Lift loszuschreien: „Die Fahrscheine, bitte!“, kann die vorweihnachtliche Verkrampfung übrigens durchaus lösen. So man sich traut.

Zumindest in der U-Bahn ist „Driving home for Christmas“ noch nicht angekommen. Dafür aber zwei Worte, die bei jeder Station aus hunderten Mündern zu hören sind – ja, die geradezu das Weihnachtsfest in all seiner Unendlichkeit perfekt zusammenfassen. Wenn zwei mit Einkaufstaschen behängte Christbäume – pardon, Fahrgäste – ihre Unterhaltung ausklingen lassen, wenn schließlich einer durch die offene Tür aus der U-Bahn stakst und der andere seine Taschen noch ein paar Stationen weiter spazieren fahren muss, da ertönen sie in ihrer ganzen Besinnlichkeit: „Dir auch!“ Was immer da auch vorher gesagt wurde – man hört bei all dem Gemurmel ja nicht so gut – es muss etwas sein, was eine tröstliche Botschaft in sich trägt. Denn kaum sind die Worte ausgesprochen, kaum schließt sich danach die U-Bahn-Tür, ist da auf einmal dieses Lächeln. Weicht die Anspannung aus dem Gesicht. Und mit sanftem Glockenläuten steigt er plötzlich vom Himmel herab, der Weihnachtsfriede. In diesem Sinn: Ihnen auch!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.12.2013)

Meta-Selfies und Justin Biebers Porno-Bitch

Wahrscheinlich redet in ein paar Tagen niemand mehr darüber, also muss man jetzt noch etwas dazu sagen, wenn man etwas dazu sagen will. Über Selfies, nämlich, jene Modeerscheinung der digitalen und sozialnetzwerkenden Fotografie – derzeit vor allem in der Doppel-Selfie-Variante gemeinsam mit einer mehr oder weniger prominenten Persönlichkeit (UHBP, Papst etc.). Ein Phänomen, das durch Barack Obamas Auftritt bei Nelson Mandelas Trauerfeier aus der Jugendkultur in den medialen Mainstream gespült wurde, wo sie jetzt ein paar Tage lang bleiben darf, ehe sie wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Dass das Thema bereits weitgehend abgefrühstückt wurde, erkennt man übrigens daran, dass mittlerweile vor allem Meta-Selfies umherlaufen – also Aufnahmen, die Menschen dabei zeigen, wie sie gerade mit jemand anderem einen Selfie machen. Und spätestens dann, wenn Meta-Meta-Selfies in den sozialen Netzen zirkulieren – also Fotos von Menschen, die gerade Menschen fotografieren, die gerade einen Selfie machen –, ist die Zeit gekommen, sich etwas Neues zu überlegen. Vielleicht, sich von seinem Essen fotografieren zu lassen?

Oder das Fotografieren mit dem Handy einfach sein lassen. Und sich stattdessen sinnvolleren Dingen aus dem Bereich der Jugendkultur zu widmen. Der aktuellen Ausgabe des „Bravo“, zum Beispiel, die man von Freunden geschenkt bekommen hat. In der erfahren wir schon auf der Titelseite, dass sich Justin Bieber mit „tödlicher Sex-Sucht“ angesteckt hat. Bei einer, wie es heißt, „Porno-Bitch“. Im Inneren erfahren wir, dass eine „Brustmatte“, also eine behaarte Männerbrust, „voll bäääh“ ist. Dass „,Vampire Diaries‘-Hottie“ Paul Wesley (Muss man den kennen?) eine „Bitch datet“. Und dass Debbie Schippers (Wer?) den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen will, dass sie „eine Bitch“ sei – weil sie „sexy Selfies“ auf Instagram gepostet hat. Womit sich der Kreis wieder schließt. Aber wahrscheinlich redet in ein paar Tagen ohnehin niemand mehr darüber.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.12.2013)

Im Blindflug durch die Einkaufsstraße

Es ist bitte schön Folgendes: Fledermäuse haben ja bekanntlich ein Echoortungssystem. Damit können sie sich in der Dunkelheit orientieren und Hindernissen ausweichen. Menschen haben diese Fähigkeit, per Ultraschall Hindernisse zu erkennen, nicht. Zumindest hat man das seinerzeit so in der Schule gelernt und bis dato nichts gehört, was dem widersprechen würde. Wie kann es dann aber sein, dass dennoch Tag für Tag hunderte Menschen glauben, im Blindflug durch Wiens größte Einkaufsstraße navigieren zu können? Der Blick ist gesenkt, die Aufmerksamkeit auf das Smartphone gerichtet, der Daumen tippt schnell ein SMS oder setzt einen Tweet ab. Und mit schlafwandlerischer Sicherheit schlingert der Körper derweil durch die adventliche Masse der Einkaufswilligen. Es sind Handyzombies in ihrer eigenen kleinen Welt, die sich da durch die Mariahilfer Straße wälzen. Dass da nicht mehr passiert.

Wobei, vielleicht tut es das mittlerweile ja ohnehin. Und wir haben das Phänomen einfach noch nicht als solches erkannt. In den USA hat kürzlich etwa eine Studie darauf aufmerksam gemacht, dass die Zahl der Verletzungen durch „distracted walking“, also unkonzentriertes Gehen, in den vergangenen Jahren ziemlich stark gestiegen ist. Soll heißen, dass der Kontakt mit einer Laterne immer häufiger zu einem iCut führt und man sich dabei auch den einen oder anderen Bluetooth ausschlägt. Der Begriff der „mobile injuries“ könnte jedenfalls schon bald einen Bekanntheitsgrad wie diverse Sportverletzungen à la Tennisarm erlangen.

Vielleicht tut man all den Passanten, die wie Androiden durch das Menschengewimmel navigieren, aber unrecht – möglicherweise leitet sie ja eine Echolot-App an all den Hindernissen vorbei. Oder aber wir beobachten gerade die Entstehung eines neuen literarischen Genres – im Mittelpunkt steht das Fragment des Textes, den man gerade geschrieben hat, als man in eine Laterne lief. Tweet before dong oder so. Mal schauen, ob es das schon im iTunes-Shop gibt…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.12.2013)

„Zweite Kassa, bitte“ war gestern

Es ist eine jener Redewendungen, die tief in der ostösterreichischen DNA stecken: das panikartige „Steigen Sie aus?“ in der U-Bahn, um einer Person schon Minuten vor dem Erreichen der gewünschten Ausstiegsstelle mitzuteilen, dass man große Angst hat, nicht an ihr zur offenen Tür vorbeizukommen. Es ist aber bei Weitem nicht die einzige Phrase, die man in Wien offenbar mit der Muttermilch in die Großhirnrinde tätowiert bekommt. Es gibt da auch das „Erlauben, bitte“, um im Weg stehenden Personen seine Gegenwart zu vergegenwärtigen. Es gibt das „Tschuign“, mit dem man Servierpersonal, das man nicht mit „Fräulein“ oder „Herr Ober“ ansprechen möchte, einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit abringt. Es gibt das „Kömma da nicht was machen?“ als verklausulierte Bitte um Rabatt im Einzelhandel. Und es gibt in Supermärkten das beliebte „Zweite Kassa, bitte!“

Gerade letztere Redewendung bleibt Einkäufern in jüngster Zeit allerdings häufig im Halse stecken. Denn allzu oft findet sich im Drogeriemarkt oder beim Diskonter gar keine besetzte Kasse mehr. Und hat sich dann doch noch nach einiger Wartezeit jemand erbarmt, die Waren über das Lesegerät zu ziehen, ist man zumindest nicht allzu lange in Gesellschaft. Denn zunehmend verbreitet sich die Sitte, dass die Kassenkraft gar nicht mehr abwartet, bis die Bankomatzahlung („Ich zahle mit Bankomat“ – auch so eine klassische Phrase… man zahlt übrigens gar nicht mit dem Geldautomaten, sondern maximal mit der Bankomatkarte!) beendet ist. Kaum setzt man an, die Karte in den dafür vorgesehenen Schlitz zu stecken, türmt die Kassenkraft schon wieder, um – diversen Personaleinsparungen sei Dank – noch ein paar andere Dinge im Geschäft zu erledigen. Immerhin bekommt der Kunde, bevor er seinen PIN-Code eintippt, noch einen hübschen Satz vom weglaufenden Mitarbeiter zugerufen: „Das Zetterl können Sie sich selber abreißen!“ Hübsche Redewendung, das. Hat das Zeug zum Klassiker.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.12.2013)

Soa Fitness-Karotten-Honigmirabellchen, bitte!

Ob man des Morgens nun bei der einen Bäckereikette seinen Anker auswirft, bei einer anderen seinen Mann steht oder bei einer dritten die Hand nach einem Stück Gebäck ausströckt – ein Wort darf dabei nie fehlen: „Soa“ – in der männlichen Variante auch „Soan“ – ist das Vokabel, das Mitarbeiter von Backshops am allerhäufigsten hören. Tatsächlich dürfte das „Soa-Weckerl“ das meistbestellte Backwerk des Landes sein. Die dabei österreichweit vereinheitlichte Körpersprache setzt sich im Moment des Aussprechens aus drei Elementen zusammen. Erstens: Der Körper ist leicht über die schräg verlaufende Glasvitrine geneigt, um die Sprechdistanz zur Verkaufskraft ein wenig zu minimieren. Zweitens: Der Zeigefinger der rechten Hand ist auf das „Soa“ gerichtet – wenn auch die schick uniformierte Backshopverkaufskraft besagten Finger durch die vollgeräumte Vitrine nie im Leben sehen kann. Drittens: Stimme und Blick sind ähnlich schuldbewusst-fragend gesenkt, als würde man in einem anderssprachigen Land versuchen, dem Kellner einen Begriff von der Speisekarte vorzulesen. Denn, auch das gehört zum ritualisierten Ablauf beim morgendlichen Jausenkauf dazu, die „Frühstücksjausen-Kornweckerl“, „Aborigines-Kartoffel-Gurken-Liwanzen“, „Fitness-Karotten-Honigmirabellchen“ oder wie sie auch immer besonders verheißungsvoll getauft wurden, weisen sich nur rudimentär durch Beschriftungen an der richtigen Stelle auch als solche aus.

Inmitten der morgendlichen Selektionsüberforderung ist das „Soa“ als Hilferuf des Kunden zu verstehen, der doch nichts anderes will, als „so ein“ belegtes Stück Gebäck für die Jause zu erstehen. Paradoxerweise freut man sich dennoch jeden Morgen auf das entwürdigende Ritual der Nahrungsbeschaffung. Und wenn nicht? Im Zweifel hilft es, eine leere Semmel zu erstehen und sich mit ein paar Blättern Wurst, einem Salatblatt – und vielleicht einem halben Kilo Mayonnaise, wenn dieser kleine Seitenhieb erlaubt ist – sein „Soa“-Weckerl einfach selbst zuzubereiten. Soafoch is des.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.11.2013)

Körperkontakt und Türen als Feinde in Wiens U-Bahn

Die Idee des Fahrgastverdichters hat im öffentlichen Verkehr Wiens noch nicht Einzug gehalten. Das wundert nicht, schließlich steht Körperkontakt auf der Liste der Höllenqualen in Wien ganz weit oben – und Mitarbeiter, die zur Stoßzeit Menschen in die Waggons drücken, um den für Fahrgäste zur Verfügung stehenden Raum möglichst effektiv zu nutzen, würden mit dieser Verdichtung Körper aneinanderdrücken, deren Anziehungskraft ohne fremde Hilfe eine eher negative wäre. Der Bahnhof Shinjuku in Tokio, wo in der Rushhour weiß behandschuhte Kräfte die Züge mit Fahrgästen volldrücken, scheint also eher kein Vorbild für Wien zu sein. Auch die Moskauer Mentalität passt nicht so recht zur Vorstellung, die man in Wien von gedeihlichem Zusammenleben im öffentlichen Raum hat.

Hier braucht es erst gar keinen externen Mitarbeiter, der Menschen in schon übervolle Waggons drängt – darum kümmern sich die Fahrgäste selbst, die keinesfalls warten wollen, bis innerhalb von eineinhalb bis drei Minuten die nächste Garnitur einläuft. Auch beim Eingang in ein Stationsgebäude ist diese auf das eigene Ich gerichtete Geradlinigkeit deutlich stärker ausgeprägt als in Wien. Wer etwa erwartet, dass der Vordermann in der Station Partisanskaja darauf achtet, was mit der hölzernen Schwingtür passiert, sobald er sie passiert hat, muss damit rechnen, dass er sie gleich auf der Nase kleben hat.

Nutzer der Wiener Vorortelinie können von gänzlich anderen Erfahrungen erzählen. In der Station Ottakring wird etwa brav die Tür aufgehalten, bis der Nachkommende seine Hand daraufgelegt hat. Innerlich murrend zwar ob der Verzögerung, aber doch. So viel Höflichkeit muss sein. Apropos – gerade an den alten Otto-Wagner-Stationen wie Gersthof, Hernals oder eben Ottakring merkt man schön, dass sie dereinst nicht für so viele Menschen geplant wurden, wie jetzt zur Stoßzeit durch die engen Türen in das Stiegenhaus strömen. Hoffentlich kommt hier nur niemand auf die Idee, Fahrgastverdichter auf die Stiegen zu stellen!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.11.2013)

Der Christkindlmarkt auf der Südosttangente

Bestimmt ist es nur Fernverklärung. Aber dass auf einem Adventkalender statt eines Weihnachtsmanns oder zumindest eines winterlich-romantisierten Motivs eine Szene aus Star Wars prangt, gab es früher noch nicht. Oder? Das ist keineswegs als Kritik zu verstehen, schließlich muss es eine pluralisierte Gesellschaft aushalten, wenn ein dunkler Sith-Lord dem Santa Claus als Überbringer der Weihnachtsgrüße vorgezogen wird. Darth Christmas is coming to town, oder so. Dass Adventkalender mit 24 verschiedenen Bieren gefüllt werden, soll auch kein Grund sein, pikiert die Nase zu rümpfen. Schließlich gibt es im Supermarkt ja auch schon Adventkalender für Hunde und Katzen zu kaufen.

Es ist aber nicht nur die Qualität der Weihnachtsankündigungsprodukte ein bisschen anders als früher, auch in Sachen Quantität hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Sichtbar wird das etwa an der Zahl der Punschausgabestellen, die in Wien unter dem Namen Christkindlmarkt firmieren. Heuer kommen zu den bisher 19 Märkten zwei weitere hinzu – einer auf dem Stephansplatz, einer eröffnet Ende November auf dem Naschmarkt. „Uns gehen langsam die Plätze aus“, gesteht der Leiter des für die Bewilligungen zuständigen Marktamts ein. Gut, ein bisschen Wachstumspotenzial gibt es schon noch – auf der Südosttangente etwa ließe sich vermutlich noch das eine oder andere Eck abzwacken, wo findige Geschäftsleute Autofahrerpunsch ausschenken können. Die teilweise Sperre der Stadtautobahn, die am Freitag zeitgleich mit dem Start der meisten Christkindlmärkte zusammenfällt, hat damit allerdings nichts zu tun – es handelt sich nur um eine ganz profane Baustelle.

Wie auch immer, der Adventwahnsinn geht in wenigen Tagen offiziell los. Bleibt also nur noch, eine schöne Vorweihnachtszeit zu wünschen – so, wie man das heute offenbar macht: Möge die Macht mit Euch sein!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.11.2013)