Alice Schwarzer hat den Vampir gebissen

Bekanntlich gibt es einen Unterschied zwischen sozial erwünschtem und tatsächlichem Verhalten. Würden tatsächlich so viele Menschen ausschließlich 3sat und Arte auf ihren Fernsehern laufen lassen, wie dies bei Befragungen nach dem TV-Konsum angegeben wird, müssten die beiden Sender Quoten aufweisen, die an die Wahlergebnisse postsowjetischer Potentaten heranreichen. Die Differenz zwischen Schein und Realität bleibt hier allerdings im heimischen Fernsehzimmer verborgen, hat also keine nachhaltigen gesellschaftlichen Negativeffekte.

Problematisch wird es erst, wenn ein gesellschaftlich geächtetes Verhalten in der Öffentlichkeit geübt werden will. Dann sitzt die Angst, bei einem sozialen Fehlverhalten ertappt zu werden, bedrohlich im Nacken. Will man sich dieser Gefahr nicht durch Askese entziehen, ist Tarnen und Täuschen die Devise. Nehmen wir das fiktive Beispiel, man sei als intelligenter und anspruchsvoller Mensch einer banalen, trivialen und zutiefst kitschigen Liebesgeschichte mit Beteiligung von Vampiren verfallen – und möchte diese Leidenschaft nicht nur in der eigenen Wohnung befriedigen, sondern auch in der U-Bahn. Dann empfiehlt es sich, solange man die Geschichten noch nicht auf dem dämmerigen Display eines E-Book-Readers vor sich liegen hat, das Buchcover dezent zu verhüllen. Dafür bieten sich simple Buchschutzhüllen an, die es in verschiedensten Designs zu erstehen gibt. Highly sophisticated wird es aber erst dann, wenn das Vampirepos in das Cover eines prestigeträchtigen Buches gehüllt wird. Aber Vorsicht, liest ein Sitznachbar von der Seite mit, könnten unangenehme Assoziationen geweckt werden. Sollten Sie also „Bis(s) zum Morgengrauen“ ausgerechnet in das Cover der Biografie von Alice Schwarzer einwickeln wollen, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Feministinnen in der Öffentlichkeit immer so ein bissiges Image haben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.05.2012)

Geld stinkt nicht, aber es klebt an den Fingern

Wenn Essen auf den Boden fällt, hat man drei Sekunden Zeit, um es wieder aufzuheben und zu verspeisen – denn innerhalb dieser kurzen Zeit können sich keine Bakterien darauf niederlassen. Die sogenannte Drei-Sekunden-Regel ist zwar kompletter Humbug, kursiert aber dennoch in zahlreichen Internetforen und lässt sich auch aus vielen Hinterköpfen nicht und nicht vertreiben. Aber gut, sollen die Anhänger dieser Regel ruhig weiter an ihrem Kaugummi mümmeln, nachdem er ihnen – eh nur für zweieinhalb Sekunden – auf den Schuhabstreifer oder ins Katzenkisterl gefallen ist. Weitgehend unbedenklich ist es hingegen, Münzen vom Boden aufzuheben – egal, wie lange sie dort schon gelegen sind. Zwar tummeln sich auch auf ihnen Schmutz und Keime, doch ist die Versuchung, das Zahlungsmittel in Verbindung mit Lippen und Mundschleimhaut zu bringen, in der Regel nur schwach ausgeprägt.

Dennoch ist eine gewisse Vorsicht angeraten, sollte auf dem Gehsteig ein Euro in der Sonne glänzen. Vor allem dann, wenn sich rund um ihn noch Reste einer Flüssigkeit erkennen lassen. Statt dem ersten Impuls nachzugeben, empfiehlt es sich, die Münze erst mit der Schuhspitze aus der Flüssigkeit zu bugsieren und sie dann aufzuheben. Fühlen sich die Finger in diesem Moment ein wenig klebrig an, empfiehlt es sich, die Finger zu spreizen – denn sonst besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr auseinandergehen. Und diesen Triumph will man den Komikern, die den Euro mit Superkleber auf dem Boden festgemacht haben – der aber noch nicht eingetrocknet ist – schließlich nicht gönnen. Einfach weitergehen und daheim nach Nagellackentferner suchen oder lange rubbeln. Und falls die Komiker diese Szene mitgefilmt haben sollten, bitte ich um Zusendung des Links für das YouTube-Video. Aber eines ist klar: Den Euro kriegt ihr nicht mehr. Der lag schließlich schon länger als drei Sekunden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.04.2012)

Postprandiales Vigilanzsuppressionssyndrom

Reiz-Reaktions-Modelle haben dank einer leicht nachvollziehbaren Systematik ihren Reiz. Wenn A eintritt, passiert B – so einfach ist es. Warum das genau so passiert, ist eine andere Frage, die gefälligst die Wissenschaft klären soll – im Alltag genügt es, einfach darüber zu spekulieren. Etwa darüber, warum man immer unmittelbar nach dem Frühstückskaffee einen starken Zug zur Toilette verspürt. Warum sich die Zähne nach dem Genuss von Blattspinat so stumpf anfühlen. Und vor allem, warum man nach dem Essen plötzlich in so eine unglaubliche Müdigkeit verfällt. Letzteren Effekt kennt man auch unter den Begriffen Fressstarre, Futternarkose oder auch Suppenkoma. Müsste man es einem Mediziner erklären, böte sich als Bezeichnung Postprandiales Vigilanzsuppressionssyndrom an. Der Arzt würde dann vermutlich Somnus meridianus als Therapievorschlag anregen.

Womit wir bei einem weiteren interessanten Themenfeld wären, nämlich dem Spiel mit Fremdwörtern. Das beherrschen nämlich vor allem Ärzte besonders gut, die es in ihrem Fachchinesisch einfach nicht zustande bringen (wollen), dass Nichtmediziner auch nur im Ansatz verstehen, wo nun das Problem liegt. In diesem Fall kann der Versuch lohnend sein, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen – und zu fragen, ob sie denn auch ein Fremdwort für Fremdwort kennen. Das ist nämlich gar nicht so einfach und mündet zunächst einmal in langes Grübeln, ehe mit viel Kreativität Neologismen wie Xenologismus aus dem Hut gezaubert werden. Eine Möglichkeit wäre übrigens Xenismus, das den Weg in den Duden allerdings noch nicht geschafft hat, sondern noch den Status eines schillernden Terminus hat, dessen Bedeutung noch nicht klar definiert ist. Sollte der Mediziner diese Prüfung geschafft haben, legen Sie nach – fragen Sie ihn nach einem Synonym für Synonym. Und dann widmen Sie sich wieder dem Suppenkoma. Gute Nacht!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.04.2012)

Bitte zurückbleiben, Zug nach St. Pölten fährt ab

Ja, vielleicht war sie ein bisschen zerstreut, als sie am Westbahnhof ankam. Und so fiel ihr erst Minuten nach der Ankunft, auf der Rolltreppe ein, dass sie die Blumen im Zug vergessen hatte. „Die müssen wir holen“, sprach sie. Und gemeinsam mit der Tochter, zu der sie auf Besuch nach Wien gekommen war, sprintete sie zurück zum Bahnsteig. „Darf ich noch rein? Wir haben etwas vergessen“, fragte die Tochter den Mann in der gelben Warnweste, der vor der Zugtür Wache hielt. Und stürmte an ihm vorbei, los in den Zug, von Waggon zu Waggon – die Mutter lief außen mit, dirigierte die Tochter mit wilden Gesten, sie sei ja viel weiter hinten gesessen. Endlich im letzten Waggon, vier Männer vom Putztrupp mit Mistsack und Besen blickten kurz von der Arbeit auf, als plötzlich eine Frau atemlos hereinstürzte. Wo liegen die Blumen? Auf einmal ein Ruckeln. Der Zug fuhr los. Die schockierten Blicke von Mutter und Tochter trafen einander noch kurz durchs Zugfenster.

Außen zog die Silhouette von Rudolfsheim-Fünfhaus vorbei. Innen nahmen die Männer vom Putztrupp auf einer Viererbank Platz. Einer packte eine Wurstsemmel aus, ein anderer zog eine Zeitung hervor und schlug sie auf: „So, jetzt haben wir ja Zeit, bis wir in St. Pölten sind.“ St. Pölten. Die Mutter vom Land allein am Bahnsteig. Und kein Handy dabei. So setzte sich die Tochter und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Alles nur wegen der blöden Blumen.

Wenige Minuten später hielt der Zug an. Schon St. Pölten? Die vier Männer vom Putztrupp grinsten. Westbahnhof. Es war nur eine Verschubfahrt zu einem anderen Bahnsteig. Verarscht. Durchs Fenster war die Mutter von hinten zu sehen. Sie hatte in ihrer Ratlosigkeit beschlossen, einfach nichts zu tun. Und starrte immer noch verdutzt auf die Schienen, wo bis vor ein paar Minuten noch der Zug mit der Tochter gestanden war. Die Blumen waren übrigens in ihrer Tasche.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.04.2012)

Nichts reimt sich im Deutschen auf Mensch

Der Endreim ist der VW Käfer der deutschen Sprache: volksnah, billig, auch vom Laien leicht zu bedienen – und nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Große Verbreitung findet er demnach vor allem im Volkstümlichen, seien das jetzt Musikantenstadl oder Schlagerparade, in schenkelklopfender Lyrik auf Geburtstagspartys („Der August der wird vierzig Jahr, drum singen wir jetzt tralala!“), die des Endreims willen gelegentlich die Satzstellung durcheinanderwirbelt, und in Wahlkampfslogans. Mit dem Reimpaket „Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“ verlieh zuletzt die Innsbrucker FPÖ offensichtlich ihrer Sorge Ausdruck, dass in der Tiroler Landeshauptstadt auffällig viele Nordafrikaner entwendet werden.

Traurig stimmt es da allerdings, dass sich manche Wörter einer Nutzung als Endreim besonders hartnäckig entziehen. Noch dazu, wenn es sich um solche handelt, die sowohl in der volkstümlichen Musik als auch in der Politik einen gewissen Stellenwert haben sollten. So gibt es etwa im Deutschen keinen Reim auf das Wort Mensch. (Und nein, Eigennamen gelten nicht!) Auch Löffel, Apfel, Schaffner oder fünf gehen in der Endreimpartnerbörse leer aus. So wie übrigens auch der Hanf – der hat dafür in seiner weiterverarbeiteten Form und leicht berauschenden Funktion einige Synonyme bekommen, vom schwarzen Afghanen über den roten Libanesen bis zum grünen Marokkaner. Fast schon verständlich, dass ein blauer Tiroler ob solcher multiethnischer Vielfalt ein wenig überfordert wirkt und lieber im großen Braunen umrührt.

Genug gerührt hat indes Wolf Martin. Der Endreimguru der „Kronen Zeitung“ zog sich vergangene Woche vom Schreiben endgültig zurück. Ob das das endgültige Ende des Endreims ist, sei allerdings dahingestellt. Denn die Verlockung, den buckligen Volkswagen anzustarten, ist wohl größer als die, sich auf moderne und umweltschonende Gefährte einzulassen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 02.04.2012)

Eine kleine Kulturgeschichte des 1. April

Er hat eine lange Tradition, doch über seinen Ursprung gibt es nur Spekulationen: Der Aprilscherz hat sich vom 16. Jahrhundert bis heute gehalten – auch wenn er etwas in der Krise steckt.

Der Aprilscherz hat so viel Tradition, dass man gar nicht mehr weiß, worauf sie eigentlich gründet. Wer sich auf die Suche nach den Wurzeln macht, wird, wie so oft im Brauchtum, gleich auf mehrere Erklärungen stoßen, die allesamt plausibel klingen. Da wäre etwa die religiöse Auslegung, dass Jesus Christus am Tag seiner Verurteilung, der ein 1. April gewesen sein soll, „von Pontius zu Pilatus“ geschickt wurde. Eine andere Variante ist die, dass an jenem Tag Judas Ischariot, der Jesus verraten hat, seinen Geburts- oder Sterbetag hatte – und dem wurde eben mit Schabernack gedacht. Häufig wird auch der Reichstag zu Augsburg genannt, der im Jahr 1530 für den 1. April einen Münztag festlegte, auf den spekuliert wurde – als der Münztag dann doch nicht stattfand, verloren die Spekulanten ihr Geld und wurden dafür auch noch verspottet.

Auch der französische König Heinrich IV. (1553-1610) könnte unfreiwillig den Anstoß für den Aprilscherz gegeben haben – er soll von einem jungen Mädchen um ein heimliches Rendezvous gebeten worden sein. Als er zum vereinbarten Treffpunkt erschien, wurde er dort von seiner Gattin Maria de Medici und dem gesamten Hofstaat begrüßt.

Vielleicht war der erste Aprilnarr aber auch Fernando Álvarez de Toledo, der spanische Statthalter in den heutigen Niederlanden. Als er am 1. April 1572 von den Holländern vertrieben wurde, zeigte man ihm die lange Nase. Und schließlich wird auch der französische König Karl IX. immer wieder genannt: Er verlegte 1564 mit einer umfangreichen Kalenderreform den offiziellen Jahresanfang auf den 1. Januar. Die Menschen, die in einigen Regionen den Jahresanfang weiter Ende März feierten, könnten die ersten Aprilnarren gewesen sein. Vielleicht war es aber auch gar keine bestimmte Person, vielleicht war der Aprilscherz ursprünglich einfach ein Frühlingsbrauch und damit ein letztes Relikt des Winters, der noch den einen oder anderen überraschenden Auftritt hatte.

Den Narren übertölpeln. Woher die Tradition kommt, ist also nicht zweifelsfrei zu klären und damit Objekt von Spekulation. Erstmals belegt ist der Brauch in Bayern im Jahr 1618, in der Literatur tauchte der „Aprilnarr“ im 18. Jahrhundert auf – der Begriff „Aprilscherz“ folgte erst im 19. Jahrhundert. Der Narr selbst zeichnet sich in der Tradition dadurch aus, dass er seine Rolle nicht freiwillig einnimmt – wie das etwa die Fastnachtsnarren tun -, sondern sich übertölpeln lässt.

Das wiederum kann auf vielerlei Arten geschehen. Der deutsche Theologe Manfred Becker-Huberti, der sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt hat, spricht in seiner Typologie des Aprilscherzes von zehn verschiedenen Kategorien. Dazu gehört etwa das Anstarren eines imaginären Objekts – und alle, die sich zum Mitbetrachten verleiten lassen, werden ausgelacht. Auch präparierte Lebensmittel, etwa mit Senf gefüllte Pralinen, haben eine gewisse Tradition. So wie auch Ekliges – etwa Hundehaufen aus Plastik und dergleichen – gerne zum Gaudium eingesetzt wird. Und dann gibt es natürlich noch den Klassiker, das „In-den-April-Schicken“. Hier werden Menschen mit unsinnigen Aufträgen losgeschickt – etwa um Gewichte für die Wasserwaage zu holen -, bis sie schließlich irgendwann erkennen, dass sie hereingelegt wurden.

Allerdings hat das In-den-April-schicken, wie es lange auch unter Erwachsenen üblich war, in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Schon seit einigen Jahren wähnen Volkskundler den Aprilscherz sogar in der Krise. Einen möglichen Grund dafür orten sie unter anderem in einer Reizüberflutung durch zahllose TV-Komiker, mit denen man im echten Leben kaum mithalten kann. Darum lasse man es lieber gleich bleiben.

Und noch ein weiteres Phänomen trägt zum Vergessen des Brauches bei – bisher ist es nämlich nicht gelungen, die Tradition des Aprilscherzes zu kommerzialisieren. Damit fällt ein Impuls weg, der bei vielen anderen Bräuchen zu einem regelrechten Boom geführt hat – man nehme etwa den Muttertag, der vor allem vom Blumenhandel stark vermarktet wird. Aber auch Halloween wäre im deutschsprachigen Raum ohne intensives Marketing durch die Süßwarenindustrie wohl nie so groß geworden, wie es heute ist.

Übrig bleiben zwei große Gruppen, die den 1. April noch hochhalten. Das sind zum einen Kinder, die großen Gefallen daran finden. Und zum anderen haben im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit die Medien die Federführung in der Verwertung des Aprilscherzes übernommen. Kaum eine Zeitung oder ein TV-Sender, der am 1. April nicht versucht, das Publikum mit einer – manchmal mehr, manchmal weniger offensichtlichen – Falschmeldung in die Irre zu führen. So erklärte etwa 1976 ein Astronom in der BBC, dass um 9.47 Uhr der Pluto exakt hinter dem Jupiter stünde – und die Erdanziehung in diesem Moment stark sinken würde. Wer dann hochspringe, könne für einige Momente schweben. Tatsächlich meldeten sich später hunderte Anrufer, die den Erfolg des Experiments bestätigten. Die Welle ebbte erst ab, als man explizit auf das Datum der Sendung verwies.

Auch aus österreichischen Medien sind unzählige Aprilscherze dokumentiert. Ein Klassiker ist etwa die Meldung, dass auf der Wiener Ringstraße ein Formel-1-Rennen ausgetragen werden soll. Und 2009 meldete die Kleine Zeitung, dass das ehemalige Arnold-Schwarzenegger-Stadion in Graz nach dem Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch benannt werden soll – auf ihn geht der Begriff „Masochismus“ zurück. All das sind Meldungen, die schnell als Scherze erkennbar sind.

Manche Scherze ziehen allerdings tatsächliche Reaktionen nach sich. Als etwa die Austria Presse Agentur (APA) am 1. April 2008 vermeldete, dass eine ungarische Ölfirma unter dem Neusiedler See Öl entdeckt habe und eine Bohrinsel errichten wolle, reagierte der Umweltsprecher der FPÖ mit einer Aussendung, in der er vor „erheblichen Risken für die Natur“ warnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die APA allerdings längst bekannt gegeben, dass es sich um einen Aprilscherz gehandelt habe.

Warnung vor dem Scherz. Leser von Zeitungen, Fernseher und Radiohörer seien also gewarnt. Nicht alles, was am 1. April scheinbar ganz seriös vermeldet wird, hat auch eine reale Grundlage. Wobei, bei manchen Meldungen der vergangenen Wochen und Monate hätte man sich fast gewünscht, es wäre nur ein Aprilscherz gewesen.

LEXIKON

April
Der Name des Monats geht vermutlich auf das lateinische „aperire“ zurück, das sich auf die sich öffnenden Knospen im Frühling bezieht. Eine weitere Deutung sieht „apricus“ (sonnig) als Ursprung.

Aprilscherz
Über den Ursprung des Brauchs, am 1. April Menschen hineinzulegen, gibt es mehrere Theorien. Neben religiösen und geschichtlichen Varianten könnte es sich um einen alten Frühlingsbrauch handeln – das unbeständige Wetter könnte als letzter Schabernack des vergehenden Winters interpretiert werden.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 01.04.2012)

Schau in dein Taschentuch und erkenne dich selbst

Was macht man als esoterisch veranlagter Mensch, der einen Blick in seine Zukunft werfen möchte, aber keinen Kaffee trinkt? Schließlich gestaltet sich das Kaffeesatzlesen dadurch einigermaßen schwierig. Natürlich lassen sich einfach die Kaffeetassen von Zeitgenossen zum Orakel umfunktionieren, doch auch dieser Methode sind Grenzen gesetzt – schließlich bleibt in Zeiten von Espresso aus der Kapsel außer einer braunen Lacke kaum etwas übrig, was sich zum Lesen der Zukunft eignen würde. Inmitten dieses peinigenden Vakuums der Befriedigung des urmenschlichen Bedürfnisses nach spiritueller Erfüllung bleibt dann nicht viel mehr als die Suche nach alternativen Orakeln. Und was liegt da näher, als den eigenen Körper zum Einsatz zu bringen.

Die Hüter des Orakels lassen sich bei ihren Weissagungen sogar sehr leicht in freier Wildbahn beobachten: Ehrfürchtig stehen sie da, die beiden Hände flach nach oben gelegt. Darin gebettet, wie eine heilige Schrift, liegt ein Taschentuch. Und mit staunend geweiteten Augen betrachten sie die Botschaft aus Nasensekret, die sie zuvor wie einen grün-gelblichen Rorschach-Test aus ihrem Innersten hochgezogen haben. Eine, zwei, manchmal drei Sekunden verharren sie da, die Hohepriester des heiligen Rotzes, und scheinen dabei auch noch die eine oder andere Beschwörungsformel zu murmeln, ehe sie das papierene Trägermedium der Prophezeiung feierlich zusammenfalten und in einer Jackentasche verstauen.

Selbstverständlich sollte man eine derartige Zeremonie nicht durch Worte oder Gesten der Empörung stören. Nicht einmal dann, wenn sie am Nebensitz in der U-Bahn abgehalten wird. Vielmehr sollte man dankbar sein, dass die Hohepriester ihre Zukunft in der Öffentlichkeit nur aus Nasensekret lesen. Und nicht auf die Idee kommen, anderen zukunftstriefenden Lesestoff aus dem stillen Kämmerchen zu holen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.03.2012)

Gezuckertes Schlagobers statt Darmwind mit fünf A

Im Grunde ist es nicht viel mehr als gezuckertes Schlagobers, doch auf Französisch klingt es gleich nach viel mehr. Die „Crème Chantilly“ war es auch, die zum Abstecher in die gleichnamige (ohne Crème) Gemeinde im Département Oise in der Region Picardie motivierte. Dass sie dort auf keiner Speisekarte stand, war zwar enttäuschend, doch hat die französische Küche auch abseits süßer Desserts einen guten Ruf. Eine offensichtlich besondere Spezialität der Region erregte das größte Interesse – schließlich wurde ihr auf dem Menüplan nicht nur ein Triple-, sondern gleich ein Quintuple-A attestiert: „Andouillette AAAAA“, da konnte ja nichts schiefgehen. Der freundliche Kellner nahm sich viel Zeit, das lückenhafte Französisch der Gruppe durch noch lückenhafteres Englisch und ein wenig Gestikulieren zu kompensieren. Die Kombination aus „Spécialité“ und einem Griff in die Bauchgegend ließ dennoch genügend Spielraum für Interpretationen.

Schließlich lag sie auf dem Tisch, die Andouillette. Kein Stück Fleisch, wie angenommen, sondern eine Wurst. Eine Wurst, aus der beim Anschneiden nicht nur zerschnittener Magen und Gedärme quollen, sondern auch ein Gestank, der sonst eher mit einer anderen Art von Wurst assoziiert wird. Die Tischgesellschaft stocherte ein wenig hilflos in den Pommes frites. Die Wurst jedoch blieb unberührt, weil jede Berührung noch mehr Geruch aus der Hülle zu blasen drohte.

Zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät, am Smartphone nachzulesen, dass es sich um eine Wurst aus Magen und Darm von Schweinen handelt, die nur wenig gewürzt wird, sodass der authentische Geruch der Organe erhalten bleibt. Die „Association amicale des amateurs d’andouillettes authentiques“ (AAAAA) schwört übrigens darauf. Für manche ist es eine Spezialität, für andere die stinkendste Wurst der Welt. Und das alles nur, weil sie kein Schlagobers hatten…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.03.2012)

(c) Erich Kocina

Nies uz dnuseg, ned negeg nielk nedrew ehcsnüw ella

Die bessere Gehirnwäsche beginnt mit dem täglichen Blick auf den weisen Spruch, der irgendwo gut sichtbar in der Wohnung angebracht ist. „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ auf einer Kerze im Wohnzimmerschrank stärkt dem Leser den Mut, bei Stromausfall auf das Auftauchen einer Glühbirne zu hoffen. „In vino veritas, in cervisia felicitas“ auf einer Emailtafel ist dagegen die altphilologische Ermunterung zu ausuferndem Alkoholkonsum als Mittel gegen Wissenslücken oder Depression. Dazu kommen Sprüche à la „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ auf der Schlafzimmertapete, die zwar ähnlich banal wie Bücher von Paulo Coelho sind, aber wenigstens keine Druckstellen im Gesicht hinterlassen, als wäre man wieder einmal bei der Lektüre des Alchimisten über dem Buch eingeschlafen. Und wer Zitate à la „Ich bin tierlieb, ich bin gut zu vögeln“ an der Wand hängen hat – oder auf einem T-Shirt spazieren führt –, hat sowieso verloren.

In Stammbüchern kann man derartige Binsenweisheiten wenigstens verstecken, indem man gar nicht erst zu blättern beginnt. Doch hängen solche Sprüche einmal im Wohnzimmer – üblicherweise mit metallenen Frakturbuchstaben auf dunklem Holz –, gestaltet sich das Entkommen verhältnismäßig schwierig. Allerdings – es gibt eine Variante, der täglichen Gehirnwäsche zu entgehen. Liest man den Spruch einfach rückwärts, verliert er jegliche Bedeutung – und sorgt beim Vorsagen des auswendig Gelernten auch noch für Erheiterung. „Nies uz dnuseg, ned negeg nielk nedrew ehcsnüw ella“ – ein Klassiker, der durch diese Behandlung seinen demütig-naiven Unterton komplett verliert. Zugegeben, eine tatsächliche geistige Höchstleistung ist diese Methode auch wieder nicht. Aber nur wer auch die kleinen Dinge im Leben schätzt, hat den wahren Weg zum Glück gefunden…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.03.2012)

Wenn die Geldtasche auf die Wirbelsäule drückt

„Sitzen Sie auf Ihrer Geldtasche?“ Erwischt! Woher wusste das der Orthopäde, der zuvor gerade einmal die Röntgenbilder der Lendenwirbelsäule betrachtet hatte? Aber warum auch immer, dem Mediziner zufolge haben Karten, Münzen und Papiere, die in Leder gepackt die rechte Gesäßhälfte auch im täglichen Sitzmodus permanent begleitet und um rund eineinhalb Zentimeter erhöht haben, auch ihren Anteil an einer über die Jahre erworbenen und gelegentlich sehr schmerzhaften Beckenschiefstellung. Dass eine Stärkung der Rückenmuskulatur und weniger Sitzen am Schreibtisch nun unumgänglich sind, leuchtet ein. Dass aber auch die Geldtasche, die seit Jahrzehnten die hintere rechte Tasche der Levi’s 501 (natürlich nicht immer derselben) bewohnt hat, sich nun eine andere Unterkunft suchen muss, ist eine absolute Erschütterung eintrainierter Gewohnheit.

Schmerzhaft ist dabei vor allem die Suche nach Alternativen. Eine Herrenhandtasche fällt jedenfalls aus – derart am Sand ist man schließlich auch wieder nicht. Auch ein Bauchgürtel à la Pauschalstädtetourist wäre ein Abschied vom würdevollen Leben. Bliebe die Variante, statt T-Shirt und Kapuzenpulli Hemd und Sakko zu tragen. Das könnte man auch als Zeichen der neuen Ernsthaftigkeit verkaufen, die man ab einem gewissen Alter eigentlich zur Schau stellen sollte – ein Alter, das man mit dem Auftauchen chronischer Rückenschmerzen jedenfalls erreicht hat. Und dann wäre da auch noch die Möglichkeit, auf eine Abschaffung des Bargelds zu hoffen. Und auf eine gleichzeitige Verdrängung aller Kreditkarten, Ausweise und sonstiger Blödheiten, die üblicherweise in der Geldtasche stecken. Die neuesten Smartphones können ja ohnehin immer mehr, vermutlich werden sie auch diese Aufgaben schon bald übernehmen. Bleibt nur mehr die Frage, welcher Arzt dann irgendwann kritisch fragen wird: „Tragen Sie Ihr Handy in der Hosentasche?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.03.2012)