Wie unsere Jugend wirklich tickt

Die Jugendforscher haben versagt. Da wird in elaborierten Vorträgen von Lebensstilen, Konsum- und Freizeitverhalten gesprochen, die Jugendlichen in Gruppen wie die „Lohas“ (das steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“ und bezeichnet das Verhalten, dass man Geiz gar nicht so geil findet) eingeteilt und Sport als das neue verbindende Element der Jugendkultur prophezeit. Und dann muss man am Samstag in „Wetten, dass . . . ?“ (Ich bin nur kurz beim Zappen hängen geblieben, ehrlich!) zwei Mädchen beobachten, die sämtliche Vorstellungen, wie unsere Jugend tickt, über den Haufen werfen: Die eine sitzt in der Badewanne und bläst Popsongs in das Quantum Schaum (Ist Ihnen das Wörtchen „Quantum“ vor dem neuen Bond-Film eigentlich schon jemals in einem Zeitungsartikel begegnet? Aber das nur nebenbei . . .) in ihren Händen, die andere erkennt an der Bewegung des Schaums das dazupassende Lied. Und das Erstaunliche daran – es funktioniert.

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, spult sich irgendwo im Hinterkopf der alte Tocotronic-Song ab. Doch, liebe Jugendforscher, welche Jugendbewegung haben wir da vor uns? Warum sind uns in euren Berichten zwischen HipHop, Krocha & Co. noch nie jene Jugendlichen begegnet, die den Lifestyle of a new Generation zwischen Bergen aus Seifenschaum in der Badewanne ausleben? Haben wir womöglich die Gruppe der „Lobstas“ (so etwas wie „Lifestyle of Bathrooms singing Tokio Hotel“) einfach übersehen? Wenn wir schon dabei sind, wie sieht die Gegenbewegung jener Jugendlichen aus, die keine Badewanne daheim haben? Und können beunruhigte Eltern jetzt endlich die besorgten Fantasien ad acta legen, was sich bei einer Schaumparty in einer Großdisco wirklich abspielt?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.11.2008)

Märtyrer des Kapitalismus

Das Jammern als Gruß gehört längst nicht mehr exklusiv den Kaufleuten. So mancher, der durch die Anlage seines Geldes in Wertverlustpapiere höchstens an Erfahrung gewonnen hat, lässt das zumindest implizit auch durchklingen. Nicht verbittert, versteht sich, man steht ja drüber. Und fühlt sich mit 30 Prozent weniger Geld im Depot fast schon als Märtyrer des Kapitalismus. Das geht übrigens auch ohne Wertpapiere – ein simpler Verkauf bei eBay kann genauso das Gefühl hervorrufen, am Scheiterhaufen der Ökonomie verbrannt zu werden.

Da war etwa kürzlich dieser Formel-1-Kalender aus dem Jahr 1997, der plötzlich beim Ausmisten in der Wohnung auftauchte – mit Autogrammen von Michael Schumacher, Gerhard Berger und weiteren Fahrern. Ein Geschenk eines Bekannten, der ihn von Heinz Prüller höchstpersönlich bekommen hat. Und jetzt? In den Müll damit? Nein, versteigern wir das Stück bei eBay – ein Formel-1-Fan könnte sich ja darüber freuen. Und tatsächlich, ein echter Fan bekam den Zuschlag. Als einziger Bieter. Für einen Euro. Na immerhin.

Die Versandkosten, zuvor mit einem eigenen Tool auf eBay aufwändig berechnet, sollten bei 9,50 Euro liegen. Wenige Tage später hatte der Käufer aus Deutschland 10,50 Euro überwiesen. Alles perfekt, Ware wird verschickt. Allein, für den etwas außerformatigen Kalender (43 x 31 cm) fand sich bei der Post kein passendes Kuvert. So musste es eben ein spezieller Karton sein (1,50 Euro). Ein Karton, der leider noch ein bisschen außerformatiger war – und deshalb als Paket verschickt werden musste. Für 12,83 Euro (plus 0,13 Euro Lkw-Maut). Am Ende zeigte die Kurve steil nach unten, wies die Bilanz ein Minus von 3,96 Euro aus. Liebe Anlagegeschädigte, liebe Investmentbanker, ich fühle mit euch.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.11.2008)

Windschiefe Weckerln

Wer bei Bäckereiketten oder gar im Supermarkt sein Frühstück besorgt, kennt das Problem vermutlich: Die gefüllten Weckerln sind windschief bis zum geht nicht mehr. Nur auf einer Seite aufgeschnitten, dann lieblos eine halbe Tonne an Leberkäse, Eiern, Salatblättern und Paprika hineingepresst. Sobald man nun hineinbeißt, wird deutlich, was das Manko eines solchen windschiefen Weckerls ist – links purzeln Leberkäse, Eier, Salatblätter und Paprika hinaus, während die rechte Seite einfach nur ein Stück eines trockenen Weckerls bleibt.

Nun kann man als neoliberaler Kampffrühstücker einfach den Markt wirken lassen, derartige Weckerln nicht mehr kaufen und stattdessen daheim selbst die Semmel aufschneiden (so, dass Ober- und Unterseite vollständig voneinander getrennt sind) und mit Schinken, Käse und dergleichen befüllen. Oder aber man versucht es mit Consulting: Liebe Bäcker und Brötchenbefüller, bei aller Rationalisierungswut, bei allem Hang zu Schnelligkeit und Effizienz – schneidet die Weckerln ganz durch und befüllt sie mittig, so dass der Frühstücker beim Essen in der U-Bahn keine akrobatischen Verrenkungen durchführen muss, um herunterhängende Salatblätter oder in Mayonnaise ertränkte hartgekochte Eier zwischen die Zähne zu bekommen.

Und wenn wir schon dabei sind, warum werden eigentlich all diese Weckerln mit Mayonnaise ausgemalt, ehe sie mit einer halben Tonne an Leberkäse, Eiern, Salatblättern und Paprika gefüllt werden? Ich vermute dahinter ja ein bisschen Sadismus. Immerhin erschwert die dicke Fettcreme jeglichen Rettungsversuch herauspurzelnder Teile enorm. Ob da nicht sogar eine Verschwörung dahinter steckt? Ich muss mal mit Dan Brown sprechen, vielleicht wäre das ein interessanter Plot für einen neuen Da-Vinci-Code.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.10.2008)

Nenn mich doch einfach Karina

Computer denken nicht, die machen nur, was man ihnen sagt. Folglich kann ich auch nicht dem armen Computer böse sein, der die Massensendungen an mich adressiert. An „Frau Erich Kocina“, zum Beispiel. Nun hätte ich ja vollstes Verständnis, wenn ich einen Namen hätte, der „beiden Geschlechtsteilen“ (Heinz-Christian Strache) zugerechnet werden könnte, etwa Andrea oder Sascha. Und auch bei exotischen Namen, die in Österreich nicht so geläufig sind, kann so eine Verwechslung schon einmal passieren.

Doch viel männlicher als Erich kann ein Name doch gar nicht sein, oder? Ein Name, der so viel bedeutet wie „reich an Ehre“. Man denke an Erik den Wikinger, der mit stolzgeschwellter Brust und langem Bart am Bug des Schiffs steht und seine Streitaxt schwingt. Hätte es zu Zeiten des bärtigen Normannen schon derart falsch adressierte Massensendungen gegeben, hätte er wohl von der Adressiermaschine nur noch ein wenig Asche hinterlassen.

Aber es geht noch schlimmer. Zu meiner Studentenzeit etwa, kurz nachdem das Gratisabo einer Tageszeitung ausgelaufen war, rief einer der freundlichen Call-Center-Mitarbeiter auf meinem Festnetz an und fragte schüchtern, ob er denn „Frau Erich“ sprechen könnte. Interessant, diese Variante kannte ich noch nicht. „Und wie soll Frau Erich mit Vornamen heißen?“ – „Karina“, erklang es schüchtern. Karina?

Dann dämmerte mir, wie ich vor der Uni schnell – bis zur Vorlesung waren noch zwei Minuten Zeit – das Aboformular ausfüllte. Nicht, dass ich sonst leserlicher schreiben würde, aber vermutlich ließ ich in der Hektik einem verzweifelten Mitarbeiter der Aboabteilung gar keine andere Wahl, als in Kocina eine Karina zu erkennen. Aber macht ja nichts, so eine neue Identität hat ja auch ihren Reiz. Liebe Grüße, Eure Karina.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.10.2008)

Kampf der Invers-Burka

Von Langstreckenflügen kennt man sie bestens. Doch auch in heimischen Schlafzimmern wurde sie bereits gesichtet – ich nenne sie Invers-Burka, schließlich verhüllt sie genau jene Teile des weiblichen Körpers, die bei streng gläubigen Musliminnen als einzige frei bleiben; andere sagen ganz einfach Schlafmaske dazu. Dass ein solches Teil quasi die Antithese von Romantik ist, muss nicht näher erläutert werden. Schließlich erwartet man beim liebevollen Blick auf die andere Seite des Bettes ja eher ein süß-verschlafenes Gesicht – und weniger die Hauptfigur aus einer Inszenierung vom „Phantom der Oper“. Man meint fast, bei jedem Blick die markante Tonfolge auf der Orgel zu hören. Wie soll man da ruhig schlafen?

Gerade in der weiblichen Sphäre nimmt das Spiel mit Masken allerdings eine tragende Rolle ein. Von weißer Creme, die sich unter dem zu einem Turban gefalteten Handtuch über die Gesichtshaut legt bis zu Gurkenscheiben, die das Haupt der Trägerin zu einer Reminiszenz aus der Welt der Salatbar macht. Mahlzeit.

Eine Lösung, mit Problemen wie diesen fertigzuwerden, liegt in der gemeinsamen Aufarbeitung. So wie es kürzlich die beiden Journalisten Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl gemacht haben. In ihrem Buch „Paarspalterei“ (Molden Verlag) erzählen die beiden jeweils ihre Sicht eines Problems, vom Streiten (Sie: Konfrontation ist mein Aphrodisiakum. Er: Ihr Krach ist mir nur ein Schweigen wert) bis zum Schlafrhythmus, auf den sich das Paar bis heute nicht einigen kann. Das alles läuft zwar weitgehend auf Anekdoten à la „Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können“ hinaus, liest sich aber trotzdem recht unterhaltsam. Und falls es auf diese Weise nicht gelingt, zwischengeschlechtliche Probleme zu lösen? Dann fragen Sie doch einfach den Inder . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.10.2008)

Wahlrechtsreform, aber richtig!

Ganz ehrlich, verspüren Sie nach dem gestrigen Wahltag auch nur irgendein Gefühl der Befriedigung? Wohl kaum – ganz unabhängig davon, welcher Partei Sie Ihre Stimme gegeben haben. Die Zeiten, als man noch ehrfürchtig das Wahllokal betrat und voller Überzeugung sein Kreuz machte, sind längst vorbei. Letztlich bleibt nur ein schaler Nachgeschmack, wenn eine mit viel Zweifel und Bauchweh gegebene Stimme danach vollmundig als große Zustimmung für den eigenen Kurs gewertet wird. Bleibt das dumpfe Gefühl, dass auch die nächste Koalition nicht viel können wird.

Der eine oder andere mag nun ein Mehrheitswahlrecht fordern, um zumindest die leidige Kompromissfindungsrallye abzuwenden. Doch würde das an dem schalen Gefühl irgendetwas ändern? Wohl kaum. Hier braucht es neue, moderne Lösungen. Eine Fernsehsendung, vielleicht. So etwas wie „Austria’s next Bundeskanzler“. Zu sehen sind dann die Aufnahmetests, bei denen sich potenzielle Kanzlerkandidaten in einem schäbigen Bezirkslokal vor der Jury (Peter Filzmaier, Alfons Haider und Dieter Bohlen) zum Affen machen. Die Besten landen dann bei „Kanzler Stars“ am Küniglberg, wo das Publikum nach weiteren Erniedrigungen der Kandidaten die schlimmsten Figuren per SMS (50 Cent) gnadenlos zurück in die politische Bedeutungslosigkeit voten kann. Am Ende, wenn nur noch zwei Kandidaten übrig sind, darf Moderatorin Mirjam Weichselbraun den Namen des Siegers aus einem Kuvert fischen und – nach 30 Sekunden gespannten Schweigens – den Namen des neuen Kanzlers verkünden. Jawohl, das gefällt dem Wahlvolk.

Übrigens, finden Sie nicht auch, dass Dorian Steidl und Werner Faymann eine gewisse Ähnlichkeit haben?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.09.2008)

Protestwählen, aber richtig

So schwierig wie diesmal war es noch nie, meinen Viele, am Sonntag seine Stimme guten Gewissens einer Partei zu geben. Zu groß ist die Gefahr, sich zu verwählen. Eine Stimmung, die geradezu aufmuntert, diesmal eine Proteststimme anzubringen. Wie das geht? Nun, zum Beispiel indem man die 300 Meter ins Wahllokal mit dem Auto zurücklegt, seine Stimme für die Grünen abgibt, um danach mit durchdrehenden Reifen wieder den Heimweg anzutreten. Ähnlich könnte man seinen Protest ausdrücken, indem man in der Wahlkabine lauthals die Internationale jauchzt, während der Kugelschreiber zum Kreuz beim Liberalen Forum geführt wird. Spannend wäre natürlich auch die Variante, mit der Kronen Zeitung unter der Achsel das Wahllokal zu betreten – und dann Wilhelm Molterer mit seiner Stimme zu beglücken.

Mit ein paar Spuren von Safran um die Mundwinkel und eine Auster schlürfend die SPÖ zu wählen, hat auch etwas ganz Perfides. „Denen habe ich es aber gegeben“, denkt der Protestwähler da, während er sich noch ein kleines Trüffelkonfekt zum Dessert genehmigt. Dieser Logik folgend, könnte man sich ja als BZÖ-Wähler outen, indem man mit dem Schriftzug „Freiheit für Nordslowenien“ am T-Shirt das Wahllokal betritt. Ziemlich klar ist der Fall, wenn Sie die Wahlkabine gen Mekka drehen und vor der Stimmabgabe noch schnell den Gebetsteppich ausrollen. Strache-Wähler, was sonst. Obwohl, so klar ist das dann doch wieder nicht – Sie könnten dann ja auch protestierend für die Christen gestimmt haben.

Ein wenig schwierig könnte es auch bei der Liste Fritz werden – für oder gegen welches Programm sollte man da protestieren? Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass der Protest schon darin besteht, nicht selbst Fritz Dinkhauser zu sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.09.2008)

Kein Wahlrecht für Rolltreppenfahrer!

Irgendwo am Eingang zur Wiener U-Bahn muss ein Mechanismus versteckt sein, mit dem bei einzelnen Fahrgästen jegliche Form sozialer Intelligenz ausgeknipst wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass einige Spezialisten noch immer nicht behirnt haben, dass auf der Rolltreppe die linke Spur nicht zum Stehen gedacht ist? Obwohl schon jede Kindergartentante ihrer Gruppe das zweispurige System eintrichtert, obwohl es bei jeder Rolltreppe angeschrieben steht – rechts stehen, links gehen -, stößt man beim gehetzten Aufstieg in wunderbarer Regelmäßigkeit an zumindest einen massiven Rücken, gefolgt von einem Blick zwischen Ratlosigkeit, Überraschung und Verwunderung, sobald man die verbale Lichthupe betätigt und freien Durchgang für freie Rolltreppenfahrer verlangt. Nicht selten geht der Anblick jenes Rückens nahtlos in das Bild zweier sich entfernender roter Punkte am Heck der U-Bahn über. Vielen Dank, sagt man da.

Ähnlich verhält es sich mit jenen Unbelehrbaren, die sich wie eine Schar pubertierender Mädchen beim Robbie Williams-Konzert vor die Tür des einfahrenden Waggons drängen, um aussteigenden Passagieren auch ja möglichst wenig Chancen zu geben, aus der Tür zu kommen. Auch hier denken wir an all die Kindergärtnerinnen und Volksschullehrer, die das Mantra vom „zuerst aussteigen lassen“ in fast schon buddhistischer Leidensfähigkeit rezitieren. Viel Erfolg dürfte dieser Repetitionspädagogik dennoch nicht beschieden sein, wie wir täglich aufs Neue erleben.

Das Traurige an Linksstehern und Türblockierern ist, dass sie nicht nur unbelehrbar und nervtötend sind. Nein, die dürfen auch wählen! Ein bisschen lässt einen der Gedanke dann schon erschauern, dass irgendwo beim Eingang zu den Wahllokalen auch ein geheimer Mechanismus angebracht sein könnte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.09.2008)

Gut, dass das mein Chef nicht sieht . . .

Die schönste Karriere kann den Bach hinuntergehen, wenn unangenehme Dinge aus der Vergangenheit oder dem Privatleben an die Öffentlichkeit dringen. Man kann sich richtig vorstellen, wie sich die amerikanisch-prüde Gesellschaft gierig auf die republikanische Kandidatin für das Vizepräsidentenamt, Sarah Palin, stürzte, als ruchbar wurde, dass ausgerechnet die Tochter der „Kein-Sex-vor-der-Ehe“-Verfechterin schwanger ist. Und ledig.

Ebenso unangenehm muss es auf demokratischer Seite für Barack Obama gewesen sein, als plötzlich Fotos auftauchten, die ihn in der Kleidung somalischer Muslime zeigte – gerade in Zeiten islamophober Panikmache kommt das beim Wahlvolk nicht ganz so gut. Und auch Heinz-Christian Strache soll es gar nicht so lustig gefunden haben, als in den Medien Bilder auftauchten, die ihn beim Sport im Wald zeigten – da half auch die Adjustierung im Tarngewand nichts.

Damit es mir nicht einmal genauso ergeht und ich mich auf einmal mit verwerflichen Fotos aus meiner Vergangenheit konfrontiert sehe, habe ich mein Archiv durchforstet. Und tatsächlich stieß ich bei meiner Recherche auf brisantes Material – eine Jugendsünde, die an jenem Tag entstand, an dem Sozialminister Erwin Buchinger seinen Schnauzer für ein paar Tausend Euro dem Rasiermesser opferte. Ein Bild, das mich als Antipode zu jenem Mann zeigte, der seine proletarischen Haarwurzeln mit Füßen trat, indem er sie dem schnöden Mammon opferte. Sie können sich vorstellen, dass dieses brisante Foto nun wie ein Damoklesschwert über meinem Arbeitsplatz schwebt. Man weiß gar nicht, ob man lieber die Hände zum Beten falten oder eher über dem Kopf zusammenschlagen sollte. Gut, dass mein Chef dieses Foto niemals sehen wird . . .

Nun stellen Sie sich einmal vor, ein Foto wie dieses würde an die Öffentlichkeit gelangen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.09.2008)

Lieber Hardrock als Altersvorsorge

Züge haben eher ein biederes Image. Man verbindet mit ihnen vor allem müde Pendler, die frühmorgens am Zugfenster – oder am Sitznachbarn – lehnend noch ein wenig weiterträumen oder Krawattenträger, die nur Augen für das Excel-Sheet auf ihrem Laptop haben. Ähnlich bieder sind auch die Namen, auf die Inter-, Euro-City & Co meist getauft werden: Vorarlberg, Mozart und dergleichen.

Immerhin, seit einigen Jahren versuchen die ÖBB, ein bisschen Spannung in die Namensgebung der Züge zu bringen: Firmen, Institutionen oder Privatpersonen dürfen Garnituren gegen Gebühr einen Namen geben. Und so fahren nun eben der ÖBB InterCity „Magic Christian“, der InterCityExpress „118899.comAllesAuskunft“ oder – mein Favorit – der EC 760 „betriebliche-altersvorsorge.at“ durch das Land. Versprüht auch nicht gerade besonders viel Elan, oder? Und kommt einmal ein wirklich spannender Vorschlag – 2004 beantragte die „Homosexuellen Initiative“ eine Zugpatronanz – bekommen die Verantwortlichen Muffensausen und blocken ab.

Dass man doch nicht ganz so bieder ist, könnten die ÖBB bei der nächsten Namensvergabe beweisen: Dieser Tage erscheint das neue Album der australischen Hardrock-Veteranen AC/DC – inklusive der Single „Rock ’n‘ Roll Train“. Und in irgendeiner Schublade der Plattenfirma soll schon das Konzept einer Patenschaft liegen. Schon haben wir die Vision, wie der müde Pendler headbangend in den Waggon steigt, wo der Krawattenträger plötzlich eine Schuluniform trägt und im Mittelgang die Luftgitarre würgt. Während der Lokführer den Kragen seiner Lederjacke aufstellt, ertönt aus dem Lautsprecher Chris Lohners Stimme: „Sehr geehrte Fahrgäste, Intercity Rock’n’Roll Train in Richtung Highway to Hell fährt Bahnsteig 666 ab. Bitte Vorsicht.“ Aber dafür sind die ÖBB sicher auch wieder zu bieder. Wetten?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.09.2008)