Leute, die in der Toilette noch Bücher liegen haben

111 Bücher, die man am stillen Ort gelesen haben muss – dank Smartphones leider ausgestorben.

Vermutlich gibt es sie sogar schon, eine Dissertation, die sich der Frage widmet, wie sehr sich die Aufenthaltsdauer auf öffentlichen Toiletten seit Einführung des Smartphones geändert hat. Ganz ohne Statistik, nur auf anekdotischem Wissen aufgebaut, ist die Hypothese, dass die Dauer des Stuhlgangs sich direkt proportional zur Länge des Artikels verhält, der gerade auf dem Display angezeigt wird. Klar, oft sind es gar keine längeren Texte, sondern Katzenfotos oder kurze Videos von kleinen Hamstern, die kleine Tacos essen. Aber erstens ist das nicht so wichtig und zweitens na und. Der Kern der Botschaft ist nämlich, dass das Gerät die eigentliche Dauer des Besuchs in der Kabine in jedem Fall verlängert. Besonders verräterisch dabei sind jene Zeitgenossen, die noch Tastentöne verwenden – lustige Idee, eigentlich, auf einem glatten Display, aber soll so sein. Und auch, wenn auf einer Website ein Video automatisch startet und die wartende Schlange vor der Tür mitzusingen beginnt, sollte man sich ertappt fühlen.

Die „Früher war alles besser“-Fraktion braucht nun allerdings nicht ihren Sermon anzustimmen. Zugegeben, weniger auf öffentlichen Toiletten, aber in der heimischen Nasszelle lag doch früher so ziemlich alles von Gartenkatalog bis Wochenmagazin. Gelegentlich auch Comics oder diese Bücher mit sehr kurzen Kapiteln – Toilet Literature, das Gegenteil von Coffee Table Book. Gerade, dass es in Buchhandlungen nicht eine eigene Abteilung dafür gab – 111 Bücher, die Sie am Klo gelesen haben müssen, oder so. Heute ist das Toilettenbuch allerdings in Vergessenheit geraten. Schade, eigentlich. Bei Besuchen in anderen Wohnungen konnte man so viel darüber lernen, womit die Gastgeber ihre stillen Momente verbringen. Oder wie sehr sie dabei bluffen – denn ganz ehrlich, Tolstois „Krieg und Frieden“ neben dem Klobesen ist schon ein bisschen übertrieben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.05.2016)

Mit Fettglasur lässt sich kein Punschkrapfen bewerben

Manche Begriffe eignen sich nicht dazu, sie als verkaufsförderndes Argument einzusetzen.

Nicht jedes Adjektiv wird von einer verkaufsfördernden Aura umweht. Zumindest nicht bei jedem Produkt. Bei Ärzteseife mag es ja plausibel klingen, wenn man sie als „überfettet“ anpreist. Bei Lebensmitteln sind die Zeiten, in denen der Begriff „fett“ positiv besetzt war, vorbei. Eine möglichst hohe Anzahl an Fettaugen galt früher noch als Qualitätsmerkmal, heute mag man die Suppe lieber blind. In der Küche wirft man das Fleisch auch nicht mehr ins heiße Fett, sondern maximal ins Öl. Und selbst das hat einen reduzierten Fettgehalt, der auch gern offensiv angepriesen wird. Spannend, wie man mit weniger von etwas ein Mehr suggerieren kann. Aber gut, es gibt ja sogar ein Gesetz, das das absolute Fehlen von allem als wünschenswerten Zustand festschreibt – das 1999 beschlossene Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich. Sprachlich ist das ein ähnlicher Murks wie ein Label auf Lebensmitteln, das sie als genfrei anpreist. Das ist maximal noch hirnlos.

Aber zurück zum Fett. Und damit zu einem wichtigen Kapitel der österreichischen Dessertgeschichte, dem Punschkrapfen. Derer gibt es nämlich verschiedene. Das Original wird mit Zuckerglasur gemacht. Manche günstige Variante, oft im Mehrfachpack, wird dagegen mit einer Fettglasur überzogen. Der Unterschied ist, wenn schon nicht beim Namen und mit freiem Auge, spätestens beim Anbeißen erkennbar. Die Zuckerglasur gibt unter den Zähnen mit einem weichen „fffd“ nach. Die Fettglasur dagegen bricht mit einem Geräusch, das am ehesten nach „kchrk“ klingt, so wie die Schokohülle beim Eis. Das wird in der Bewerbung auch recht lasziv dargestellt, mit Nahaufnahme von Schmollmund und Zähnen, unter denen die Schokohülle aufknackt wie der Bodenbelag der Westautobahn nach einem Frostschaden. Shine on, you crazy Fettglasur! Komisch, dass den Slogan noch nie jemand verwendet hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.05.2016)

Liebe Kellner, bitte seid nicht immer so fürsorglich!

Warum taucht die Frage „Darf’s noch was sein?“ immer kurz vor der Pointe eines Witzes auf?

Waren Sie mit dem Service zufrieden? In der Regel nötigt die Höflichkeit zu einem Ja. Ähnlich, wie man auf die Frage „Wie geht’s?“ grundsätzlich immer „gut“ sagt, auch wenn man gerade emotional am Zerfließen ist. Das Ja im Restaurant hat aber auch einen ganz praktischen Grund – denn ein Nein würde ein Defizit aufzeigen. Der Effekt wäre, dass sich der Kellner beim nächsten Mal noch mehr bemühen würde. Und genau das muss ja wirklich nicht sein. Ein bisschen weniger wäre manchmal schön. Dass etwa die Frage, ob alles in Ordnung ist, immer genau dann kommt, wenn der Mund gerade voll ist. „Mbapf!“ Oder lieber doch einfach nicken? Die spontane Fürsorge ist auch wunderbar dazu geeignet, einen spannenden Moment abzuwürgen. Wenn der Ober kurz vor der Pointe eines Witzes plötzlich dasteht und fragt, ob es noch etwas sein darf. Operation jokus interruptus erledigt, vielen Dank.

Gut, manchmal auch selbst schuld. Wer vor dem Bestellen seine Seele ausbreitet, muss damit rechnen, dass irgendwann jemand kommt. Aber einen Hund, der bereits im Fressnapf hängt, zieht man ja auch nicht just dann zum Spazieren an die Luft. Und während des Elfmeterschießens im EM-Finale beginnt man ja auch nicht mit dem Staubsaugen. Außer natürlich, dahinter verbirgt sich ein gezielter Angriff. Aber Leute, die glauben, dass Kellner durch ihre fürsorgliche Aufmerksamkeit (oder aufmerksame Fürsorglichkeit?) den Gästen die Unterhaltung vermiesen, damit sie schneller mit dem Essen fertig sind und Platz für die nächsten Gäste da ist, erkennen auch in Kondensstreifen von Flugzeugen eine strategisch geplante Wettermanipulation.

Abgesehen davon, bei manchen Dialogen sollte man sich sowieso vorher überlegen, ob ein Restaurant wirklich der geeignete Ort dafür ist. „Schatz, willst du mich heiraten?“ „Darf’s noch was zu trinken sein?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.04.2016)

Das Grmpfgl-Dilemma beim Warten auf die Straßenbahn

Wenn man zu Fuß gleich schnell wäre wie mit dem Warten auf öffentliche Verkehrsmittel.

Der lautmalerische Hmpf-Moment ist jener, bei dem die Anzeige verrät, dass die nächste U-Bahn in genau der Hälfte der Zeit bis zur übernächsten kommt. (Vielleicht hat man sogar noch die roten Lichter im Tunnel verschwinden sehen.) Damit lässt sich kombinieren, dass man die vorige Garnitur gerade verpasst hat. Der etwas weniger aggressive, dafür umso bitterere Wrgstf-Moment wiederum ist jener, in dem der nächste Wagen erst in ferner Zeit eintreffen wird, der übernächste jedoch schon kurz danach. Steigt man in diesem Fall, dem meist eine Störung vorangegangen ist, gleich in den nächsten ein, droht ein Hhhh-Moment (lautmalerisch holt man tief Luft, bevor sich die Türen schließen), in dem man zumindest die Gewissheit hat, in der komprimierten Menschenmenge nicht umfallen zu können.

Bitter ist aber auch das Grmpfgl-Dilemma (in Comics würde sich unter dieser Sprechblase ein Kopf mit traurigem bis ratlosem Blick finden). Das tritt dann ein, wenn die Zeit, die man für eine Strecke zu Fuß brauchte, genauso lang wie die Summe aus Wartezeit und reiner Fahrzeit ist. Das bedeutet also, entweder sehr lang herumzustehen und dann die drei oder vier Stationen bis zum Ziel zu fahren oder die gesamte Strecke zu Fuß zu gehen und kurz vor dem Ende vom öffentlichen Verkehrsmittel überholt zu werden. Was an einem schönen Frühlingstag ja auch seinen Reiz haben kann, nur kommt der Grmpfgl-Moment allzu häufig, wenn es regnet oder windet. In der Regel ist die Strecke nur so kurz, dass ein Taxi inklusive Anruf und Wartezeit genauso lang zum Ziel brauchen würde. Vielleicht gibt es in der Mathematik ja sogar einen eigenen Begriff dafür, wenn sämtliche Optionen am Ende zum gleichen Ergebnis führen, so wie es gerade das Navi am Handy anzeigt. Notiz an mich selbst: Bei Gelegenheit nach „Grmpfgl-Koeffizient“ und „Nobelpreis“ googeln.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.04.2016)

Wollen Sie den Coffee to go? Nein, to drink

Viele nervende Phrasen sind eine Berufskrankheit. Flapsige Antworten nerven aber genauso.

Zugegeben, Leute, die ständig „zugegeben“ sagen, überstrapazieren gelegentlich die Nerven ihrer Zuhörer. Übrigens ähnlich wie Leute, die ständig „Leute, die“ als Stilmittel einsetzen, um eine bestimmte Menschengruppe der einen oder anderen Schrulligkeit zu zeihen. In vielen Fällen ist das eine Berufskrankheit. Leute, die „To go?“ fragen, zum Beispiel, machen das ja nicht aus purer Freude, sondern weil sie damit eine Information vom Kunden einholen müssen. Das Gegenstück dazu wäre übrigens der Coffee to stay, was aber gern mit „zum hier Trinken“ eingedeutscht wird. Es ist aber nicht angebracht, dem Barista eine Flapsigkeit entgegenzuschleudern. „Coffee to go?“ „No, to drink!“ Die arme Kaffeezubereitungskraft führt bestimmt schon eine Stricherlliste (die im Duden übrigens unter „Strichliste“ läuft – aber sagt das wirklich jemand so?) mit den häufigsten vermeintlichen Scherzantworten. Ähnlich wie die Spendenkeiler auf der Mariahilfer Straße. „Guten Tag, mögen Sie Tiere?“ „Ja, am liebsten gegrillt!“ Ja, es ist ein gegenseitiges Nerven, an das man sich im Lauf der Jahre schon ein bisschen gewöhnt hat.

An manche Dinge wiederum wird man sich nie so richtig gewöhnen. Etwa an den langen Augenblick, den man braucht, um zu erkennen, ob es ein Fenster oder ein Spiegel ist. Sie kennen das, man schaut in einem alten Lokal mit viel Holz und Nischen verbissen auf eine Glasfläche, sucht darin prüfend nach Details aus dem Raum. Und irgendwann bewegt man sich ungelenk ein wenig hin und her, sodass man sich jetzt eigentlich im Spiegelbild sehen müsste. Und erkennt am Ende dann doch nur einen Gast im Nebenzimmer, der hinter der Glasscheibe genau den Blick aufsetzt, den Leute aufsetzen, die sich gerade beobachtet fühlen. Zugegeben, ein unangenehmer Moment. In diesem Fall also den Kaffee lieber zum Mitnehmen, bitte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.04.2016)

Leute, die auf Fotos den Daumen nach oben strecken

Wer sich beobachtet fühlt, wirft sich in Pose – und zerstört damit jedes ausdrucksstarke Bild.

Kandierte Äpfel sind ein Etikettenschwindel. Da freut man sich auf etwas Süßes, und nach dem Reinbeißen bekommt man nur Obst. Dass diese Vitaminmimikry nicht so recht in die gerade erst angebrochene Jahreszeit passt, ist korrekt. Aber wenn schon kurz nach dem meteorologischen Frühlingsbeginn der erste Sommertag in die Kalender eingetragen werden darf, sei diese kleine saisonale Blendung verziehen. Zur Erklärung: ein Sommertag ist im meteorologisch-klimatologischen Sprachgebrauch dann, wenn die Tageshöchsttemperatur 25 Grad Celsius erreicht oder überschreitet. Früher hätte es das nicht gegeben, möchte man da empört ausrufen, also zumindest nicht schon so kurz nach dem Ende des Winters. Aber der ist ja auch nicht mehr, was er einmal . . . so, genug lamentiert, Sommermodus an.

Und damit hin zu all den Fotos von lächelnden Menschen, die genau während eines Sprungs abgelichtet werden bzw. während etwa 37 Sprungversuchen, bis das Handy tatsächlich genau in dem Moment auslöst, in dem beide Beine möglichst viel Abstand vom Boden haben, alles sehr kompliziert. Es ist aber auch einfach nicht einfach, jemanden in einer unverfänglichen Pose einzufangen. Kaum freut man sich, dass man einen Menschen in einer gedankenverlorenen oder beschäftigten Haltung vor der Kamera hat, registriert der, dass er gleich fotografiert werden wird – und hebt den Daumen, macht ein Victory oder begibt sich in sonst eine unnatürliche Körperhaltung. So hat man statt eines ausdrucksstarken Bildes, das man dem Lonely Planet verkaufen könnte, einen grinsenden Thumbs-up-Körper auf dem Speicherchip. Vermutlich haben Menschen einen eigenen Sinn dafür, dass sie beobachtet werden. Und einen Instinkt, der sie dazu bringt, sich dann zum Affen zu machen. Ein bisschen wie ein kandierter Apfel. Obwohl, nein, der hat damit eigentlich gar nichts zu tun.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.04.2016)

In drei Monaten werden die Tage schon wieder kürzer

Es sind unruhige Zeiten, so wie immer. Versuchen Sie doch einmal, das Gegenteil zu behaupten.

In unruhigen Zeiten wie diesen ist oft die Rede davon, dass wir in unruhigen Zeiten leben. Das war auch schon in den unruhigen Zeiten so, die wir heute in der Erinnerung als ruhig betrachten. Im Kalten Krieg gab es aber auch noch keine Klimaerwärmung. Da wäre es nur kurzfristig sehr heiß geworden und danach wieder sehr kalt, wenn wir uns an den atomaren Winter erinnern, der damals in diesen ruhigen Zeiten dafür gesorgt hat, dass man ein bisschen unruhig wird. Unruhig sollte man auch werden, weil es jetzt langsam wieder bergab geht. In nur drei Monaten werden die Tage schon wieder kürzer. Die Vorrunde der Fußball-EM wird noch nicht zu Ende sein, wenn die Sonne sich wieder in Richtung Südhalbkugel bewegt und die Phase der Dunkelheit einleitet. Immerhin wird Österreich dann schon ein neues Staatsoberhaupt haben, das dem Volk in diesen unruhigen Zeiten Mut zusprechen wird. Und das nahtlos überleitet von der Eishockey-Weltmeisterschaft, die im Mai (ja, wirklich!) stattfindet, zum Start der Wintersaison, in der im Supermarkt wieder Lebkuchen zu haben ist, also etwa Anfang Juli. Sich über Lebkuchen im Sommer zu beschweren ist allerdings total 2005.

Überlegen wir uns also lieber, wann zuletzt jemand gesagt hat, dass es ruhige Zeiten sind, in denen wir leben. Damals, in den unruhigen Zeiten vielleicht, die uns im Nachhinein so schön ruhig vorkommen? Das wäre ja, als würde ein Fußballtrainer vor dem Spiel gegen einen Jausengegner nicht „Es wird ein schwieriges Spiel“ sagen. In der Schule gab es übrigens immer welche, die vor der Schularbeit gejammert haben, dass sie Angst haben, weil sie „überhaupt nichts gelernt“ haben, um nicht als Streber dazustehen. Das waren dann die, die die Einser bekommen haben. Und noch etwas: „In Zeiten wie diesen“ kann man immer sagen. Das „unruhig“ schwingt dann schon ganz von allein mit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.03.2016)

Die Rache der Wiederkäuer an ihren Verspeisern

Das Karma taucht oft an ungewohnten Orten auf, etwa in den Zwischenräumen Ihrer Zähne.

Karma ist ein Hund. Eine Quittung, welcher eigenen Untat man zu verdanken hat, dass etwas danebengegangen ist, wird in der Regel nicht ausgestellt. Bei geringfügigen Vergehen ließe sich noch argumentieren, dass sie von der schiedsgebenden göttlichen Instanz sofort geahndet werden, wie es im Volksmund per schadenfrohem Bonmot weitertradiert wird. In anderen Fällen wiederum schlägt es zu einer Zeit zu, in der längst jeder Gedanke an die vergangene Schandtat dahin ist. Und in einem Zusammenhang, der sich auch nicht mehr erschließen lässt, wenn man nicht mit Räucherkerzen und Gläserrücken einen herbeibeschwört.

Umso schöner ist es, wenn es eine logisch herleitbare Erklärung gibt, die beim Sündenfall auch sofort eintritt. Rinder, zum Beispiel, piesacken ihre Verspeiser damit, dass sie sich an deren Zähnen festkrallen, in den Zwischenräumen ihr Lager aufschlagen, um hier noch einmal ein klein wenig Rache zu üben. Kleine Guerillatrupps aus Fleischfasern nötigen dann dem Karmageschädigten ein entwürdigendes Verhalten auf. Wenn er dann versucht, mit Zunge und Kieferyoga den Eindringling aus den Zwischenräumen zu pulen, und damit selbst wie ein Wiederkäuer wirkt. Es ist die solipsistische Version des freundlichen „Sie haben da etwas zwischen den Zähnen“ des Tischgegenübers. Nur, dass die Person am anderen Ende nichts sieht, schließlich sind Backenzähne in der Regel am Anlächeln zwischen zwei Gängen nicht beteiligt. Dafür gibt es Zungenakrobatik, einen nervösen Blick und je nach Örtlichkeit vielleicht irgendwann den Griff zum Zahnstocher. Irgendwann hat das Rind von dem entwürdigenden Spaß aber genug, strebt in eine höhere Daseinsstufe und lässt die Fasern los.

Aber glauben Sie nicht, dass das Rindvieh das einzige Lebewesen ist, das per Karma zurückschlägt. Auch Spinat kann in dieser Hinsicht ein richtiger Hund sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.03.2016)

Leute, die „Weit haben wir’s gebracht“ sagen

Wie weit ist weit von vorher entfernt, wo liegt das genau, und wer ist überhaupt mit wir gemeint?

„Weit haben wir’s gebracht.“ Da stellen Leute diverse Bilder, Filme oder Artikel auf ein soziales Medium ihrer Wahl und kommentieren es mit einem lapidaren „Weit haben wir’s gebracht!“ Ein Satz, der Zivilisationskritik sein soll, aber doch nur ein Rückgriff ist auf eine verklärte Vergangenheit, vergleichbar mit dem „Früher war alles besser“ oder dem „Damals hätt’s das nicht gegeben“. Es ist das zu Worten gewordene Klopfen mit dem Besenstiel an die Decke, weil von oben Schritte zu hören sind. Ein Verhalten, das sich mittlerweile aufgehört hat, oder? Vielleicht, weil moderne Haushaltstechnik die unsachgemäße Nutzung des Geräts hintanhält – versuchen Sie einmal, einen Staubsauger so hoch zu heben, dass man damit auf den Plafond klopfen kann. Wobei die Jugend heute vermutlich nicht einmal mehr weiß, was ein Plafond ist. Weit haben wir’s gebracht.

Vermutlich hat es auch gar keinen Sinn mehr, heutzutage von einem Fauteuil zu sprechen. Ausgesprochen wurde das gepolsterte Sitzmöbel mit Armlehnen früher zwar auch nur bedingt richtig, doch man wusste zumindest noch, was man sich unter dem Fotell vorzustellen hatte. Aber heutzutage, mon dieu! Da fragt man sich schon, wie weit man es gebracht hat und wie weit weit eigentlich ist. Denn die Distanz ist auf der sprachlichen Möbiusschleife nur bedingt korrekt zu messen, schließlich ist nicht klar, ob die Entfernung zwischen dem „Weit“, wo wir es gerade hingebracht haben, und dem, wo wir vorher waren (nah?), so einfach in Zentimetern angegeben werden kann. Und wer weiß, vielleicht wurde man dabei sogar schon vom Weit-Gebrachten überrundet. Wenigstens über das verbindende „Wir“ herrscht keine Diskussion – das Weit-zu-etwas-Gebrachte war eine gemeinschaftliche Leistung von uns allen. Es sei denn natürlich, das „Wir“ ist in Wirklichkeit ein pikiertes „Ihr“. Ist das womöglich so? Wo kommen wir denn da hin?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.03.2016)

Leute, die am Ende eines Satzes drei Punkte machen

Auslassungspunkte am Satzende häufen sich. Und es ist fraglich, ob man das gut finden soll . . .

Machen wir einen Punkt. Wenn man sich selbst dabei ertappt, dass man am Ende eines Satzes gern drei Punkte macht, bleibt schließlich einiges offen. Dass man nämlich davor zurückschreckt, etwas auszusprechen – oder eher auszuschreiben. Und mit den drei Punkten am Ende rettet man sich darüber hinweg – denn dadurch bleibt offen, wie etwas gemeint ist. Sie sind nicht so absolut wie der Punkt. Nicht so aggressiv wie ein Rufzeichen. Nein, die drei Punkte sind wie das Hochziehen der Schultern mit dem Du-weißt-schon-Blick und dem Verdrehen der Augen nach oben. Wie ein tja, das übrigens auch aus drei Zeichen besteht und das alles und nichts sagt. Es ist jedenfalls ein ruhiger Gegenentwurf zum derzeit so gefragten aufgeregten Aneinanderreihen von Rufzeichen, als klemmte gerade eine Taste. Wenig verwunderlich, dass die drei Punkte auch Auslassungspunkte genannt werden. Um schlimme Wörter nicht in den verschriftlichten Mund nehmen zu müssen („Scher dich zum . . .“), um ein langes Zitat mittendrin zu verkürzen („Land der Berge [. . .] Österreich“) oder um in einer Aufzählung nicht alles aufzählen zu müssen, also anstelle von usw, etc. pp., . . . Und schließlich eben auch noch dieses gewollte Offenlassen, das mit zuckenden Schultern die Leser dazu bringt, sich selbst ein paar Gedanken dazu zu machen.

Bei inflationärer Verwendung der drei Punkte am Ende bleibt in jedem Fall ein schaler Nachgeschmack . . . Und genau den sollte man vermeiden. Es böte sich also an, Satzenden wieder etwas bestimmter werden zu lassen. Vielleicht mit einem Doppelpunkt, nach dem nichts kommt . . . Der wäre allerdings ähnlich gemein wie ein Teaser für das WM-Finale mit anschließendem Stromausfall. Er weckt Erwartungen und endet im Nichts. Reichlich unbefriedigend, das . . . Aber damit müssen Sie jetzt leben:

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.02.2016)