Der Polterabend als Geschäftsmodell

Tradition kommt vom lateinischen „traditio“ (Übergabe, Überlieferung) und bezeichnet die Weitergabe von Handlungsmustern, Vorstellungen und gelegentlich auch das Weitergegebene selbst – also etwa Bräuche, Sitten oder Konventionen. Manche Tradition hat in unserem Kulturkreis schon länger Tradition, andere werden erst durch die Inszenierung als Tradition zur Tradition gemacht. Zur ersten Kategorie zählt etwa das Weihnachtsfest, zur zweiten etwa der irische St. Patricks Day oder das aus dem amerikanischen Raum entlehnte Halloween. All diesen Traditionen ist wiederum gemein, dass es nicht lange dauert, bis Industrie und Handel das mehr oder weniger traditionelle Treiben als Geschäftsmodell entdecken.

Der Polterabend, andernorts auch Junggesellenabschied genannt, ist da keine Ausnahme. Von T-Shirts mit geschmackvollen Sprüchen à la „3, 2, 1 . . . Lebenslang“ oder „Time to Say Goodbye“ bis zu speziellen Polterpaketen im Stripclub reicht die Palette, dazu kommen Kollateralprodukte wie Handschellen oder süßlich-klebrige Alkoholika in kleinen Fläschchen, mit denen die Wirtschaft in absentia mitpoltert.

Ja, es schneiden viele mit, wenn ein Bräutigam durch die Innenstadt geschickt wird, um möglichst erniedrigende Dinge zu tun – etwa Zeitungen oder getragene Unterwäsche an unschuldige Passanten zu verkaufen. Wobei, so mancher Bepolterte läuft dabei zu einer nie da gewesenen Form auf und entpuppt sich plötzlich als großartiger Verkäufer, der älteren Damen oder jungen Pärchen mit begeistertem Lächeln fünf Euro für ein altes Kinderfoto aus der Tasche zieht. Und am Ende mit dem Erlös aus dem Verkauf von wertlosem Tand der halben Runde den Abend finanziert. Auch ein Geschäftsmodell. Gibt es eigentlich schon professionelle Polterer, die davon leben können?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.06.2011)

Triste Pasta in der Panne

Zugegeben, es ist nicht mehr rasend innovativ, sich über Fehler auf Speisekarten zu amüsieren. Andererseits sind es oft die ältesten Witze mit den längsten Bärten, die immer noch funktionieren – wer etwa bei „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ laut loslachte, als Angelika Niedetzky gegen einen Laternenpfahl rannte, weiß, was gemeint ist. Und natürlich ist es unfair, sich über migrationsbedingte Lücken in den Sprachkenntnissen kulinarischer Fremdversorger lustig zu machen. Aber wenn der Grieche ums Eck auf der Tafel vor dem Lokal die lateinische Schrift ein wenig zu ungenau trifft und man nicht so recht weiß, welche Spezialität sich hinter „Speib mit Reis“ versteckt, dann hat das schon wieder etwas. Glaubhaft überliefert wurde auch der „Kartoffelkretin“. Fast schon zu gut, um real zu sein, ist hingegen die „Erdbeerpole“.

Jenseits des Pruhaha fühlt man sich aber erst, wenn der Verschreiber eine Situation offensichtlich und treffend beschreibt. Wenn etwa der Reis der Paella trocken, die Fische darauf roh, die Paprikaschoten dafür verbrannt sind. Dann wirkt die Erklärung „Pannengericht“ in der Karte fast schon sympathisch.

Und schließlich war da auch noch diese Pizzeria in der Steiermark, die unter dem Namen „Tres di Pasta“ (nein, da ist noch kein Fehler!) drei verschiedene Nudelsorten mit drei Saucen im Angebot hatte. Die Rigatoni waren hart, die Fusilli zerkocht, die Spaghetti eingetrocknet. Und die drei Saucen verschwammen auf dem Teller zu einem weitgehend geschmacksneutralen Brei. Ein Mahl jedenfalls, bei dem man auf das „Hat’s geschmeckt“ nicht vornehm schweigen kann. Eventuelle böse Worte blieben dann aber doch aus – dank der Selbsterkenntnis des Wirtes. Auf der Rechnung stand boniert: „Triste Pasta“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.06.2011)

Mit Kettensägen gegen Duftbäume

Am liebsten würde man zum Holzfäller werden. Denn das Waldsterben, das schon die echten Bäume kaum bis gar nicht tangierte, scheint auch an diesen lächerlichen Duftbäumen in Autos keinerlei Interesse zu haben. Seien wir ehrlich, selbst der authentische Schweiß eines heftig transpirierenden Beifahrers hat mehr Stil als ein hilflos am Rückspiegel baumelnder Tannenbaum. Noch dazu, wenn die Tanne womöglich rosa ist und nach Erdbeere, Kirsche oder Kokosnuss riecht. Hallo, geht’s noch? Besonders dramatisch wird es dann, wenn derartig ausgerüstete olfaktorische Kostverächter gleich mehrere solcher Geruchsschleudern ihre Ausdünstungen verströmen lassen – in verschiedenen Sorten und bei offenem Fenster. Dann wünscht man sich eine Geruchskettensäge, die unter der Nase des verblüfften Autofahrers nur mehr düftelndes Kleinholz hinterlässt.

Empfehlenswert für einen solchen Fall wäre es, eine Dose des „US Government Standard Bathroom Malodor“ einsatzbereit bei sich zu tragen. Bei diesem Gebräu handelt es sich um jene Substanz, die gerne als amtlicher Härtetest für kommerzielle Frischluftsprays bezeichnet wird. Offiziell werden mit der 2001 im Monell Chemical Senses Center in Philadelphia entwickelten Substanz Deodorants und Raumsprays getestet. Inoffiziell weiß man aber, dass das Gebräu gut in die Entwicklung einer nichttödlichen Stinkwaffe der US-Regierung passt. An einer solchen wird schon lange gearbeitet. Während des Zweiten Weltkriegs wurde etwa unter dem Namen „Who, me?“ ein Gestankscocktail getestet, der aber bald wieder verschwand. Denn allzu oft nebelten sich die Angreifer mit der sensibel zu behandelnden Substanz selbst ein. Für das Militär war das stinkende Etwas also unbrauchbar. Vermutlich hat man es deshalb in Baumform gepresst.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.05.2011)

Der diskrete Charme des Toilettenpapiers

Es ist kein großes Geheimnis, dass der Preis eines Produkts mit der Menge der Abnahme sinkt. Soll heißen – je größer die Packung, desto geringer der Preis pro Stück, Liter oder was auch immer sich darin befindet. Nun wissen wir aber, dass die Größe der Verpackung nicht ausschließlich ökonomische Aspekte hat. Deutlich wird das etwa am Beispiel jener Menschen, die beim Kauf ihres Toilettenpapiers auf den Preisvorteil einer Großpackung verzichten – weil es ihnen unangenehm ist, der ganzen Welt mittels einer unter den Arm geklemmten und in Plastik verschweißten Batterie dreilagigen Papiers ihre Körperlichkeit eingestehen zu müssen.

Ob sich hinter dieser Scham das Erbe von Adam und Eva verbirgt, wie das Immanuel Kant vermutete? Denn ihm zufolge lag die Strafe dafür, dass sie verbotenerweise den Apfel vom Baum der Erkenntnis aßen, nicht nur in der Vertreibung aus dem Paradies, sondern auch darin, dass sie fortan verdauen mussten. Quasi als tägliche Erinnerung an den Sündenfall.

Wie auch immer. Literarisch findet sich die Diskrepanz zwischen dem idealisierten Bild eines Menschen und seiner Leiblichkeit unter anderem in Jonathan Swifts Gedicht „The Lady’s Dressing Room“. Darin durchsucht ein gewisser Strephon den Umkleideraum seiner angebeteten Celia. Und stößt dabei auf Schweißflecken auf einem Hemd, Haare in den Zinken eines Kamms, Ohrenschmalz im Handtuch – und schließlich auch auf ihren Leibstuhl. Was ihn zur schmerzhaften Erkenntnis führt, dass selbst das von ihm gottgleich verehrte Wesen auch nur ein Mensch ist. Und so wie jeder Mensch gelegentlich auf den Topf gehen muss. Verständlich also, wenn man nur eine Viererpackung Toilettenpapier kauft. Die kann man besser in der Einkaufstasche verstecken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.05.2011)

Dinge, über die man noch nie nachgedacht hat

In Momenten träger Uninspiriertheit bietet sich ein Blick in die unendlichen Tiefen des Internets an. Neben kleinen Filmchen von Menschen, die ihren Kopf um 180 Grad drehen können (sehr spooky, bitte diesen Anglizismus zu verzeihen) und alten Plattencovern von Heino (nicht minder spooky) stößt man dort auch diverse Dinge, über die man bisher noch nie nachgedacht hat. Und das sogar in Listenform. Spätestens an diesem Punkt weicht das ziellose Umhersurfen einer fortlaufenden intellektuellen Niederkunft angesichts all der fast schon niederschmetternden Wahrheiten. Etwa der, dass jeder Mensch zumindest für einen winzigen Moment der jüngste Mensch der Welt war. Dass John Lennon, dessen Band mehr CDs verkauft hat als jede andere Gruppe der Welt, niemals auch nur die leiseste Ahnung hatte, was eine CD überhaupt ist. Und dass in etwa 30 Jahren die Menschen 2000er-Partys feiern werden, so wie man es heute zu Musik aus den 70er- oder 80er-Jahren macht.

Vermutlich haben Sie sich auch noch nie damit beschäftigt, was passiert, wenn Sie auf Ihrem Taschenrechner die Zahl „707“ eingeben – denn drehen Sie das Gerät danach um, erscheint „LOL“ (für die Nicht-Internetgeneration zur Erklärung: Dieses Akronym steht für „Laughing Out Loud“ und steht in der virtuellen Welt für lautes Loslachen.). Addieren Sie zu diesem „LOL“ ein weiteres, lautet das Ergebnis „hihi“ (1414. Verstanden?). Nerdige Taschenrechnerscherze dieser Art gibt es übrigens zuhauf. So steht etwa 7353 für „Esel“, 38317 für „Liebe“, 3773817 für „Libelle“, und wer 31607018 eintippt, kann auf dem Display verkehrt herum „Biologie“ lesen. Spannend, nicht?

Übrigens, wenn Sie in der Google-Bildersuche „241543903“ eingeben, finden Sie Fotos von Menschen, die ihren Kopf in Kühlschränke stecken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.05.2011)

Beim Telefonsex eingeschlafen

Es soll da diesen geheimnisumwitterten Club geben, der kein Mitgliederverzeichnis führt. Kein Wunder, hat er doch nicht einmal einen Vorstand, geschweige denn verbriefte Statuten oder einen Versammlungsort. Und so es wirklich Mitglieder gibt, wissen sie wohl nichts voneinander. Ihnen allen gemein ist lediglich die Erfahrung, schon einmal an Bord eines in Betrieb befindlichen Luftfahrzeugs Sex gehabt zu haben. Und das idealerweise in einer Flughöhe über einer nautischen Meile, also 1852 Meter. Der Initiationsritus des „Mile High Club“, so der treffende Name, dürfte allerdings ebenso romantisch überhöht sein wie die Vorstellung von Liebesspielen am Sandstrand – die in realiter vor allem eines sind, nämlich unbequem. Und dank knirschenden Sands am gesamten Körper alles andere als romantisch.

Dennoch ist die Versuchung groß, die Frage nach einer Mitgliedschaft im „Mile High Club“ kokett nicht zu beantworten – und damit ein bisschen sprachloses Bewunderungspotenzial auf sich zu lenken. Ganz im Gegensatz zu ähnlichen Clubs, deren Mitgliedschaft eine weitaus geringere soziale Anerkennung mit sich brächte. Ein Klassiker wäre etwa der „Sleepy Phone Club“. Das ist der lockere Zusammenschluss all jener, die schon einmal während eines Telefongesprächs eingeschlafen sind – und dem Gegenüber durch leises Schnarchen den Sieg der Müdigkeit über den Dialog kundgetan haben. Was, so hört man, am nächsten Morgen zur Mitgliedschaft im „Guilty Conscience Club“ führt – diese Mitgliedschaft lässt sich durch die verzweifelte Frage „Was ist gestern nacht passiert?“ initiieren, die Mitgliedern des „Happy Hangover Clubs“ durchaus bekannt sein dürfte. Bleibt nur die Hoffnung, dass der „Sleepy Phoner“ auf der anderen Seite nicht eine kostenpflichtige Mehrwertnummer hatte . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.05.2011)

Das Feuer unterm Hintern zündet keinen Griller an

So ist das also mit der grenzenlosen Freiheit im europäischen Binnen markt. Man kann ohne Grenzkontrolle in andere Länder fahren, dort womöglich auch noch in der eigenen Währung bezahlen und so ziemlich alles wieder zurück mit nach Hause nehmen. Tolle Idee. Nur das mit dem Anschreiben der Produkte in Sprachen, die auch Binnenwanderer verstehen, das könnte noch verbessert werden. Meinte zumindest jener Bekannte, der sich ins Auto setzte, um in Bratislava ein paar Zutaten fürs Grillen einzukaufen.

Ist ja auch kein Problem, schließlich sind Bau- und Supermärkte fast überall in der Welt nach einem ähnlichen Schema aufgebaut. Ein Holzkohlengrill ist schnell gefunden, so wie auch die Holzkohle im handlichen Fünf-Kilo-Sack und Zubehör à la Grillzange. Fehlt nur noch der Grillanzünder. Allein, wie heißt diese leicht brennbare Flüssigkeit, die über den Grill geleert dem Zündholz die nötige Kraft gibt, die Holzkohle zu entzünden – auf Slowakisch? Nun, jener Bekannte durchstöberte Regal für Regal, fündig wurde er nicht. Fragen wollte er allerdings auch wieder nicht, sei es aus männlichem Stolz, sei es aus dem Unbehagen, mangels slowakischen Idioms mit Händen und Füßen kommunizieren zu müssen. Schließlich zog er vor, in die Heimat zu fahren und das letzte Utensil in einem heimischen Baumarkt zu erstehen – als er an der Kassa einer Dose gewärtig wurde. Gelbrote Flamme auf schwarzem Grund, das war, was er gesucht hatte. Und allem Slowakisch zum Trotz – der Name des Produkts war absolut selbsterklärend: „Burn!“

Dass das Feuer am Grill nicht und nicht angehen wollte, erscheint im Nachhinein betrachtet eigentlich ganz logisch. Aber wenigstens pädagogisch war die Aktion trotz allem ein Erfolg. Der Bekannte weiß jetzt zumindest, was Energy Drink auf Slowakisch heißt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.05.2011)

Der Kebabstanddesigner bei Humboldt

Der New Yorker Times Square hat auf den ersten Blick nicht allzu viel mit dem Lerchenfelder Gürtel in Wien gemeinsam. Und doch, wer sich spätabends zur U6-Station Josefstädter Straße verirrt, kann sich ein bisschen wie im Little Big Apple fühlen. Zugegeben, imposante Wolkenkratzer gibt es hier nicht, dafür zwei unmittelbar nebeneinander stehende Kebabstände. Diese Twin Towers der schnellen Kulinarik wiederum sind mit derart viel blinkenden und leuchtenden Schildern und Tafeln behängt, dass im Umspannwerk Michelbeuern regelmäßig die Sicherungen aus ihren Fassungen springen müssen. Ähnlich viel Strom wie die Leuchtreklame am Times Square dürften sie jedenfalls verbrauchen. Vermutlich würde man diese beiden Stände sogar von der Internationalen Raumstation in 350 Kilometer Höhe als leuchtende Punkte ausmachen können.

Shine on, you crazy Reizüberflutung, möchte man da sagen. Und diesen Sinneseindruck im persönlichen visuellen Lexikon als Antipode zum Begriff „dezent“ einordnen. Der Informationsgehalt der an allen Seiten der Stände permanent blinkenden Tafeln erschöpft sich allerdings in durchaus banalen Begriffen – „Kebab“ liest man auf der einen, „Spezial Kebab“ auf einer anderen, und das absolut synchron auf beiden Ständen. Auch das Essensangebot deckt sich zu nahezu 100 Prozent: Neben Kebab und Falafel gibt es auch noch Asia-Nudeln und Wurst. Nicht ganz synchron ist nur die musikalische Untermalung, die den Besucher in einem Potpourri aus Bastard-Pop und Dancefloor zur Verzweiflung treibt. Und während man ein wenig reizüberflutet an seinem Ottakringer nippt, wünscht man sich den Standbetreiber in einen Werbespot, in dem er mit glücklichem Lächeln verkündet: „Ich mach jetzt den Kebabstanddesigner bei Humboldt!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.04.2011)

Den größten Menschen der Welt vor den Augen

Lustig, dass er den gleichen Geschmack hat wie ich. Ob Heavy Metal im Gasometer, ob finnische Polka in der Szene Wien, ob Glattauer im Akademietheater oder Wagner in Bayreuth – er ist immer dabei. Lustig auch, dass er immer ein bisschen anders aussieht. Das eine Mal blond gelockt, das andere Mal schwarzhaarig mit Hut, ein Mal ein Teenager, ein anderes Mal ein älterer Herr. Doch ist es immer dieselbe Person. Und, auch das eine interessante Übereinstimmung, er sitzt oder steht regelmäßig genau vor mir – er, der größte Mensch der Welt.

Nun kann man das natürlich positiv sehen. Wie oft hat man schon die Chance, einen Menschen vor Augen zu haben, der eigentlich als wandelnder Superlativ von Talkshow zu Talkshow gereicht werden müsste. Andererseits, auf die Dauer ist es dann doch nicht so spannend, statt der Musiker auf der Bühne nur den Rücken oder das Haupthaar eines anatomischen Rekordhalters zu betrachten. Noch dazu, wenn der Gigant sich nicht mit seiner Opulenz zufrieden gibt, sondern auch noch durch Pendelbewegungen dafür sorgt, dass der Zuseher hinter ihm (der, wie man den ersten Sätzen entnehmen kann, immer ich bin) ja nicht zu sehr durch einen freien Blick auf Musiker oder Schauspieler von seinem breiten Rücken – oder bei Sitzplätzen durch sein imposantes Haupt – abgelenkt wird.

In Ordnung, Freund der Blasmusik, ich kann dir nicht entkommen. Allerdings, diese kleine Gemeinheit sei mir gestattet, ich kann dir zumindest dein Leben ein bisschen schwer machen. In den nächsten Tagen gehe ich in den Prater. Dann wirst du natürlich wieder genau vor mir sitzen. Aber ich werde darüber lachen – wenn deine Nackenmuskeln sich unter wildem Fluchen verkrampfen, weil du deinen Kopf ganz tief einziehen musst. Also, bis bald in der Liliputbahn . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.04.2011)

Spült die Mobilbox in den telekommunikativen Orkus!

Die Mobilbox ist das unnötigste Stiefkind der mobilen Kommunikation. Besonders dann, wenn sie nur deswegen in Betrieb genommen werden muss, weil man nicht schnell genug abgehoben hat. Dann sieht sich der Anrufer genötigt, auf dem virtuellen Tonband die Nachricht zu hinterlassen, dass er gerade versucht hat, mit dem Angerufenen in einen Akt unmittelbarer Kommunikation zu treten. Was insofern für die Würste ist, da man ja die Nummer ohnehin im Speicher der entgangenen Anrufe findet. Wie auch immer, sofort nach Registrieren des entgangenen Anrufs wählt man also die Nummer des Anrufers – nur um sogleich ebenfalls in dessen Mobilbox zu landen.

Im besten Fall behirnt man spätestens an dieser Stelle, dass der Teufelskreislauf ehestmöglich durchbrochen werden sollte, da man sich sonst in einer Zeitschleife mittelbarer Kommunikation einreiht und die nächsten Minuten nur noch damit verbringt, sich gegenseitig auf die Mobilbox zu sprechen, um einander mitzuteilen, dass man sich nicht erreicht hat und der andere jetzt bitte zurückrufen soll. Erschwert wird die Odyssee auch noch dadurch, dass das Abhören einer Mobilbox vom Grad der Zeitverschwendung in etwa damit vergleichbar ist, auf einer Schnellstraße einer Weinbergschnecke den Vorrang geben zu müssen. Denn ehe man der Botschaft des Anrufers lauschen kann, muss man sich erst von einer sonoren Computerstimme jede einzelne Stelle der Nummer des Anrufers vorlesen lassen. Inklusive Uhrzeit. Spannend wäre dann nur noch, wenn die Stimme danach auch gleichzeitig die Summe der kumulierten Lebenszeit nachliefern könnte, die man mit dem Abhören von Mobilboxen schon in den telekommunikativen Orkus gespült hat. Gut, so viel zu meinem persönlichen Ansagetext. Bitte sprechen Sie jetzt nach dem Signalton . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.04.2011)