Du hast zwar recht, aber ich finde meine Meinung besser

Wenn der Klügere immer nachgibt, wird die Welt so, wie sie die Dümmeren wollen. Insofern ist es im Grunde ziemlich dumm, der Klügere sein zu wollen. Und doch versuchen wir immer wieder, unsere Klugheit in Gesprächen möglichst offenkundig zur Schau zu stellen. Sogar dann, wenn man gerade etwas Falsches gesagt hat. Etwa à la: „Louis Armstrong war der erste Mann auf dem Mond!“ Kommt vom Gegenüber die Korrektur: „Neil Armstrong“, kommt der Konter: „Sag ich ja!“

Einen ähnlichen Mechanismus beobachten wir vor allem bei Menschen, die einander schon länger kennen – oder zumindest vorgeben, viel über einander zu wissen. Da sagt der eine irgendetwas über seine Befindlichkeit – und der andere antwortet mit: „Das habe ich mir gedacht!“ Ganz ähnlich auch bei Dialogen, die mit der Phrase abgeschlossen werden: „Ich habe gewusst, dass du das sagen wirst!“ Beides sind Aussagen, die sich durch nichts beweisen lassen und nur dazu dienen, die eigene Weisheit und Erfahrung heraushängen zu lassen – oder zumindest so zu tun als ob.

Wurde man von einem Gesprächspartner geistig völlig überfordert, kann man sich immer noch in Sprichwörter oder Binsenweisheiten flüchten. „Tausend Rosen“ oder „Nützt es nichts, schadet es nichts“ sind klassische Waffen, um selbst in der rhetorischen Niederlage dem Kontrahenten noch eine verbale Ohrfeige anzuhängen. Weitere Möglichkeit, die eigene Unfehlbarkeit im Gespräch unterzubringen: „§ 1: Ich habe immer recht, § 2: Sollte ich mal nicht recht haben, tritt § 1 in Kraft.“ Jetzt meinen Sie wahrscheinlich, dass Sprüche wie dieser schon tausendfach auf T-Shirts à la „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ gedruckt wurden – und damit nicht besonders originell sind, oder? Ja, eh! Sag ich ja!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.11.2010)

Konfuzius sagt: Rede keinen Blödsinn!

Der größte Unsinn kann plötzlich sehr plausibel klingen, wenn man ihn richtig verpackt. So kann man sein Gegenüber mit jedem beliebigen Satz in Verlegenheit bringen, indem man jene offenkundige Weisheit einfach einer moralischen Autorität zuordnet. „Konfuzius sagt . . .“ ist die wohl mit Abstand bekannteste Variante. Und so gut wie immer ein Treffer, schließlich haben sich die wenigsten jemals mit den Lehren des chinesischen Philosophen beschäftigt. Wobei, ein bisschen raffiniert sollte die Weisheit schon klingen, denn „Konfuzius sagt, kannst du mir bitte mal die Butter reichen“ wird Ihnen nicht einmal der dümmste Gesprächspartner abnehmen.

Sollten Sie nicht gerade mit einem Bibelforscher parlieren, bietet sich auch ein „Schon in der Bibel steht geschrieben . . .“ an, um in einem Dialog eine Legitimation vorzutäuschen. So wie man auch nahezu jeden Unsinn glaubhaft loswerden kann, wenn man ihn einfach Kant, Nietzsche oder Hegel zuschreibt. Besteht Ihr Freundeskreis nicht aus Philosophiestudenten, geht das ziemlich sicher durch. Ansonsten leiten Sie einfach ein mit: „Britische Forscher haben herausgefunden, dass . . .“ Damit verleihen Sie Ihren Worten den nötigen Hauch von Seriosität, bleiben aber unbestimmt genug, um nicht festgenagelt werden zu können. Den gleichen Effekt erreicht man, indem man am Ende seiner Ausführungen ein „Das ist wissenschaftlich bewiesen“ hängt. Mit derartigen Tricks kann man sich übrigens auch argumentativ verteidigen, wenn Ihnen jemand mit den Ergebnissen einer Studie kommt. Dann antworten Sie einfach: „Laut einer amerikanischen Studie sind 67,3 Prozent aller Studien gefälscht!“

Und noch eine Weisheit darf ich Ihnen am Ende dieser Kolumne mitgeben: Konfuzius sagt, wer alles glaubt, was er liest, sollte besser aufhören zu lesen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.10.2010)

Bitte nach dem Aussteigen stehen bleiben

Was macht ein Mensch, der aus der U-Bahn aussteigt? Nun, in der Regel geht er zum Ausgang der Station oder steigt in eine andere Linie um. Fast überall auf der Welt ist das so. Nicht in Wien. Hier bleibt man zunächst einmal stehen. Und es sind beileibe nicht nur Touristen, die nach Orientierung heischend ihre Blicke auf die Suche nach Wegweisern schicken. Auch ganz normale Wiener scheint unmittelbar nach dem Ausstieg für ein bis zwei Sekunden ein Blitz der Erstarrung zu treffen. Die Folge sind brenzlige Ausweichmanöver oder abrupter Körperkontakt mit dem Rücken des stehenden Hindernisses. Und dann haben wir auch noch jene Spezies, die genau vor der Tür des gerade eingefahrenen Zuges innehält – der Effekt ist ein ähnlicher, nämlich überraschender Körperkontakt.

Der kurze Moment des Zögerns ist beileibe nicht das einzige Problem, das den Weg durch die U-Bahn zum Hindernislauf macht. Aber seien wir uns ehrlich, über die Linkssteher auf der Rolltreppe zahlt es sich nicht aus, auch nur ein weiteres Wort zu verlieren – außer vielleicht, dass sie fast ausschließlich männlich, mittleren Alters und in Begleitung einer Frau sind, die dem monolithischen Block mit Ziehen am Ärmel klarzumachen versucht, dass hinter ihm gerade jemand auf Durchlass hofft. Und auch der Blick im Moment des Erkennens der eigenen Fehlstellung ist immer der glei che – Mund halb geöffnet, die Augen panisch auf die rechte Seite der Rolltreppe gerichtet, um einen Platz zum Ausweichen zu finden.

Immerhin, die Wiener Linien muss man in all diesen Fällen wohl von jeglicher Schuld entlasten. Denn die stehenden Hindernisse gab es schon immer. Zumindest lange, bevor es durch die Lautsprecher der U-Bahn-Stationen hallte: „Bitte zurückbleiben!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.10.2010)

Lassen Sie mich zuerst meinen Wählern danken!

Können wir uns bitte auf ein paar Sätze einigen, die wir bei jedem Gespräch voraussetzen, ohne dass sie explizit ausgesprochen werden müssen? Gerade nach einer geschlagenen Wahl könnte man so viel an sinnvollerer Gesprächszeit retten, würde nicht jeder Interviewpartner auf eine Frage des Moderators diese unerträgliche Phrase anstimmen: „Lassen Sie mich mich zuerst bei allen Wählerinnen und Wählern für ihr Vertrauen bedanken!“ Ja, ist schon recht, aber können wir bitte endlich zum Punkt kommen! Ähnlich verhält es sich bei Gesprächen mit Spitzenköchen, die man nach dem Geheimnis ihrer Kochkunst fragt – da interessiert es einfach nicht, zum hundertsten Mal zu hören, dass es besonders „auf beste Zutaten“, womöglich „saisonal“ und „aus regionalem Anbau“ ankommt. Und  liebe Fußballspieler und -trainer: Wir nehmen zur Kenntnis, dass jedes Spiel ein, wenn schon nicht korrekt „schwieriges“, so doch ein „schweres“ ist. Es erübrigt sich somit dieser Hinweis vor jeder Partie. Bitte.

Aber zurück zur Politik. Die Feststellung, dass es „mündige Bürger“ waren, die da zur Wahl geschritten sind, setzen wir als bekannt voraus. Demnach wollen wir ab sofort zu diesem Thema nur noch etwas hören, wenn jemand das Gegenteil behauptet. Auch, dass jedes Wahlergebnis als „Auftrag der Wähler“ verstanden wird, nehmen wir als Wahrheit hin – ob es nun stimmt oder nicht. „Wir werden in den zuständigen Gremien darüber beraten“ sollte sofort mit einer Verwarnung für den Funktionär sanktioniert werden, der sich bei der Frage nach den Konsequenzen des Ergebnisses hinter dieser Hohlphrase versteckt. Besonders, wenn darauf ein „Wir werden zu einer guten Lösung kommen“ folgt. Gut, und bevor ich diese Kolumne beende, möchte ich noch gern meinen Leserinnen und Lesern danken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.10.2010)

Selbstgesprächsbasis, die muss passen

Interessante Selbstgespräche setzen einen klugen Gesprächspartner voraus. Ist das der Fall, sollte die Wahl des Selbstgesprächsthemas kein großes Problem sein. Doch was tun, wenn die Selbstgesprächsbasis abhandenkommt? Das kann durchaus vorkommen, vor allem bei jenem Menschenschlag, der immer das letzte Wort haben will. Eines vorweg – gegen die Wand reden ist keine brauchbare Alternative. Vielmehr sollte man sich bemühen, das Selbstgesprächsklima wiederherzustellen.

Das beginnt schon damit, dass man tatsächlich sagt, was man denkt. Denn an  diesem Mangel an Selbstgesprächskultur scheitert es allzu oft. Selbstgespräche gelingen einfach besser, wenn man sich vorher ein wenig reinen Wein einschenkt. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass ein gutes Selbstgespräch ungefähr zur Hälfte aus Zuhören besteht – ein Faktum, das vor allem bei Telefonselbstgesprächen enorm wichtig ist.

Bei persönlichen Selbstgesprächen kann es auch hilfreich sein, die Atmosphäre ein wenig aufzulockern, etwa, indem man Getränke oder kleine Snacks serviert. Auch ein freundliches Lächeln und Blickkontakt trägt einiges zu einer guten Selbstgesprächsatmosphäre bei. Hilft das alles nichts, kann es sinnvoll sein, einen Selbstgesprächsmoderator zu engagieren, der die Selbstgesprächssteuerung übernimmt. Und schließlich sollte man auch berücksichtigen, was das Gegenüber hören will. Schimpfkanonaden, Beleidigungen und dergleichen gehören wohl eher nicht dazu – damit würgt man ein Selbstgespräch sehr schnell ab. Auch Moralpredigten sollte man tunlichst unterlassen. Und man sollte darauf achten, dass der Kreis der Selbstgesprächspartner nicht zu groß wird – denn je größer die Runde, desto eckiger die Selbstgespräche.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.09.2010)

Ich bekomme bitte dasselbe

An der Feinkosttheke entblößt jeder Einkäufer sein Innerstes. Stellt er vor Mengenangabe und Wurstsorte ein „Ich hätte gern“, handelt es sich um den höflichen Träumer, der den Wurstfachverkäufer mit seiner Bestellung auf gar keinen Fall unter Druck setzen will. Immer noch äußerst zuvorkommend und freundlich, wenn auch etwas bestimmter, ist die „Kann ich bitte haben“-Gruppe. Statt darauf zu hoffen, dass das Gegenüber auf bloße Nennung eines inneren Wunsches mit dem Aufschneiden der Wurstwaren beginnt, wird hier direkt auf das gewünschte Verhalten des Verkäufers Bezug genommen. Immerhin wird ihm aber so noch die theoretische Möglichkeit gelassen, mit einem Nein zu antworten.

In Österreich begegnen wir aber einer dritten Spezies, die den armen Wurstfachverkäufer rhetorisch zum willenlosen Vollstrecker des Schicksals  degradiert. „Ich bekomme“ nimmt mit einem fast schon gnadenlosen Blick in die Zukunft vorweg, dass man als Kunde gleich zehn Deka Honigkrustenschinken in Händen halten wird. Nein, Verkäufer, du hast keine andere Wahl. Eine prophetische Gabe, die nicht sympathischer wird, wenn man sie mit „bitte“ zu relativieren versucht. Und die auch in der Ausformung „ich kriege“ nichts von ihrem zweifelhaften Nimbus einbüßt.

Spannend sind in diesem Zusammenhang übrigens Bestellvorgänge in Gaststätten – wenn einer von zwei Gästen an einem Tisch dazu neigt, sich mangels ausgeprägten eigenen Willens bei der Bestellung prinzipiell an den anderen zu halten. Vor allem dann, wenn durch eine zufällige Fügung dieser weniger Entschlossene vom Kellner als Erster fragend angeblickt wird. Und aus lauter Gewohnheit unsicher vor sich hin stammelt: „Ich bekomme bitte dasselbe!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.08.2010)

Sieben Stunden Eier kochen

Wie möchten Sie Ihr Ei? Abgesehen von Spaßvögeln, die auf diese Frage des Kellners mit „flott“ antworten, hat man in der Regel eine Vorstellung davon, in welcher Konsistenz man Eidotter und Eiweiß am liebsten aus der Schale löffelt. Dabei werden oft die Kochzeiten als Richtwert angegeben – am geflügeltesten ist dabei das „Drei-Minuten-Ei“, das häufig als die höchste Vollendung gepriesen wird. Soll so sein, bleibt nur die Frage, wie lange ein Ei gekocht werden muss, um ein Drei-Minuten-Ei zu sein. Schließlich stammt diese Regel aus einer Zeit, als Eier noch wesentlich kleiner waren als heute. Ein XXL-Ei aus dem Supermarkt würde da maximal vor Lachen ins Stocken kommen.

Der Physiker Werner Gruber hat dazu eine Formel aufgestellt, in die unter anderem der mittlere Durchmesser des Eis, die Temperatur des Eis vor dem Kochvorgang, die gewünschte Innentemperatur und einige weitere Faktoren einfließen. Zugegeben, in der Frühstückspraxis eher unbrauchbar. Darum rät er einfach zu einem Mittelwert zwischen fünf und sechs Minuten. Na also, geht ja.

Fünf bis sechs Minuten wollte ein alter Freund kürzlich zwei Eier kochen. Allein, er war dabei ein wenig in Eile, musste dringend fort – und wurde spät abends von einer lavaartigen Masse aus der Unterwelt empfangen, die auf seinem Herd blubberte. Als hätte sich das Tor zur Hölle im Eierkochtopf aufgetan – und Luzifer klopfte mit seinem Dreizack schon an den Topfboden. Ein Hauch von Schwefel lag in der Luft, der auch für eine ganze Woche nicht mehr entweichen wollte. „Wie möchten Sie Ihr Ei?“ würde der Teufel fragen. Drei Minuten? Kinderkram! Lassen Sie es sieben Stunden kochen! Bleibt die Frage, wie die Chinesen ihre 1000-jährigen Eier zubereiten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.08.2010)

Ja, nein, aber generell

Die kürzesten Wörter erfordern das meiste Nachdenken – nämlich „ja“ und „nein“. Daher mögen wir Entscheidungsfragen auch nicht, schließlich kann man sich um deren eindeutige Beantwortung nicht so einfach herummanövrieren. Und doch haben wir mittlerweile ein Instrumentarium entwickelt, das uns eine eindeutige Festlegung erspart. Ein Klassiker darunter ist die absolute Killerphrase: „Das kann man so nicht sagen!“ Nicht nur, dass man damit die Last abschüttelt, sich in eine Richtung outen zu müssen, wird dem Fragenden auch noch subtil unterstellt, dass er nicht die nötige geistige Kompetenz hat, die richtigen Fragen zu stellen. Vielleicht noch garniert mit einem Goethe-Zitat: „Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen, Bussibär!“ (Ok, das letzte Wort war nicht original von Goethe . . .)

Man kann das natürlich auch auf andere Arten sagen, etwa: „Ich weiche nicht aus, ich habe nur Probleme mit der Fragestellung.“ Aber oft reicht es uns einfach schon, ein paar Sekunden Zeit zu gewinnen. „Wie meinst du das genau?“ Dann liegt der Ball wieder beim Gegenüber, und man hat die nötige Zeit, um sich Gedanken zu machen, wie man sich möglichst nachhaltig aus der Affäre ziehen kann. Sehr beliebt, um Zeit für die innere Sammlung zu gewinnen, ist seit einiger Zeit die paradoxe Antwort – „ja, nein . . .“. Dieses Stilmittel ist so erfolgreich, dass es mittlerweile sogar bei Alternativfragen eingesetzt wird: „Willst du nun oder willst du nicht?“ „Ja, nein, blabla . . .“

Und dann gibt es da noch die Kombination aus der wohl fürchterlichsten Entscheidungsfrage menschlichen Zusammenlebens „Soll ich irgendetwas mitbringen?“ und der abgelutschtesten Antwort: „Nur gute Laune!“ Ich sage dann meist den Besuch ab.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.08.2010)

(c) Anna Burghardt

Klare Antwort. Wie war noch mal die Frage?

Husten, wir haben ein Problem

Die meisten Menschen, die unter Husten leiden, gehen nicht zum Arzt. Sie gehen ins Theater. An wohl keinem anderen Ort der Welt reinigen derart viele Menschen lautstark ihre Atemwege. Umgekehrt scheint das Raumklima im Zuschauerraum eine äußerst heilsame Wirkung auf verstopfte Nasen zu haben – denn nur äußerst selten wird die gespannte Stille vor einem dramatischen Höhepunkt von einem Niesanfall durchbrochen. Was daran liegen könnte, dass dann reflexartig das Publikum inklusive Ensemble kollektiv „Gesundheit“ ausrufen würde. Und derart bloßstellen lassen, dass nicht nur die Nase vor Scham errötet, will man sich dann doch nicht. Ein solcher Wunsch zur Genesung ist dem Hustenden allerdings völlig fremd. Gerade einmal bei Kindern wird es mit einem liebevollen „Kutz Kutz“ kommentiert. Im höheren Alter bekommt man im schlimmsten Fall mit der flachen Hand einen Schlag auf den Rücken. „Danke, reizend“, möchte man dann gerne sagen – nicht, dass der Hustenreiz deswegen nachließe.

Aber es muss ja nicht immer gleich echter Husten sein. Auch sein kleiner Bruder, das Räuspern, ist allzu häufig zu Gast im Auditorium. Am liebsten würde man all die im Theater versammelten Räusperer in Frösche verwandeln – schließlich können sie dann keinen Frosch mehr im Hals haben, oder?

So sitzt man am Ende verzweifelt am Rang und lauscht all dem Husten, Krächzen und den Fröschen, die die Geschehnisse auf der Bühne übertönen, und malt sich aus, welchem Dialog man wohl lauschen könnte, würden all die kranken Menschen einen Doktor aufsuchen: „Ihr Husten hört sich ja schon viel besser an“, würde der Arzt sagen. „Kein Wunder“, käme die Antwort, „ich übe ja auch Tag und Nacht!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.08.2010)

Kleine Erniedrigung für Urlauber

Als Bewohner eines Landes, das zu einem Gutteil von Tourismus lebt, sollte man ausländische Gäste ja nicht vergraulen. Umgekehrt erwartet man aber auch, dass sich die Besucher so manche kleine Spitze sparen. Wird man etwa von einer kleinen Gruppe von Italienern angesprochen, die auf Englisch nach dem Weg radebrecht – und man kramt stolz aus dem Gedächtnis die schon in der Volksschule gelernten Wegbeschreibungen -, dann will man nach der langen Litanei, wie man denn nun zum Schloss Schönbrunn komme, genau einen Satz nicht hören: „Do you speak English?“

Fast bereut man in so einem Moment, dass man der Gruppe den richtigen Weg nach Hietzing gewiesen und sie nicht mit der U1 zur  Station Aderklaaer Straße geschickt hat. Einen viel öderen Ort in Wien gibt es bekanntlich nicht. Wobei, Gemeinheiten wie diese sollen gar nicht so selten sein. Zumindest geht das Gerücht, dass manche Gruppe von Pauschalreisenden, die Wien per Bus erkundet, gar nicht zum größten Wahrzeichen selbst vordringt, sondern kurz vor der Votivkirche abgeladen wird – um dort den berühmten Stephansdom zu fotografieren. Sieht doch nicht viel anders aus als auf dem Packerl Manner Schnitten. Mokieren sich dann doch ein paar Aufmüpfige, dass der Dom laut Reiseführer nur einen Turm hat, kann man sie ja auf einen Sprung beim Rathaus vorbeiführen. So, ein Turm. Noch was? Im Supermarkt besorgen wir dann Semmeln, gefüllt mit zehn Deka Polnischer – die preisen wir als das wundervolle Wiener Schnitzel an. Und am Ende schicken wir die Gruppe in ein Konzert, bei dem Musikstudenten in barocken Kostümen ein bisschen Mozart spielen, und verkaufen sie als Philharmoniker. So, und jetzt soll noch einer fragen, ob ich Englisch spreche.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.08.2010)