Die Rache der Wiederkäuer an ihren Verspeisern

Das Karma taucht oft an ungewohnten Orten auf, etwa in den Zwischenräumen Ihrer Zähne.

Karma ist ein Hund. Eine Quittung, welcher eigenen Untat man zu verdanken hat, dass etwas danebengegangen ist, wird in der Regel nicht ausgestellt. Bei geringfügigen Vergehen ließe sich noch argumentieren, dass sie von der schiedsgebenden göttlichen Instanz sofort geahndet werden, wie es im Volksmund per schadenfrohem Bonmot weitertradiert wird. In anderen Fällen wiederum schlägt es zu einer Zeit zu, in der längst jeder Gedanke an die vergangene Schandtat dahin ist. Und in einem Zusammenhang, der sich auch nicht mehr erschließen lässt, wenn man nicht mit Räucherkerzen und Gläserrücken einen herbeibeschwört.

Umso schöner ist es, wenn es eine logisch herleitbare Erklärung gibt, die beim Sündenfall auch sofort eintritt. Rinder, zum Beispiel, piesacken ihre Verspeiser damit, dass sie sich an deren Zähnen festkrallen, in den Zwischenräumen ihr Lager aufschlagen, um hier noch einmal ein klein wenig Rache zu üben. Kleine Guerillatrupps aus Fleischfasern nötigen dann dem Karmageschädigten ein entwürdigendes Verhalten auf. Wenn er dann versucht, mit Zunge und Kieferyoga den Eindringling aus den Zwischenräumen zu pulen, und damit selbst wie ein Wiederkäuer wirkt. Es ist die solipsistische Version des freundlichen „Sie haben da etwas zwischen den Zähnen“ des Tischgegenübers. Nur, dass die Person am anderen Ende nichts sieht, schließlich sind Backenzähne in der Regel am Anlächeln zwischen zwei Gängen nicht beteiligt. Dafür gibt es Zungenakrobatik, einen nervösen Blick und je nach Örtlichkeit vielleicht irgendwann den Griff zum Zahnstocher. Irgendwann hat das Rind von dem entwürdigenden Spaß aber genug, strebt in eine höhere Daseinsstufe und lässt die Fasern los.

Aber glauben Sie nicht, dass das Rindvieh das einzige Lebewesen ist, das per Karma zurückschlägt. Auch Spinat kann in dieser Hinsicht ein richtiger Hund sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.03.2016)

Leute, die „Weit haben wir’s gebracht“ sagen

Wie weit ist weit von vorher entfernt, wo liegt das genau, und wer ist überhaupt mit wir gemeint?

„Weit haben wir’s gebracht.“ Da stellen Leute diverse Bilder, Filme oder Artikel auf ein soziales Medium ihrer Wahl und kommentieren es mit einem lapidaren „Weit haben wir’s gebracht!“ Ein Satz, der Zivilisationskritik sein soll, aber doch nur ein Rückgriff ist auf eine verklärte Vergangenheit, vergleichbar mit dem „Früher war alles besser“ oder dem „Damals hätt’s das nicht gegeben“. Es ist das zu Worten gewordene Klopfen mit dem Besenstiel an die Decke, weil von oben Schritte zu hören sind. Ein Verhalten, das sich mittlerweile aufgehört hat, oder? Vielleicht, weil moderne Haushaltstechnik die unsachgemäße Nutzung des Geräts hintanhält – versuchen Sie einmal, einen Staubsauger so hoch zu heben, dass man damit auf den Plafond klopfen kann. Wobei die Jugend heute vermutlich nicht einmal mehr weiß, was ein Plafond ist. Weit haben wir’s gebracht.

Vermutlich hat es auch gar keinen Sinn mehr, heutzutage von einem Fauteuil zu sprechen. Ausgesprochen wurde das gepolsterte Sitzmöbel mit Armlehnen früher zwar auch nur bedingt richtig, doch man wusste zumindest noch, was man sich unter dem Fotell vorzustellen hatte. Aber heutzutage, mon dieu! Da fragt man sich schon, wie weit man es gebracht hat und wie weit weit eigentlich ist. Denn die Distanz ist auf der sprachlichen Möbiusschleife nur bedingt korrekt zu messen, schließlich ist nicht klar, ob die Entfernung zwischen dem „Weit“, wo wir es gerade hingebracht haben, und dem, wo wir vorher waren (nah?), so einfach in Zentimetern angegeben werden kann. Und wer weiß, vielleicht wurde man dabei sogar schon vom Weit-Gebrachten überrundet. Wenigstens über das verbindende „Wir“ herrscht keine Diskussion – das Weit-zu-etwas-Gebrachte war eine gemeinschaftliche Leistung von uns allen. Es sei denn natürlich, das „Wir“ ist in Wirklichkeit ein pikiertes „Ihr“. Ist das womöglich so? Wo kommen wir denn da hin?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.03.2016)

Leute, die am Ende eines Satzes drei Punkte machen

Auslassungspunkte am Satzende häufen sich. Und es ist fraglich, ob man das gut finden soll . . .

Machen wir einen Punkt. Wenn man sich selbst dabei ertappt, dass man am Ende eines Satzes gern drei Punkte macht, bleibt schließlich einiges offen. Dass man nämlich davor zurückschreckt, etwas auszusprechen – oder eher auszuschreiben. Und mit den drei Punkten am Ende rettet man sich darüber hinweg – denn dadurch bleibt offen, wie etwas gemeint ist. Sie sind nicht so absolut wie der Punkt. Nicht so aggressiv wie ein Rufzeichen. Nein, die drei Punkte sind wie das Hochziehen der Schultern mit dem Du-weißt-schon-Blick und dem Verdrehen der Augen nach oben. Wie ein tja, das übrigens auch aus drei Zeichen besteht und das alles und nichts sagt. Es ist jedenfalls ein ruhiger Gegenentwurf zum derzeit so gefragten aufgeregten Aneinanderreihen von Rufzeichen, als klemmte gerade eine Taste. Wenig verwunderlich, dass die drei Punkte auch Auslassungspunkte genannt werden. Um schlimme Wörter nicht in den verschriftlichten Mund nehmen zu müssen („Scher dich zum . . .“), um ein langes Zitat mittendrin zu verkürzen („Land der Berge [. . .] Österreich“) oder um in einer Aufzählung nicht alles aufzählen zu müssen, also anstelle von usw, etc. pp., . . . Und schließlich eben auch noch dieses gewollte Offenlassen, das mit zuckenden Schultern die Leser dazu bringt, sich selbst ein paar Gedanken dazu zu machen.

Bei inflationärer Verwendung der drei Punkte am Ende bleibt in jedem Fall ein schaler Nachgeschmack . . . Und genau den sollte man vermeiden. Es böte sich also an, Satzenden wieder etwas bestimmter werden zu lassen. Vielleicht mit einem Doppelpunkt, nach dem nichts kommt . . . Der wäre allerdings ähnlich gemein wie ein Teaser für das WM-Finale mit anschließendem Stromausfall. Er weckt Erwartungen und endet im Nichts. Reichlich unbefriedigend, das . . . Aber damit müssen Sie jetzt leben:

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.02.2016)

Gib jemandem langsames Internet und dann warte

Durch nichts erfährt man mehr über den Charakter eines Menschen als bei quälend langsamem WLAN.

Wenn Sie etwas über den Charakter eines Menschen erfahren wollen, geben Sie ihm eine langsame Internetverbindung. Hätte es zu Zeiten von Konfuzius schon Internet gegeben, hätte man vor diesen weisen Satz auch ein „Konfuzius sagt“ stellen können, so viel Wahrheit steckt darin. Erschwerend können Sie noch eine zusätzliche Aufgabe damit verknüpfen, etwa einen Flug zu buchen. Wenn Sie dann lang genug am Fluss sitzen, sehen Sie irgendwann die Leiche Ihres Feindes vorbeischwimmen, um mit einem weiteren chinesischen Sprichwort fortzufahren. Gut, es muss nicht unbedingt ein Feind sein, und den Tod will man auch niemandem wünschen, aber im übertragenen Sinn kann man mit einer solchen Aufgabenstellung jemanden in den Wahnsinn treiben, ohne dass man sich selbst dabei wahnsinnig anstrengen muss.

Spätestens dann, wenn der Proband schon so ärgerlich ist, dass er am liebsten IN VERSALIEN SPRECHEN würde, sollte der Versuchsaufbau aber beendet werden. Dann hatte man ja schon seinen Spaß beim Beobachten. Wie die Augen sich weiten, die gerade noch lockere Hand sich immer mehr zusammenballt. Und der Mensch am Computer von Minute zu Minute auf der nach unten offenen Frustskala weiter hinabklettert. Viel lässt sich dabei herausfinden. Ob die Person ein Sanguiniker ist, der trotz allem locker bleibt. Ein Phlegmatiker, der irgendwann die Aufgabe zur Seite legt. Ein Melancholiker, der den Kopf traurig auf seine Hände stützt. Oder ein Choleriker, der die Tasten des Rechners am Ende wie ein Schlagzeug bearbeitet. Und abgesehen davon findet man auch etwas über sich selbst heraus: Wer sich am Unglück anderer weidet, wird irgendwann auch eine schlechte Internetverbindung haben. Hätte Konfuzius sicher gesagt – wenn sein WLAN damals nicht auch so verdammt langsam gewesen wäre.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.02.2016)

Schreiben wir das schöne Wetter in die Verfassung

Die Meteorologen sollen mit eisernem Besen den Himmel wieder lückenlos aufklären.

Es ist schon so oft darüber geschrieben worden, dass Menschen gern über das Wetter jammern, dass man das wirklich nicht noch einmal aufwärmen muss (das Thema, nicht das Wetter). Noch dazu, wo es ja eine ganz einfache Möglichkeit gäbe, schlechtes Wetter einfach abzuschaffen. Man müsste es nur in die Verfassung schreiben, vielleicht eingeleitet mit den Worten „Liebes Christkind“. Und schon würde das Wetter an den Grenzen der Republik innehalten, sich der Verwaltungsübertretung besinnen, die es mit einem Grenzübertritt begehen würde, und das mitgebrachte Adriatief ganz einfach über Slowenien abladen, ehe es sich mit sonnigem Lächeln ins Land wagt. Parallel dazu müsste man natürlich noch die Strafen für schlechtes Wetter erhöhen, falls es sich doch einmal überlegen sollte, mit dunklen Wolken und Schneeregen im Gepäck einreisen zu wollen. Die Aussicht auf eine hohe Geldstrafe oder gar ein paar Wochen Dunkelhaft wird jeden eisigen Nordostwind zweimal überlegen lassen, ob er sich drübertraut.

Allerdings wenden Kritiker ein, dass man das schlechte Wetter nicht auf nationaler Ebene lösen wird können. Hier müsse schon dort angesetzt werden, wo das Wetter entsteht. Ein Islandtief also schon abfangen, ehe es sich in Bewegung setzt. Dafür Anreize setzen, dass das Azorenhoch öfter vorbeischaut. Wetter braucht Kontrolle, das könnte auch das Versprechen sein, mit dem sich ein Wahlkampf erfolgreich bestreiten ließe. Es muss endlich einmal gearbeitet werden, müsste man den Meteorologen dann entgegenschmettern, die sich in ihrer Rolle als Verkünder so gut gefallen, aber nie über ihren Schatten springen und tatsächlich eingreifen. Die Menschen haben ein Recht auf schönes Wetter. Mit eisernem Besen sollten all die Wetterfritzen die schwarzen Wolken vom Himmel fegen, bis er lückenlos aufgeklärt ist. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.02.2016)

Bitte halten Sie zum Zahlen einen Sack Münzen bereit

Wenn das Team Kartenzahlung von einem Fahrkartenautomaten schachmatt gesetzt wird.

Liebes Team Bargeld, ein bisschen nostalgisches Festhalten an alten Gewohnheiten ist ja in Ordnung. Etwa daran, an der Kassa im Supermarkt eine Minute lang nach den passenden Cent-Münzen zu kramen – und umgekehrt die Augen zu verdrehen, wenn jemand vor einem mit Karte zahlen will. Auch das Sparschwein daheim, in das alle paar Tage einige hundert Kupfermünzen wandern, ist ein unverzichtbares Kleinod der heimischen Wohnungsarchitektur. Im Oktober kann man sich auch den Sonntagsanzug überziehen und das Porzellantier zum Weltspartag wieder feierlich äußerln führen. Es gilt die freie Wahl, und das ist auch gut so.

Ungut wird es erst, wenn das Team Kartenzahlung schachmatt gesetzt wird. Wenn man etwa an einer Haltestelle in Köln ein Ticket kaufen möchte. Da gibt es zwar einen Schlitz für Kartenzahlung, doch weder Kreditkarte noch EC-Karte (das ist die, bei der Österreicher sagen, sie zahlen mit Bankomat) werden akzeptiert. Nur eine sogenannte Geldkarte – die man als Besucher in Deutschland natürlich nicht hat. Auch gefiel es dem Verkehrsbetrieb, auf einen Schlitz für Geldscheine zu verzichten. Und so müssen die 8,50 Euro für ein Tagesticket eben in Münzen herangekarrt werden. Was zu einem weiteren nostalgischen Verhalten führt – im nächsten Geschäft eine Kleinigkeit kaufen, die man nicht braucht, mit einem großen Schein zahlen und bitten, dass man das Wechselgeld in Münzen bekommt. Mit einem Schokoriegel und einem scheppernden Sack geht es dann wieder zum Automaten, liebes Team Bargeld. „Das ist eben so“, sagt der Kontrolleur in der U-Bahn.

Der Fairness halber – es gibt offenbar eine Möglichkeit, sich per Handy online zu registrieren, um ein Ticket zu kaufen, wie man Tage später feststellt. Aber gestehen Sie bitte auch dem Team Kartenzahlung ein bisschen nostalgisches Festhalten an alten Gewohnheiten zu.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.02.2016)

Mal dir Punkte auf die Zehen und spiel damit Domino

Kann man Langeweile messen? Und wie fad muss einem sein, darüber überhaupt nachzudenken?

Wie fad muss einem sein, kam unlängst als Reaktion auf eine Kolumne. Eine Frage, die einen natürlich beschäftigt. Denn wie genau misst man eigentlich Langeweile? Im Koordinatensystem mit Zeit auf der einen und produktiver Untätigkeit auf der anderen Achse? Lässt sich daraus ein Faditätskoeeffizient berechnen, mit dem man eine klar definierte Auskunft zu der einleitend geäußerten Frage geben kann? („In diesem Fall war mir übrigens 8,73 fad auf der nach oben offenen Schwunglosigkeits-Skala!“) Oder ist Fadesse royale nicht eher in Form einer Möbiusschleife angelegt, in der man seine Gedanken einfach mal ziellos herumstreifen lässt? Nur Vorsicht, da treffen dann Langeweile und Muße aufeinander, die zwar wesensverwandt, jedoch gesellschaftlich doch unterschiedlich konnotiert sind. Außerdem wird die Frage, um welchen Zustand es sich gerade handelt, je nach Innen- oder Außensicht unterschiedlich ausfallen. Aber ja, natürlich gibt es dieses Empfinden von Leere beim Verstreichen der Zeit.

Im Kindesalter mündet das dann in die Aussage „mir ist fad“ (das a sehr lang gedehnt). Das erzwungene oder mangels Ideen zustandekommende Nichtstun, in dem noch dazu die Motivation nicht groß genug ist, aktiv etwas an diesem Zustand zu ändern, wird missmutig in die Welt hinausposaunt. Eine beliebte großelterliche Antwort darauf, um wieder im Kindheitsarchiv zu graben, war dann: „Mal dir Punkte auf die Zehen und spiel damit Domino!“ Damit konnte das Gehirn gelegentlich soweit angeworfen werden („aber das geht ja gar nicht . . .“), dass es das Gefühl der Langeweile wieder in einem Bereich weiter hinten ablegte. Nur leider lässt sich das nicht beliebig oft reproduzieren. Was ja eine Motivation sein kann, sich ähnlich hilfreiche Meldungen zur Vertreibung von Langeweile einfallen zu lassen. Aber zugegeben, da muss einem schon sehr fad sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.02.2016)

Da Hallo ist schon gestorben, liegt neben dem Heast

Der Verblichene steht in einem Regal mit gefüllten Paprika, aber das kennt heute kaum mehr jemand.

Einander mit dem Namen eines Toten zu begrüßen hat schon etwas Unheimliches. Es sei denn, er wäre wieder auferstanden. Was er offenbar auch ist, der Hallo, schließlich begegnet man ihm mehrmals täglich. An der Kassa im Supermarkt, beim Annehmen eines Telefongesprächs oder beim Betreten eines Geschäfts, in dem gerade kein Verkäufer zu sehen ist („Hallo? Ist da jemand?“). Dabei haben wir doch seinerzeit gelernt: „Da Hallo ist schon gestorben.“ So hieß es damals zumindest, meist aus den Mündern der Großelterngeneration, verbunden mit dem Hinweis, dass der Verblichene auf dem Friedhof neben dem Heast zur Ruhe gebettet wurde. Und auch dem He gehe es schon ganz schlecht.

Nun, vom größten Comeback seit Lazarus zu sprechen wäre dennoch vermessen. Denn abgesehen von der großelterlichen Zurechtweisung war der Hallo ja nie weg. Auch darf man den alten Spruch nicht als beinharten Abwehrkampf gegen die Verluderung der deutschen Sprache begreifen, sondern als klassischen Griff ins Schenkelklopferrepertoire. Ähnlich wie auch die Antwort auf die Frage der Kinder, was es zu essen gibt – „g’füllte Nauscherl und ‚backene Trutschkerln“, nämlich. Mit Ersterem wurden im alten Wien gefüllte Paprika bezeichnet, die gebackenen Trutscherln – es gibt auch die Variante Tritscherln – lassen sich dagegen nicht ganz so leicht ableiten, hat vielleicht jemand einen Vorschlag? Gemeint war mit dieser großelterlichen Phrase aber ohnehin ein kopftätschelndes „Frag nicht, Kind, gegessen wird, was auf den Tisch kommt“.

Die wiederkehrenden Sprüche waren aber nicht nur ein Vorrecht der Älteren. Auch die Kinder entdeckten ihre Durchschlagskraft in der Konversation. Wenn die Großmutter etwa mit einem „Grüß Gott schön“ die Wohnung betrat und man freudestrahlend und kichernd brüllte: „Danke, ich werde es ihm ausrichten.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.01.2016)

Auch stilles Wasser macht beim Einschenken Lärm

Über klassische Einwegkommunikation in einsamen Stunden.

Allzu gesprächig ist Wasser ja an sich schon nicht. In einsamen Stunden einen Dialog mit einem gefüllten Glas zu beginnen, endet dann doch in klassischer Einwegkommunikation. Hätte man sich halt vorher überlegen müssen, ehe man zum stillen Wasser gegriffen hat. Wobei auch das gesprächige Wasser nur bedingt als Partner sozialer Interaktion dient. Viel mehr als ein beständiges leises Blubbern bekommt man auch aus einer Flasche mit Kohlensäure nicht heraus. Und selbst sie lässt sich rasch wieder zum Schweigen bringen, indem einfach der Schraubverschluss wieder zugedreht wird. Auch das nicht stille Wasser kann also bedenkenlos auf den Nachttisch gestellt werden, ohne dass man Angst haben muss, durch einen plötzlichen Redeschwall von ihm geweckt zu werden. Viel zu erzählen hätte es ja wahrscheinlich, hat es ja je nach Herkunft schon einiges gesehen, ist durch Wolken geflogen, womöglich halb erfroren auf einem Berg gelandet und hat sich dann zum Aufwärmen wieder nach unten verzogen. Doch vermutlich dauert es einige Zeit, all das Erlebte zu verarbeiten, um es auch anderen weitergeben zu können. Doch noch bevor das passiert, ist es auch schon getrunken. Tja.

Überhaupt sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn auch stilles Wasser kann laut sein. Es blubbert sogar ganz gewaltig beim Einschenken, wenn man es nur schnell genug macht. Dann ist es allerdings wieder still. Und müsste dem Sprichwort zufolge dann auch tief sein, aber in einem Viertelliterglas ist das doch eine ziemlich gewagte Behauptung. Und jeder weitere Versuch, die Flüssigkeit zum Reden zu bringen, ist ein Schlag ins Wasser. Wobei, eine Möglichkeit gibt es schon noch, indem man es heiß macht – hallo Baby, soll ich dir meinen Wasserkocher zeigen? Doch selbst dann ist nicht viel mehr drin als sinnloses Geblubber, von einem Gespräch ist keine Rede. Naja, es kocht halt auch nur mit Wasser.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.01.2016)

Männer, die ihr Sakko über die Schultern hängen

Das majestätische Gefühl eines Umhangs stellt sich nicht ein, wenn die Ärmel hilflos herumbaumeln.

„I would do anything for love (but I won’t do that)“, sang Meat Loaf. Aber halten wir uns nicht mit dem schwülstigen ersten Teil auf, sondern lenken unsere Aufmerksamkeit gleich auf die Worte in der Klammer. Diese sollten nämlich viel öfter beachtet werden. Nein, das mache ich einfach nicht. Unmoralische Angebote annehmen, zum Beispiel. Oder sich zum Gaudium anderer zum Trottel machen. Es braucht manchmal Mut, Nein zu sagen. Und natürlich ist es hilfreich, ein Gerüst an Grundwerten aufgebaut zu haben, auf dessen Basis man ein Nein guten Gewissens stellen kann. Womit wir bei einem weiteren wichtigen Begriff landen, nämlich der Haltung. Sie leidet nämlich gewaltig, wenn Männer ihr Sakko über die Schultern hängen. Und nein, damit ist nicht die politisch inszenierte Form von Dynamik gemeint, wenn jemand den Zeigefinger in die Schlaufe steckt und das Jackett auf einer Seite des Rückens herabsinken lässt. Gemeint ist jene Körperhaltung, bei der das Sakko über beiden Schultern hängt, die Arme jedoch nicht in den Ärmeln stecken, sondern vorn herauslugen. „I won’t do that (at least I shouldn’t)“, könnte das dazugehörige Lied auf dem neuen Meat-Loaf-Album heißen. (Meat Loaf kennt man heute schon noch, oder?)

Zugegeben, im Winter taucht diese modische Extravaganz nur selten auf. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt, und dann soll kein Mann sagen, dass er nicht gewarnt wurde. Davor, dass die Proportionen dann nicht passen, die losen Ärmel hilflos herumbaumeln und sich das majestätische Gefühl eines Umhangs bei sämtlichen Beobachtern nicht und nicht einstellen will. Doch damit genug der Stilkunde aus dem Munde eines modischen Blindgängers, der schon selbst seine „I won’t do that“-Momente gehabt haben sollte. Aber wer noch nie ein Meat-Loaf-T-Shirt über einem hellblauen Sweater getragen hat, der werfe den ersten Stein . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.01.2016)