Schön, Sie wiederzusehen. Aber wer sind Sie eigentlich?

Die Beschäftigung mit dem Phänomen des Déjà-vu führt regelmäßig zu einem Déjà-vu, dass nämlich dieses Thema schon so oft zerredet und diskutiert wurde, dass man es eben nicht noch einmal sehen will. In der Regel viel bedeutungsvoller ist ja ohnehin das Gegenteil – nämlich das Jamais-vu. Das ist Französisch – jene Sprache, die man im Alltag trotz der fünf Jahre Unterricht oft tatsächlich so beherrscht, als hätte man noch nie davon gehört. Aber das ist ein anderes Thema. Übersetzt steht das Phänomen jedenfalls für „niemals gesehen“ und bezeichnet ein Ereignis, bei dem man eine Person, einen Ort oder einen Umstand – obwohl eigentlich bekannt – als völlig fremd oder neu empfindet. Was gerade im Fall einer Person sehr peinlich sein kann.

Wenn man etwa von einem Menschen euphorisch begrüßt wird, von dem man nicht einmal wusste, dass es ihn gibt. Die Person dann auch noch in allen Details schildert, wann und wo man einander kennengelernt hat. Und man womöglich auch noch erfährt, dass man sich dabei auf irgendeine Art danebenbenommen hat. Mit hochrotem Kopf laufen dann im Hinterkopf unzählige Filme ab, aber der Klick, das rettende Aha-Erlebnis bleibt aus. Bitter, das. Die harmlosere Variante ist jene, dass man eine Person kennt, mit ihr immer wieder spricht – und keine Ahnung hat, wie sie heißt. Was spätestens dann unangenehm wird, wenn eine dritte Person dazukommt, und man die beiden einander vorstellen sollte. Im Zweifel bleibt dann nur noch, so lange zu warten, bis sie das von selbst machen. Ähnlich lässt sich übrigens auch die Frage lösen, ob man nun mit jemandem, den man nicht so eindeutig zuordnen kann, per Du oder per Sie ist – einfach abwarten, bis der andere einen direkt anspricht, dazwischen schön allgemein bleiben. Ja, ja, geht gut, und selbst?

Übrigens: Das Geständnis „Sorry, ich habe echt keine Ahnung, wer Sie sind“ ist etwas hart. Auf Französisch dagegen klingt es gleich nicht mehr wie ein Schuldeingeständnis: „Mon dieu, ich habe gerade ein Jamais-vu!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.06.2014)

Deutschländisches Deutsch und haste nich‘ geseh’n

Na servus – oder na tschüss, wie es wohl auf Deutschländisch heißen muss. Hat das Bildungsministerium nun also tatsächlich eine Broschüre für die Schulen herausgebracht, in der der Unterschied zwischen österreichischem und deutschländischem (ja, das steht wirklich so drin) Deutsch erläutert wird, um Kindern den Stellenwert des österreichischen Deutsch als Nationalvarietät einer plurizentrischen Sprache näherzubringen. Da lernt man etwa, dass die Maroni in Deutschland Esskastanie oder Marone heißt – und man sie in der Schweiz mit zwei r schreibt. Oder dass die Semmel in Deutschland Brötchen genannt wird, während man in der Schweiz Brötli, Bürli oder Mutschli (!!!) sagt. Wobei zum Teil auch verallgemeinernder Unsinn zu lesen ist – denn dass sich in Österreich für das geflochtene Mohnweckerl der Begriff „Flesserl“ durchgesetzt haben soll, kann nur einem Oberösterreicher eingefallen sein. So sagt nämlich im Osten zum Mohnstriezel kein Mensch.

Trotz allem ist die Lektüre lohnend. Wenn auch so manche Redewendung, die aus dem Deutschländischen ins Österreichische geschwappt ist, nicht erwähnt wird. Wenn einem etwa bei einer Aufzählung die Worte ausgehen, wird heute anstelle des früher verbreiteten „und so weiter“ gerne ein „haste nich‘ geseh’n“ verwendet. Deutlich an Einfluss bei Aufzählungen hat auch die Phrase „Schieß mich tot“ gewonnen. Die wird immer häufiger eingesetzt, wenn jemand sagen möchte, dass er etwas nicht genau weiß, es aber eigentlich auch gar nicht darauf ankommt. Früher nahm man dafür unter anderem ein „was auch immer“, ein locker dahingesagtes „und so weiter“ oder auch das typisch österreichische „was weiß ich“ in den Mund.

Noch in österreichischen Kinderschuhen steckt hingegen ein Ausruf der Freude oder Überraschung, der aber auch ein gleichgültiges Abschwächen bedeuten kann: „Scheiß die Wand an!“ Und was, wenn sich dieser Begriff auch hierzulande durchsetzt? Nun, tausend Rosen. Oder in der urösterreichischen Kurzform: wurscht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.06.2014)

Die Bankrotterklärung des Rauchens

Es gab eine Zeit, in der Rauchen als Inbegriff der Coolness galt. Nein, man muss sich diese Zeit nicht zurückwünschen. Doch was davon übrig blieb, ist traurig: Die E-Zigarette als letzter Strohhalm.

Schaut nur, was sie mit den Rauchern gemacht haben! Da sitzen die Armen, nuckeln an einem rosa Filzstift und blasen ein bisschen Dampf in die Luft. Ja, die Nichtraucheraktivisten haben es geschafft. Sie haben die Lokale vom Qualm befreit, sie haben erreicht, dass man den Pullover nach dem Fortgehen ein zweites Mal anziehen kann, haben auf langfristige Sicht womöglich sogar die Gesundheit der Menschen im Land verbessert. Und vielleicht auch noch unzählige Menschen dazu gebracht, das Rauchen aufzugeben – weil die es leid waren, auf Flughäfen wie Tiere in gläserne Gehege gesperrt zu werden, wo sie vor dem Abflug noch einen letzten Zug nehmen konnten. Weil sie bemerkten, dass plötzlich strafende Blicke auf sie gerichtet waren, wenn sie während eines Konzerts das Feuerzeug nicht nur zum Mitschwingen bei langsamen Nummern verwendeten. Und weil sie nach ein paar Tagen ohne Zigaretten bemerkten, dass Stiegen steigen auch ohne Keuchen geht.

Aber ja, natürlich gibt es die Raucher noch. Auch in Restaurants und Lokalen. Nur, dass sie jetzt eben vor allem an Plastikstiften saugen, die sich E-Zigaretten nennen, und ein wenig Dampf in die Umgebung absondern. Wie die Raupe bei „Alice im Wunderland“ wirken sie. Nur, dass die auf einem Schwammerl saß und nie den Anspruch erhob, so etwas wie Würde auszustrahlen. Mit verbissenem Grinsen halten sie fest, dass sie hier im Lokal auch dampfen dürfen. Ein letzter Akt des Widerstands der Nikotinsüchtigen gegen die Nichtraucherlobby, wie sie es vielleicht empfinden. Allein, vom „Rebel Without a Cause“ sind sie meilenweit entfernt. Allein die Vorstellung: James Dean mit einer E-Zigarette? Nie im Leben.
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Es gab eine Zeit, in der Rauchen als Inbegriff der Coolness galt. Als der Marlboro Man für Freiheit stand. Als Lucky Luke auf nahezu jedem Bild die selbst gerollte Zigarette aus dem Mundwinkel hing. Und als man in sich selbst auch den kleinen Cowboy spürte, wenn man vor der Schule den Zigarettenstummel lässig in eine Ecke schnippte. Nun ist schon klar, diese Zeiten sind vorbei. Als Wayne McLaren, der 1976 in diversen Werbespots den Marlboro Man spielte, 1992 an Lungenkrebs starb, wusste man schon, dass es mit dem Tabak langsam bergab gehen musste. Als Lucky Luke plötzlich statt der Zigarette ein Grashalm aus dem Mund hing, brach auch die tabakgeschwängerte Westernromantik langsam zusammen. Gut, die Zigarettenwegschnipper vor der Schule gibt es immer noch. Vermutlich wird sich das aber auch noch legen.

Und nein, man muss den ehemals rauchenden Helden keine Träne nachweinen. Stimmt schon, das Pathos auf Werbeplakaten und im Kino wirkte schon recht stark. Nur war am Morgen danach, als man das bisschen Verwegenheit und Freiheit wieder schleimig aushustete, halt einfach keine Kamera dabei. Keine Kunst also, dass in der Erinnerung am Ende eher die Coolness hängen blieb.

Einatmen wie Darth Vader. Den E-Zigaretten-Rauchern von heute bleibt nicht einmal mehr die. Wie sie da an ihren Plastikstiften ziehen – als würden sie wie Darth Vader an einer Lungenmaschine hängen. Wie sie zwischendurch das Gerät aufschrauben und an den Elektrokontakten herumnesteln, weil der Akku schon wieder nicht funktioniert. Und abgesehen davon: Wie bei Nespressokapseln für den Kaffee lassen sich auch hier noch verschiedene Geschmacksrichtungen hinzufügen. Eine Zigarette mit Schoko-, Karamell- oder Erdbeeraroma. Viel mehr muss man dazu wohl nicht sagen.

Von der sozialen Komponente ganz zu schweigen. „Hast du eine Zigarette für mich?“ oder „Hast du Feuer?“ Wird schwierig – und selbst wenn: Wie attraktiv wirkt es, wenn man beim Sitznachbarn nachfragt, ob man sich einmal kurz das USB-Kabel ausleihen kann, um den Akku wieder vollzukriegen? Da wird das ehemals Erhabene zur Parodie. Wird der Dampfer zum technikabhängigen Nerd, der ohne Reservestrom hilflos zu zappeln beginnt. Was soll denn das für ein Lebensgefühl sein?

Ja, vielleicht passt es zur Generation Handy. Wo parallel zu Gesprächen im Lokal auch noch SMS geschrieben oder gechattet wird. Und wo zwischendurch immer wieder kurz Panik ausbricht, wenn der Akku langsam nach Ladung zu lechzen beginnt. Wo das Mobiltelefon fast schon ein integraler Bestandteil des Körpers ist, ohne den ein Leben nicht mehr vorstellbar scheint. Nur, ein Handy ist eben ein Handy. Und ein Verdampfer eben nur ein bunter Stift, den man in den Mund steckt und daran zieht.

Langzeitfolgen. Ja, vermutlich sind die dampfenden Kugelschreiber gesünder, als es Zigaretten je waren – zumindest gilt diese Vermutung, solange es noch keine Studien zu den Langzeitfolgen gibt. Vielleicht ist es für ehemalige Raucher auch ein gangbarer Weg, sich langsam vom Tabak zu entfernen. Ein Substitut, das weniger Schaden anrichtet als das Original. Doch eines muss dabei auch klar sein: Einen Coolness-Preis gewinnt man damit jedenfalls nicht. Es ist eine Parodie des Rauchens, ein Schnappen nach aromatisierter heißer Luft aus einem Gerät, das wie eine Bankrotterklärung des Rauchens wirkt. Schaut nur, was sie aus den Rauchern gemacht haben!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.06.2014)

Alles wird gut . . . Nein, war gelogen!

So manches Gespräch ist in Wirklichkeit Einwegkommunikation. Einer spricht, der andere ist zum Zuhören verdammt. Die hörbaren Äußerungen des Zuhörers beschränken sich dann auf ein „Mhm“, das alle zwei Minuten mit einem leichten Nicken kombiniert wird – und das eine Mischung aus meditativem Selbstwachhalten und dem Gegenüber ebendiese Wachheit zu versichern darstellt. Schöpft der aktive Teil des Gesprächs Verdacht, kann er mit einer Frage abtesten, ob das Gegenüber wirklich noch in der gleichen Sphäre weilt. Kommt dann auch nur ein interessiert klingendes „Mhm“ zurück, gibt man den vorgeblichen Zuhörer wohl lieber verloren. Und denkt in weiterer Folge vielleicht darüber nach, ob das, was man erzählt, für andere genauso spannend wie für einen selbst ist.

Um als Zuhörer variieren zu können, gibt es übrigens Alternativen zum „Mhm“. Beliebt ist etwa ein in Worte gefasster Ausdruck des Erstaunens. Allerdings sollte man hier fein dosieren – denn ein „Wow!“ bietet sich wirklich nur bei erzählerischen Superlativen an. Und auf die Nacherzählung des gestrigen Abendessens mit „Das gibt’s doch gar nicht“ zu antworten schießt ebenfalls weit über das Ziel hinaus. Weitgehend neutral ist hingegen die Interesse suggerierende Nachfrage „Echt?“; gern wird auch „Wirklich?“ ins Rennen geworfen. Sogar belanglosen Gesprächen wird so der Hauch des Spektakulären gegeben. Wobei die Nachfrage in sich einen gewissen Unglauben transportiert: Kann es wirklich sein, dass das, was du gerade erzählst, sich wirklich so zugetragen hat? Die Variante, dass der Erzähler auf ein „Echt?“ grinsend reagiert, dass das alles nur erfunden war, kommt aber doch nicht allzu oft vor.

Wobei, mit mancher Nachfrage ließe sich auch schön Schabernack treiben. „Meine Freundin ist Tierpflegerin.“ „Im Ernst?“ „Nein, in Schönbrunn.“ In diesem Sinne, bei Gesprächen immer darauf achten, ob man das Gegenüber eh nicht langweilt. Dann wird alles gut . . . Wirklich? Nein, das war gelogen!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.05.2014)

Leute, die „Hör zu“ oder „Pass auf“ sagen

Im persönlichen Aversionsrepertoire lagern die unterschiedlichsten Verhaltensweisen anderer Menschen, die einen bei jeder Begegnung innerlich mit den Augen rollen lassen. Und nein, das muss gar nichts mit Antipathie der betreffenden Person gegenüber zu tun haben. Es sind oft nur Kleinigkeiten des Gegenübers, die regelmäßig Nähte im Nervenkostüm auftrennen. Das kann zum Beispiel die Art sein, wie die Person in einem Gespräch einen für sie besonders wichtigen Teil ankündigt. „Hör zu!“ ist ein solches Ungetüm. Mitten im Gespräch, bei der vertieften Beschäftigung mit den Gedankengängen des anderen, unterstellt dieser Imperativ, dass man mit den Ohren eigentlich gerade ganz wo anders ist. So nicht, lieber Gesprächspartner! Und nein, „Pass auf“ ist keine brauchbare Alternative. Dahinter verbirgt sich lediglich die schulmeisterliche Figur des neunmalklugen Oberlehrers, der dem infantilen Nichtwisser einmal so richtig zeigen will, wer die Weisheit mit dem Löffel zu sich genommen hat.

Wer in einem Gespräch derart die Rolle des Alphakommunikators zu übernehmen trachtet, darf sich nicht wundern, wenn der Gesprächspartner – je nach Persönlichkeit – im Wettstreit um die Vorherrschaft das kommunikative Pfauenrad schlägt oder die kalte Schulter aus dem körpersprachlichen Umhang blitzen lässt. Lassen wir einmal den verbalen Schaukampf beiseite und widmen uns lieber dem zweiten Phänomen. Das manifestiert sich gerne in einer Geste, die regelmäßig auftritt, wenn eine Person gerade ein Gespräch zu dominieren beginnt – dass nämlich die andere ihre Fingernägel betrachtet. Die Hand nach innen zur lockeren Faust geballt, ein beiläufiger Blick auf die Nägel – ein kommunikatives Zeichen für Langeweile, Genervtheit oder auch eine Alternative, um dem Gesprächspartner nicht in die Augen sehen zu müssen. Aus dem Inneren kommt dann ein verächtliches: Hallo Baby, soll ich dir meine nonverbale Kommunikation zeigen? Tja, hätte das Gegenüber halt vorher nicht „Hör zu“ gesagt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.05.2014)

Leute, die das Taschentuch in den Ärmel stecken

Dass also Kurzärmelige und Winterfeste einander auf der Straße misstrauisch beäugen und man mit beiden Adjustierungen irgendwie deplatziert wirkt. Immerhin, sobald tatsächlich einmal die Tage anbrechen, an denen man ohne Übergangsjacke im Gepäck aufbricht, geht mit der unentschlossenen Sowohl-als-auch-Kleidung auch ein anderes Phänomen in die saisonale Pause: Dass nämlich gebrauchte Taschentücher in den Ärmel geschoben werden. Klar, denn so weit, sich das kontaminierte Stück Papier quasi unter die Achsel zu stecken, gehen selbst Benutztes-Taschentuch-im-Ärmel-Träger nicht.

In Zeiten, als Männer in jeder Lebenslage ein Sakko trugen, das sie Rock nannten, konnte man das Taschentuch, das man noch Sacktuch nannte, in der Tasche der Jacke, quasi dem Rocksack, unterbringen. Damals waren Sacktücher aber auch noch vornehmlich aus Stoff, den man nicht einfach nach einmaligem Gebrauch entsorgte. Insofern lassen sich der Mehrweggedanke und die Unterbringung im Rock – wenn auch mit etwas Skepsis – noch nachvollziehen. Bei papierenen Einwegtüchern böte sich dagegen an, sie nach Gebrauch an einem sicheren Ort zu verwahren, der womöglich nicht am eigenen Körper liegt. Experten meinen, einen Mistkübel als passendes Ziel eruiert zu haben.

Nun ist schon klar, dass nicht in jeder Lebenslage ein solches Behältnis in Wurfnähe auf Befüllung wartet. Als Notlösung bietet sich dann an, das zusammengeknüllte Papier einfach in der Hand zu verwahren – in der Hoffnung, dass man niemandem die Hand schütteln muss. Oder aber das Papier wandert in eine Hosentasche, bis die Gefahr gebannt und ein Müllbehältnis aufgetaucht ist. Der Ärmel bleibt dabei sauber. Und dieser Trick funktioniert auch im Sommer mit T-Shirt. Am Ende noch ein kleiner Tipp: Mukophagie (das hat etwas mit Essen zu tun, Details sparen wir jetzt aus) ist keine adäquate Lösung. Dann zur Not doch lieber den Ärmel.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.05.2014)

Leute, die sagen, was sie gerade machen

Self Guidance Books sind Bücher, in denen – vornehmlich prominente – Menschen anhand ihres eigenen Lebens erklären, wie man besser leben kann. Und die damit letztlich selbst besser leben, indem sie Fernsehauftritte, Vortragshonorare und Tantiemen bekommen. In vielen dieser Bücher lautet eine Kernaussage, man soll immer schön sagen, was man denkt. Nur nicht aus falscher Höflichkeit Dinge unausgesprochen lassen, die sich dann aufstauen und womöglich zu Magengeschwüren und irgendwann zur unkontrollierten Entladung führen könnten. Allein, die Aufforderung „Sag, was du denkst“ wird offenbar vielfach falsch verstanden. Und so hören wir vor allem von jenen, die die nie getätigte Aufforderung „Sag, was du machst“ beherzigen.

„Ich geh dann schnell einkaufen“ ist ein häufig gebrauchtes Beispiel im Büroalltag – und immerhin Trägermedium für eine sinnvolle Frage an die Kollegen. Ob man nämlich jemandem etwas mitbringen soll. Allzu oft haben derartige Aussagen aber maximal den Wert einer Eigenregieanweisung. Ein gedankenverlorenes „Ich geh aufs Klo“ zum Beispiel erfüllt oft den Tatbestand des Selbstgesprächs. Fraglich, was bedenklicher ist – wenn man den Satz allein in der Wohnung vor sich hinmurmelt oder er beim Aufstehen aus einer Runde von Menschen fällt. Das Leben ist nun einmal keine Kochshow, bei der man jeden Arbeitsschritt für das Publikum erklären muss. Häufig hat eine solche Aussage aber ohnehin einen imperativen Hintergrund. „Also ich gehe jetzt in diese Richtung“ kann etwa der implizite Befehl an eine Gruppe sein, einen bestimmten Weg einzuschlagen.

Umgekehrt ist es übrigens gar nicht so leicht. Dann nämlich, wenn man gefragt wird. „Was machst du gerade?“, gestellt am Telefon, stellt den Befragten vor ein Dilemma – denn die korrekte Antwort „mit dir telefonieren“ wird dann auch wieder als uninformativ oder frech aufgefasst. Und dank Mobiltelefon könnte es ja sein, dass man tatsächlich gerade am Klo ist. Wird offenbar Zeit, ein Self Guidance Book darüber zu schreiben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.04.2014)

Leute, die vor einer Frage immer „Frage“ sagen

Frage, kennen Sie das, wenn jemand eine Frage stellt – und seine Frage mit dem Wort „Frage“ einleitet? Fraglich, wie notwendig das ist. Schließlich ist die Frage durch Satzstellung oder ein Ansteigen der Stimme am Ende meist ohnehin eindeutig erkennbar. Und eine Antwort leitet man ja auch nicht mit „Antwort“ ein, oder? Besonders unsinnig ist das „Frage“ dann, wenn eine ganze Runde nur darauf aufbaut, dass jemand Fragen stellt – wenn etwa bei einer Veranstaltung jemand auf dem Podium Fragen beantwortet. Und jeder Frage ein „Frage“ vorangestellt wird. Ergänzt wird das „Frage“ übrigens gern durch ein vorangestelltes „Kurz“. Wobei sich die Länge der Frage bei „kurze Frage“ im Gegensatz zum herkömmlichen „Frage“ meist nicht signifikant unterscheidet. In Wahrheit handelt es sich also nur um die fragende Variante des hinterhältigen „Nur ganz kurz“, das bösartigen Zeitraub einfach nur hinter einem Zeitersparnis suggerierenden Adjektiv zu verbergen trachtet.

„Wie ist das jetzt, wenn…“ ist eine Variante, die ebenfalls gern zur Einleitung einer Frage verwendet wird. Ein wenig imperativistischer wirkt es, wenn ein „Sag“ am Anfang mit dem Fragezeichen am Ende eine Klammer bildet. Und auch ein (meist lang gezogenes) „Du“ leistet immer wieder Dienst als Frageneinleitungskennzeichen. Braucht jemand besonders lang, um seine Gedanken so zu ordnen, dass sie in einen Fragesatz münden, ist auch eine Kombination möglich. „Du, sag, Frage, wie ist das jetzt, wenn…“ ist allerdings schon recht weit über der Grenze des Zumutbaren.

Auf der Antwortseite gibt es übrigens ebenfalls klassische Formen, die die Zeit überbrücken sollen, bis der Gedanke im Sprachzentrum zusammengesetzt ist. Vom „Äh“ oder „Nun“ bis zum highly sophisticated „Ich bin sehr dankbar für diese Frage“. Oder man demütigt ganz nebenbei den „Frage“-Sager noch ein bisschen. Das geht zum Beispiel mit Sagern à la „Ich glaube, man muss die Frage anders stellen“. Ob er sich dadurch das „Frage“ abgewöhnt? Nun, das ist die Frage.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.04.2014)

Leute, die beim Bäcker einen Kaffee bestellen

Kaffee gibt es in zwei Geschwindigkeiten. Der langsame, vorzugsweise im Kaffeehaus, kombiniert mit einer Zeitung, sitzt gemütlich auf der einen Seite. Auf der anderen eilt der Coffee to go durch Einkaufsstraßen, Bahnhöfe und U-Bahn-Garnituren. Dieses Phänomen an sich ist bekannt und wäre nicht weiter erwähnenswert. Allein, bei Bäckereiketten in U-Bahn-Stationen wird klar, dass selbst schneller Kaffee langsamer ist als, sagen wir, Semmel. Ist ein solcher Backwarenladen in einem Geschoß zwischen zwei Rolltreppen angesiedelt, liegt ja nahe, dass hier maximal ein Boxenstopp von einigen Sekunden angedacht ist, um vollgetankt weiterziehen zu können. Was auch gar nicht so schlecht funktioniert. Bestellen, zahlen, gehen. So einfach.

Wären da nicht jene Zeitgenossen, die sich einbilden, genau hier einen Espresso ordern zu müssen. Sie schaffen es, dass das logistisch ausgefeilte und eingespielte Verhalten der Verkäufer – Bestellung entgegennehmen, Weckerl einpacken, kassieren – jäh durchbrochen wird. Umständlich muss die Verkaufskraft das Espressopulver in den Siebträger füllen, ihn in die Maschine einspannen, auf die Flüssigkeit warten, ehe der formschöne Papierbecher dem Kunden überantwortet wird. Während also die eine Schlange vor dem Bäcker flott und engagiert mit gefüllten Weckerln versorgt wird, steht man mit Sicherheit gerade in der anderen, wo nebenbei eben ein bisschen Kaffee gekocht wird. Immerhin, in langen Momenten wie diesen lässt sich darüber sinnieren, dass Espresso mitnichten etwas mit „express“ im Sinne von schnell zu tun hat. Vielmehr leitet es sich vom italienischen Verb „esprimere“ ab, das bedeutet, dass es sich um ein ausschließlich für den Gast zubereitetes Gericht handelt – was aus der Zeit herrührt, als Espresso tatsächlich nur in Bars und Kaffeehäusern erhältlich war.

Aus Gründen der Fairness gegenüber Nichtkaffeekäufern böte sich also an, eine eigene Expresskassa nur für Gebäck und kalte Getränke aufzumachen. Und daneben eine langsamere Spur: die Espressokassa. What else?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.04.2014)

Eine Mélange-à-trois in der Millenium City

Sparen im Sinne von Geld auf die Seite zu legen, auf dass es sich vermehre, ist heute eher schwierig. Gibt ja kaum Zinsen dafür. Sparen im Sinne des Einsparens ist dafür sehr en vogue. Zuletzt hat etwa ein 14-Jähriger in Pennsylvania der US-Regierung vorgerechnet, wie sie jährlich 136 Millionen Dollar einsparen könnte, würde sie ihre Schriftstücke in einer anderen Schriftart ausfertigen – benötigt doch die Schriftart Garamond rund 24Prozent weniger Tinte als das klassische Times New Roman, stellte er fest. Hierzulande scheint das Sparen ja eher im Weglassen einzelner Buchstaben zu bestehen. „Ich kaufe ein n“, schießt es jedes Mal ins Hirn, wenn irgendwo „Millenium“ zu lesen ist. Als Lateiner ist man im Vorteil, weiß man doch, dass sich das Wort von „mille“, also tausend, und „annus“, dem Jahr, herleitet. In der falschen Schreibweise hätten wir also kein Jahrtausend, sondern vom „anus“ abgeleitet maximal tausend Darmausgänge. Ob das Einkaufszentrum Millennium City Freude damit hat, durch die Falschschreibung als „Stadt der tausend Ärsche“ dazustehen?

Auch wenn sich jemand „abschotet“, wie oft zu hören ist, sollte man ruhig in ein zweites t investieren. Das Schott kommt nämlich aus dem Schiffbau und bezeichnet eine Öffnung im Deck, die durch verriegelbare Luken verschlossen werden kann, um das Eindringen von Wasser zu verhindern. Eine Schot gibt es im Seemännischen zwar auch, doch wird damit eine Leine zum Bedienen eines Segels bezeichnet. Sich abzuschoten könnte man also maximal so deuten, dass man sich hinter dem Segel vor dem Klabautermann in Sicherheit bringt.

Gar nichts mit Sparen hat die Mélange-à-trois zu tun. Die eigentlich korrekte „Ménage-à-trois“ meint frei aus dem Französischen übersetzt „Haushalt zu dritt“ und bezeichnet eine amouröse Dreierbeziehung. „Mélange“ ist nicht mehr als eine Mischung. Kaffee mit Milch, zum Beispiel. Umgangssprachlich könnte aber auch dahinterstecken, dass man einfach zu dritt auf einen Kaffee geht. Vielleicht ja gleich in der Millenium City.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.03.2014)