Knopfleisten als Luxusproblem

Eigentlich kann man sich ja glücklich schätzen, wenn man Zeit dafür aufwenden kann, sich mit so genannten Luxusproblemen zu beschäftigen – keine Sorgen am Arbeitsplatz, keine Privatfehden im Laufen, keine Baustelle vor dem Schlafzimmerfenster. Nein, in den Fokus rücken dann eben Dinge, die auf der Maslowschen Bedürfnispyramide ganz oben auf der Spitze ihrer Bearbeitung harren. Knopfleisten, zum Beispiel. Man glaubt ja gar nicht, wie sehr die polarisieren können. Auf StudiVz gibt es sogar eine eigene Diskussionsgruppe „Die Knopfleiste der Bettdecke muss nach unten!“, in der die Mitglieder darüber lamentieren, wenn Knöpfe oder Reißverschluss am Kinn liegen. Ich wäre nicht ich, sähe ich es nicht genau umgekehrt. Denn wer auf den Fußsohlen extrem kitzlig ist, reagiert in diesem Bereich allergisch auf jeden potenziellen Impulsgeber für einen Kitzelreiz. Ein Luxusproblem, ich weiß. Aber nachvollziehbar, oder?

Immerhin, diese Marotte lebt man wenigstens nicht außerhalb des heimischen Schlafzimmers aus. Andere Eigenheiten werden – zumindest von exzentrischeren Zeitgenossen – auch in die Öffentlichkeit getragen. Wie damals, als ein Freund beim Frühstück in der Blue Box zu Semmel und Marmelade eine Tasse heißes Wasser bestellte. „Es gibt hier keinen Filterkaffee mehr“, erklärte er der Kellnerin, packte seine Jack Wolfskin-Thermotasse mit integriertem Kaffeezubereiter und ein Sackerl mit Kaffeepulver aus. Während seine Begleiter am Tisch sich ein bisschen zu schämen begannen, blieb die Kellnerin völlig unbeeindruckt. Luxusproblem, hm? Nachdem sie das heiße Wasser abgeliefert hatte, zwinkerte sie uns zu: „Ich verstehe das, ich komme auch aus Deutschland.“ Wir haben sie dann trotzdem nicht gefragt, auf welcher Seite der Bettdecke sie die Knopfleisten bevorzugt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.05.2008)

Der Kapitalismus, 7 Haare und ich

Oft kommt die intellektuelle Niederkunft in Momenten, wo man sie am allerwenigsten erwartet. Dann etwa, wenn man an einem strahlend schönen Nachmittag die Siebensterngasse entlang geht und plötzlich die Frage auftaucht: Warum können die Gäste der Schnösel-Bar Shultz schon ihren Cocktail im Schanigarten schlürfen, während die Besucher des Siebenstern – das offizielle Lokal der Kommunistischen Partei – bei einem Murauer ihre revolutionären Ideen noch im Inneren wälzen müssen. „Ganz einfach“, beginnt da die trockene Erklärung, „im Shultz herrscht Marktwirtschaft.“ Also, sobald der Bedarf da ist, wird versucht, ihn durch Angebot zu befriedigen. Im Siebenstern hingegen dürfte noch die Planwirtschaft regieren – vermutlich gibt es einen Fünfjahresplan, wann die Schanigärten ihren Betrieb aufnehmen dürfen.

Mit obigem Beispiel lässt sich Kapitalismus recht gut erklären. Ähnlich anschaulich können Kinder das Prinzip vielleicht noch beim Tausch von Panini-Bildern erfahren. Angebot und Nachfrage regeln den Wert – zumindest im Paniniversum kann dann sogar ein Thomas Prager (in Wirklichkeit gar nicht fürs Team nominiert) einen höheren Tauschwert haben als der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo. Toll, diese Marktwirtschaft, oder?

Aber auch andere abstrakte Dinge lassen sich mit nur wenigen Sätzen zufriedenstellend erklären – nehmen wir etwa den Begriff „relativ“ – und das, ohne sich in der Abhängigkeit bestimmter Eigenschaften von Bezugssystemen zu verlieren. Versuchen Sie es einmal damit: Sieben Haare auf dem Kopf sind relativ wenig. Sieben Haare in der Suppe sind relativ viel. Klingt plausibel, oder? Aber verlangen Sie jetzt bitte nicht, dass sich auf diese Weise auch die Relativitätstheorie erklären lässt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.04.2008)

Mazzes mit Bradlfett in der Liliputbahn

Im Zuge der Turbulenzen um die Führung der ÖBB ging zuletzt eine richtungsweisende, strategische Entscheidung der Österreichischen Bundesbahnen medial völlig unter: Die ÖBB-Vorteilscard gilt ab sofort auch auf der Liliputbahn im Prater. Ja, im Ernst. Immerhin bleibt man damit ja zumindest beim Kerngeschäft. Und auch, wenn es viele ungläubige Blicke gab, als die Aktion bekannt wurde, ist sie trotz aller Skurrilität nicht so abwegig, dass man sie für einen Scherz halten müsste.

Misstrauisch müsste man hingegen werden, wenn ein findiger Weinbauer plötzlich muslimischen Messwein in sein Sortiment aufnehmen würde. Und sollten Sie beim Einkauf für das Pessach-Fest irgendwo auf „Mazzes mit Bradlfett“ stoßen, darf Ihnen das ruhig nicht koscher vorkommen. Man muss ja nicht jeden Blödsinn glauben.

Mittlerweile ist es auch schwierig geworden, technisch weniger versierte Menschen zu finden, denen man erklären kann, wie Bilder auf eine Website kommen: „Steck das Foto in ein Kuvert, Adresse: An das Internet. Und wirf den Brief in den Postkasten.“ Noch vor fünf Jahren erntete ich dafür zumindest noch ein erstauntes „Echt?“ Versuchen Sie das heute einmal. . .

Da muss man schon andere Kaliber auffahren. Wenn etwa auf dem Burgtheater ein Transparent prangt, auf dem zu lesen ist: „Ich will in deinem Herzen leben, in deinem Schoß sterben, in deinen Augen begraben werden“ – und als Quelle dafür William Shakespeares „Zwölfte Nacht“ angeführt wird. Dumm, dass das Zitat aus „Viel Lärm um Nichts“ stammt. Vermutlich wollten die Verantwortlichen einfach austesten, wie sattelfest die Theaterbesucher sind. Als Gewinn für jene, denen es aufgefallen ist, könnte man ja einen Preis stiften. Wie wäre es etwa mit einer ÖBB-Vorteilscard?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.04.2008)

Ich taufe dich auf Waterloo

Immer wieder stößt man auf Menschen, die sich gerade Gedanken über Namen machen müssen. Wenn Nachwuchs ansteht, zum Beispiel. Dann kann man es sich leicht machen und das Kind einfach so wie einen Elternteil nennen. Ab der dritten Namensgebung dieser Art bietet sich an, ans Ende auch noch eine Zahl zu stellen (Statt Erich II reicht bei mir also noch ein „jun.“) Gerne greift man aber auch auf Namen zurück, die in Film, Funk und Fernsehen aufgeschnappt werden – man denke an „die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet, die ab 2003 als Vorbild für hunderte neugeborene Mädchen herhielt. Vermutlich werden – Dancing Stars sei Dank – in den Statistiken der Geburtenjahrgänge 2008 und 2009 auch einige Dorians mehr auftauchen. Bei Waterloo bin ich mir nicht ganz sicher, aber wer weiß.

Abgesehen vom Nachwuchs gibt es aber noch eine weitere Gelegenheit, bei der Namenssuche kreativ zu werden: Will man als Künstler durchstarten, soll ein Pseudonym sehr hilfreich sein. Da wird dann aus einem Hansi Last etwa der international besser klingende James oder aus einem Hansi Kreuzmayr eben ein Waterloo. Ein richtig gutes Pseudonym zu finden, ist allerdings schon eine gewisse Kunst. Immerhin soll es gut klingen und womöglich auch noch positive Assoziationen wecken. Interessant eigentlich, dass Waterloo oft auch als Synonym für eine totale Niederlage verwendet wird, aber lassen wir das. Für potenzielle Pornodarsteller ging im Internet seinerzeit übrigens ein eigener Namensgenerator um. So sollte sich aus dem Namen des ersten Haustieres und der Straße, in der man wohnt, ein Name ergeben, der als Pseudonym etwas hergibt. So simpel, so genial. Falls Sie also einmal einen Film entdecken sollten, in dem Borsti Krause die Hauptrolle spielt, denken Sie an mich.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.04.2008)

Die heimliche Rache für Bingo

„Dorian Steidl ist Dancing Star“, stand in der SMS, die am Samstagabend meine Aufmerksamkeit vom wirklich sehenswerten Konzert der „Boss Martians“ im B72 ablenkte. Nachsatz, „ist dir wurscht, weiß ich eh.“ Bingo! Aber ganz abgesehen davon, ein bisschen muss die Kür des ORF-Moderators eine Genugtuung für all jene gewesen sein, die er ansonsten allsamstäglich medial erniedrigt, indem er sie in neongrelle und viel zu große T-Shirts steckt, auf Kommando applaudieren und – gar nicht „Dancing Star“-like – auf den Boden stampfen lässt.

Danke, lieber ORF, müssen sich all die geknechteten Seelen gedacht haben, die schon einmal trampelnd im „Bingo“-Studio gesessen sind. Danke, dass der 1,98 Meter große Moderator eine Partnerin bekommen hat, die mindestens zwei Köpfe kleiner ist als er. Danke, dass auch er einmal möglichst unvorteilhaft über den Bildschirm hoppeln muss. Es gibt doch noch Gerechtigkeit.

Das Spiel medialer Selbstdegradierung wird Steidl nun noch ein wenig weiterführen müssen – Lebensbeichte bei eingespielten Frühstücksgeräuschen im Sonntagsradio inklusive. Vermutlich wird er bei der nächsten „Bingo“-Ausgabe dennoch so nichtssagend unverbindlich in die Kameras lächeln, als wäre nichts passiert. Kein Wunder, denn dann hat das buntgewandete Publikum wieder die applaudierend-devote Rolle angenommen, darf der Moderator wieder die Keule der öffentlichen Erniedrigung schwingen.

Es ist ein ständiges Geben und Nehmen, das allerdings noch einiges an Reiz gewinnen würde, könnte das Publikum bei der nächsten Staffel schon im Vorhinein abstimmen – pardon, voten -, an wem heimlich Rache geübt werden sollte. Ja, da würden mir schon einige Kandidaten einfallen. Und nein, ich stehe dafür nicht zur Verfügung.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.04.2008)

Der Fußballer, mein Anlageberater

Dass Banken immer mehr den Eindruck eines Casinos erwecken, weiß man nicht erst seit den Karibik-Geschäften der Bawag. Doch wähnte man derlei Spekulantentum bisher nur in der Hochfinanz, nicht in der eigenen Bankfiliale. Doch auch hier gewinnt der Kunde zunehmend den Eindruck, dass er sich in ein Wettbüro verirrt haben muss. Ein schüchterner Versuch, die altbekannte und risikoarme Variante des Sparbuchs ins Spiel zu bringen, wird von der Beraterin gerade einmal mit dem Herunterziehen eines Mundwinkels quittiert. Und schon liegt ein Folder für ein neues Produkt auf dem Tisch.

„Cordoba Garant“ heißt der Investitionsplan. Passend zur Fußball-EM also ein „Investment mit Kick“, wie das Produkt beschrieben wird. Wie viel am Ende herausbekommt, hängt von mehreren Faktoren ab. Zum einen fließt die Entwicklung von 15 Aktien – großteils offizielle Sponsoren der EM – in das Endergebnis ein. Die dürfen steigen – nur nicht zu stark – oder fallen – auch nicht zu viel, sonst sinkt der Ertrag. Doch der wirkliche Clou kommt danach: Einen Bonus von einem Prozent gibt es dann, wenn Österreich bei der EM gegen Deutschland gewinnt. Und sollte das Team gar mit 3:2 gewinnen, wie dereinst 1978 in Cordoba, gibt es sogar 3,2 Prozent mehr. Aha. Ein Fußballer als Anlageberater, oder wie? Wer Erfahrung mit Sportwetten hat, wird das vielleicht nicht so abwegig finden. Doch dem weitgehend an Sport nicht interessierten Großereignis-Zuschauer mag es befremdlich vorkommen, seine Kapitalentwicklung von der Leistungsfähigkeit der heimischen Fußballer abhängig zu machen. Aber egal, ich freue mich schon, wenn ich mich nach dem Siegestor von Andi Ivanschitz zum Hintermann umdrehe, stolz in Richtung des jubelnden Kickers zeige und voller Rührung sage: „Das ist meine Bank.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.03.2008)

Verschont uns mit den Sammelalben

Der 21. April wird als jener Tag in Erinnerung bleiben, an dem sonst ganz normale Menschen für einige Wochen in einen unerträglichen Status der Infantilität verfielen. Kollegen, deren Meinung und Gesellschaft man sonst schätzt, mutieren plötzlich zu sabbernden Kreaturen, die sich in Kleingruppen verschwörerisch um Tische herum postieren und seltsame Rituale pflegen. Ganz genau, die unausweichlichen Panini-Bilder zur Fußball-Europameisterschaft sind im Anmarsch. Und diese Plage ist ähnlich unerbittlich wie „Dancing Stars“ – selbst der Desinteressierteste entkommt ihr nicht. Als solch Desinteressierten oute ich mich hiermit. Und das hat jetzt gar nichts damit zu tun, dass Fußball an sich überbewertet ist. Bei Biene Maja-Alben wäre es genauso, nur findet da unter Erwachsenen kaum ein Tausch statt.

Einen gewissen Reiz hat allerdings ein Angebot, das Panini seit einiger Zeit auf http://www.mypanini.com anbietet: Ein eigenes Album mit Bildern erstellen. Digitale Fotos werden auf einen Server gelegt, nach einigen Tagen kommen Sticker und Sammelheft per Post. Ich warte nur noch darauf, dass findige Manager dieses Tool entdecken, um in Firmen das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Lustige Vorstellung, dass dann am Gang Bilder vom Chef zum Kurs von 3:1 gegen normale Mitarbeiter getauscht werden. Vorstellbar wäre auch, Großfamilien in ein solches Album zu bringen, um ansonsten steife Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Begräbnisse mit Pickerltausch aufzulockern. Ein bisschen abstrakter wäre die Idee, die Briefträger des Rayons zu sammeln, vielleicht auch ein Album mit Fleischhauer, Bäcker und anderen Nahversorgern. Und warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, Sammelalben der österreichischen Bundesregierung herauszubringen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.03.2008)

Shine on, you crazy Hornhauthobel

Sie sind die stillen Helden des Alltags, die nie in der ersten Reihe stehen. Doch unsere Hochglanzwelt wäre ohne sie nicht möglich. Darum wollen wir ein Loblied singen auf jene Dinge, die im Badezimmerschrank weggesperrt nie das Scheinwerferlicht erblicken, das nur auf jene fällt, die sich ihrer vorher bedient haben. Halten wir inne im Gedanken an den Nasenhaarschneider, wenn uns ein einzelnes Haar, das einen halben Zentimeter aus der Nase des Gesprächspartners lugt, in den Wahnsinn treibt. Preisen wir den Hornhauthobel, wenn der Frühling die ersten Sandalen auf die Straßen treibt. Und lassen wir uns das Wort „Komedonenquetscher“ auf der Zunge zergehen, wenn wir uns beim Anblick eines eitrigen Mitessers auf der Stirn des Gegenübers kaum zurückhalten können.

Auch wenn der Gedanke an den Umgang mit derlei Gerätschaften von Einigen mit Ekel quittiert wird, freut man sich doch, wenn sie benutzt wurden. Eigentlich ist es eher die Freude, nicht daran denken zu müssen, dass jemand sie besser benutzt hätte. Komisch, eigentlich, dass reine Haut und glattrasierte Nasenlöcher als selbstverständlich betrachtet, deren Herstellung jedoch aus jeglicher Unterhaltung verbannt werden. Andererseits irgendwie auch verständlich, gilt ja auch als Zeichen dafür, dass die sexuelle Anziehungskraft zwischen zwei Menschen nachgelassen hat, wenn man in Gegenwart des Partners die Zehennägel schneidet. Eine Enttabuisierung derartiger Körperlichkeit, wie Charlotte Roche sie in ihrem Debütroman „Feuchtgebiete“ vornimmt, hat dennoch einen gewissen Reiz. Es amüsiert durchaus, übertriebene Hygiene und Schönheitswahn so wie die Autorin mit offensiver Verweigerung anzupacken. Doch falls Sie schon beim Lesen dieser Kolumne der Ekel gepackt haben sollte, lassen Sie lieber die Finger davon.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.03.2008)

Fortsetzungen, die es leider nicht gibt

Ein bisschen vorhersehbar war sie dann doch, die vierte Auflage von Rambo. Wieder musste Sylvester Stallone feststellen, dass es ohne Gewalt auf dieser Welt nicht weitergeht. Das hätte man spannender machen können. Etwa mit einem John Rambo, der in Arkansas als Gebrauchtwagenhändler arbeitet und sein Kriegs-Trauma regelmäßig bei einem Psychotherapeuten aufarbeitet. Ein Patienten-Drama, in dem ein junger Seelendoktor in langen Gesprächen mit dem Vietnam-Veteranen alternative Wege der Konfliktlösung erörtert. Und am Ende steht ein Filmheld, der erkannt hat: „Gewalt ist die Intelligenz der Dummen“ und diese Maxime auch lebt. Letzte Einstellung: Rambo streichelt seinen Dackel und wendet sich dann wieder dem Rasenmähen vor seinem Einfamilienhaus in einem kleinen Vorort von Little Rock zu. Zugegeben, das Kinopublikum in der Lugner-City wäre darob wohl etwas verwirrt. Die Chancen auf einen Oscar für Sylvester Stallone würden sich vermutlich auch nicht wirklich erhöhen – immerhin, sein schauspielerisches Repertoire von zwei Gesichtszügen würde der Lebensbeichte auf der Couch wenigstens einen komödiantischen Touch geben.

Zwischen den Sitzungen mit dem Psychotherapeuten begleiten wir Rambo im Alltag, sehen ihn im Supermarkt, wo er Brot, Milch und Eier besorgt. Erleben mit, wie er einen Strafzettel bezahlt, nachdem er zu lange in der Kurzparkzone gehalten hat. Und leiden mit dem Helden, wenn er zum Zahnarzt auf eine Wurzelbehandlung geht. Spätestens dann könnte der Regisseur dieses Films Humor beweisen, etwa mit einer Anspielung auf frühere Teile. Wenn dann Rambo mit geschwollener Backe den Dentisten fragt, ob er sich etwa für Gott hält. „Nein“, antwortet der Mann im weißen Kittel, „Gott kennt Gnade. Ich nicht.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.03.2008)

Im Rathaus grüßt man nicht

Wien ist anders. Landbewohner, die es ins Wiener Rathaus verschlägt, werden das vor allem daran merken, dass man nicht gegrüßt wird. Damit kein Missverständnis entsteht, natürlich erntet man das charakteristische „Hallöchen“, sobald man Vizebürgermeisterin Brauner über den Weg läuft. Und natürlich ist das scheinbar unvermeidliche „Mahlzeit“ unter Kollegen auf den Gängen zu vernehmen. Doch als Unbeteiligter lässt es sich stundenlang durch den neogotischen Bau spazieren, ohne eines einzigen „Grüß Gott“ gewürdigt zu werden. Auch die an den Eingängen postierte Rathauswache zeigt keine Regung – aber gut, Salutieren wäre dann wohl doch zu viel.

Umso mehr ist der gelernte Wiener verwundert, der außerhalb der Heimat, etwa im Rathaus von Ternitz, seine Runde dreht. Von der Dame am Empfang bis zur zufälligen Begegnung am Gang, von allen wird der Besucher gegrüßt. Sogar ein „Auf Wiedersehen“ ist zu hören, wenn der zufälligen Begegnung im Stiegenhaus beim Hinausgehen eine weitere folgt.

Interessant, mag sich der Wiener denken. Rathäuser kleinerer Gemeinden sind wie Bergwandern. Schließlich gehört es am Berg dazu, entgegenkommende Wanderer zu grüßen. So wie auch Motorradfahrer die Hand heben, wenn ihnen ihresgleichen begegnet. Aber wie gesagt, das gilt nur fürs Rathaus. Auf der Straße ist das Grüßverhalten nicht anders als in der Großstadt: Gegrüßt wird nur, wen man kennt.

Obwohl, ganz so einfach ist es auch wieder nicht. In der vorarlbergerischen Marktgemeinde Lustenau etwa wird auch dem Ortsfremden ein lautstarkes „Heile!“ entgegengeschmettert. Wer damit nicht rechnet, zuckt unweigerlich ein bisschen zusammen. Insofern wäre es doch mal eine nette Idee, einen Lustenauer durch das Wiener Rathaus wandern zu lassen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.02.2008)