Sex von Thymian und Basilikum

Single-Männer sind arme Geschöpfe. Vor allem, wenn sie keinen Körperbau wie Adonis oder zumindest einen halbwegs annehmbaren Schmäh haben, kann die Kontaktanbahnung mit Frauen schwierig werden. „Entschuldigen Sie, Gnädigste, darf ich Sie auf eine Limonade einladen“, hat zwar einen gewissen Charme, doch besteht die Gefahr, dass das bei so manchem Mann allzu aufgesetzt wirkt. Erleichterung bringen Singletreffs, heute etwa in der 10er Marie (16, Ottakringer Str. 222-224, http://www.dinneranddate.at). Noch einfacher ist es, seine Attraktivität zu erhöhen, indem man mit kleinen Kindern oder Hunden durch die Stadt flaniert (Kinderwagen mit drei Rädern wirken mittlerweile sogar ein bisschen sportlich). „Ja, ist der aber süß“, ist schon ein relativ wenig verkrampfter Einstieg. Dumm allerdings nur, dass Kind und Hund dem Lebensstil des echten Single-Hedonisten eher zuwider laufen.

Aber zum Glück gibt es eine kostengünstige und praktische Alternative. Besorgen Sie sich beim Spezialitätenmarkt am Margaretenplatz frische Kräuter im Topf, die Sie dann – gut sichtbar – vor sich hertragen. Sie können sich der bewundernden Blicke aller Damen sicher sein, denen Sie begegnen – flankiert vom Partner, der gerade drei Tiefkühlpizzen unterm Arm nach Hause schleppt. Schließlich können Männer, die mit Thymian und Basilikum kochen, keine schlechten Menschen sein. Aber Vorsicht: Sollte sich mit der Kräutermasche etwas ergeben, muss gewährleistet sein, dass Sie auch wirklich kochen können.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.04.2006)

Die Löffler gegen die Schlecker

Ein Kampf der Kulturen steht bevor. Dabei ist nicht die Rede von Christen und Moslems, Linken und Rechten oder Fußballfans jeglicher Couleur („Bist du Austria oder Rapid?“). Nein, viel schlimmer, es betrifft jeden von uns. Die Frage, die dabei die Welt in zwei Lager spaltet, lautet: Schlecken oder nicht, nämlich Löffeln. Auf der einen Seite stehen Eisstanitzel, über die sich Zungen wie Nacktschnecken winden und die rund um den Mund einen klebrigen Sabber aus Vanille und Fiocco hinterlassen. Auf der anderen Seite haben wir die handlichen Papierbecher mit lustigen, bunten Motiven, in denen mit grässlich neongelben, -grünen oder -roten Plastiklöffel nach Schokolade und Pistazie herumgestochert wird.

Ästhetisch ist beides eine Zumutung. Oder finden Sie es sexy, wenn Männer eine Portion Stracciatella in ihrem Bart spazieren führen? Und einen Plastiklöffel aus dem Plexiglasbehälter zu fischen und dabei mit seinen – hoffentlich wenigstens gewaschenen – Händen gleich alle anderen anzugrapschen, lässt Lebensmittelhygieniker angeekelt frösteln. Da lobe ich mir ein frisch geöffnetes Dosenbier, bevorzugt zu trinken im Horr-Stadion (Austria gegen Mattersburg, 19.30 Uhr). Obwohl, so richtig ästhetisch ist das dann auch wieder nicht. . .

Aber egal, vermutlich fragen Sie sich jetzt ohnehin, wie ich das mit dem Eis halte, wenn ich bei frühsommerlicher Hitze durchs Museumsquartier wandere. Nun: Ich habe Halsschmerzen, ich muss passen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.04.2006)

Tango in Finnland: Betörende Wehmut

Schlaflose Nächte beim Tangofestival in Seinäjoki.

10327156356_03e84c148a_k

„Eteen, eteen, sivulle yhden, taakse, taakse“ – vor, vor, Seite, zusammen, zurück, zurück. Einige hundert Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts beobachten Åke Blomquist, wie er im Turnsaal der Schule von Seinäjoki den richtigen Tangoschritt vorzeigt. Der ältere Herr, im Styling eine Mischung aus Lex Barker und Opa Laffite aus der „Lieben Familie“ – wobei der Beitrag von Lex Barker vor allem in der schlaksigen Gestalt und der Tolle besteht – ist Finnlands bekanntester Tangolehrer.

Und so ist auch die für Außenstehende skurril anmutende Szenerie schnell erklärt: In der kleinen westfinnischen Stadt Seinäjoki findet seit 1985 alljährlich das Tangofestival statt. Für fünf Tage verwandelt sich die ganze Stadt – Straßen, Plätze, Lokale, in Hallen oder unter freiem Himmel – in ein riesiges Tanzparkett. Wohin sich der Blick wendet, überall wiegen sich Paare im Tangoschritt.

Dabei ist das Festival nicht nur für die Einwohner Finnlands – neben Argentinien die zweite große Tangonation – interessant. Aus der ganzen Welt strömen Tangoliebhaber und Hobbytänzer herbei. Und auch internationale Medien berichten vom alljährlichen Treiben in Seinäjoki vor Ort.

Tomoo Sukogawa, ein Tanzlehrer aus Tokio, ist auf Einladung von Åke Blomquist gekommen, den er bei der Dance Teachers Association kennen gelernt hat. Gekonnt gleitet er mit seiner Partnerin, einer seiner Studentinnen, über das Turnsaalparkett. „Das Gefühl ist wichtiger als die Musik“, verrät er.

Im Gegensatz zum argentinischen Tango lasse sich der finnische sehr leicht erlernen. Denn er sei weniger technisch, in seiner betörenden Wehmut vielmehr gefühlsorientiert. Kurz: „Es gibt keinen Fehler beim Tanzen, jeder Tänzer macht es richtig.“

Åke Blomquist scheint das nicht ganz so einfach zu sehen. Unnachgiebig geht er durch die Reihen und mustert die Tänzer. Unnachgiebig zählt er im Takt mit: „Eteen, sivulle yhden, taakse.“ Die Wurzeln des finnischen Tangos liegen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Während Familien und Liebende durch den Krieg getrennt waren, hielt der Tango das Volk zusammen. Nostalgie, Weltschmerz und unglückliche Liebe sind die Themen, um die sich die Texte der Lieder drehen. Und der Tango ist für viele Finnen mehr als nur Musik oder Modetrend, sondern ein Teil finnischer Lebensart.

Während im Turnsaal der Ernstfall nur geprobt wird, herrscht draußen auf der Straße bereits Feststimmung. Männer mit aufgekrempelten Hemdsärmeln halten Damen in Jeans und T-Shirts im Arm, wiegen elegant hin und her und verbinden den ausdruckslosen Blick des Tangos mit einem Hauch finnischer Fröhlichkeit. Bei Sonnenschein ist die gesamte Straße mit Tänzern übersät, bei Regen drehen zumindest die Härteren ihre Runden – einige davon eben mit Schirm in der Hand.

Wem das bunte Treiben zu viel wird, der kann sich für einige stille Momente in Richtung Aalto-Zentrum zurückziehen. In der Stadtbücherei, dem Theater, der Stadthalle und der Kirche „Lakeuden Risti“, alle vom finnischen Nationalarchitekten Alvar Aalto erbaut, scheint auch während des Festivals eine Art Tangoverbot zu herrschen. Und auch in der alten Mallaskoski-Brauerei widmen sich die Finnen eher in Ruhe dem frisch gezapften Bier als dem überall präsenten Tanzfestival.

Gegen Abend verlagern sich die Massen langsam in Richtung Seinäjoki Arena, eine Mehrzweckhalle mit rund 7000 Sitzplätzen. Hier findet der Tango Singing Contest statt. Denn finnischer Tango ist nicht nur ein Tanz, auch die Musik dazu wird zelebriert. Und die alljährlich stattfindenden Wahlen zu Tangokönigin und Tangokönig waren schon das Sprungbrett für so manche Karriere. Zumindest national gesehen, oder haben Sie schon einmal etwas von Jari Sillanpää gehört? In Finnland ist der ehemalige Tangokönig von 1995 ein absoluter Superstar.

Das Publikum, eher Menschen jenseits der Dreißig, findet sich brav auf den Sitzen ein, in einer Stimmung irgendwo zwischen der Ehrfurcht bei einem Udo Jürgens-Konzert und der Gelassenheit während des Musikantenstadls. Und dann beginnt die Halle zu kochen.

Die Scherze zwischen den Musikbeiträgen verstehen Nichtfinnen wegen der sprachlichen Hürde zwar nicht, doch die Stimmung greift auch auf alle anderen über. Und am Ende des Tages, wenn die sommerliche Sonne gerade eine kurze Pause einlegt, lässt sich so mancher Besucher der zweiten großen Tangohauptstadt dabei ertappen, wie er im passenden Schritt zurück ins Hotel tänzelt. „Eteen, sivulle yhden, taakse.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.04.2006)

So nicht, Bussibär!

Früher half die Androhung der strafenden Hand Gottes, um Menschen zu sozial verträglichem Verhalten zu ermuntern. Mit zunehmender Säkularisierung ging dieser lenkende Effekt verloren. Und auch Drohungen wie „Wenn du nicht aufisst, wird das Wetter schlecht“ sorgen bei rational denkenden Menschen maximal noch für Erheiterung. Und dennoch lässt sich auch heutzutage mit einer pädagogischen Maßnahme ein bestimmtes Verhalten herbeiführen: mit öffentlicher Bloßstellung.

Beispiele? Ein Schild über der Toilettentür eines Restaurants, das aufblinkt, wenn ein Mann die Örtlichkeit verlässt, ohne sich die Hände zu waschen. So nicht, Bussibär! Und alle haben es gesehen. So einfach funktioniert Pädagogik. Ähnlich effektiv können Besucher zweifelhafter Etablissements zur Räson gebracht werden, indem bei Verlassen des Gebäudes grelles Scheinwerferlicht auf sie gerichtet wird. Wo solche Sündentempel zu finden sind, erfährt man übrigens bei der Führung Fress-, Sauf- und Luderhäuser (Kärntner Straße/Mahlerstraße; 18.30 Uhr).

Dumm ist allerdings, wenn für einen Missstand kein Verantwortlicher ausgemacht werden kann. Wen sollte man etwa dafür an den Pranger stellen, dass an einem Abend gleich drei gute Konzerte angesetzt sind: Die Ska-Truppe von Russkaja spielt im Ost (4, Schwindg. 1), Rough and Rugged stellen im Porgy & Bess (1, Riemerg. 11) ihre CD vor und die Minimalblues-Truppe Fenzl Experience kommt ins Blue Tomato (15, Wurmserg. 21). Nun, auch die Pädagogik hat ihre Grenzen.
(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.04.2006)

 

Die Erdbeere als Killerphrase

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, ein Gespräch abzuwürgen. Erzählt etwa jemand voller Begeisterung über eine Begebenheit, an der man weder beteiligt war noch Interesse dafür aufbringt, lässt sich mit „Ja, da hätte man dabei sein müssen“ sehr schnell ein kommunikativer Nullpunkt erreichen. Diese Variante entbehrt dennoch nicht einer gewissen Eleganz, denn man vermittelt dem Gegenüber, dass man seinen Ausführungen zumindest im Ansatz gelauscht hat. Anders bei der Holzhammervariante. Schüttet Ihnen jemand gerade sein Herz aus, warten Sie auf einen emotionalen Höhepunkt – und genau dann wechseln Sie das Thema: „Magst du eine Erdbeere?“ Knickt der Gesprächspartner mit offenem Mund ein wenig ein, haben Sie das Ziel erreicht.

In Fachkreisen wird in diesem Zusammenhang gerne von Killerphrasen gesprochen. Die kann man übrigens lernen. Versuchen Sie es einfach beim Vortrag von Adolf Holl zum Thema „Mystik statt Politik: Eine Trendumkehr?“ im Otto Mauer-Zentrum (9. Währinger Str. 1-4; 19 Uhr). Stehen Sie mittendrin kopfschüttelnd auf und sagen deutlich hörbar: „Das weiß man doch schon alles!“ Oder fallen Sie nach seinem Konzert im Birdland (3, Am Stadtpark 1; 20 Uhr) Joe Zawinul beim Small Talk ins Wort: „Ich finde ja Jazz ganz furchtbar.“ Man darf sich allerdings nicht wundern, wenn dieses Verhalten bei Ihren Mitmenschen nicht immer nur für Freude sorgt. Man kann sich da auch leicht in etwas hineinreden. . . Ach übrigens, wollen Sie eine Erdbeere?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.03.2006)

Das Sitzen auf Nadeln genießen

Genießer sind selten geworden. In einer Zeit, in der Schnelligkeit, Leistung und Effizienz die wichtigsten Werte sind, bleibt kaum noch Zeit, sich entspannt einer Speise oder einem Getränk zu widmen. Die wenigen verbliebenen Exemplare lassen sich allerdings in ihrer genüsslichen Gelassenheit absolut nicht aus der Ruhe bringen. Gut und schön, nur das macht den Umgang mit dieser Spezies für uns gestresste Normalbürger nicht gerade einfach. Denn während man selbst auf Nadeln sitzt, endlich das Lokal verlassen zu können, schabt der Genießer unbeeindruckt Nanometer für Nanometer Scheibchen von seinem Eismarillenknödel ab. Und nach einem zweistündigen Gelage erntet man für ein schüchternes „Gehen wir endlich?“ nur ein genervtes „Darf ich bitte einmal in Ruhe frühstücken!“.

Sollten Sie also mit einem Genießer unterwegs sein, planen Sie ruhig ein bisschen mehr Zeit ein, etwa beim Ostermarkt am Franz-Jonas-Platz. Bis 20 Uhr kann er hier an Osterpinzen knabbern – Sie können ja inzwischen etwas anderes unternehmen. Am Abend können Sie den Genießer ein wenig in die Irre führen: Im Orpheum (22, Steigenteschg. 94b; 20 Uhr) ist das Ethno-Quartett Dobrek Bistro zu Gast – Ätsch, nichts zum Essen. Oder Sie schauen ins Café Schlemmer (18. Währinger Str. 159), wo eine Briefmarken-Tauschbörse stattfindet. Das könnte halbwegs schnell über die Bühne gehen. Vorausgesetzt natürlich, Ihr Genießer kommt nicht auf die Idee, die geschmacklichen Vorzüge der Markengummierung ausgiebig zu testen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.03.2006)

Ja! Nein! Weiß nicht! Hab‘ Angst!

Man glaubt gar nicht, was man auf einmal für wichtige Dinge zu tun hat. Da dreht man eine Viertelstunde lang seine Runden durch die Wohnung, öffnet und schließt Schubladen, hebt ein einsames Bällchen Lurch aus einer Ecke und rückt die Figuren am Schachbrett zurecht, ehe man sich endlich dazu durchringt, eine Entscheidung zu fällen. Ist die erst einmal getroffen, sind die Sorgen ohnehin vorbei. Oder: Sie gehen erst richtig los. Und das ist es auch, warum der Mensch dazu neigt, Richtungsentscheidungen auf die lange Bank zu schieben.

Nun, ob Sie Freund oder Freundin stehen lassen, den Job wechseln oder nach Finnland auswandern sollen, dabei kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen. Aber ich kann Ihnen immerhin die Suche nach der passenden Abendgestaltung erleichtern: Gib dir dein Leben zurück fordert Pepi Hopf im Theater am Alsergrund (9, Löblichg. 5-7; 19.30 Uhr). Wie, werden Sie sich jetzt fragen. Nun, vielleicht ein bisschen weniger arbeiten und dafür den Kochkurs für Berufstätige besuchen (essen:z, 5, Högelmüllerg. 2a/14; 17.30 Uhr). Oder Sie bleiben doch noch ein, zwei Stunden länger im Büro und landen dann bei Endstation Karriere – Sind Ehemann und Erfolg vereinbar? (Vortrag in der Roten Bar im Volkstheater, 22.30 Uhr).

Na, hat Ihnen das bei der Entscheidungsfindung geholfen? Egal, zögern Sie auf jeden Fall nicht allzu lange herum, wie Sie Ihren Abend gestalten werden. Wird schon das Richtige rauskommen. Und – eine Fehlentscheidung auf Anhieb spart immerhin Zeit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.03.2006)

Ich verachte Jugendliche

Eine Jugendsünde ist es, seine Jugend zu verpassen. Oder anders gesagt: Jemand, für den sich seine Eltern niemals zumindest ein bisschen geniert haben, hat etwas falsch gemacht. Wenigstens verständnisloses Kopfschütteln sollte man das eine oder andere Mal für seine Musik, sein Outfit oder andere Arten der Rebellion geerntet haben. Das kann heute jenen gelingen, die zu Knorkator in die Arena (3, Baumgasse 80; 20 Uhr) schauen. Die deutschen Nonsense-Rocker haben sich auch schon selbst mit dem Thema Jugend auseinander gesetzt, unter anderem mit dem Lied „Ich verachte Jugendliche“ oder der DVD „Zu alt“. Womit wir auch schon beim nächsten Tipp wären. Der Jugend gehört ja bekanntlich die Zukunft – aber eben erst die Zukunft:

Die Gegenwart hat zumindest noch Platz für Udo Jürgens, der heute Abend eine Zusatzvorstellung in der Wiener Stadthalle (15, Vogelweidpl. 14, 19.30 Uhr) gibt. Was uns geradezu zwangsläufig zur Frage führt: Kann man Schmerz messen? Antworten darauf erhoffen wir uns von einem gleichnamigen Vortrag in der Volkshochschule Simmering (11, Drischützg. 1; 18 Uhr). Ja ja, die Überleitung hätte besser sein können. Aber egal, am Ende bleibt die Erkenntnis: Revolution ist relativ (So auch das neue Programm von Alexander Kropsch im Theater am Alsergrund. 9, Löblichg. 5-7; 19.30 Uhr). Und all jenen Eltern und Älteren, die angesichts der heutigen Jugend kopfschüttelnd schon das Ende der Welt herannahen sehen, sei eines gesagt: Die Lage war noch nie so ernst wie immer.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.03.2006)

Kampf den Laut-Sprechern

Es ist eine sprachliche Unsitte, die in den vergangenen Jahren Mode wurde: zusammengesetzte Worte auseinander zu reißen und mit einem Divis (Trenn- oder Bindestrich) wieder aneinander zu kitten. In manchem Fall ist das allerdings für das Verständnis notwendig. Ein Beispiel? Gut, stellen wir uns einen Kasten neben der Stereoanlage vor, aus dem Musik dringt. Klar: Lautsprecher. Umgekehrt taucht vor dem geistigen Auge die Situation auf, in der man ein Telefongespräch mit einem ruhig parlierenden Architekten führt. Und im Hintergrund erschallt die Stimme eines Kollegen wie ein teutonischer Schlachtgesang: Da hätten wir den Laut-Sprecher.

Das sind auch jene Zeitgenossen, die kaum Verständnis dafür aufbringen, dass man Musik leise und dezent machen kann. Daher bleibt zu hoffen, dass kein Vertreter dieser Spezies zum Konzert von Katie Melua ins Gasometer (3, Guglg. 12, 20 Uhr) mitgeschleppt wird. Denn der süßliche „coffee to go“-Jazz (mit viel Zucker), wie wir ihn auch bei Starbucks im Hintergrund hören, verträgt keine Nebengeräusche. Das Phänomen der Laut-Sprecher betrifft übrigens nicht nur Menschen: Beim Tischgeflüster vom Tanztheater Helix im WUK (9, Währinger Str. 59, 10 Uhr) kann auch mancher Tisch seine Schublade nicht halten.

Zuletzt ein Appell an alle Gleichgesinnten, bei allzu penetranten Laut-Sprechern einzuschreiten und sie mit strafenden Blicken oder anderen taktischen Finessen einzubremsen. Gemeinsam können wir die Welt etwas ruhiger machen. Wir, die Ohren-Schützer.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.02.2006)

Wo sind all die Schwäne hin?

Schwäne sind in jüngster Zeit ja ziemlich in Mode gekommen. Kaum eine Nachrichtensendung, kaum ein Zeitungscover, wo nicht eines der Tierchen in voller Pracht zu sehen ist. Und nachdem wir ja immer mit der Zeit gehen wollen, machen wir uns heute auf die Suche nach den schönsten Veranstaltungen rund um den eleganten Vogel. Gut, was fällt uns spontan dazu ein? Richtig, in Richard Wagners Lohengrin gleitet der Titelheld auf einem Schwan auf die Bühne. Nur, dummerweise ist der erst wieder in zwei Wochen in der Staatsoper zu sehen. Heute auf dem Programm: Tosca. Kein Schwan.

Auch die Volksoper bietet uns kulturellen Ornithologen wenig Grund zur Freude. Zwar trällert Papageno in der Zauberflöte: „Der Vogelfänger bin ich, ja“, doch stets lustig, heißa, hoppsassa macht uns das auch nicht, trägt er in seinem Käfig doch nur kleineres Federvieh mit sich. Vielleicht hilft ein Blick auf den Rathausplatz. So manche Verrenkung der Sportler beim Wiener Eistraum könnte ja an den sterbenden Schwan erinnern. Aber auch hier gähnende Leere. Wo sind nur all die Vögel hin? Mir schwant Übles . . . (Zugegeben, das war jetzt etwas platt, sorry!)

Wie auch immer, so wie es aussieht, sind heute Veranstaltungen mit Schwan spärlich gesät. Soll so sein, gehen wir halt in den Piaristenkeller (8, Piaristengasse 45) auf einen gebratenen Kapaun mit Morcheln, wie ihn Mozart seinerzeit schon geschätzt hat. Und während der Kellner abserviert, fragen wir uns noch kurz: Kann man Schwäne eigentlich essen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe,20.02.2006)