Zum Teufel mit der Eitelkeit

(c) Erich Kocina

Im Hallenbad von Szombathely

Eitelkeit ist bekanntlich der Wunsch, bei dem, was man tut, gesehen zu werden. Nun, theoretisch zumindest. Denn manche Situation läuft dem Bestreben, sich selbst strahlend in Szene zu setzen, eher diametral entgegen. Man denke an den Versuch, ein Dugi-Kebab vom Pasha (1, Johannesgasse 3) am Weg durch die Innenstadt würdevoll zu Ende zu verspeisen. Spätestens vor der Albertina hat sich der mehr oder wenig kunstvoll gerollte Teig aufgelöst und das „Kebab mit alles und scharf“ im günstigen Fall am Boden, im ungünstigeren auf der Hose ausgebreitet. Hoffentlich hat’s niemand gesehen. Wenig Publikum wünschen sich auch Ungarn-Urlauber, die es ins Hallenbad von Szombathely, das mit diskretem Ostblock-Charme bezaubert, verschlägt. Dank Badehaubenpflicht haben hier einige Modelle aus der „Schon in den 80ern furchtbar“-Kollektion ein stilles Überleben als Leihbadekappen gefunden. Das Lächeln, das der Reisegruppe mit Tigerstreifen auf Neongrund von den Einheimischen entgegengebracht wird, wirkt dann hoffentlich nur etwas mitleidig.

Sehen lassen darf man sich als Mann hingegen mittlerweile auf einem Konzert von Sasha (Orpheum, 20 Uhr). Bis vor einigen Jahren undenkbar, muss man sich heute auch längst nicht mehr rechtfertigen, sich davor vor dem Spiegel ein wenig in Form zu bringen, um so wie der Schmusebarde als selbstverliebter Gockel die Blicke des weiblichen Publikums auf sich zu ziehen. Sich selbst zu lieben kann immerhin der Beginn einer lebenslangen Romanze sein . . .
(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.02.2006)

Bitte nicht an den Fingern schlecken

Ekel ist oft irrational. Während kein Mensch etwas daran findet, seinen laufend produzierten Speichel zu schlucken, käme wohl niemand auf die Idee, die selbe Substanz in ein Glas zu spucken und daraus zu trinken. Genauso denken nur wenige daran, freiwillig an Zeitungspapier zu lutschen. An Papier, das schon durch einige Hände gewandert und vielleicht schon am Boden gelegen ist. Und sie tun es trotzdem, ohne im Entferntesten daran etwas eklig zu finden. Sie glauben mir nicht? Nun, dann beobachten Sie einmal die Menschen, die beim U-Bahn-Fahren in die Lektüre eines kostenlos aufliegenden Blatts vertieft sind. Selbst bei sichtbar ramponierten Ausgaben wird vor dem Umblättern brav der Zeigefinger an der Zunge befeuchtet. Und, noch Fragen?

Da halte ich mich lieber an bekömmlichere Gerichte, etwa beim Welttag der Nudelsuppe im Kabarett Simpl (1, Wollzeile 36; 20 Uhr). Oder an kubanischen Rum, der beim Konzert von Yoris y los Compay im Floridita (1, Johannesg. 3; 22 Uhr) für Stimmung sorgt. Für Kinder bietet sich die Führung „Der Forscher mit der Krone“ (13, Schloss Schönbrunn; 11, 14 und 15.30 Uhr, Info: [*] 811 13-239) an. Denn im Anschluss können dort Nougatpralinen kreiert werden. Die Finger abschlecken dürfen sich übrigens all jene, die schon ihre Karten für das verehrungswürdige Konzert von Depeche Mode (16. Februar, Wiener Stadthalle) ergattert haben. Wie man hört, gibt’s aber noch Restkarten. Soviel zu den Tipps. Und bevor Sie jetzt weiterblättern, achten Sie mal ganz genau auf Ihre Finger . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.02.2006)

Ist zumindest meine Meinung . . .

Selbstsicherheit ist ein unglaublicher Vorteil in der Argumentation. Mit einem gekonnten Haken, einem spontanen Themenwechsel oder anderen Ablenkungen lassen sich beinahe selbstverständlich auch Fehler übertünchen, ohne dass es der Gesprächspartner bemerkt. Angriff ist oft die beste Verteidigung. Dummerweise fehlt diese Sicherheit dem Großteil der Menschen. Deutlich erkennbar ist das, wenn am Ende eines Satzes ein schüchternes „Ist zumindest meine Meinung“ nachgeschoben wird. Mit Phrasen wie dieser nimmt sich der Sprecher jeglichen Absolutheitsanspruch und schwächt so seine Verhandlungsposition. Schlimmer noch, man könnte meinen, er sei selbst nicht so ganz überzeugt von seinen Ansichten. Damit ich nicht in diese Bredouille gerate, präsentiere ich daher jetzt im Brustton der Überzeugung, welche Veranstaltungen Sie heute auf keinen Fall auslassen dürfen.

Wir beginnen mit einem Vortrag an der Volkshochschule Meidling (12, Längenfeldg. 13-15), wo sich ab 19 Uhr alles um die Physik der Sandburg dreht. Das ist sicherlich interessant. Glaube ich zumindest. Ähnlich spannend wie die Vernissage der Ausstellung Ungarn auf Karten im Österreichischen Staatsarchiv (3, Nottendorfer G. 2; 17 Uhr). Könnte ich mir jedenfalls recht nett vorstellen. Oder schauen Sie doch am Abend ins Theater an der Wien (6, Linke Wienzeile 6; 19.30 Uhr), wo Pianist Rudolf Buchbinder die Parole Alles Mozart ausgibt. Denn vom guten Wolferl haben wir noch lange nicht genug. Sehe ich zumindest so . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.01.2006)

Krawatten für Studenten von A bis Z

Kulturstrick. Welche Rolle spielt das modische Accessoire an der Uni? Und kommt man damit besser voran?

Die Krawatte führt an Österreichs Unis eher ein Schattendasein. Zumindest unter den Studenten finden sich nur wenige, die mit dem Kulturstrick um den Hals die Hörsäle stürmen. Hat das modische Accessoire, das im Geschäftsleben, der Politik und bei feierlichen Anlässen zum Standard gehört, während des Studiums überhaupt einen Sinn? „Uni-Live“ hat dazu einige Studenten befragt und ein Glossar der wichtigsten Begriffe aufgestellt, die mit Krawatten zusammenhängen.

Anstecken. Wer beim Binden Schwierigkeiten mit dem Knoten hat, kann sich auch eine > Instant-Krawatte umhängen oder einen vorgebundenen Knoten an den Hemdkragen stecken. Auch eine Befestigung mit Gummizug ist möglich.

Binden. Eine eigene Wissenschaft für sich, die jedoch an der Uni selbst nicht unterrichtet wird. Fachliteratur oder das Internet (www.krawatte-binden.com) schaffen Abhilfe.

Che Guevara. Das Konterfei des Revolutionärs und Guerillaführers ist auf der Uni überproportional häufig auf T-Shirts zu sehen. Darüber eine Krawatte zu tragen gilt eher als Stilbruch. Er trug den obersten Knopf seines olivgrünen Hemdes ja auch offen.

Diplomprüfung. Bei dieser Ge legenheit kann ein gepflegtes Äußeres nie schaden und wird von Prüfern oft auch erwartet. Vorgeschrieben ist eine Krawatte allerdings nicht.

Ende. Das breitere Ende der Krawatte sollte etwas oberhalb des Gürtels enden, das schmale Ende etwa 2 cm kürzer als das breitere sein. Streng verboten: Die Spitze in die Hose stecken.

Fünfundachtzig Knoten-Theorie.

Nach den Physikern Thomas Fink und Yong Mao gibt es rechnerisch 85 Wege, eine Krawatte zu binden. Aber nur 13 davon sind ästhetisch, die restlichen sind zu wulstig oder zu asymmetrisch.

Die mathematische Gleichung:
K(h)=1/3 ( 2h-2 -(-1)h-2)

Geduld. Bei Anfängern vonnöten, vor allem, wenn es an kompliziertere Gebinde wie den Kreuzknoten geht. Nach mehreren erfolglosen Versuchen bieten sich > Instant-Krawatten oder > Oben ohne an.

Hemd. Wenn man keine Krawatte trägt gilt: Oberster Knopf offen. Wer sie unter Pullovern oder Pullundern versteckt, sollte darauf achten, dass der Kragen gleichmäßig hervorlugt.

Instant-Krawatte. Wird meist vom > Vater gebunden. Bei Bedarf über den Kopf stülpen und Knoten zuziehen. Nach häufiger Verwendung allerdings etwas unansehnlich und zerknittert.

Juristen. Sollten sich schon im Rahmen ihres Studiums das Binden von Krawatten aneignen. Als Anwalt oder Richter gehört die Schlinge um den Hals immer noch zum guten Ton.

Kollar. Der weiße Kragen, der von Priestern getragen wird. In diesem Fall ist die Krawatte nicht angebracht. Fristet an der Uni so wie die Krawatte eher ein Schattendasein.

Lederkrawatten. In den 80ern wurden sie gerne zu roten Seidenhemden getragen. Heute nur noch für Retro-Parties oder Unverbesserliche geeignet.

Mascherl. An der Uni noch mehr aus der Mode als Krawatten. Wird vornehmlich beim Opernball oder anderen ballähnlichen Festivitäten getragen.

New Economy. Mit Einsetzen des Internet-Hypes schossen Mitte der 90er zahllose Unternehmen aus dem Boden, die von Computerfreaks betrieben wurden. Mit deren gelockertem Dresscode wurde > Oben ohne auch im Geschäftsleben salonfähig.

Oben ohne. Kann das Fehlen eines Bikini-Oberteils bei Frauen oder einer Kopfbedeckung bezeichnen. Wird auch für Menschen ohne Krawatte verwendet.

Phallus-Symbol. Im Lexikon der Erotik wird die Krawatte als Symbol für den Penis gesehen. In der Traumdeutung steht sie unter anderem als Symbol für Atemnot.

Qual. Betrifft besonders unge übte Binder, die dringend zu einem Termin müssen und nach einigen erfolglosen Versuchen, der Krawatte Herr zu werden, langsam die > Geduld wegschmeißen.

Reaktionär. Vor allem in den 60er Jahren galten Krawatten als äußerlich sichtbares Zeichen des Spießbürgertums. Heute tragen sie zeitweilig sogar Rockstars.

Suppe. In der Mensa sollten Krawattenträger das Stück lässig um die Schulter schwingen oder auch ganz abnehmen. Dann bleibt es schön trocken.

Tie. Vorsicht bei englischspra chigen Einladungen. Mit „white tie“ ist nicht die Farbe der Krawatte gemeint, sondern ein Frack. Bei „black tie“ wird der Dresscode Smoking ausgegeben.

Universitätskrawatten. Ja, es gibt sie. Aber wer trägt freiwillig ein Accessoire mit Logo und Namen seiner Uni drauf – außer vielleicht Austauschstudenten.

Vater. Üblicherweise jene Instanz, bei der man sich den ersten Krawattenknoten abschaut. Fertigt bei Bedarf auch > Instant-Krawatten an.

Weihnachtsgeschenk. Vor allem bei Schwiegereltern beliebt. Verschwindet häufig ungebraucht im Schrank und bekommt im Jahr darauf Gesellschaft.

X-Chromosom. Auch (jüngere) Frauen verwenden in jüngster Zeit vermehrt Krawatten. Dabei wird das Accessoire zumeist über einem T-Shirt getragen und der Knoten nicht ganz zugezogen.

Yoga. Eignet sich hervorragend, um sich so weit zu entspannen, dass man die verlorene > Geduld wieder erlangt und einen neuen Versuch starten kann.

Zahn der Zeit. Breite und psychedelisch kolorierte Gebetsteppiche um den Hals waren in den 70ern einmal modern. Heute so out wie > Lederkrawatten.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 30.01.2006)

Ob Phallus-Symbol oder Accessoire, an der Uni sind Krawatten selten | (c) Clemens Fabry (Die Presse)

In meinem Inneren bin ich außer mir

Vergangenen Samstag war ich Zeuge des legendären Babyshambles-Konzerts in Graz – das gar nicht stattfand. Nur weil der Sänger und Frontgockel Pete Doherty lieber wegen eines Drogendelikts auf der Polizeiwache saß, als ein bisschen Musik zu machen. Auf diese Weise dem Hahn einen Korb zu geben, ist wirklich nicht die feine englische Art. Sie können sich vorstellen, dass ich ob solcher Arroganz in meinem Inneren komplett außer mir war. Aber wer A sagt, muss auch die bittere Pille schlucken. Und noch länger auf Herrn Dohertys Drogenproblemen herum zu reiten, wäre auf demselben Niveau, wie einen Alkoholiker durch den Kakao zu ziehen. Aber damit genug, jetzt ist der Gipfel voll.

Widmen wir uns lieber den Veranstaltungen des heutigen Tages. Blöde Briefe An G’scheite Leut gibt es ab 19 Uhr im Theatro Kosilo (8, Neudeggerg. 14) zu hören. Im kleinsten Theater Wiens sind allerdings nur 21 Plätze verfügbar, Reservierungen unter theatro@kosilo.at daher sinnvoll. Und ab 20 Uhr spielen im Planet Music (20, Adalbert-Stifter Str. 73) Helloween. Dummerweise hatten die Erfinder des melodischen Speed Metal ihre beste Zeit Ende der Achtziger und die sind ja bekanntlich schon eine Weile vorbei. Doch der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen. Und am Ende dieses ereignisreichen Tages schlagen wir dann noch im Lexikon nach, was eine Katachrese ist. Aber das bringt den heißen Stein dann auch nicht mehr zum Überlaufen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.01.2006)

Packen wir es wieder an . . .

Soda, die Ferien sind endgültig vorbei. Die Kinder sitzen in der Schule, in Ämtern sind wieder Menschen erreichbar und die letzten Christbäume finden endlich ihre Ruhe in städtischen Sammelstellen oder im heimischen Kamin. Genug zurückgelehnt also, um wieder kräftig anpacken zu können. Wir sind schließlich nicht Pezi im Faulpelzland (1, Urania, Uraniastr. 1; 15 und 16.45 Uhr). Also, Ärmel hochgekrempelt, die neoliberale Kampfsau in sich geweckt und auf zu neuen Taten. Gleich einmal hinab in die Tiefe zu einer Führung durch das Bergwerk des Technischen Museums (14, Mariahilfer Str. 212; 15 Uhr), wo der Stein- und Braunkohlebergbau des 19. und 20. Jahrhunderts demonstriert wird. Danach ins Haus der Industrie (3, Schwarzenbergpl. 4), wo wir uns um 18.15 Uhr an einem Vortrag zum Thema Potenzial synthetischer Kraftstoffe ergötzen. Mit derlei Antriebsmitteln muss sich die Besatzung des Raumschiffs Enterprise schon längst nicht mehr herumschlagen. Und auch wir wollen ja hoch hinaus. Also lernen wir ab 18 Uhr beim Vortrag Die Physik von Star Trek in der Volkshochschule Floridsdorf (21, Angerer Str. 14), welchen Treibstoff Captain Kirk statt Diesel in den Tankstutzen füllt.

Womit wir in den nächsten Tagen die MP3-Player füllen, ist auch klar: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“ von Nicole ist nicht dabei, dafür „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug oder „Cash Machine“ von Hard-Fi. Und noch ein Titelvorschlag für die Compilation: Lieder für das Wirtschaftswachstum.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.01.2006)

Süden ist wie Servolenkung

Lauwarm. Viel mehr ist dieser Winter bisher nicht gewesen. Ja, natürlich, einige Schneeflöckchen haben sich zu Boden gewagt, um gleich wieder schamhaft zu zerlaufen. Und die Temperaturen haben sich zeitweise sogar dem Gefrierpunkt angenähert. Huch! „Ist so kalt der Winter“, geht in unseren Breiten nur noch als Anachronismus durch. Aber selbst dieser Möchtegern-Spätherbst bewegt immer wieder Menschen dazu, sich über die Feiertage gen Süden zu begeben. „Stille Nacht“ am Strand, Silvester unter Palmen und Kokosnuss statt Vanillekipferl. Naja, als gelernter Österreicher ist man derlei Weicheier-Mentalität ja gewohnt: Sitzheizung, elektrische Fensterheber oder Servolenkung – nur nicht anstrengen.

Also bitte, dann lehnen Sie sich eben zurück und lassen sich vom Hotel Mama in der Komödie am Kai (Franz-Josefs-Kai 29, 20.15 Uhr) berieseln. Oder Sie widmen sich im Verein Österreichhilfe (17, Geblerg. 114, 14 Uhr) einem Literarischen Nachmittagskaffee. Nett wäre auch eine Führung zum Thema Gruseliges Wien (1, Michaelerpl., 16.30 Uhr). Wie, da läuft es Ihnen schon kalt den Buckel herunter? Dann kann ich leider auch nichts für Sie tun. Ich erwarte ja nicht, dass Sie mich begleiten, wenn ich in Kürze mit der Fähre von Stockholm nach Helsinki fahre. Beim Nordlichter-Schauen in Rovaniemi werde ich bei gemütlichen minus 10 Grad Tageshöchstwert jedenfalls an Sie denken. Und sollte ich mir dann einen ähnlich lauwarmen Winter wie hierzulande wünschen, werde ich mich bei Ihnen allen entschuldigen. Versprochen!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.12.2005)

Ruhe in der Inneren Stadt

Der letzte Tag. Morgen wird Ursula Stenzel als Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt angelobt. Und glaubt man ihren Versprechen, wird sich danach einiges tun. Oder besser gesagt, nicht mehr tun. Die „jugendliche Subkultur“ wird sich danach wohl neue Spielplätze abseits der City suchen müssen, „Haschleichen“ mögen sich bitte ebenfalls außerhalb der Bezirksgrenzen hinlegen. Und von den Musikern und Sängern am Graben wird wohl nur noch der Sound of Silence erklingen.

Nun, also wollen wir den Tag noch genießen und die Innere Stadt mit Leben erfüllen. Beginnen wir ganz unten mit der Führung Unbekanntes, unterirdisches Wien (Michaelerpl., 13.30 Uhr), einem Rundgang durch Keller und Ausgrabungsstätten. Dann arbeiten wir uns nach oben weiter – bis ganz nach oben. Bei einer Führung Über den Dächern Wiens schreien wir noch einmal lautstark vom Naturhistorischen Museum (Maria-Theresien-Str., 17 Uhr) in Richtung Hofburg. Danach bietet sich ein Besuch beim Punschstand Ihrer Wahl an, vielleicht beim Christkindlmarkt am Rathausplatz, wo schon Stille Nacht aus den Lautsprecherboxen dröhnt. Aufgewärmt wandern wir die Kärntner Straße in Richtung Stephansplatz entlang. Mal sehen, ob es den Pantomimen vor dem Haas Haus schon die Sprache verschlagen hat. . . Um 20 Uhr finden wir uns schließlich im Theater Drachengasse (Drachengasse 2) ein, wo ein Stück von Rupert Henning auf dem Programm steht. Titel: Die unterbliebenen Worte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.12.2005)

Der Orgasmus des Kapitalismus

Der Advent hat die erste Halbzeit hinter sich. Und wir mit ihm. Noch ein paar Tage durch halten, dann ist es vorbei mit weihnachtlichen Kampfgesängen in gut gelaunten Radioprogrammen, überfüllten Bekleidungsgeschäften und vollgepferchten Aufzügen in Einkaufszentren. Weihnachten ist ja gewissermaßen der jährliche Orgasmus des Kapitalismus. Glücklich sind jene, die ihre Umsätze in die Höhe treiben können. Am Ende haben sich weniger die Herzen mit Freude als vielmehr die Mülleimer mit zerknülltem Geschenkpapier gefüllt. Der immer wieder vorgetragene Wunsch nach besinnlichen Weihnachten wirkt da direkt zynisch. Ja, erwischt, ich mag Weihnachten nicht. Geht es noch jemandem so?

Gut, für genau jene Zielgruppe habe ich einige Tipps, wie dem Weihnachtstreiben entkommen werden kann: Kaffee, Kakao und Tequila sind nur einige der Genussmittel aus den Tropen, die Bettina Fähnrich bei einem Vortrag in der VHS Floridsdorf (21, Angerer Str. 14, 18:30 Uhr) vorstellt. Schokoweihnachtsmänner müssen draußen bleiben. Ebenfalls wenig weihnachtlich geht es im Konzerthaus (3, Lothringerstr. 20, 20 Uhr) zu, wenn Wolfgang Ambros Lieder von Hans Moser singt. Und auch die Strandbar Herrmann (1, Urania) ist täglich bis Mitternacht weihnachtsfreie Zone: Punsch und Glühwein ohne „Last Christmas“ und „Little Drummer Boy“. Aber bleiben Sie bitte nicht zu lange, sonst brummt am nächsten Tag der Kopf. Und da macht das Einkaufen von Weihnachtsgeschenken gleich noch viel weniger Spaß.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.12.2005)

Esst ruhig alle Nikoläuse

Dinge, die Spaß machen, haben immer einen Haken. Warum der liebe Gott etwa die ganzen Vitamine nur in Salat, nicht aber in Schokolade gesteckt hat, leuchtet wohl keinem Kind so recht ein. Und dass geschmacksneutrale Biopampe den Körper belebt, ein kleines Täfelchen Zart-Bitter hingegen Rettungsringe um die Hüfte zaubert, ist eine Ungerechtigkeit. Aber warum ist das so? Vielleicht finden wir ja einen Hinweis in der VHS Alsergrund (9., Galileig. 8, 18 Uhr), wo Von der Kakaobohne zur zarten Versuchung auf dem Programm steht.

Konsequent weitergedacht muss man sich dann fragen, warum der Nikolaus statt bunt verpackter Kalorienbomben nicht ein paar Rhabarberstangen und Feldgurken in seine Säckchen packt. Fragen Sie ihn doch, wenn er bei Kasperl, Pezi und den Kindern in der Urania (1., Uraniastr. 1, 15 und 17 Uhr) vorbeischaut: „Sind Sie womöglich ein Agent der Zahnärztekammer auf der Jagd nach Umsatzzuwächsen?“

Aber was soll’s. Essen Sie ruhig auch heuer die Schokonikoläuse im Akkord. Ja, ja, bei jedem Bissen hört Ihr Zahnarzt scheinbar die Kasse klingeln. Aber, lieber Herr Doktor, zu früh gefreut. Denn mein heutiger Buchtipp ist die Rache für jede einzelne Plombe! Reiseziel: Zahnersatz (Reise Know-How Verlag Rump; 9,20 €), ein Büchlein mit Tipps und Tricks für den Dentaltourismus. Nicht, dass das an der Entstehung von Karies etwas ändern könnte, aber eine Zahnbehandlung irgendwo in der Südsee hat dann doch schon wieder etwas. Also, schmecken lassen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.12.2005)