Hundekot unterm Weihnachtsbaum

Eine gewisse Kreativität kann man dem Wiener Rathaus nicht absprechen. Nachdem sämtliche Initiativen, den Hundekot von der Straße zu bekommen, von wenig Erfolg gekrönt waren, beschreitet Umweltstadträtin Ulli Sima einen neuen Weg: Hundekot als Weihnachtsgeschenk. Wie sonst ist die Aktion „Nimm ein Sackerl für dein Packerl“ zu verstehen, die seit kurzem propagiert wird. Sehr konsequent, wurden doch beim ersten Teil („Nimm ein Sackerl für mein Gackerl“) weniger die Hundstrümmerl selbst, sondern die putzigen Aufsteller in Hundeform Opfer menschlicher Sammelwut. Dass einem roten Sackerl mit aufgedrucktem Engel das gleiche Schicksal blühen könnte, ist unwahrscheinlich. Schließlich erfüllt ein Sackerl ohne Inhalt nicht im geringsten seine Daseinsberechtigung. „Der hübsche rote Sack ist ein aktiver Beitrag zur Abfallvermeidung“, so Sima.

Wir warten also schon darauf, dass statt der Hundekotsäckchen aus Plastik die roten Stoffsäcke in die 315 Automaten der Stadt gefüllt werden. Aber leider, so konsequent ist die Kampagne doch nicht. Denn Hundebesitzer müssen erst zum Wiener Christkindlmarkt, um am „natürlich Wien“-Stand eines der Sackerl in drei verschiedenen Größen erstehen zu können. Ab einer Spende von 3 Euro ist man dabei. Ein bisschen viel, um den Auswurf von Bello & Co abtransportieren zu können? Natürlich nicht. Denn, so Ulli Sima stolz: „Der Stoffsack kann über viele Jahre immer wieder verwendet werden.“ Ganz genau, und außerdem kann man damit ja auch andere Geschenke verpacken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.11.2007)

W-Lan on the Rocks ohne Eis

Dass drahtloser Internetzugang an öffentlichen Orten kein Geschäftsmodell an sich ist, mussten vor einiger Zeit die Stammgäste des Café Stadlmann in der Währinger Straße 26 schmerzhaft zur Kenntnis nehmen. Zwar prangt noch immer unübersehbar und grell der Hinweis auf einer der Fensterscheiben, dass im Lokal W-Lan angeboten wird, doch schon auf der nächsten Scheibe muss man „Zu vermieten“ lesen, dahinter ist es dunkel. Traurig. Für Studenten der Politikwissenschaft war das Stadlmann oft genug Hörsaal, Seminarraum und Sprechstundenzimmer. Ganze Seminararbeiten wurden auf den durchgesessenen Sitzbänken, unter denen die Federn schon deutlich spürbar waren, auf dem Laptop geschrieben. Und wo liest jetzt wohl Barbara Coudenhove-Kalergi ihre Morgenzeitung?

Aber egal, vermutlich ist der Stellenwert von W-Lan ohnehin überbewertet. Denn andere Lokale leben immer noch ganz gut, obwohl sie sie den Umgang mit drahtlosem Internetzugang nicht ganz so dramatisch wichtig nehmen. Nehmen wir etwa die Shultz-Bar in der Siebensterngasse. Dort stapfte kürzlich ein alter Freund hinein, der seine UMTS-Karte irgendwo liegen gelassen hatte. „Haben Sie Wireless-Lan?“, fragte er den südamerikanisch anmutenden Barkeeper. Darauf dieser, mit einer gewissen Verunsicherung in der Stimme: „Ist das ein Cocktail?“ Macht ja nichts, dann surfen wir eben nicht auswärts sondern bleiben daheim – vielleicht bei einem „Chello on the Rocks“ oder einem „Aon Pur“. Prost!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.11.2007)

Lasset uns feiern, ehret die Toilette

Dass es eine regelrechte Inflation an Tagen gibt, nämlich an jenen, die irgendeinem Thema gewidmet sind, wurde bereits des Öfteren thematisiert. So wird etwa morgen der Tag der Industrialisierung Afrikas gefeiert, während am Mittwoch der Welttag des Fernsehens zelebriert wird. Heute hingegen steht ein Thema im Mittelpunkt, das sonst gerne unter Verschluss gehalten wird: Der 19. November ist der Tag der Toilette. Statt gleich auf dem Lokus eine Konfettiparade zu starten, richten wir unseren Fokus lieber auf den Hintergrund dieses Feiertages: Laut Unicef müssen nämlich 2,6 Milliarden Menschen ohne angemessene sanitäre Anlagen auskommen.

So mag die Landschaft auf der asiatischen Seidenstraße beispielsweise beeindruckend sein (Vortrag in der Österr. Orient-Gesellschaft, Dominikanerbastei 6/6; 19 Uhr), doch wer schon einmal seine Verdauungsprobleme auf einem kirgisischen Plumpsklo aussitzen musste, kann den Wunsch nach angemessenen Sanitäranlagen sicherlich nachvollziehen. Keine Rolle spielt die olfaktorische Belastbarkeit bei „Der Dritte Mann – auf den Spuren eines Filmklassikers“ (U4 Station Stadtpark, 16 Uhr), denn der Drehort Kanal wird bei dieser Führung ausgelassen. Dass manche den World Toilet Day nicht ansprechend würdigen, beweist übrigens MTV. Denn wie naheliegend wäre es gewesen, heute (21 Uhr) eine jener „South Park“-Episoden zu bringen, in der Mr. Hankey, der Weihnachtskot, wieder einmal die Welt rettet. Schade, man kann nicht alles haben. Auch nicht am Tag der Toilette.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.11.2007)

Winter, Kellner, schlechtes Timing

Der Winter hat ein Timing-Problem. Egal, wann er sich in Form von Schnee auf Straßen, Oberleitungen und Dächern zeigt, wird über ihn gelästert. Wie das Amen im Gebet pilgern Autofahrer, die vom „plötzlichen“ Wintereinbruch (mitten im November, tststs) überrascht wurden, in die Autowerkstätten, um die Sommerreifen loszuwerden. Notorische Ganzjahres-Sommerreifenfahrer wären wohl auch über den ersten Schnee im Jänner überrascht.

Timing-Probleme haben aber auch andere, etwa Kellner: Kaum hat man seinen Platz eingenommen – sagen wir im Tewa am Naschmarkt – und greift gerade zur Karte, fragt schon einer die Getränkewünsche ab, während er ungeduldig mit dem Kugelschreiber auf den Notizblock klopft. Derart unter Druck gesetzt, stammelt man schnell „Almdudler gespritzt“ und verzichtet auf das Studium des Getränkeangebots. Minuten später – längst hat man sich für sich für Haya’s Potpourri mit Falafel entschieden – platziert der Kellner die Getränke wortlos am Tisch, zieht von dannen – und vermeidet konsequent jeglichen Blickkontakt. Immerhin, am Ende steht doch ein Teller am Tisch und Humus, Tabouleh und Fladenbrot lassen düstere Gedanken wieder verschwinden. Dann muss man nur noch hoffen, dass die Begleitung nicht gerade in dem Moment eine Frage stellt, in dem man ein Stück Falafel in den Mund geschoben hat. Mit Kauen und Schlucken vergehen nämlich gefühlte fünf Minuten, bis man endlich leeren Mundes antworten kann. Auch eine Form von schlechtem Timing.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.11.2007)

Legenden vom Tauchen

Wie gefährlich Tauchen ist, wissen vor allem jene ganz genau, die es selbst noch nie versucht haben. Da werden sofort unter dem Wasserdruck explodierende Zahnfüllungen ins Spiel gebracht, wilde Haie und sonstiges Ungetier, das nur darauf aus ist, dem Eindringling die Luft abzudrehen. Apropos Luft, daran erkennt man den Laien, der von Sauerstoffflaschen spricht, mit denen man auf Tauchstation geht. Wer mit reinem Sauerstoff einen Tauchgang wagt, wird ab einer gewissen Tiefe tatsächlich Probleme bekommen – einen Sauerstoffkrampf nämlich. Denn herkömmliche Flaschen zum Tauchen enthalten schlicht Pressluft – mit 21 Prozent Sauerstoff, 78 Prozent Stickstoff. Normale Atemluft, eben.

Gefährlich kann es natürlich werden, wenn man sich nicht an Regeln hält und etwa beim Auftauchen nicht ausatmet. Dementsprechend lautet die erste Regel des Tauchens: „Halte nie die Luft an!“ Gleich an zweiter Stelle kommt aber schon: „Schau immer cool aus!“, zumindest sagt das mein Tauchlehrer Jason. Dazu gehört, nicht mit den Händen zu rudern sondern die Arme zu verschränken und ruhig mit den Beinen zu paddeln. Ein bisschen von dieser Ruhe sollten sich all jene abschneiden, denen man von einem geplanten Tauchurlaub erzählt. Glauben Sie nicht, dass es unter Wasser so zugeht wie in Luc Bessons „Im Rausch der Tiefe“. Das ist nämlich ein Spielfilm. So wie auch „Pippi Langstrumpf“ (UCI Millennium City, 14.45 Uhr). Und Sie glauben ja auch nicht, dass ein kleines Mädchen ein Pferd hochheben kann, oder?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.11.2007)

Warum muss man Babys „basteln“?

Jüngst war in einer Illustrierten zu lesen, dass Schlagersängerin Simone und Partner Alex an Nachwuchs denken. Titel: „Jetzt basteln wir am Baby!“ Nun denken zumindest einige Österreicher meiner Generation (Baujahr 1974) bei diesem Begriff an die ORF-Kindersendung „Wer bastelt mit?“, in der verschüchterte Kinder unter der Anleitung von Bastelonkel Franz Kotscher versuchten, Papierflieger zusammenzukleben. Und auch daran, dass Onkel Franz den Kindern die noch unfertigen Stücke immer wieder aus der Hand riss, um sie im Stile eines Oberlehrers selbst fertig zu machen – „und immer schön genau am Falz falten.“ Knisternde Erotik pur, eben.

Die gute Simone ist allerdings nur die mediale Speerspitze, auch in vielen anderen Familien wird der Nachwuchs scheinbar mit Schere, Papier und Uhu-Stick hergestellt. Liebe Leute, so unromantisch kann die Fortpflanzung doch auch wieder nicht sein, dass man dafür Vokabular aus der Kinderwelt bemühen muss, oder? Andererseits, auch die Alternativen haben einen ähnlich schalen Nachgeschmack. Das umgangssprachliche „einen Braten in den Ofen schieben“ ist an Entwürdigung kaum mehr zu überbieten. Und würde man vom „Produzieren“ sprechen, wäre da die Assoziation mit einem Fließbandarbeiter, der wie Charlie Chaplin in „Modern Times“ sichtlich überfordert an einem Werkstück herumschraubt – also auch eher Fehlanzeige. Wir werden also vermutlich damit leben müssen, dass Kinder weiter in Bastelstuben gemacht werden – hoffentlich ohne Onkel Franz.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.10.2007)

Du sollst nicht „lecker“ sagen

Österreich hat den Vorteil, einen großen Nachbarn zu haben, der die gleiche Sprache spricht. Erst die Größe des deutschen Marktes macht es sinnvoll, Werke aus anderen Sprachen – Bücher, Filme und Konsorten – ins Deutsche übersetzen zu lassen. Die Größe des Nachbarn ist aber gleichzeitig auch ein Nachteil. Abgesehen davon, dass etwa Holländer oder Finnen leichter Englisch lernen, weil sie im Kino und TV Originalversionen sehen, gibt es noch einen Haken: Begriffe aus dem Deutschen schwemmen auf der Welle von Quizshows, Serien und Synchronsprechern in unsere Wohnzimmer und nisten sich in unserem Sprachgebrauch ein.

In Werbespots wird längst von „Pickeln“ gesprochen, in TV-Serien ein „Hühnchen“ gegessen. Mittlerweile hört man auch schon von Österreichern, dass etwas „lecker“ sei. All jenen, die noch etwas Sprachgefühl haben, rollt es spätestens dabei die Zehennägel auf. So auch Robert Sedlaczek, der im „Kleinen Handbuch der bedrohten Wörter Österreichs“ einige Begriffe aufdeckt, die wir vor ein paar Jahren nicht zu sagen wagten. „Sahne“ statt Obers, „Rührei“ statt Eierspeis oder „Junge“ statt Bub treiben ihm, so wie hoffentlich auch Ihnen, die Grausbirnen auf die Stirn. Also, retten wir noch ein paar Reste unserer Sprache, lassen wir uns nicht gleichschalten. Und wenn Sie das nächste Mal eine Packung Manner-Schnitten aufmachen und ein Stück der mit Haselnusscreme gefüllten Bäckerei zum Mund führen: Sagen Sie niemals „Waffel“ zu ihr. Von „lecker“ ganz zu schweigen. . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.10.2007)