Winter, Kellner, schlechtes Timing

Der Winter hat ein Timing-Problem. Egal, wann er sich in Form von Schnee auf Straßen, Oberleitungen und Dächern zeigt, wird über ihn gelästert. Wie das Amen im Gebet pilgern Autofahrer, die vom „plötzlichen“ Wintereinbruch (mitten im November, tststs) überrascht wurden, in die Autowerkstätten, um die Sommerreifen loszuwerden. Notorische Ganzjahres-Sommerreifenfahrer wären wohl auch über den ersten Schnee im Jänner überrascht.

Timing-Probleme haben aber auch andere, etwa Kellner: Kaum hat man seinen Platz eingenommen – sagen wir im Tewa am Naschmarkt – und greift gerade zur Karte, fragt schon einer die Getränkewünsche ab, während er ungeduldig mit dem Kugelschreiber auf den Notizblock klopft. Derart unter Druck gesetzt, stammelt man schnell „Almdudler gespritzt“ und verzichtet auf das Studium des Getränkeangebots. Minuten später – längst hat man sich für sich für Haya’s Potpourri mit Falafel entschieden – platziert der Kellner die Getränke wortlos am Tisch, zieht von dannen – und vermeidet konsequent jeglichen Blickkontakt. Immerhin, am Ende steht doch ein Teller am Tisch und Humus, Tabouleh und Fladenbrot lassen düstere Gedanken wieder verschwinden. Dann muss man nur noch hoffen, dass die Begleitung nicht gerade in dem Moment eine Frage stellt, in dem man ein Stück Falafel in den Mund geschoben hat. Mit Kauen und Schlucken vergehen nämlich gefühlte fünf Minuten, bis man endlich leeren Mundes antworten kann. Auch eine Form von schlechtem Timing.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.11.2007)

Legenden vom Tauchen

Wie gefährlich Tauchen ist, wissen vor allem jene ganz genau, die es selbst noch nie versucht haben. Da werden sofort unter dem Wasserdruck explodierende Zahnfüllungen ins Spiel gebracht, wilde Haie und sonstiges Ungetier, das nur darauf aus ist, dem Eindringling die Luft abzudrehen. Apropos Luft, daran erkennt man den Laien, der von Sauerstoffflaschen spricht, mit denen man auf Tauchstation geht. Wer mit reinem Sauerstoff einen Tauchgang wagt, wird ab einer gewissen Tiefe tatsächlich Probleme bekommen – einen Sauerstoffkrampf nämlich. Denn herkömmliche Flaschen zum Tauchen enthalten schlicht Pressluft – mit 21 Prozent Sauerstoff, 78 Prozent Stickstoff. Normale Atemluft, eben.

Gefährlich kann es natürlich werden, wenn man sich nicht an Regeln hält und etwa beim Auftauchen nicht ausatmet. Dementsprechend lautet die erste Regel des Tauchens: „Halte nie die Luft an!“ Gleich an zweiter Stelle kommt aber schon: „Schau immer cool aus!“, zumindest sagt das mein Tauchlehrer Jason. Dazu gehört, nicht mit den Händen zu rudern sondern die Arme zu verschränken und ruhig mit den Beinen zu paddeln. Ein bisschen von dieser Ruhe sollten sich all jene abschneiden, denen man von einem geplanten Tauchurlaub erzählt. Glauben Sie nicht, dass es unter Wasser so zugeht wie in Luc Bessons „Im Rausch der Tiefe“. Das ist nämlich ein Spielfilm. So wie auch „Pippi Langstrumpf“ (UCI Millennium City, 14.45 Uhr). Und Sie glauben ja auch nicht, dass ein kleines Mädchen ein Pferd hochheben kann, oder?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.11.2007)

Warum muss man Babys „basteln“?

Jüngst war in einer Illustrierten zu lesen, dass Schlagersängerin Simone und Partner Alex an Nachwuchs denken. Titel: „Jetzt basteln wir am Baby!“ Nun denken zumindest einige Österreicher meiner Generation (Baujahr 1974) bei diesem Begriff an die ORF-Kindersendung „Wer bastelt mit?“, in der verschüchterte Kinder unter der Anleitung von Bastelonkel Franz Kotscher versuchten, Papierflieger zusammenzukleben. Und auch daran, dass Onkel Franz den Kindern die noch unfertigen Stücke immer wieder aus der Hand riss, um sie im Stile eines Oberlehrers selbst fertig zu machen – „und immer schön genau am Falz falten.“ Knisternde Erotik pur, eben.

Die gute Simone ist allerdings nur die mediale Speerspitze, auch in vielen anderen Familien wird der Nachwuchs scheinbar mit Schere, Papier und Uhu-Stick hergestellt. Liebe Leute, so unromantisch kann die Fortpflanzung doch auch wieder nicht sein, dass man dafür Vokabular aus der Kinderwelt bemühen muss, oder? Andererseits, auch die Alternativen haben einen ähnlich schalen Nachgeschmack. Das umgangssprachliche „einen Braten in den Ofen schieben“ ist an Entwürdigung kaum mehr zu überbieten. Und würde man vom „Produzieren“ sprechen, wäre da die Assoziation mit einem Fließbandarbeiter, der wie Charlie Chaplin in „Modern Times“ sichtlich überfordert an einem Werkstück herumschraubt – also auch eher Fehlanzeige. Wir werden also vermutlich damit leben müssen, dass Kinder weiter in Bastelstuben gemacht werden – hoffentlich ohne Onkel Franz.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.10.2007)

Du sollst nicht „lecker“ sagen

Österreich hat den Vorteil, einen großen Nachbarn zu haben, der die gleiche Sprache spricht. Erst die Größe des deutschen Marktes macht es sinnvoll, Werke aus anderen Sprachen – Bücher, Filme und Konsorten – ins Deutsche übersetzen zu lassen. Die Größe des Nachbarn ist aber gleichzeitig auch ein Nachteil. Abgesehen davon, dass etwa Holländer oder Finnen leichter Englisch lernen, weil sie im Kino und TV Originalversionen sehen, gibt es noch einen Haken: Begriffe aus dem Deutschen schwemmen auf der Welle von Quizshows, Serien und Synchronsprechern in unsere Wohnzimmer und nisten sich in unserem Sprachgebrauch ein.

In Werbespots wird längst von „Pickeln“ gesprochen, in TV-Serien ein „Hühnchen“ gegessen. Mittlerweile hört man auch schon von Österreichern, dass etwas „lecker“ sei. All jenen, die noch etwas Sprachgefühl haben, rollt es spätestens dabei die Zehennägel auf. So auch Robert Sedlaczek, der im „Kleinen Handbuch der bedrohten Wörter Österreichs“ einige Begriffe aufdeckt, die wir vor ein paar Jahren nicht zu sagen wagten. „Sahne“ statt Obers, „Rührei“ statt Eierspeis oder „Junge“ statt Bub treiben ihm, so wie hoffentlich auch Ihnen, die Grausbirnen auf die Stirn. Also, retten wir noch ein paar Reste unserer Sprache, lassen wir uns nicht gleichschalten. Und wenn Sie das nächste Mal eine Packung Manner-Schnitten aufmachen und ein Stück der mit Haselnusscreme gefüllten Bäckerei zum Mund führen: Sagen Sie niemals „Waffel“ zu ihr. Von „lecker“ ganz zu schweigen. . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.10.2007)

Wenigstens kein Spießer

Was wären die großen Erfolge ohne die kleinen, heißt es im Werbespot einer Bank. Genau, auf einem Podium vor Menschen zu sprechen wäre hier der große, sich davor die Krawatte zu binden, der kleine Kraftakt. Interessant, dass jene Bank diesen Moment vor dem Spiegel noch nicht in ihre Werbelinie aufgenommen hat. Eine andere Bank wiederum wirbt damit, dass die Ärmel aufgekrempelt werden. Nun, das geht bekanntlich noch etwas leichter von der Hand als das Hantieren mit dem Kulturstrick – was das heißt, ist aber nicht so klar. Immerhin lernen wir, dass es im Bankgewerbe nicht üblich ist, einfach im T-Shirt in die Arbeit zu marschieren.

So mancher Sakkoträger, der gerade emotionslos ein paar Euro-Scheine durch die Zählmaschine wandern lässt, denkt in solchen Momenten wohl voller Wehmut an früher zurück. Als er in zerrissenen Jeans, einem T-Shirt mit Totenkopf und mit Nietenarmband bei einem Konzert die damals noch langen Haare im Rhythmus herumkreisen ließ. Iced Earth und Annihilator waren zwei der Bands, denen man damals zujubelte. Die Magie von damals wird heute wohl nicht aufkommen, wenn eben diese Bands im Planet Music den Heavy Metal vergangener Tage wieder einmal aufwärmen. Von der musikalischen Originalität einmal abgesehen, sieht es einfach seltsam aus, wenn ältere Herren, deren Matte längst ergraut ist, so tun, als ob die Neunziger noch nicht vorbei wären. Andererseits, wenigstens sind sie keine Spießer geworden. Auch ein kleiner Erfolg. Und was wären die großen. . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.10.2007)

Schenkt kein Tandem, bitte

Während des ganzen Jahres hätte man sie, doch wenn es konkret wird, zumeist kurz vor Weihnachten/Geburtstag/Hochzeit verflüchtigen sie sich zu einem gedanklichen Vakuum – sinnvolle Geschenksideen. Dann sitzt man stundenlang mit Freunden zusammen und wälzt Ideen, die letztendlich doch nicht funktionieren. Nun hat die Geschenkartikelindustrie mit eigenen Abteilungen in Buchhandlungen oder sogar eigenen Shops Produkte genau für jene kreativen Aussetzer bereitgestellt, doch genau diese Notlösungsmentalität bemerkt der Beschenkte auch sofort, wenn er Scheußlichkeiten wie „Happy Birthday“-Häferln mit Diddlmaus oder Sternzeichen-Bücher überreicht bekommt. Sollte sich doch ein Genieblitz der Geschenksfindung abzeichnen, reicht die Zeit mit Sicherheit nicht mehr aus, das Geschenk zu besorgen. Obwohl, das ist vielleicht auch besser so. Denn so wahnsinnig originell die Idee auch ist, einem Paar zur Hochzeit ein Tandem zu schenken, so wirklich groß wird die Freude über das unhandliche Freizeitgerät dann doch nicht sein.

Versuchen Sie es mal mit Geschenken, mit denen man wirklich etwas anfangen kann. „Nordkorea. Fotografien aus einem abgeschotteten Land“ etwa, ein herrlicher Bildband aus einer der schrulligsten Diktaturen der Welt. Oder „XXX 30 Porno-Stars im Porträt“ von Timothy Greenfield-Sanders – so unerotisch wurde kaum ein Pornodarsteller je gezeigt. Wie, das passt nicht zum Beschenkten? Dann wechseln Sie lieber Ihren Freundeskreis. Oder bleiben bei der Diddlmaus.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.10.2007)

Also, wenn die ka Leitkultur hab’n . . .

Fragt man Auslandsösterreicher, was ihnen in der neuen Heimat am meisten abgeht, setzt umgehend das Lamento ein, dass es kein richtiges Brot gibt. Da ist etwas dran. Zwar findet man etwa im Kiosk am Hauptplatz von Gjumri (nordwestliches Armenien) Manner Schnitten oder kann sich in Kiew Mozartkugeln besorgen, doch die Suche nach österreichischem Schwarzbrot muss außerhalb des Landes zumeist erfolglos bleiben. So weit, so traurig.

Doch es gibt noch viel Schlimmeres. Oder wurde Ihnen schon einmal auf Auslandsreisen ein Almdudler angeboten? Der ist nämlich so gut wie nirgendwo außerhalb des österreichisch-bayerischen Raums zu bekommen. Und dabei ist gerade dieses Getränk so urösterreichisch – fast muss man sich wundern, dass Heinz-Christian Strache es noch nicht in den Katalog der Leitkultur aufgenommen hat. Wie auch immer, zum 50. Geburtstag bitten die Macher der Kräuterlimonade zum Trachtenpärchenball heute Abend (20 Uhr) ins Wiener Rathaus. Einlass gibt es zwar nur in Tracht, doch keine Angst, musikalisch bewegt man sich mit Stargast Nina Hagen zeitweise auch abseits von fröhlichem Schunkeln.

Wer Lederhose, Dirndl & Co weniger spannend findet, kann sich ja anderen Vergnügungen hingeben, etwa Bollywood Tanzen im Stiege Kultur Club (2, Volkertpl. 7, Eintritt frei). Und wenn Sie dort lange genug schweißtreibend zwischen bunten Saris herumgewuselt sind, gehen Sie in sich: Hätten Sie jetzt lieber eine Kräuterlimonade oder ein Stück Schwarzbrot?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.09.2007)

Unaussprechlich unaussprechlich

Der Begriff „unaussprechlich“ steht in unserem Sprachgebrauch häufig für das Phänomen, dass ein Gefühl so gewaltig ist, dass es gar nicht in Worte gefasst werden kann. Dass die Liebe zu jemandem etwa so groß ist, dass man sie schon als unaussprechlich empfindet, mag schon öfter des nachts auf einer Parkbank ausgesprochen worden sein. Heute läuft das ja eher weniger romantisch per SMS, das Unaussprechliche wird da eben – in Akronyme verpackt – zum Unausschreiblichen („ihdgfl“ oder so). Der Bogen von der metaphorischen hin zur ursprünglichen Bedeutung in der Alltagssprache kann übrigens auch sehr elegant gespannt werden. So wirbt etwa der Wiener Brötchenbeleger mit dem wohl am häufigsten falsch geschriebenen Namen damit, dass seine Produkte (mein Favorit: Speck mit Ei) „unaussprechlich gut“ sind.

Auch im Musik- und Unterhaltungsbereich sind dieser Tage einige unaussprechlich unaussprechliche Künstler zu sehen. Unter anderem ist der US-Jazzmusiker Jamaaladeen Tacuma im Porgy & Bess zu Gast. Und in der Szene Wien ist tuvinischer Kehlkopf- und Obertongesang der Gruppe Huun Huur Tu zu hören. (Falls Sie Tuva nicht sofort auf dem Globus verorten können, die abgeschiedene Republik liegt zwischen Süd-Sibirien und der chinesischen Mongolei.) Stellt sich nur die Frage, wie man das Konzert der britischen Gothic-Metaller Paradise Lost im Planet Music bezeichnet – schließlich hört man das Antonym „aussprechlich“ ja eher unaussprechlich selten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.09.2007)

Du, ich darf doch du sagen?

Gibt es eigentlich eine Systematik, die die richtige Ansprache für jede Lebenslage definiert? Eine Tabelle, in der jede Konstellation inklusive richtiger Anrede aufgeführt ist? Damit könnte man sich, etwa am Arbeitsplatz, so manche peinliche Situation ersparen, in der um die Personalpronomen einfach herumgeredet wird – dann nämlich, wenn man sich über die korrekte Anrede nicht sicher ist.

Natürlich, den jugendlich-jovialen Kollegen einfach so zu duzen fällt leicht, so wie ehrwürdig-ergraute Mitarbeiter ganz selbstverständlich gesiezt werden. Doch der Fall ist eben nicht immer ganz so einfach. Denn dummerweise gibt es irgendwo zwischen 30 und, sagen wir, 50 Jahren den Bereich, in dem ein „Du“ als zu frech, ein „Sie“ aber als zu steif aufgefasst werden könnte. Und die naheliegende Taktik, die Anrede dem Gegenüber zu überlassen, ist oft zum Scheitern verurteilt – wenn der Gesprächspartner selbst mit allgemeinen Feststellungen jegliche Festlegung auf duzen oder siezen umschifft.

Lösungen? Nun, in der Arbeiterbewegung, beim Kartellverband oder der Feuerwehr anheuern. Oder bei einer Werbeagentur. Dort gehört das Duzen zur Corporate Identity. Oder Sie lösen das Problem einfach durch Übertreibung: „Eure Hoheit“ oder „Ihro Gnaden“ lassen sich schließlich auf beide Arten verstehen. Ihr Gegenüber fühlt sich dann vermutlich entweder geehrt oder verarscht – und irgendwann wird er Sie wohl darauf ansprechen. Und dann sollte endgültig Klarheit herrschen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.09.2007)

Strenge Erziehung in der U-Bahn

Der Wiener an sich ist einerseits ordnungsliebend, andererseits aber auch undiszipliniert. Leider stehen einander diese beiden Eigenschaften allzu oft im Weg. Gut, dass zumindest die Wiener Linien nun einen Weg gefunden haben, Herr über die Massen zu werden, die tagtäglich die Stadt durchqueren: „Ausstieg links!“ ertönt es da militärisch schrill aus den Lautsprechern, wenn die U-Bahn eine Station erreicht hat – ja, die Variante mit „Ausstieg rechts!“ gibt es auch. Fast ist man geneigt, der Durchsage ein „Jawohl, links!“ entgegenzuschmettern, ehe sich der bis dahin lose Verbund der Fahrgäste in riefenstahlscher Manier formiert und im Gleichschritt aus dem Waggon marschiert.

Doch darf man den Wiener Linien keinesfalls zu große Strenge unterstellen, denn auf der Klaviatur der Emotionen beherrschen sie auch zartere Töne. Dann etwa, wenn sich eine weinerliche Kinderstimme den Weg über den Gehörgang mitten ins Herz der Fahrgäste bahnt: „Bitte nehmen Sie Ihre mitgebrachten Zeitungen wieder mit!“ Als „Presse“-Leser ist Ihnen der Gedanke ja ohnehin fremd, die Zeitung einfach liegen zu lassen, oder? Doch andere Fahrgäste greifen nach und nach zaghaft auf den Nebensitz, nehmen das zusammgengeknüllte Stück Papier und stecken es mit Tränen in den Augen in ihre Taschen.

Zuckerbrot und Peitsche, das mögen die Wiener. Manchmal sogar ganz ironiefrei, immerhin haben die Wiener Linien sogar eine eigene Fanpage: www.fpdwl.at. Ganz genau, Ausstieg links!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.09.2007)