Deckmantel Projektarbeit

Manchen Menschen aus dem Freundeskreis umgibt etwas Mysteriöses. Man geht gemeinsam fort, fährt auf Urlaub, spricht über Privates, führt ideologische Debatten und kennt letztlich all die kleinen Marotten des Gegenübers. Nur bei einem Punkt bleibt ein Fragezeichen: Sobald man die Frage stellt, was der andere denn nun eigentlich arbeitet. „Ich mache Projekte“, wird dann bedeutungsschwanger in den Raum gestellt, garniert mit einem Blick, der ein Weiterfragen unmöglich macht. Ähnlich enden Debatten mit Gastronomen, in deren Lokal Gäste so sporadisch auftauchen wie Karl-Heinz Grasser in einem Secondhandshop. Fragt man den Wirt, wie er mit einem ständig leeren Pub überleben kann, kommt einer Killerphrase gleich: „Ich mache in Import/Export.“ Ach ja, natürlich. Immerhin, bei manchen Berufsgruppen liegt es auf der Hand: Erzählt jemand lapidar, er arbeite im „Internetbusiness“, schneidet er vermutlich Filme für Porno-Webseiten.

Im Kino ist derartige berufliche Geheimnistuerei in „Der gute Hirte“ (Actors Studio, 20.15 h) zu sehen, in dem Matt Damon einen Geheimdienstmitarbeiter spielt (und dem Publikum wieder vergeblich vorgaukelt, ein guter Schauspieler zu sein). Weniger geheimnisvoll sind da schon „Des Ano“, die heute im Radiokulturhaus (Großer Sendesaal, 20 Uhr) ihr Programm „film noir“, ein Crossover aus Wienerlied, Hip Hop und Walzer vorstellen. Die Band setzt sich unter anderem aus dem Lyriker Max Gruber und dem Harmonikaspieler Walther Soyka zusammen. Naja, ein Projekt halt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.04.2007)

Ist das nicht zu viel des Knuten?

Um zum Medienhype zu werden, muss man gar nicht allzu viel leisten. Es genügt schon, tollpatschig durch die Gegend zu stolpern und dabei nett auszusehen. Nun darf man gegen den Berliner Zoobären „Knut“ (Wer gab ihm eigentlich diesen seltsamen Namen?) ja nicht ernsthaft etwas Böses sagen, er kann ja nichts dafür. Aber die Auswüchse, die der Kult um das Eisbärenbaby mittlerweile treibt, sind schon wirklich zu viel des Knuten. Schon „Knut, der kleine Eisbär“ von Kitty lässt Erinnerungen an den längst verdrängten „Schni-Schna-Schnappi“-Krokodil-Wahnsinn aufkommen. Doch damit nicht genug, kommt doch diese Woche eine weitere CD mit gleich zwei Nummern (Hörprobe: http://www.knut-kuschelbaer.de) auf den Markt. Und auch Frank Zander hat bereits die Single „Hier kommt Knut“ (genau, Resteverwertung von „Hier kommt Kurt“) für nächste Woche angekündigt. Wir kapitulieren vor der Infantilität.

Auch abseits von Radio und Klingeltönen setzt sich der Bären-Overkill fort. Mit Schaudern denke man an den Samstag, als Christoph-Maria Herbst bei „Wetten, dass . . . ?“ seine Wettschuld im Eisbärenkostüm abdienen musste. Im Internet gibt es sogar schon eine dem Videoportal „YouTube“ nachempfundene Fanseite – http://www.youknut.de. Markenexperten sehen in ihm bereits eine millionenschwere Merchandising-Figur, der wir wohl eine Zeit lang nicht mehr entkommen werden. Erinnert sich eigentlich noch jemand an den NDW-Hit von Grauzone? Text: „Ich möchte ein Eisbär sein.“ Ob das Knut auch so sieht?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.04.2007)

„Erzähl mir was!“ „Sicher nicht“

Wenn sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl der Bequemlichkeit breit macht, ist Alarm angesagt. Dann nämlich, wenn Kommunikation von einer Seite nur mehr als Berieselung verlangt wird. „Erzähl mir was!“, ist so eine Phrase, die einer Fernbedienung gleich verwendet wird. Und der kommunikative Gegenpol hat gefälligst die Rolle des Fernsehers zu übernehmen, der sogleich das Unterhaltungsprogramm startet. Diese Form unidirektionaler Einwegkommunikation signalisiert vor allem eines: Desinteresse. Im Kindesalter mag es ja noch legitim sein, voller Begeisterung wahllos im Erfahrungsschatz Älterer zu wühlen, doch unter Erwachsenen sollte doch ein gewisses Mindestmaß an Empathie vorausgesetzt werden können. Was ist so schwer daran, durch eine präzisere Fragestellung zu signalisieren, dass man an bestimmten Aspekten oder Neuigkeiten interessiert ist? Selbst unverbindliche Phrasen wie „Was macht die Arbeit?“ haben mehr Niveau als diese absolute Beliebigkeit.

Hohle Phrasen wie diese, aber auch klassische Dialogbausteine für Weihnachten, Krankheit und Wetter hat Michael Hufnagl in seinem Buch „Die sagenhafte Wortlawine“ (Pichler-Verlag) versammelt. Daneben präsentiert er auch misslungene Versuche sprachlicher Originalität – zum Bleistift – und stellt auch die Meister der Unverbindlichkeit an den Pranger: Politiker und ihre Phrasen, mit denen sie unangenehmen Fragen ausweichen wollen. Aber darauf kommen wir später noch zu sprechen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.03.2007)

Wo sind die süßen kleinen Tauben?

Die städtische Taube hat ein Imageproblem. Dass sie mit Ausscheidungen die Stadt wie mit Zuckerguss dekoriert – aus dem Flakturm im Augarten wurde kürzlich eine vier Meter hohe Schicht entfernt – kann die schlechte Reputation des Vogels allerdings nicht restlos erklären. Schließlich markieren Hunde ja auch ihr Revier mit kleinen Tretminen, die auf arglose Passanten warten. Doch der Hass schlägt nicht den Tieren entgegen sondern ihren Besitzern. Nein, das Problem liegt um einiges tiefer: Hunde sind süß, Tauben nicht. Noch präziser: Kleine Hunde sind süß. Kleine Tauben vermutlich auch. Aber: Wo sind die süßen kleinen Tauben?

Jeder PR-Berater würde den 200.000 bis 300.000 Problemvögeln raten, ihren Nachwuchs in der Öffentlichkeit präsent zu machen. Wer kann etwas gegen Hunde sagen, wenn eine Welpe mit großen Augen hilflos in die Welt blickt? Und die pelzigen Küken von Hühnern sorgen ebenfalls für verzückte Blicke – und kindliche Tränen beim Besuch von Kentucky Fried Chicken (Neueröffnung Filiale Mariahilferstr. 119, morgen Mittwoch). Ein anderer Vogel kämpft nicht mit derlei schwachen Beliebtheitswerten: der Storch. Er wird, was Nachwuchs angeht, ja eher in einem positiven Zusammenhang gesehen. Dass es sich bei Störchen und Kindern um eine kuriose Kausalbeziehung handeln könnte, wird übrigens heute in der VHS Landstraße (3, Hainburger Str. 29; 19.30) diskutiert – beim Vortrag „Populäre Irrtümer“. Apropos, stimmt es wirklich, dass Wiener die Tauben im Park vergiften?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.03.2007)

Wo Männer noch Frauen sein dürfen

Vor einigen Tagen durften hier die Urväter des Heavy Metal Manowar stolz ihre pralle Männlichkeit spielen lassen. Nun gebietet die journalistische Ausgewogenheit, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. Die ist nämlich erstens um keinen Deut schlechter und zweitens auch noch im Trend: In jüngster Zeit schießen bunte, lebensbejahende und unglaublich melodische Bands nur so aus dem Boden, die noch etwas eint – sie sind schwul.

Nun ist sexuelle Ausrichtung ja absolut kein Kriterium, um über die Qualität künstlerischer Darbietungen urteilen zu können. Doch gerade die positive Energie aus dieser Richtung sollte einmal lobend vermerkt werden. Immerhin haben die Scissor Sisters mit „I don’t feel like dancing“ eine Hymne geschaffen, zu der auch Heteros auf der Tanzfläche kess mit dem Hintern wackeln. Nicht umsonst treten die Glamrocker The Ark mit der Gute-Laune-Attacke „The worrying kind“ für Schweden beim Song Contest an. Gute Laune versprüht auch Austrofred heute und morgen im Chelsea (21.30) – zumindest sein Vorbild Freddie Mercury war eine schwule Gallionsfigur.

Noch nicht ganz einig ist man sich beim Newcomer des Jahres – Mika. In Schwulenmagazinen wird noch spekuliert, ob der britische Sänger nun straight oder gay ist. Musikalisch passen sein Debutalbum und vor allem die Single „Grace Kelly“ aber perfekt ins Bild: Großartige Melodien und bunter Pop voller Zitate, freudenspendend wie Sonnenlicht. Hören Sie sich das an – ob Sie nun schwul sind oder nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.03.2007)

Die schlechtesten Witze Österreichs

Kennen Sie das Gefühl, dass in einer Situation plötzlich ein unglaublich schlechter Witz in der Luft liegt? Jeder hat ihn im Kopf, aber keiner wagt ihn auszusprechen – so schlecht ist er. Und doch findet sich in jeder Runde verlässlich eine Person, die diesem im Raum schwebenden Leider-nicht-Scherz zur Geburt verhilft – schenkelklopfendes Bruhaha meets betretenes Schweigen. Im Fachjargon nennt man derartige Restwitze auch Kalauer. Sie wissen schon, so etwas à la: „Ist noch angerührter Gips da?“ „Ja, aber der ist beleidigt.“ Oder noch härter: „Ein Friedhofsgärtner geht bei seinem Job über Leichen.“

Nun ist es schon schlimm, dass irgendwelche Kings of Kalauer ihre humoristischen Almosen freudesprühend in die Welt posaunen. Doch es geht noch schlimmer, nämlich gleich ein ganzes Buch darüber zu schreiben. „Martha Pfahl am Marterpfahl“ heißt das betreffende Werk, in dem Harald Havas all jene (vermeintlichen) Pointenfeuerwerke präsentiert, die sich im Lauf der Jahre in den Scherzfabriken des Internets angesammelt haben. Zu finden sind darin auch Spielchen mit Namen, die wir schon aus zahllosen Simpsons-Folgen kennen, etwa „mein Name ist Vier, Dina Vier“. Aber auch pseudoenglische Redewendungen wie „Ain’t joule dig and see!“ (Entschuldigen Sie!) erregen beim Leser vor allem eines – introvertiertes Kopfschütteln. Tut weh, oder? Andererseits, irgendwie ist es dann doch ganz lustig, sich durch derart schlechte Witze zu blättern – etwa, wenn sie es sich gerade am Baguette-Boden bequem gemacht haben. . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.03.2007)

Wo ein Mann noch ein Mann ist

Manche Dinge können auch echte Männer mittlerweile ohne Probleme zugeben. Dass man etwa die erste Staffel von „Greys Anatomy“ auf DVD gekauft hat und ganze Abende auf der Couch verbringt, um dem Sozialleben von Meredith, McDreamy & Co beizuwohnen. Ganz genau, noch vor wenigen Jahren galt in bierseligen Männerrunden als Paria, wer einer Krankenhausserie beiwohnte. Mittlerweile ist es längst salonfähig – und in diesem Fall sogar äußerst unterhaltsam, so ganz nebenbei erwähnt.

Dennoch, ab und zu braucht der Mann ein Spielfeld, auf dem er so richtig Mann sein darf. Ohne Schokolade und heißen Kakao vor dem Fernseher, ohne Tränen, wenn den jungen Ärzten gerade wieder ein Patient weg gestorben ist. Nein, ein Feld, wo die männlichen Urinstinkte ausgelebt werden dürfen. Und nach Jahren des Wartens ist es nun endlich wieder so weit: Manowar haben ein neues Album herausgebracht. Auf „Gods of War“ liefern die Urväter des „True Metal“ den Soundtrack der zu Musik gewordenen Männlichkeit. Songtitel wie „Blood Brothers“ oder „Hymn of the Immortal Warriors“ sprechen Bände.

Voller Begeisterung über das neue Werk ruft man dann den alten Freund an, einst treuer Begleiter auf jedem Konzert, ob er nicht vorbeikommen will, um dem Opus zu huldigen. Um mit Tiefkühlpizza, Bier und Zigaretten ein bisschen infantile Heavy Metal-Nostalgie zu zelebrieren – Glory Majesty Unity, Sie wissen schon. Antwort: „Tut mir leid, ich muss noch bügeln.“ Ironing, so so. Na ja, auch eine Art von Heavy Metal.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.02.2007)

Moskau: auf der Suche nach Wodka

Vorbild Literatur. Mit einem Konzept und einem Ziel macht die Wanderung gleich noch mehr Spaß – auf den Spuren von Wenedikt Jerofejews Trinkroman „Die Reise nach Petuschki“ durch Moskau.

„Alkohol ist der zentrale Faktor der russischen Gesellschaft“, lautet die Quintessenz aus Wenedikt Jerofejews Roman-Monolog „Die Reise nach Petuschki“. Das Buch eignet sich recht gut zum Anstellen vor dem Kutafja-Turm, dem einzigen Weg, über den Touristen in den Kreml gelangen können, denn die Zeit kann hier schon ziemlich lang werden. Und bis die Kontrollposten die Handtaschen sämtlicher Wartenden durchsucht haben, gehen sich ja doch noch ein paar Seiten aus.

„Schlecht wird mir auf keinen Fall mehr, es könnte nur sein, dass ich kotzen muss“, schreibt Jerofejew. Nun, das ist russische Literatur. Buch zu, die Gruppe ist beim Kontrollposten angelangt. Schnell durch den Metalldetektor, und vorwärts ins Innenleben des Kremls, jener Festung im Herzen Moskaus, die vor mehr als 800 Jahren zunächst aus Holz errichtet und in der jahrzehntelang Weltpolitik gemacht wurde.

Aber nicht nur Weltpolitik findet und fand hier statt. Auch innerrussische und -sowjetische Angelegenheiten wurden hier verhandelt, mit teils weitreichenden Folgen. Man denke an Michail Gorbatschows „Kampagne gegen Suff und Alkoholismus“, die er 1989 kleinlaut zurücknahm. Die Prohibition hatte lediglich den Effekt, dass rund 100.000 Russen an gepanschtem Alkohol starben.

Aber genug davon, schließlich bietet die Festung viel mehr. Das nämlich, was man von Moskau erwartet: goldene Zwiebeltürmchen auf weißen Kathedralen. Die Uspenski-Kathedrale etwa, wo Zaren gekrönt und Staatsakte verkündet wurden; sie galt lange Zeit als die wichtigste Kirche Russlands. Hier findet sich auch der Thron des russischen Zaren Iwan des Schrecklichen.

Ivans große Glocke

Sein Grab wiederum liegt wenige Meter entfernt in der Erzengel-Kathedrale, wo russische Zaren bis zu Peter dem Großen begraben wurden. Inmitten des Ensembles verschiedener Kathedralen, im Schatten des 81 Meter hohen Glockenturms „Iwan der Große“, vergisst man völlig, wo man sich gerade befindet. So friedlich, fast schon romantisch stellt sich jener Ort dar, den Kinder der Achtziger sich einst als Hort des Bösen ausmalten.

Aber bei genauem Hinsehen finden sich doch noch Hinweise, die man mit dem kalten Krieg, der Sowjetunion, verbindet, etwa die überdimensionalen Kappen der Sicherheitskräfte. Ein eigentlich harmloser Verkehrspolizist steht da an einer Kreuzung im Kreml und weist Touristen, die die ihnen angestammten Wege verlassen, mit einem schrillen Pfeifen auf ihren Fehltritt hin. Demütig springen diese wieder auf den Gehweg, den sie verlassen hatten, um einen besseren Winkel zum Fotografieren zu erlangen.

Gut, muss die Zarenglocke eben aus einem anderen Blickwinkel abgelichtet werden. Jene mehr als sechs Meter hohe Glocke hätte eigentlich vom Glockenturm „Iwan der Große“ läuten sollen, doch die bis heute größte Glocke der Welt blieb am Boden. Nach dem Großbrand von 1737, bei der ein 11,5 Tonnen schweres Stück herausgebrochen war, ließ man sie auf einem steinernen Sockel stehen. Es geht weiter am großen Kremlpalast vorbei zur Rüstkammer, an der sich, wie schon beim Eingang zum Kreml, eine Schlange gebildet hat. Ist die Wartezeit einmal umgebogen – vielleicht gehen sich ja ein paar Seiten Jerofejew aus – zeigt sich der Glanz des alten Russlands in voller Pracht. Denn in dem von 1844 bis 1851 errichteten Gebäude gibt es den Zarenschatz zu sehen, etwa die berühmten Fabergé-Eier und die „Mütze des Monomach“ – jene Krone des Großfürsten Wladimir Wsewolodowitsch Monomach, die später als Krone der Zaren diente.

Nun, man muss nicht alle der mehr als 4000 Objekte gesehen haben, um einen heftigen Anflug von Müdigkeit zu bekommen.

Im Allerheiligsten

Müde werden indes auch jene Menschen, die auf dem Roten Platz in einer langen Schlange angestellt stehen. Sie bewegen sich nur wenige Zentimeter pro Minute vorwärts, warten darauf, dass die Polizisten sie durchsucht und durchgewunken haben, hin zu einem roten Kubus vor der Kremlmauer. Dieses 1930 errichtete Gebäude war einst das Allerheiligste der Sowjetunion, liegt doch in einem Kristallsarg einer der Väter des Kommunismus – Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, führender Kopf der Oktoberrevolution von 1917.

Noch heute pilgern Touristen beinahe ehrfürchtig zu dem dunkelroten Bauwerk. Zu sehen gibt es immerhin nicht einen einfachen Sarg, sondern den einbalsamierten Körper des Revolutionsführers. Ein ganzes Team von Wissenschaftlern war zu Sowjetzeiten damit beschäftigt, die Leiche zu pflegen und zu erhalten. Auch heute noch wird regelmäßig der Zustand des Körpers überwacht, alle drei Jahre bekommt er sogar einen neuen Anzug und eine Krawatte. Morbid? Vielleicht, aber ein Touristenmagnet.

Die schönste Kathedrale

Am Roten Platz entlang geht es dann zur Basilius-Kathedrale. Sie ist oft im Hintergrund zu sehen, wenn Fernsehreporter aus Moskau berichten und wird damit fälschlicherweise dem Kreml zugerechnet. Mit ihren bunten Zwiebeltürmchen und den mit weißem Putz filigran verzierten roten Backsteinen gehört sie zu den sehenswertesten Gebäuden der Stadt.

Es kursiert die Legende, dass Zar Iwan der Schreckliche dem Architekten die Augen ausstechen ließ, damit er nicht anderswo eine vergleichbar schöne Kathedrale errichten kann. Die Stufen und der Garten bieten die Möglichkeit für ein paar ruhigere Minuten. Zeit, um die Kathedrale zu umrunden, hinunter auf die Moskwa zu blicken und vielleicht auch wieder einen Blick in das Jerofejew-Buch zu werfen. „Und ich trank unverzüglich“, ist da einer der zentralen Sätze. Keine schlechte Idee, eigentlich. Zeit für einen Ortswechsel.

Mit dem Bus geht es in Richtung Ismailovo, einen Bezirk etwas außerhalb. Hier findet sich plötzlich eine weiß strahlende Burg, die ein wenig anmutet wie Disneyland light. Der „Kreml in Ismailovo“ ist ein Vergnügungspark mit angeschlossenem Markt. Hier findet sich, möchte man mit Blick auf Jerofejew vermuten, das Paradies des Russen – das Wodka-Museum.

Liebevoll wird dem Besucher erklärt, wie Wodka entdeckt wurde und dass sich der Name von „Voda“ (Wasser) ableite. Dass das Getränk die Geschichte Russlands entscheidend prägte, sieht man auf Werbeplakaten, Wodka-Flaschen verschiedenster Marken und Formen; auf Tafeln wird erklärt, wie Wodka hergestellt wird – nämlich nicht nur aus Kartoffeln, sondern oft auch aus Getreide – und wie sich die Prohibition auf den Trinkkonsum ausgewirkt hat. Kurzum, alles dreht sich um das eine. Dass das Ambiente ein wenig improvisiert wirkt und der Besucher ohne Russisch-Kenntnisse vermutlich nur wenig mitbekommt, schränkt die Freude ein wenig ein. Dass ein Museum für ein einzelnes Getränk nicht größer ist als zwei mittelgroße Räume, überrascht allerdings nicht. Immerhin, es gibt noch einen dritten Raum.

In jenem letzten Zimmer ist der Jerofejew-Leser auf Besuch in Moskau vermutlich am Ziel seiner Reise angelangt – dem Verkostungsraum. Die Reisegruppe versammelt sich an einem Tisch, jeder Besucher bekommt seine Stopka, das traditionelle russische Wodkaglas, das genau 100 Gramm fasst. Wodka ohne Gesellschaft zu trinken ist verpönt, gut also, dass mehrere hier sind, mit denen angestoßen werden kann.

Je länger der Trinkspruch…

Ein simples „Na Sdorowje“ – „Auf die Gesundheit“ ist dafür fast schon ein bisschen zu wenig Ritual. Ein Trinkspruch gehört zum guten Ton – je länger, desto besser. „Wodka ist Gift, Gift ist Tod, Tod ist Schlaf, Schlaf ist Gesundheit. Wollen wir auf die Gesundheit trinken“, lautet da einer. Dann hält man die Luft an, trinkt das Glas in einem Zug aus und widmet sich den unverzichtbaren Beilagen: eingelegte Pilze, Salzgurken, Fleischbällchen, Blinis und Butter. „Es begann ein Schlürfen und Raunen“, erinnert sich der Leser an eine weitere markante Stelle in Jerofejews Werk.

Es folgt ein Glas Russkij Brilliant, der außerhalb Russlands kaum zu bekommen ist. Mit ihm kommt schließlich ein stilles Verständnis auf, warum die Russen so am Wodka hängen. Und abends im Hotelzimmer, wenn vor dem Schlafengehen noch ein paar Seiten Jerofejew durchgeblättert werden, nickt man in stillem Einverständnis mit dem Autor: „Trinken wir auf das Verstehen!“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 17.02.2007)

Lasst doch das Salz am Stangerl

Es ist ein Kampf der Ideologien. Lebhafte Diskussionen wurden darüber geführt, sogar Beziehungen gingen deswegen in die Brüche: Soll man nun die Gurkenscheibe aus dem Cheeseburger rausnehmen oder das Laberl so essen, wie es im Fast Food-Fresstempel kredenzt wird. Nun, im Grunde gar keine Frage, natürlich muss das Gurkerl mitgegessen werden. Genauso wenig Verständnis sollte man jenen unsäglichen Zeitgenossen angedeihen lassen, die das Salzstangerl böswillig seiner Identität berauben, indem sie vor dem Essen das Salz herunterbröseln. Wenn ihr kein Salz wollt, kauft euch doch gleich eine Semmel! Noch viel unerträglicher ist es, wenn derartige Blödheiten auch noch von professioneller Seite kommen: In nicht nur einem Restaurant fand sich schon folgende Kombination auf der Speisekarte: „Chili con Carne – ohne Fleisch“. Ja, natürlich.

Das wäre ja fast schon so wie Heavy ohne Metal, um einen Vergleich zur musikalischen Welt zu ziehen. So, als würde die Schwermetall-Fraktion von Hammerfall im Planet Music (20, Adalbert Stifter Str. 73; 20 Uhr) nur eine Unplugged-Show spielen. Das wäre in etwa so spannend, als wären beim Rosenball im Palais Auersperg (8, Auerspergstr. 1; 22 Uhr) nur Heteros zugelassen. Na, egal, ohnehin längst ausverkauft. Noch ein Vergleich? Nun, das wäre so, als wäre Baumeister Richard Lugner nicht mehr als Gast beim Opernball (1, Opernring 2; 21 Uhr) dabei. Obwohl . . . Vielleicht sollte ich ja doch auch einmal Cheeseburger ohne Gurkerl versuchen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.02.2007)

Gebt die Hände aus dem Gesicht!

Ich gestehe, es gibt Fotos von mir, auf denen ich die Hand im Gesicht habe. Da war ich im Umgang mit Medien und Fotografen extrem ungeübt. Mittlerweile weiß jeder, der häufiger im Rampenlicht steht, dass Fotografen nur darauf warten, bis eine Hand in Kopfhöhe wandert, um just in diesem Moment abzudrücken. (Stellen Sie sich die Freude unserer Fotografin vor, als sie Rainhard Fendrich beim Kokain-Prozess in dem Moment erwischte, als er sich beim Betreten des Sitzungssaals an die Nase fasste.)

Aber gut, in freier Wildbahn kann so etwas vorkommen. Gesten der Nervosität oder Unsicherheit gehören einfach dazu. Aber – und hier beginnt die Pikanterie – manche heben sogar in gestellten Szenen die Hand zum Kinn, stützen im Fotostudio das Haupt auf die Hand oder streichen vor der Kamera bedeutungsvoll den Bartansatz. Jetzt sind gestellte Fotos sowieso ein Kapitel für sich, doch werden sie durch die angedeutete Pose des Denkers nicht besser. Wiens Neo-Wohnbaustadtrat Michael Ludwig ist einer jener Spezialisten, deren Hand wie magnetisch vom Kinn angezogen zu werden scheint. Dabei sollte er als langjähriger Chef der Volkshochschulen über Körpersprache (etwa „Auftritt – Bewerbung – Präsentation“ am VHS Polycollege, ab 13.2.) Bescheid wissen. Lieber Herr Ludwig, lassen Sie die Hände unten! Bitte! Und falls Sie mit dieser Aufforderung nichts anfangen können, reihen Sie sie einfach unter die Kategorie, die auch Thema des Briefkabaretts in der Company Stage (Neudeggerg. 14, 1080 Wien; 19 Uhr) ist: „Blöde Briefe an g’scheite Leut.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.02.2007)

 

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Auf diese Kolumne kam folgende Reaktion, die am 10.2.2007 als Leserbrief abgedruckt wurde:

 

Blick in die Zukunft

Gebt die Hände aus dem Gesicht!, 8. Feb.
Die Körpersprache ist eine wunderbare Sache – vor allem auch, weil sie immense Interpretationsspielräume bietet. Das Gesicht ist der Spiegel der Seele, die Hände stehen für Anpacken, Schaffen und Arbeit. In genau diesem Zusammenhang können die „Hand im Gesicht“-Fotos von Wohnbaustadtrat Dr. Michael Ludwig gesehen werden. Sich mit Hand in, an oder neben dem Gesicht abbilden zu lassen, hatte über viele Jahre aber gerade in der Zunft der Journalisten große Tradition. Beispiele dafür sind – wenn auch fragmentär – auch heute noch auf der Homepage der „Presse“ zu finden. Heutzutage scheint sich eher die „Geradeaus-Starr-Methode“ durchzusetzen. Das mag auf manche Menschen vielleicht moderner wirken, sagt jedoch über den Menschen nicht das Geringste aus. Und so zieht Stadtrat Dr. Ludwig es vor, seine Überzeugungen und seine Art, die Dinge anzupacken, bildlich auch weiterhin auszudrücken – mit Blick in die Zukunft und tatkräftiger Hand.

Mag.a Roberta Kraft

Büro Stadtrat Dr. Michael Ludwig